Das weiße Pferd

Sach- & Krachgeschichten: Deftones – White Pony

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(Bild: Warner)

Wir schreiben das Jahr 2000, genauer gesagt befinden wir uns im Sommer des neuen Millenniums. Bands wie Limp Bizkit und Korn sind dabei, die Metal-Welt komplett auf links zu krempeln – New Metal ist der Begriff der Stunde. Mitten in dieser besonderen Zeit veröffentlichen die Deftones das vielleicht wichtigste Album ihrer Karriere.

Die Hosen trägt man ,baggy‘, Worker-Shirts von Dickies sind wieder angesagt und der Mützenhersteller New Era verkauft seine roten Basecaps mit dem kultigen NYC-Aufdruck wie geschnitten Brot. Siebensaiter-Gitarren sind dank Korn auf dem Vormarsch und Limp Bizkits Gitarren-Teufel Wes Borland hat mit seiner super tief gestimmten PRS und einer Wand aus Mesa-Rectifier-Verstärkern eine ganz neue Definition von „Wall-Of-Sound“ geschaffen. Von dieser Welle des Crossover und New Metal getragen, wachsen die Deftones aus dem sonnigen Kalifornien schnell zu einer wahren Szenegröße heran, obwohl sie musikalisch eigentlich nicht so recht in die neue Schublade passen wollen. Ihr erstes Album ,Adrenalin‘ (1995) konnte bereits einen beachtlichen Erfolg verzeichnen, während ihr Zweitwerk ,Around The Fur‘ (1997) komplett durch die Decke schoss und die Jungs schlagartig in die Rock- und Alternative-Charts der späten 90er katapultierte. Im Jahr 2000 erscheint mit ,White Pony‘ dann schließlich das für die Band entscheidende Album.

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white pony

Nach einer kurzen Pause, um sich von der Tour zum ,Around The Fur‘-Album zu erholen, enterte die Band erneut das Studio, um zusammen mit Produzent Terry Date an ,White Pony‘ – übrigens ein Slang-Begriff für Kokain – zu arbeiten. Erstmalig arbeitete nun auch Frank Delgado – zuständig für Synthesizer, Samples und Turntables – als festes Mitglied an den Songs mit und verlieh den Kompositionen mit seinen atmosphärischen Soundlandschaften eine völlig neue Tiefe. Die Aufnahmen dauerten nicht weniger als vier Monate, was die bis dato längste Studiophase der Band markierte. Das Ergebnis sollte die harte Arbeit belohnen: Nicht nur wurde ,White Pony‘ schnell zum erfolgreichsten Album der Band, auch die musikalische Diversität dieser Platte ist meiner Meinung nach nur schwer zu schlagen.

Generell lösten sich die Deftones radikal von den klassischen Songstrukturen der Vorgänger-Alben, um sich merklich dynamischeren Arrangements zu öffnen und ihren gesamten Sound experimenteller zu gestalten. Bereits der Opener ,Feiticeira‘ zeigt, dass die Reise sich deutlich vom Crossover-Metal entfernt. Eigentlich eine eher eigentümliche Wahl, um ein neues Album zu eröffnen – man spürt förmlich, wie der Song sich permanent weigert, auf den Punkt zu kommen.

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(Bild: Warner)

Auch das zweite Stück ,Digital Bath‘ sorgt für nicht weniger Staunen. Schlagzeuger Abe Cunningham liefert hier einen Jahrhundert-Beat und beweist, dass es auch unter den jungen Alternative-Rock und –Metal-Drummern der Nuller-Jahre immer noch richtige Groove-Monster gibt. Die hypnotische Atmosphäre wird zudem durch Delgados Klangteppich, die Gitarrenarbeit von Stephen Carpenter und Sänger Chino Moreno vervollständigt; der Song schleicht sich behutsam an, nur um im Refrain in einer wahren Wall-Of-Sound zu explodieren. Bis heute ist diese Nummer zurecht ein absoluter Meilenstein im Back-Katalog der Band.

Das darauf folgende ,Elite‘ kommt dann als ziemliches Kontrastprogramm daher und dürfte am ehesten als eine Annäherung an den damals herrschenden New-Metal-Trend zu verstehen sein – irgendwie empfand ich diese Nummer immer als etwas unbeholfen. Zum Glück machen Stücke wie ,Rx Queen‘ und das großartige ,Street Crap‘ diesen leichten Hänger schnell wieder vergessen. Schon an diesem Punkt wird deutlich, um was für eine musikalische Achterbahnfahrt es sich bei ,White Pony‘ handelt. Daher überrascht einen das ziemlich dream-poppige ,Teenager‘ mit seinem effektbeladenen Lo-Fi-Charme nicht mehr wirklich – was der Qualität des Songs natürlich keinen Abbruch tut.

Mit dem ziemlich wuchtigen ,Knife Party‘ folgt der nächste Brecher, und mit dem dissonant verstörenden ,Korea‘ legt die Band sogar noch einen drauf. Der dichte Mix aus Riffs, einem wahnsinnigen Groove und Morenos teils geschrienen, teils lasziv gehauchten Vocals zieht den Hörer in seinen Bann. Als später Höhepunkt sorgt ,Passenger‘ für die nächste große Überraschung. Nicht nur zeigen Carpenter und Cunningham, dass sie in Punkto Zusammenspiel kaum zu schlagen sind; die Band beweist abermals, dass ihnen in Sachen Atmosphäre so schnell keiner die Butter vom Brot nimmt. Im Refrain des Songs darf dann kein geringerer als Tool-Sänger Maynard James Keenan ans Mikrofon, um mit seiner unverwechselbaren Stimme den Song zu veredeln.

Mit ,Change (In The House Of Flies)‘ und ,Pink Maggit‘ wird der Sack dann endgültig zugebunden und was bleibt, ist eines der spannendsten und innovativsten Alben des neuen Jahrtausends. Auch klanglich stellt ,White Pony‘ einen wichtigen Punkt in der Karriere der Band dar. Zwar verwendete Stephen Carpenter hier zum letzten Mal eine sechssaitige Gitarre, stimmte diese jedoch immerhin schon auf Drop-C herunter um einen fetteren und fülligeren Sound zu erzeugen. Auch der wuchtige Drum-Sound und Terry Dates dichter Mix schaffen eine beeindruckende Sound-Wand, die für die damalige Zeit ein ziemliches Novum darstellte.


Manch einer mag sich wundern, warum bei der US-Auflage des Albums der Song ,Back To School‘ den Anfang macht. Der Grund dafür ist bei der Plattenfirma zu suchen, für die das Album zu wenig Rap-Anteile hatte. Also wurde auf Geheiß des Labels schnell besagter Song um den Refrain von ,Pink Maggit’ gestrickt und von Sänger Chino etwas halbherzig mit einer Sprechgesangs-Strophe versehen.


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(aus Gitarre & Bass 09/2017)

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