Meilenstein 1995

Skunk Anansie: Paranoid & Sunburnt

Skunk Anansie
Skunk Anansie 2010: Ace, Skin, Mark & Cass (Bild: V2)

Die Musikwelt rotierte in den frühen 90er-Jahren schnell. In den USA belebten Nirvana mit wütendem Gesang und punkigen Powerchords den Rock‘n‘Roll neu, während Soundgarden oder Alice In Chains das Interesse an tiefergelegten Bratgitarren weckten. Im Vereinten Königreich spielten unter dem Etikett „Britpop“ Bands wie Blur, Oasis oder Pulp groß angelegte hymnische Songs fürs Stadion. Und schließlich tauchten in Kalifornien die Chili Peppers auf, die mit ihrem Mix aus HipHop, Funk und Rock die CrossoverWelle lostraten, deren Ausläufer bis nach Europa reichten.

Fast unbemerkt spielte im März 1994 eine neue Band im Londoner Splash Club ihr erstes Konzert. Skunk Anansie? Ein merkwürdiger Name, der sich auf die mythische Spinnen-Gottheit „Anansie“ bezieht, die u. a. im afrikanischen Kulturkreis auftaucht. Davor setzten die Musiker dann Skunk, zu dt. Stinktier. Einen Zusammenhang gibt es da wohl nicht, die Wortkombination beruht wohl eher auf britisch-absurdem Humor.

Anzeige

Davon ist auf dem Debütalbum ,Paranoid & Sunburnt‘, das am 18.9.1995 erschien, nichts zu spüren. Über einem punkigen Gitarren-Riff wütet Sängerin Skin gegen scheinheilige Religiosität: Der Opener ,Selling Jesus‘ war bereits im März als Single veröffentlicht worden. Scharf, wie dann ,Intellectualise My Blackness‘ mit einem geradezu kaputten und vor sich hin eiernden Gitarren-Sound beginnt, und sich schließlich über einem stampfenden Beat abgedrehte Metal-Riffs und funky Bass-Läufe vereinen. Dieser Crossover-Ansatz findet sich auch in Stücken wie ,Little Baby Swastikka‘ oder dem treibenden ,All In The Name Of Pity‘. Im dritten Track ,I Can Dream‘ kommen die Wechsel zwischen ruhigen Strophen und fetten Refrain-Parts richtig klasse.

Skunk Anansie
1995: Paranoid & Sunburnt (Bild: V2)

Ein anderes Stimmungsbild zeichnet ,Charity‘ mit den offenen Akkorden und den rauen Bends im Stile von Kurt Cobain. In der ruhigen Strophe entfaltet Skin soulige Süße, die dann wieder gemeinsam mit den Gitarren rockig ausbricht – diese Dynamik ist letztlich typisch für die Band. Die balladeske Seite von Skunk Anansie kommt schließlich im eingängigen ,Weak‘ durch. Mit den Pull-Off/Hammer-On-Licks zwischen den Akkorden schimmern dezente Jimi-Hendrix-Vibes durch. Sehr schön auch, wie sich in ,100 Ways To Be A Good Girl‘ stoische Reggae-Grooves mit fetten Gitarren verbinden. Und am Ende gibt‘s mit ,Rise Up‘ nochmal eine Funk-Rock-Nummer, die im hymnischen Refrain den 60s-Spirit beschwört.

Bei Skunk Anansie treffen verschiedenste Einflüsse aufeinander. Gitarrist Ace erzählte in einem Interview mit G&B einmal, dass er Tony Iommi, Jimmy Page und Jimi Hendrix möge. Seine damals favorisierten Instrumente waren eine Gibson Les Paul Custom von 1976 und eine schwarze Les Paul Custom von 1994. In Live-Mitschnitten von 1995 sieht man ihn auch mal mit einer Gibson SG. Hinter ihm stehen auf der Bühne zwei 4×12“-Orange- und zwei 4×12“-Marshall-Boxen, die von zwei 900er-Marshall-Topteilen befeuert werden. Für seine Sounds nutzte er u. a. ein Ibanez Modulation Delay, einen Ibanez ST9 Tube Screamer, einen Envelope Filter, einen Octaver, einen Looper und einen Graphic-EQ.

Skunk Anansie
Düsseldorfer Philipshalle 1996: Cass Lewis mit Music-Man-Bass und Ace mit Gibson Les Paul Custom (Bild: Müller)

Bassist Cass Lewis stand auf Larry Graham, Marcus Miller, Doug Wimbish, John Entwistle, Sly Stone, Thin Lizzy und die Foo Fighters. In seinem Spiel drängen stets die Funk-Wurzeln nach vorne, die er mit einem satten Rock-Sound kombiniert. Den produzierte er damals live vorwiegend mit zwei Music-Man-Cutlass-Bässen mit Graphithals. Verstärkt wurde mit Trace Elliot Quatra Valves, von denen der eine zwei 4×12″-Mesa/Boogie-Gitarrenboxen und der andere ein Mesa/Boogie Powerhouse 1000 Cabinet ansteuerte. Weiterhin färbte Cass seinen Klang mit einem Octaver, einem DOD Bass Grunge, einem DigiTech-Whammy und einem Trace-Elliot-Kompressor.

Drummer Mark hielt Gitarren und Bässe mit strammen Grooves zusammen, und über alldem thronte Sängerin Skin mit ihrer sofort zu erkennenden Stimme zwischen Rock-Röhre, Soul-Einflüssen und dem markanten fast schon opernhaften Stimmvibrato. Heute ist das Album ein zeitloser Crossover-Klassiker, der einerseits klare Kante zeigt gegen Rassismus oder Chauvinismus und andererseits von menschlicher Schwäche und Verletzbarkeit erzählt.

[5083]

(erschienen in Gitarre & Bass 06/2018)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: