Peter Baltes: Von Accept über Dokken bis zu iHeartMedia
von Matthias Mineur, Artikel aus dem Archiv
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(Bild: Matthias Mineur)
In Unterhaltungen mit dem Bassisten Peter Baltes merkt man schnell, dass der 67-Jährige weit mehr kann als lediglich die tiefen Saiten zupfen. Der in Solingen geborene Musiker ist auch ein exzellenter Rhythmusgitarrist, ein mehr als nur passabler Leadsänger und versierter Komponist. All diese Fähigkeiten kommen dann ins Spiel, wenn er – so wie früher – mit der deutschen Metal-Band Accept oder – neuerdings – mit dem Accept-Ableger U.D.O. und dessen „Nebenprojekt“ DATOG arbeitet, aber auch als Produzent und Songschreiber für das US-amerikanische Medienunternehmen iHeartMedia. Wie all dies zusammengehört und woher sein großes Talent stammt, hat uns Baltes in einem interessanten Gespräch erzählt.
INTERVIEW
Peter, warst du als junger Musiker damals das schwarze Schaf der Familie?
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Nein, aber ich fiel ein bisschen aus der Reihe. Mein Vater war der Einzige in der Familie, der überhaupt ein Instrument, nämlich eine Bass-Harmonika spielte. Ich vermute, dass ich von ihm das Talent geerbt habe, da ich sonst niemanden im Familienkreis kenne, der jemals ein Instrument gespielt hat. Meine Kindheit fand nach dem Krieg statt, damals dachte niemand daran, ein Instrument zu lernen, da es nur ums Überleben ging.
Was war die Initialzündung, die dich zum Musiker gemacht hat?
Ich hatte einen Freund auf der anderen Straßenseite, dessen Bruder eine Akustikgitarre besaß, die gebrochen war. Der haben wir den Hals wieder drangeklebt und ein bisschen rumgeklimpert. Anschließend habe ich mir eine eigene Gitarre gekauft, eine billige mit irre hoher Saitenlage, ich wusste es halt nicht besser. Mit dieser Gitarre habe ich eine Stunde Unterricht genommen. Der Lehrer wollte mir ‚House Of The Rising Sun‘ beibringen, aber da gibt es einen F-Akkord, und mit meiner Gitarre konnte ich kein F greifen. Deshalb hatte ich keine Lust auf Unterricht und fing an, mir alles selbst beizubringen. Ich habe einfach Musik angeschaltet und dazu gespielt, ohne zu ahnen, dass ich ein relativ gutes Gehör habe und Dinge sehr schnell lerne.
Wir waren also zu zweit, hatten zwei Gitarren und zwei Amps und lernten irgendwann einen dritten Gitarristen kennen. Zusammen mit dem haben wir mit einem Mädchenchor musiziert. Es waren 30 Mädchen, die ausnahmslos Musicals gesungen haben. Irgendwann fragte uns der Direktor, ob wir noch ein weiteres Instrument anbieten können. Also haben wir Stöckchen gezogen, und ich zog das kürzeste, musste also fortan Bass spielen. So gesehen bin nur durch Zufall Bassist geworden.
Liebe auf den zweiten Blick?
Nee, Liebe auf den ersten Blick, da ich damals bereits großer Yes- und Chris-Squire-Fan war. Anschließend hatte ich ein Jazz-Trio mit einem Pianisten und einem Schlagzeuger, sehr virtuos und oftmals im Freestyle, dementsprechend musste ich natürlich eine Menge beisteuern. Wir hatten fünf oder sechs Songs, alle jeweils 20 Minuten lang, mit denen wir ausschließlich in Solingen aufgetreten sind. Irgendwann hörte ich, dass Accept einen Bassisten suchen, also bin ich hingegangen. Das hat mein gesamtes Leben verändert. Ich war eigentlich kein Metal-Musiker, so etwas hatte ich noch nie gespielt, höchstens mal Emerson, Lake and Palmer oder Nektar und solche Sachen. Und plötzlich stand ich in einem Raum randvoll mit Amps, vom Boden bis zur Decke, mit einer richtigen PA und in der Mitte Udo an einem Mixing-Board.
Und du kamst mit deiner Jazz-Spielweise an!
Accept haben mir etwas vorgespielt und ich bin direkt darauf eingestiegen, so wie ich es gewohnt war, bis es plötzlich hieß: „Halt, Halt, Halt! Bitte nur eine Note spielen, bis sich der Akkord ändert!“ Also habe ich es so gemacht, wie es gewünscht war, und begonnen, es richtig zu lieben, da ich als Bassist nicht im Vordergrund stehen musste. Da ich den Bass sehr hart anschlage und mit speziellen Plektren spiele, wurde dieser Sound mein Markenzeichen. Deshalb wurde ich immer wieder auch von anderen berühmten Musikern engagiert, etwa von Don Dokken, Mick Mars und so weiter. Es gab in Nashville, wo ich später wohnte, niemanden, der so spielte wie ich.
Bild: Matthias Mineur
Sein Vintage Icon als Custom-Version in Sunburst mit Badass-III-Bridge
Bild: Matthias Mineur
Auch der schwarze Vintage-Bass hat EMG-Pickups und einen Kill Switch
Kannst du dich noch an deinen allerersten guten Bass erinnern?
Ja, sad story! Um mir einen Rickenbacker zu kaufen habe ich in den Sommerferien sechs Wochen lang in einer Schleiferei gearbeitet. Ich musste um drei Uhr nachts aufstehen, weil um vier Uhr die Schicht begann, und habe dann acht Stunden täglich geschliffen, bis ich genug Geld verdient hatte, um mir einen schwarzweißen Chris Squire zu kaufen. Ich hatte aber kein Geld für eine Tasche oder einen Koffer, also wurde mir der Bass in Zeitungspapier eingepackt, der Hals schaute oben heraus, und so bin ich nach Hause und auch zur ersten Probe gefahren. Sechs Wochen später wurde in den Proberaum eingebrochen und mein Bass war weg. Ich bin dann, nach ein paar Billigmarken zwischendurch, ziemlich schnell zu Fender gewechselt, vor allem zum Precision, der sich meinem Körper sofort angepasst hat. Zuhause steht mein 59er, den ja jeder kennt. Wenn du ihn mal hören möchtest: Auf dem Dokken-Album ‚Up From The Ashes‘ gibt es keinen Amp, sondern nur meinen 59er Bass, direkt ins Board gespielt.
Apropos: Nur wenige wissen, dass du mehr oder minder heimlich auch am Dokken-Debütalbum beteiligt warst.
Eigentlich sollte Juan Croucier, der später bei Ratt war, den Bass spielen, aber Don Dokken und sein Produzent Michael Wagener waren unzufrieden. Sie fragten mich, ob ich sämtliche Songs schnell lernen und das Album nachts, während Juan schon im Hotel schlief, neu einspielen könnte. Sorry Juan, aber so war’s!
Das neueste DATOG-Album ‚Babylon‘
Erstaunlich, dass du mit Don Dokken klargekommen bist. George Lynch oder John Norum erzählen wahre Horrorstorys über ihn.
Don ist völlig anders als Udo Dirkschneider, viel stärker problembehaftet. Du weißt ja, wie Sänger sein können. Aber daran hat es nicht gelegen, ich glaube, wir alle hatten damals andere Ambitionen. Mikkey Dee ist anschließend zu Motörhead gegangen, John Norum zurück zu Europe. Es war halt diese L.A.-Szene, dort hieß es immer nur: „Ich, ich, ich!“ Don hat tatsächlich behauptet, er hätte Eddie Van Halen das Gitarrenspielen beigebracht. Ich weiß noch, als Mikkey und ich in den Sunset Studios die Bass/Schlagzeug-Tracks für ‚Up From The Ashes‘ eingespielt haben, nur wir zwei und der Produzent Wyn Davis. Plötzlich geht die Tür auf und Slash und Axl Rose stehen mitten im Raum: „Who the fuck is this, it sounds unbelievably tight!“
Peter Baltes mit Udo Dirkschneider und Gitarrist/Produzent Stefan Kaufmann (Bild: Matthias Mineur)
Weshalb bist du damals eigentlich nach Amerika ausgewandert?
Das war eine private Entscheidung, ich habe meine Frau dort kennengelernt und bin zu ihr gezogen. Naturgemäß trifft man in Los Angeles deutlich mehr berühmte Leute, Richie Sambora, die Hooters. Ich habe dort mit vielen verschiedenen Musikern gespielt, bin oft in Clubs gegangen, habe dort die jungen Cinderella getroffen. Das war später auch in Nashville so, dort wohnten alle: Eric Brittingham, Mick Mars, Vince Neil, Billy Sheehan. Deswegen wurde es mir auch in Nashville irgendwann zu viel, plötzlich war es dort wie in L.A. und New York. In Nashville versuchte jeder den anderen in irgendeiner Form als Trittbett zu benutzen, das geht einem schnell auf die Nerven. Dann fängt man an, immer häufiger zu Hause zu bleiben, so wie Dave Mustaine oder auch Tom Keifer, den ich auf einer Party von Lizzy Hale in ihrem neuen Haus getroffen habe und der meinte: „Hier benutzen dich alle nur!“ Deshalb sind meine Frau und ich nach Florida gezogen.
Hat Amerika auch auf dein Spiel abgefärbt?
Oh ja, absolut. Ich habe viele Produktionen mit Michael Wagener gemacht, habe mit einem Drummer aus Atlanta, Georgia gespielt, Sachen für Musiker aus Meran oder Griechenland eingespielt, außerdem mache ich schon seit mehr als 15 Jahren Professional Production Music, das heißt ich schreibe und produziere Musik für die Library von iHeartMedia. Ich stehe jeden morgen früh auf und arbeite bis zwölf Uhr mittags, ab dann ist meine Kreativität aufgebraucht. Denn dann fängt der Tag an, kommen E-Mails, Anrufe, die Nachbarn. Frühmorgens herrscht Stille. Früher war es genau andersherum, da wurde spätabends geprobt, immer mit einem Kasten Bier. Durch meine Arbeit für iHeartMedia habe ich eigene Stile entwickelt, zum Beispiel Techno mit Country-Banjo, und so meinen Bereich als Bassist vergrößert. Ich versuche fast alles, spiele auch Gitarre, eine Custom Strat aus dem Fender Custom Shop, die ich damals mit John Norum gegen einen Bass getauscht habe und mit der ich sämtliche Soli spiele. Hinzu kommt eine SG, eine Telecaster und ein Jackson-ähnliches Modell mit Floyd Rose für die Rhythmus-Sachen, alle mit aktiven EMG-Pickups.
Besitzt du ein eigenes Studio?
Ja, den Pop-Kram und fast alles andere mache ich auf PreSonus Studio 1, mein Solozeugs liegt auf Pro Tools. Mehr braucht man ja nicht.
Wo bietest du deine Sachen an?
Das Meiste ist für iHeart Media Production, die haben fast 900 Radiostation in ganz Amerika. Außerdem gibt es Production-Libraries, die auf der ganzen Welt verteilt sind. Manches geht auch direkt zum Fernsehen. Wir haben in den USA eine Soap-Opera im Stile von Rote Rosen, die seit Ewigkeiten läuft und sich gelegentlich bei meiner Musik bedient. Dafür gibt es zwar nicht allzu viel Geld, da macht es halt die Masse. Diese Produktionsfirmen bedienen sich einfach aus der Library, und später erkenne ich an der Abrechnung, ob sie etwas von mir genommen haben. Ich mache das schon seit 16 Jahren, es bringt Spaß, ist super entspannt und man lernt viel über Produktion, über die Arbeit mit Loops, und so weiter. ●