Interview zu der Situation in der Musikbranche

Musicians Lounge – Martin Meinschäfer: „Man muss zum Lebenskünstler werden …“

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(Bild: Meinschäfer)

Martin Meinschäfer ist ein Name, den man nicht erst seit den bei Kritikern hoch gelobten Henrik-Freischlader-Alben kennt. In den Achtzigern war er Frontmann der Frankfurter Formation Hob Goblin, danach unglaublich erfolgreich mit der Neuvertonung einiger Augsburger-Puppenkisten-Klassiker im Rap-Gewand, danach als Kleinkünstler und sogar mit zwei Soloalben ‚Das Leben ist kein Tanzlokal‘ und ‚Wer hat der hat‘. Seit mehr als zwanzig Jahren betreibt er im Raum Arnsberg im Sauerland ein eigenes Tonstudio, das ganz nach seinen klanglichen Vorlieben mit exquisiter, audiophiler Röhrentechnik ausgestattet ist.

Kein Wunder also, dass sich Künstler wie Henrik Freischlader hier wie zuhause fühlen und mit „Maddin“, der selbst ein lang gedienter Gitarrist ist, ihre Aufnahmen machen. In Meinschäfers Studio geht es gemütlich zu. Die Atmosphäre ist locker und freundlich, was natürlich auch an der geduldigen und einfühlsamen Seele des Betreibers liegt. Er ist ein Perfektionist und Überzeugungstäter in jeder Beziehung.

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Daher bin ich froh, ihn zu meinen besten und ältesten Freunden zählen zu dürfen, denn schon 1977 holte er mich in Nordhessen in seine neu gegründete Schülerband Hob Goblin, in der ich acht Jahre die Gitarren bediente. Wir sind quer durch die Republik getourt, haben uns Hotelbetten in London und auf Wangerooge geteilt, unzählige Aufnahmen zusammen gemacht und natürlich auch die ersten gemeinsamen Alben. Er war nicht nur Sänger und Gitarrist, sondern stets auch Songschreiber, Organisator, Booking-Talent und überzeugte eine beachtliche Fangemeinde mit seiner auf der Bühne viel gerühmten Komik.

Es war natürlich klar, dass ich auch ihn zu der Situation in der Musikbranche befragen musste, denn er sitzt nach wie vor an den Hebeln und arbeitet Tag für Tag eng mit den Betroffenen zusammen. Wir trafen uns daher diesmal zu einem Interview unter Freunden.

(Bild: Meinschäfer)

INTERVIEW

Wie hast du in deinem Tonstudio die Corona-Zeit erlebt? Gab es Einbrüche?

Am Anfang wusste natürlich niemand mit der Situation umzugehen, und es war eine richtige Schockstarre zu bemerken. Da hat natürlich erstmal jeder für sich versucht, die Situation einzuschätzen und überlegt, wie es weitergehen soll. Mit der Zeit gab es viele Musiker, Veranstaltungstechniker und Event-Leute, die sich nach Alternativen umgeschaut und schließlich den Beruf gewechselt haben, um über die Runden zu kommen. Da waren auch die „Soforthilfen“, die man jetzt ja meist zurückzahlen muss, keine Lösung. Im Studio war wegen der Kontaktsperre natürlich tote Hose. Ich habe erstmal geschluckt und – um mich zu irgendwie beschäftigen – angefangen an meinem eigenen Album zu arbeiten. Das hatte ich fast 20 Jahre lang nicht gemacht und musste erstmal wieder lernen, einen Song zu schreiben, zu spielen und vor allen Dingen auch zu singen. Von daher war es für mich eine unverhoffte Zäsur, die sich im Nachhinein für mich persönlich als eine Art Glücksfall herausgestellt hat, auch wenn man von Glück bei diesem Wahnsinn kaum sprechen kann.

Ich glaube, ich wäre ohne die Pandemie gar nicht auf die Idee gekommen, ein Album zu machen. Und so ging es wahrscheinlich vielen Musikschaffenden, denn schon in der zweiten Hälfte des ersten Pandemie-Jahres bekam ich plötzlich wahnsinnig viele Anfragen zum Mischen und Mastern von Produktionen, die meist zuhause im Homestudio entstanden sind und nun den letzten Schliff brauchten.

Wie ich gehört habe, musste auch die Freischlader-Band eine längere Zwangspause einlegen. Ist das auch der Grund, warum sie mit neuer Besetzung tourt?

Auch bei Henrik war das natürlich erstmal eine Katastrophe. Da mussten massenhaft Gigs abgesagt werden, und auch da gab es wohl zwangsweise eine Art Umorientierung der Bandmitglieder, wie auf seiner Webseite nachzulesen ist. Das kam quasi einem Berufsverbot ad hoc gleich, und dass man da als Musiker erstmal panisch nach Alternativen sucht, ist ja auch nur verständlich. Da Henrik aber ein versierter Alleskönner ist, hat er sein neues Album und das von Layla Zoe, bis auf die Keyboards von Mr. Mo Fuhrhop, mal eben komplett alleine eingespielt.

Sicher haben auch bei dir einige Musiker ein „Corona-Album“ aufgenommen. Wie schätzen deiner Meinung nach die Musiker ihre Situation ein? Wie hast du das erlebt?

Im Normalfall nehme ich ja die Grund-Takes meist mit allen Bandmitgliedern gleichzeitig in einem Raum auf, um diesen Band-Spirit einzufangen. Das war natürlich zu den Corona-Lockdowns nicht möglich, und wir haben dann viel Track by Track nacheinander aufgenommen – ein Musiker mit mir allein im Studio. Das ist zwar ein völlig anderes Arbeiten, wird aber von vielen auch sonst bevorzugt, um sich ganz auf sein Instrument zu konzentrieren – von daher ging das ganz gut. Es gab aber auch Produktionen, wo die Einzelspuren aus aller Herren Länder per WeTransfer gesendet wurden, und dann das große Puzzle bei mir ankam. Das war technisch schon eine Herausforderung, diese in verschiedenen Räumen und mit unterschiedlichen, teilweise recht einfachen Mitteln aufgenommenen Spuren trotzdem wie eine Band klingen zu lassen. Da war oft echte Kreativität beim Mischen gefragt.

(Bild: Meinschäfer)

Die neuesten Verkaufszahlen belegen, dass Streaming weiterhin auf dem Vormarsch ist und die Album-Verkäufe weiter schrumpfen. Ist daher das Album noch ein zukunftssicheres Konzept?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Das hängt auch viel vom jeweiligen Genre ab. Die Blues- und Jazzmusiker, aber auch zum Beispiel die Metaller haben sich im Laufe der Jahre eine gute Fanbase aufgebaut, die nach wie vor ganze Alben, am liebsten sogar Vinyl kaufen. Das ist vermutlich ein bisschen wie bei den Oldtimer-Fans. Da will man das Original, auch wenn es ein wenig mehr kostet. Auch unter audiophilen Gesichtspunkten.

Es gibt auch immer mehr Musikliebhaber, die die mp3-Komprimierung nicht mehr ertragen und merken, wie viel besser eine Vinyl-Scheibe wirklich klingt. Viele meiner Kunden im Studio verkaufen ihre Alben gut bei den Konzerten. Da läuft natürlich im gezählten Handel nicht mehr so viel. Dafür nehmen sich die Musikbegeisterten nach dem Konzert gerne ein signiertes Andenken mit.

In anderen Genres wie Pop, Rap und sogar bei vielen deutschen Rockproduktionen ist der Trend gegenläufig. Bei manchen Produktionen, wo eine Single nur noch zwei Minuten dauert, wäre ein Album ja auch nach zwanzig Minuten zu Ende.

Die EP erlebt eine Renaissance. Kannst du das bestätigen?

EP oder sogar nur noch Einzeltitel. Bei manchen Produktionen lohnt sich das Pressen von CDs ja aus wirtschaftlichen Gründen schon gar nicht mehr. Da wird dann einfach alle paar Wochen eine Single bei Spotify hochgeladen.

Ich stehe allerdings nach wie vor auf Konzept-Alben. Ich finde, ein Album ist ein Statement, das die zurückliegende Schaffensphase eines Künstlers am besten dokumentiert und sich damit auch im Nachhinein besser einordnen lässt, quasi die „blaue“ oder „grüne“ Phase eines Musikers … Und bei vielen Bands, die das aus Liebhaberei machen, will man einfach mal ein Album aufnehmen, um die Bandgeschichte zu dokumentieren oder einfach um sich auszuprobieren.

Vor circa einem Jahr hast du selbst ein Album aufgenommen. Wie wurde das promotet und sind auch wieder Live-Konzerte geplant? Oder war das nur ein „Spaß“?

Wie gesagt, ist das Album eher ein der Pandemie geschuldetes Zufallsprodukt. Da stand keine wirkliche Ambition dahinter. Da gab es kein Bohei um das Album, wenn du das meinst … Deshalb haben mich die vielen guten Kritiken auch erstmal auf dem falschen Fuß erwischt. Da kamen plötzlich Anfragen aus vielen Ecken, die ich gar nicht mehr auf dem Schirm hatte und auch nicht bedienen konnte.

Ich hatte dann angedacht, das mal mit einer Band umzusetzen, habe mich aber jetzt, auch um den großen Aufwand zu vermeiden, dazu entschieden, ein paar kleinere Unplugged-Konzerte mit Stephan Baader aka Pomez di Lorenzo, dem langjährigen Produzenten von Sasha zu machen. Ein begnadeter Gitarrist! Stephan kommt auch aus meinem Heimatort und wir kennen uns schon aus den Siebzigern. Wir proben gerade ein wenig und es macht echt Spaß in dieser Konstellation. Man muss die Songs auf das Essenzielle herunterbrechen. Das hat seinen Reiz, und zudem bekommen die deutschen Texte dabei natürlich noch ein größeres Gewicht.

Wo siehst du selbst Lösungsansätze für Künstler, aus der Krise zu kommen?

Die „Krise“ gibt es ja nicht erst seit der Pandemie. Die hat eigentlich schon mit der Erfindung der CD-Rohlinge begonnen. Musik war plötzlich 1:1 ohne Verluste kopierbar und hat der Branche erhebliche Einbußen beschert. Wenn man die Verkaufszahlen etwa der Top 10 mit denen Anfang der Neunziger vergleicht, kommen mir die Tränen. Von Tantiemen bei Spotify oder Deezer kann heute keiner mehr leben.

Der heutige Profi-Musiker muss einfach ein erstaunlicher Lebenskünstler sein. Marketing, Booking, Promotion, Label-Chef, Live-Technik, Manager, Fahrer – alles Dinge, die ein Musiker beherrschen muss, um am Leben zu bleiben.

Dabei ist es noch ein großer Unterschied, ob du Songschreiber mit ein paar Gema-Einnahmen oder „nur“ Instrumentalist, wenn auch auf hohem Niveau, bist. Ich kenne nicht wenige Musiker, die gleichzeitig in fünf Top-40-Bands spielen, nebenher noch drei innovative Projekt-Bands haben und zusätzlich versuchen, sich als Filmmusiker, Werbesänger oder als Sprecher zu etablieren. Von einer Band, zumal mit eigenen Songs, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, ist nur den paar wirklich erfolgreichen Stars vorbehalten. Das ist eine schreckliche Entwicklung und bedarf dringend einer Korrektur seitens der Politik. Sonst sehe ich allgemein ein schleichendes Sterben der nicht geförderten Musikkultur.

Danke für das Gespräch.


(erschienen in Gitarre & Bass 01/2023)

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Kommentar zu diesem Artikel

  1. interessanter Beitrag.
    aktuell höre ich sein Album und lese sein erstes Buch, dass ich als recht schwer lesbar einstufe.
    Viele Sätze sind sehr stark verschachtelt, trozdem habe ich mich ab Mitte des Buchs daran gewöhnt. Zumal die Geschichte in meiner Heimat spielt und ich mich doch sehr nahe am Geschehen fühle.

    LG Horst Coels

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