Im Interview

Philipp van Endert: Orchestral

(Bild: Thomas Kruesselmann)

Philipp van Endert, Jahrgang 1969, gehört neben Michael Sagmeister ganz sicher zu den produktivsten Jazz-Gitarristen der europäischen Szene. Nach Beendigung seines Studiums am Berklee College of Music in Boston, das er mit der Auszeichnung magna cum laude abschloss, hat er an ungefähr 50 Album-Produktionen mitgewirkt und sich vom Jazz-Rock- und Fusion-Sound der 90er-Jahre allmählich in Richtung Modern Jazz entwickelt.

Van Endert hat u.a. mit den Gitarristen Alex Gunia, Bret Willmott und Axel Fischbacher aufgenommen, ebenso mit dem Vibraphonisten Mathias Haus, dem Kontrabassisten André Nendza oder den Sängerinnen Anne Hartkamp und Tossia Corman. Außerdem arbeitet er seit über 25 Jahren mit dem Klarinettisten Lajos Dudas zusammen. Philipps letzte Trio-Alben unter eigenem Namen, ,Presence‘ (2014) und ,Cartouche‘ (2019), hat er auf seinem Label JazzSick Records veröffentlicht – und diese Produktionen des vielseitigen Musikers waren ohne Frage absolute Highlights des zeitgenössischen Gitarren-Jazz.

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Jetzt versucht es der Vielseitige auch noch vielsaitig: Anfang März 2022 erschien ,Moon Balloon‘. Auf diesem Album ist E-Gitarrist van Endert mit dem legendären Filmorchester Babelsberg zu hören, einem verkleinerten Sinfonie-Orchester, das schon vor einem knappen Jahrhundert Fritz Langs Stummfilm ‚Metropolis‘ mit Musik begleitete. Von der damaligen Besetzung dürfte allerdings niemand mehr an Bord sein.

Jazz-Alben mit Streichern und Bläsern sind nichts Neues. Gitarristinnen und Gitarreros denken an ,Fusion! Wes Montgomery With Strings‘ (1963), an ,Easy‘ (1978) von Grant Green, aber auch John McLaughlins energetisches Mahavishnu Orchestra mit ,Apocalypse‘ von 1974 oder Soundscaper Terje Rypdals ,Whenever I Seem To Be Far Away‘ aus demselben Jahr sind großartige Beispiele für diese Art der musikalischen Begegnung.

„Es gibt ja einige tolle Produktionen, die Jazz-Musiker und Orchester zusammengeführt haben“, erzählt Philipp van Endert zu Beginn unseres Interviews. „Ich mag vor allem die Alben von oder mit Vince Mendoza, darunter die Aufnahmen von John Scofield mit dem Metropole Orkest.“

Was ist das für ein Gefühl, einmal selber die Dynamik eines ganzen Orchesters im Rücken zu haben und dazu Gitarre zu spielen? Kommt da überhaupt Band-Feeling auf und findet Interaktion statt? „Die Interaktion mit dem Orchester verläuft hier eher auf einer anderen Ebene. Den unmittelbaren Zugriff auf jeden Impuls, der einem im Duo oder Trio gegeben ist, hat man so hier nicht, weil es für das Orchester keine nicht auskomponierten Stellen gab. Und ich musste, bis auf meine Soli, auch den Arrangements folgen.

Beim Titel-Track ,Moon Balloon‘ gibt es jedoch ein etwas freieres Solo von mir, bei dem ich die Harmoniewechsel durch Zunicken an den Dirigenten Jörg Achim Keller und somit an das Orchester selbst ausgelöst habe. Was aber eine unfassbare Energie hatte – mit einer ähnlichen Intensität wie die Interaktion in einem Duo/ Trio – war der Schub, den das Filmorchester Babelsberg mir u.a. in dem Stück ,Fu‘ geliefert hat: Da darf ich am Ende zusammen mit dem Orchester regelrecht wegfliegen und wurde bei der Aufnahme von diesem enormen Klangkörper wie auf einer Welle getragen. Das hat unfassbar Spaß gemacht.“

Philipp van Endert ist ein begeisterter Musiker. Was man beim Hören des neuen Albums spürt. Und man wird immer wieder überrascht, von kleinen solistischen Parts oder Duo-Sequenzen, die Kontraste schaffen zum großen Orchesterklang. Als Gastsolisten waren van Enderts Trio-Mitmusiker, Kontrabassist André Nendza und Flügelhornist Christian Kappe mit dabei, die jeweils in zwei Tracks zusätzliche Farben beisteuern. Unaufdringlich im Mittelpunkt steht aber Philipp van Endert als Solist, der mit warmem Gitarrenton die Musik von ,Moon Balloon‘ entscheidend prägt.

(Bild: Thomas Kruesselmann)

Philipp, welches Equipment hattest du bei diesem Projekt im Einsatz?

Ich glaube, ich bin, was Equipment angeht, ein sehr treuer Mensch. Wenn ich einmal etwas gefunden habe, das ich liebe, dann liebe ich es für immer. Daher gab es auch bei meinem Equipment keine großartigen Veränderungen seit meiner letzten Platte ,Cartouche‘. Ich spiele meine Ibanez AS200 seit ich 16 Jahre alt bin, meine zwei Mesa/ Boogie-Studio-22+-Amps seit über 20 Jahren, und bei meinen Effektgeräten kommt höchstens alle paar Jahre mal was Neues dazu.

Meine beiden Boss-Digital-Delays DD-5 und DD-3 sind ebenfalls wichtig für meinen Sound: Das DD-3 benutze ich für lange Delays, um vor allem Akkordflächen zusammen mit dem Volume-Pedal reinzufahren, und das DD-5 benutze ich als Reverse Delay, um einen etwas seltsamen Hall für Melodien und Soli zu haben. Daneben spiele ich weiterhin den Xotic-BB-Preamp, für die angezerrten Sounds.

Neu dazugekommen sind ein Moog MF Ringmodulator, wenn es mal etwas weird und psychedelisch werden soll; beim Titelstück ,Moon Balloon‘ habe ich den Moog z. B. im Solo eingesetzt. Dann habe ich noch ein TC Electronic Hall of Fame 2 als Reverb, ein Lehle-Volume-Pedal und ein Electro-Harmonix Superego+, das ich eher wie ein Freeze einsetze. Ich finde den Effekt beim Superego+ etwas schöner als beim originalen Freeze. Die so gehaltenen Töne moduliere ich oft noch durch Phaser oder Flanger, um etwas Bewegung in den Ton zu bekommen.

Wurde dein Gitarren-Sound im Mix noch bearbeitet?

Nicht viel, nur etwas Kompressor und Hall. Allerdings hatte mein Freund und Produzent Florian van Volxem die Idee bei dem Stück ,Fu‘ an einigen Stellen ein altes Roland Space Echo – das mit dem Magnetband drinnen – einzusetzen, um ein paar schöne Artefakte bei den arpeggierten Akkorden und im Schluss-Solo reinfliegen zu lassen. Florian hat Tonnen von coolen, alten Effektgeräten in seinem Studio, und ich glaube, wir haben da mindestens einen halben Tag mit rumgespielt und experimentiert. Einiges von diesen Aufnahmen haben wir dann auch wieder in die Tonne gehauen, weil es einfach zu viel war. Aber großen Spaß hatten wir allemal beim Ausprobieren, und bei ,Fu‘ haben wir dann tatsächlich auch viel drin gelassen …

Welche Saiten verwendest du auf deiner Ibanez AS200?

Seit mehreren Jahren verwende ich .011er von Ernie Ball, die Custom-Gauge-Stainless-Steel-Saiten. Die halten recht lange und ich kann sie ohne Probleme bis zu zwei Monate drauflassen.

Setzt du neben dem Spiel mit dem Plektrum auch deine Finger der Anschlaghand ein?

Ja, das mache ich viel! Da ich mit klassischer Gitarre angefangen habe und das bis zu meinem Studienbeginn in Boston nebenher weitergemacht hatte, ist mir der direkte Kontakt zu den Saiten sehr viel vertrauter als der Anschlag mit dem Plektrum. Ich hatte für die klassische Gitarre einen tollen Gitarrenlehrer aus Sizilien; sein Name ist Baldo Calamusa und er hat lange Zeit in Düsseldorf gelebt. Das Plektrum benutze ich eigentlich nur für etwas schnellere Singlenote-Lines. Bei Balladen kann es sogar sein, dass ich ganz darauf verzichte; dann spiele ich die Singlenotes mit dem Daumen und Zeigefinger.

(Bild: Thomas Kruesselmann)

Hattest du eigentlich jemals das klassische Handschuhton-Setup mit einer Archtop-Jazz-Gitarre am samtbeflockten Polytone-Amp im Einsatz?

Nein, das hatte ich bisher noch nie bei einer Produktion oder bei einem Konzert, obwohl ich diesen klassischen Jazz-Sound sehr mag. Ich hatte vor kurzem mal eine ziemlich gut eingestellte Wes-Montgomery-artige Gitarre von Washburn, eine J6, zum Anspielen und das hat riesig Spaß gemacht, da Wes sowieso ein Held für mich ist. Die Gitarre habe ich dann über einen kleinen AER-Verstärker gespielt und damit kam ich so ein bisschen in Richtung Handschuhton-Setup.

Ich habe dann aber beim Testen der Gitarre und auch beim normalen Üben auf einmal angefangen, so zu spielen wie Wes Montgomery – zumindest so gut es ging. Daher habe ich mich dann entschieden lieber die Finger von der Archtop zu lassen. Denn im Grunde bin ich ja sehr happy mit meinem Sound und habe das Gefühl, dass der mehr und mehr Wiedererkennungswert bekommt und nach mir klingt.

Welche (Jazz-)Gitarristinnen und Gitarristen haben dich in den vergangenen Jahren beeindruckt?

Ich hatte das Glück bei der neuen Platte von Drummer Peter Weiss, ,Conversations With Six String People‘, mitzuspielen und habe dabei zusammen mit Sandra Hempel, Norbert Scholly und Tobias Hoffmann aufgenommen. Die haben mich alle drei sehr beeindruckt. Es war eine wirkliche Freude mit ihnen zusammen zu spielen und aufzunehmen.

In den letzten Jahren hat mich auch der englische Gitarrist Mike Walker sehr fasziniert, und da mein Buddy und Bassist André Nendza mit ihm einige Projekte spielt, habe ich ihn auch persönlich kennengelernt. Von den amerikanischen Gitarristen mag ich neben meinen alten Helden John Scofield, Pat Metheny, Bill Frisell, Mick Goodrick, Jim Hall, John Abercrombie, Wes Montgomery, Wayne Krantz auch noch Lage Lund, Jonathan Kreisberg, Gilad Hekselman, Julian Lage und Kurt Rosenwinkel.

Was verbindet dich mit der Musik von Attila Zoller?

Ich bin das erste Mal auf Attila Zoller aufmerksam geworden, als mir mein Freund und Mentor, der ungarische Klarinettist Lajos Dudas, von ihm erzählte. Er hatte viel mit Attila live gespielt und auch einige Produktionen mit ihm gemacht. Seitdem habe ich natürlich einige Platten von und mit Attila Zoller gehört und liebe ein paar davon sehr. Auch sein letztes Soloalbum ,Lasting Love‘ finde ich toll. Live spiele ich immer wieder zusammen mit Lajos Stücke von Attila Zoller, z. B. ,Hommage To O.P.‘, ,Meet‘, ,Rumpelstilzchen‘ oder ,The Birds And The Bees‘.

Faszinierend finde ich, wie er auf der einen Seite einen eher traditionellen Gitarrensound hatte und dann aber auf der anderen Seite mit seinen Kompositionen, Sololinien und Akkord-Voicings hochmodern und zeitweise schon fast avantgardistisch spielte. Ein toller Musiker, und ich wünschte, ich hätte einen von seinen Jazz-Kursen bei ihm zu Hause in Vermont/USA besuchen können, als ich drüben studiert und gelebt habe.

Lajos Dudas hätte mich beinah für ein Konzert in Neuss mit Attila Zoller zusammengebracht. Es war schon geplant, aber leider war er da schon sehr krank und konnte dann doch nicht nach Europa kommen. Das wäre bestimmt eine unfassbar großartige Erfahrung gewesen. Wahrscheinlich ähnlich beeindruckend und schön für mich, wie das Konzert, das ich zusammen mit Philip Catherine vor einigen Jahren im Robert-Schumann Saal in Düsseldorf geben konnte.

Danke für das Gespräch, Philipp!

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2022)

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Hey Philippe!
    Großartig! Wie immer, “flabbergasted “!
    Love you my man! “Dr. Bob”
    👍❤️👍

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