„Ich bewundere Kollegen, die nur eine Gitarre haben.“

Paulo Morello im Interview: Zwischen Samba und röhrender Hammond

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(Bild: GLM Music)

Paulo Morello ist kein bayrischer Name, doch Cornelius Paul war zu kompliziert bei den Brasilienaufenthalten des Gitarristen, deshalb musste etwas Griffigeres her. Der Name blieb, ebenso wie seine Liebe zur brasilianischen Musik, das ist auf Paulo Morellos aktuellem Album ‚Sambop Trio: Moving‘ zu hören. Zu Choro, Samba und Bossa gesellt sich Leidenschaft für Straight-Ahead-Jazz, die Freude am Orgeltrio belegt das Album des Hammond Eggs Trio, das mit Gast Randy Brecker im Frühjahr erschien.

Zu Projekten und Live-Terminen kommt seine Lehrtätigkeit am Berliner Jazzinstitut, hier ist Paulo Morello Professor für Jazzgitarre und einer der künstlerischen Direktoren. Ein Hausbesuch mit Guitar Porn, denn die Gitarrensammlung ist beachtlich.

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INTERVIEW

Woher kommt deine Faszination für die Gitarre?

Mein Cousin hatte eine Punkrockband und mir erste Gitarrengriffe gezeigt. Deshalb habe ich schnell von Geige zu Gitarre gewechselt. Mit 15 oder 16 habe ich in der Band Johnny Moped & The Plastic Hearts gespielt, mit der wir den Bayrischen Rockpreis gewonnen haben und viele Festivals spielen konnten. Zufällig habe ich in Regensburg Helmut Nieberle kennengelernt, einen wichtigen Jazzgitarristen über Süddeutschland hinaus. Er hat mich mit Wes Montgomery vertraut gemacht, mein erstes Album war ‚Wes Montgomery Plays The Blues‘. Die Rockband lief weiter und hatte Gigs, im Jazz habe ich mit Kumpels gejammt.

Eigentlich wollte ich Medizin studieren und hatte sogar einen Studienplatz. Doch Helmut hat mich überredet, Jazz zu studieren. Ich habe in Nürnberg bestanden und Medizin sausen lassen. Dann ging es über Mannheim nach New York an die New School of Music.

Hattest du da bei Peter Bernstein Unterricht?

Mein Hauptlehrer war Jim Hall, aber ich hatte bei vielen Musikern Unterricht, die mich sehr inspiriert haben.

Wie lange warst du in New York?

Ein Jahr. Das war auch von der Jazzpädagogik eine super Erfahrung. Danach wollte ich nichts mehr von studieren hören, sondern Gigs spielen.

Wie lange bist du schon am Jazz-Institut Berlin und was genau ist deine Position?

Ich bin Professor für Jazzgitarre und zusammen mit dem Schlagzeuger Heinrich Köbberling künstlerischer Leiter. Wir sind für Lehrinhalte oder Personalfragen zuständig. Unterrichten wie auch Leitungsfunktion macht mir beides Spass. Im JIB sind wir ein Team von zehn Professoren, weiteren Lehrbeauftragten und Angestellten und circa 90 Studierenden.

Wie viele Studierende hast du im Moment?

Ich unterrichte momentan elf Studierende. Ich mache das nicht alleine, ich habe zum Beispiel Kalle Kalima im Team. Für die Studierenden ist das toll, weil er ganz andere Musik macht.

Was war die erste Jazzgitarre, die du gekauft hast?

Die habe ich nicht mehr, das war eine Gibson L-4 von 1956, die ich bei Gory Hartl in Landsberg am Lech gekauft habe, wo auch Joe Pass oder Herb Ellis ein- und ausgegangen sind. Dann habe ich mir eine ES-175 gekauft, ähnlich wie die L-4, aber mit massiver Decke. Die L-4 ist akustisch gebaut. Danach habe ich meine Gibson Tal Farlow bei Gory Hartl gekauft. Mit 18 bin ich dann mit einem Kumpel nach New York geflogen.

Gibson Johnny Smith von 1979 und Gibson ES-150 von 1937 (Bild: Paulo Morello)

Um eine Gitarre zu kaufen?

Ich war bei jemand, der privat mit Gitarren handelte. Nieberle sagte ihm, Paulo braucht eine L-5. Es gibt von Gibson drei Modelle, die L-5, das 17 Zoll Instrument und die Super 400 mit 18 Zoll. Ein Riesenflaggschiff, für das ich zu klein bin, da sitze ich total verkrampft. Und es gibt noch das Johnny-Smith-Signature-Modell. Der Typ wusste, dass ich eine L-5 brauche, und ich saß vor zehn Stück, von denen ich eine aussuchen konnte. Die L-5, die ich 1988 oder 1989 gekauft habe, habe ich noch. Was wir jetzt machen, nennt sich guitar porn…

Gibson ES-175 von 1964, L-5 von 1948, ES-150 von 1937 (Bild: Paulo Morello)

Die alte in der Mitte ist eine L-5 von 1948, akustisch ohne Cutaway. Die andere ist von 1976, eine L-5 CES, elektrisch und mit zwei Pickups. Wes Montgomery wollte nur einen Pickup haben, deshalb ist nur der vordere eingebaut, damit die Decke besser schwingen konnte.

Wie schwer fällt dir die Wahl, welches Instrument du auf Tour oder ins Studio mitnimmst?

Die L-5 CES von 1976 ist meine Hauptgitarre. Die habe ich gut im Griff und sie taugt für alle Lautstärken von leisem Jazz bis Rock. Gerne spiele ich die Gitarren von dem deutschen Gitarrenbauer Stefan Sonntag. Meist sprechen wir über amerikanische Gitarrenbauer, dabei gibt es auch sehr gute deutsche Gitarrenbauer. Ich besitze auch eine Trenier aus Südfrankreich, die durch den Gitarristen Pasquale Grasso bekannt wurde.

Stefan Sonntag Ballade und Trenier Excel (Bild: Paulo Morello)

Was für Verstärker spielst du?

Ich habe den ältesten Polytone-Verstärker, den es gibt. Der klingt für die alte L-5 wirklich gut, die ich viel zu selten spiele. Ich bewundere Kollegen, die nur eine Gitarre haben. Ich bin Sammler, die meisten Instrumente verlassen das Haus nicht.

Amp-mässig habe ich wenig. Den alten Polytone aus den 70er Jahren nehme ich nicht mit, der ist mir zu wichtig. Meist nehme ich den Fender Deluxe Reverb mit auf Tour. Die meisten Venues haben den Fender Twin, damit komme ich klar.

Die Stefan Sonntag Ballade und Morellos Fender Twin Reverb (Bild: Paulo Morello)

Ich habe außerdem noch weitere tolle Instrumente von deutschen Instrumentenbauern: Jürgen Volkert aus Nürnberg baut Gypsy-Gitarren. Joscho Stephan beispielsweise spielt nur seine Gitarren. Dann noch eine Gitarre von Thomas Amberger aus dem Bayrischen Wald und eine von Manuel May, der seine Werkstatt auf Föhr hat. Seine Gitarren sind in Gypsy-Bauweise, aber mit Nylonstrings, das gibt einen superweichen Sound.

Drei von Morellos Acoustics: Volkert, Amberger, May (Bild: Paulo Morello)

Man hat bei Gitarren eine viel größere Auswahl als bei anderen Instrumenten.

Wenn ich fliege und den L-5-Sound möchte, nehme ich mein Benedetto-Pat-Martino-Modell mit. Die klingt nicht wie eine Brettgitarre, sondern nach einer akustischen.

Erzähl etwas zu deinem neuen Album ‚Moving‘!

Diesmal ist es ein Trio ohne zweites Akkordinstrument, die Idee für die Sambop-Besetzung kommt vom Bassisten Sven Faller − meine erste Trioplatte mit Bass und Schlagzeug, davor habe ich mich bisher immer gedrückt. Wenn man eine Melodie im Trio spielt, hat man Bassbegleitung und Drums, und denkt, dass ein Akkord auch ganz schön wäre. Den muss man selber spielen, das kann stressig sein. Man könnte die Melodie mit Blockchords spielen, aber dann kann man die Melodie nicht so schön interpretieren wie mit single notes. Anfangs war ich skeptisch, nach ein paar Gigs habe ich gesehen, dass es funktioniert.

Im Studio kann das wieder anders sein.

Wenn ich mit Quartett im Studio bin, kann ich wie live drauf los spielen oder pausieren. Mit Bass, Schlagzeug und Klavier kann ich frei von der Leber spielen. Im Trio ist das anders, aber jetzt bin ich ziemlich happy. Wir haben einen Mix der Stile, die mir im Laufe der Jahre wichtig wurden. Da ist meine große Liebe für die brasilianische Musik. Im Studium in New York habe ich das live gesehen und war verzaubert. 1999 oder 2000 war ich das erste Mal in Brasilien und seither gibt es die Band Sambop.

Eine ebenso grosse Liebe habe ich für Straight-Ahead-Jazz und Orgeltrio. Die ganze Jazzgitarrentradition von Charlie Christian bis Julian Lage ist gespickt mit tollen Musikern.

Bei ein paar Songs habe ich dezent Rhythmusgitarren addiert. ‚Moving‘ ist ziemlich eklektisch geworden, zum einen gibt es meine Liebe zu Jobim, die man sofort hört. Dann gibt es einen alten Choro, allerdings ist es untypisch, Choros nur mit Bass und Schlagzeug zu spielen. Der Walzer ist ein richtiger Schmäh geworden, den du super mit Sven und Mauro Martins spielen kannst. Mauro mag Brazil und funky, Jazz ist weniger seins, aber Sven, der auch in Brasilien war und einen Jazzbackground hat, bildet eine Brücke. Wir haben auf der CD funky Nummern, wir haben einen jazzigen Approach in der Ballade ‚We Will Be Together Again‘, dann gibt es einen Boogaloo Blues, den ich Manfred Rehm vom Birdland in Neuburg gewidmet habe. Der ist an Wes Montgomery angelehnt, ich spiele viel mit Daumen und in Oktaven.

Der Opener ‚The Birds And The Bees‘ ist von Attila Zoller, der war mein Mentor in New York. Wir haben uns angefreundet, oft waren wir dienstags bei Attila, er hat Gulasch gekocht und wir haben Gitarre gespielt. Darum wollte ich mich bei ihm bedanken und habe seinen Song aufgenommen. Der ist auf der Telecaster in Akkorden gespielt. Als Opener funktioniert das gut.

Paulo Morello mit seiner Nashguitars Tele (Bild: Paulo Morello)

Mit drei Songs ist abgesteckt, was musikalisch auf dem Album passiert.

Ja, das klassisch brasilianische, damit man sieht, dass wir nicht nur Blues spielen. Beim berühmten Samba von João Donato, ‚Minha Saudade‘ spiele ich meine Lieblings-L-5 in einem Kontext, der ein bisschen lauter ist, da klingt die super.

Der Jazzstandard ‚When Sunny Gets Blue‘ ist ebenso auf dem Album wie eine Komposition, die mir ein ehemaliger Studierender und Freund, Oren Levanon, gewidmet hat. Bei ‚Beautiful Love‘ haben wir einfach drauf los gejammt, wieder mit der L-5. Es macht mir im Trio Spaß, erst mal lange auf einem G7-Akkord zu bleiben. Ohne weiteres Akkordinstrument kannst du alles darüber spielen. ●


(erschienen in Gitarre & Bass 02/2026)

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