Produkt: Jimi Hendrix Story
Jimi Hendrix Story
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Im Interview

Molly Miller: Sprechstunde bei Frau Doktor Jazz

(Bild: Molly Miller)

Liest man die Biografie und Credits von Molly Miller, dann erwartet man eine erfahrene Veteranin der Jazz-Szene vor sich zu haben. Pop-Gigs mit Jason Mraz und den Black Eyed Peas, eigenes Album mit dem Molly Miller Trio, ein Doktortitel und die Leitung der Gitarren-Abteilung des Los Angeles College of Music – das wäre eine gute Bilanz für eine lange Karriere. Aber weit gefehlt – die Los Angelita ist noch nicht mal 30 und macht alles irgendwie schneller als andere.

Genug Stoff für ein spannendes Gespräch über Skype, bei dem sich Molly Miller als lustige, mit viel nervöser Energie ausgestattete Interviewpartnerin entpuppt. Offenheit und musikalische Vielfalt scheinen zu ihrem allgemeinen Credo zu gehören. Auf ihrem Album ‚Shabby Road Recordings‘ covert sie im Jazz-Trio-Stil Songs von Nico, Fats Domino, Ennio Morricone und Lee Hazlewood, ohne dabei den roten Faden zu verlieren.

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Molly meint dazu: „Ich mag diesen eklektischen Mix. Ich sehe mich nicht als Jazz-Gitarristin. Ich spiele Jazzgitarre, aber ich spiele auch Country und Soul. Zuallererst bin ich Gitarristin!“ Über eine solche Einstellung freut sich der Interviewer, denn musikalisches Schubladendenken und Jazzpolizistentum gibt es genug.

WERDEGANG

Wie hat es bei dir mit dem Gitarrespielen angefangen?

Ich bin eins von fünf Geschwistern und habe mit sieben Jahren angefangen. Meine Eltern haben eine Band bestehend aus all ihren Kindern ins Leben gerufen und bestimmten, dass ich die Gitarre spielte. Ich hatte keine Wahl und sagte „OK, cool!“ Die nächsten Jahre haben wir dann auf Straßenfesten, Parties und anderen Veranstaltungen in der Stadt gespielt. Später war ich in der Jazzband der Schule. Ich war aber ein sehr schlechter Gitarrenschüler, ich habe Üben gehasst! In der High School ging mir dann ein Licht auf und mir wurde klar: das ist das, was ich machen muss!

Hattest du einen Gitarrenhelden?

Als ich 13 war, hat mir mein Lehrer Jimi Hendrix gezeigt und ab da fand ich die Gitarre cool. Später stand ich total auf Sister Rosetta Tharp. Auch Grant Green war sehr wichtig für mich.

Hast du gleich Jazz gespielt oder auch andere musikalische Stile ausprobiert?

Zuerst Top 40 und mit 15 habe ich mich dann mehr für Jazz interessiert. Ich hatte Unterricht bei Steve Carter, einem Gitarristen aus Los Angeles und er hat mir die ganzen Gitarristen gezeigt wie Jim Hall, Django, Grant Green und Wes Montgomery. Ich habe Jazz mit meinem Bruder gespielt und hatte Garagen-Bands mit meinen Freunden.

Wo hast du Musik studiert? Wie wichtig war das für dein Spiel?

Ich war an der University of Southern California. Die haben ein tolles Jazz-Programm namens „Studio Guitar“. Da war ich für neun Jahre und inzwischen habe ich sogar einen Doktortitel! Ich habe vorher schon Jazz gespielt, aber nicht richtig gut. Mit 25 hatte ich einen Durchbruch, wo all die Sachen, die ich geübt habe, sich zusammengefügt haben.

Ab wann hast du professionell gearbeitet?

Ich konnte mit 22 von der Musik leben, habe viel unterrichtet und hatte eine Menge 50- und 100-Dollar-Gigs. Ich hatte nie einen anderen Beruf.

Gibt es Musiker, die dich heute inspirieren oder denen du dich musikalisch nahe fühlst?

Am meisten inspirieren mich Live-Musik und die Leute, mit denen ich zusammenspiele. Mein Bruder Sammy Miller, Jennifer Connors and Jay Balleroy. Leute in L.A., wie Adam Levy oder Mason Stoops. Julian Lage finde ich auch spannend.

UNTERRICHT

Wann hast du angefangen zu unterrichten?

Mit 16, so früh wie es ging. Ich fing mit Privatstunden für Kinder in unserem Viertel an. Dann kamen Improvisations-Workshops, Gitarrenklassen, Bandklassen, alle Altersgruppen und Situationen. Und jetzt bin ich die Leiterin der Gitarrenabteilung des Los Angeles Department of Music.

Hast du dein eigenes Konzept, um Jazzgitarre zu unterrichten?

Ja, eine Kombination aus dem CAGED-System und Nummern, bei denen man Töne in Verbindung mit dem Akkord sieht und diese Informationen nutzt, um den Fokus auf die Melodien zu legen.

Welchen Ansatz würdest du einem mittelmäßigen Rockgitarristen empfehlen, um Jazz zu lernen?

Schnapp dir das Realbook und spiel die Akkorde der ganzen Standards. Entweder als einfache Septakkorde oder als Drei-Noten-Akkorde, mit Grundton, Terz und Septim. Was die Improvisation angeht, finde ich es besser mit Arpeggios anzufangen als mit Tonleitern, weil du dann alle Akkordtöne zur Verfügung hast und dich nicht direkt überforderst. So kannst du Songs mit nicht zu vielen Akkorden spielen, wie zum Beispiel einen Blues oder etwas wie ,Take The A-Train‘.

Wie bist du dazu gekommen, Direktorin des Los Angeles College of Music zu werden?

Ich habe meinen Doktor gemacht und dachte: Jetzt will ich einfach nur auf Tour gehen. Zu der Zeit war ich mit Jason Mraz unterwegs und habe sehr viel gespielt. Adam Levy, ein Mentor und Freund, hatte diesen Job, wollte ihn aber selbst nicht fortsetzen. Ich hatte nicht vor, mich zu bewerben. Das war mir zu viel Verantwortung, schließlich war ich erst 27 Jahre alt.

Irgendwann war ich im Lehrerzimmer und jemand sagte: Molly, wirst du dich bewerben? Du bist perfekt für den Job. Dann dachte ich, ich kann es ja probieren, wird wahrscheinlich eh nichts und es ist Teilzeit, wenn es mir zu viel wird, kann ich kündigen. Ich hatte ein Vorstellungsgespräch, bekam den Job und ich liebe ihn! Ich leite all diese unterschiedlichen Klassen, habe den Lehrplan neu gestaltet und fünf Theorie-Bücher geschrieben.

(Bild: Molly Miller)

MUSIK

Die Songauswahl auf deinem Album ist ja ziemlich bunt. Repräsentiert das deinen Geschmack und deine Plattensammlung?

Das ist mein Konzept was Musik angeht. Wir sind gefangen darin, Dinge in Schubladen zu stecken – mehr als die Generationen zuvor. (Mit tiefer Stimme): das ist Jazz, das ist Folk, das ist Pop, obwohl es all diese Crossover-Stile gibt. Für mich ist alles fließend und alles beeinflusst das andere. Ich höre mir Nico, Fats Domino, Tom Waits und Louis Armstrong an und es ist alles dasselbe: aussagekräftige Musik, die mich anspricht. Ich habe es mir nicht bewusst überlegt, eine Platte mit sehr unterschiedlichen Songs zu machen. Für mich ist alles miteinander verbunden. Es geht um Instrumentalmusik, die die Melodie und damit den Song in den Vordergrund stellt, im Gegensatz zu totaler Improvisation. Es gibt Improvisation, die ist ein wichtiger Teil, aber am wichtigsten ist der Song.

Wie entstehen denn die Arrangements?

Normalerweise denke ich mir zuhause oder im Hotel ein Arrangement aus, zeige es dann meinen Mitmusikern und dann entwickelt es sich. Normalerweise höre ich mir zunächst ein paar Versionen an und probiere ein paar Tonarten aus. Ich will meine eigene Version davon machen, also probiere ich verschiedene Grooves, Tempi und Lagen auf der Gitarre aus.

Wie teilst du deine Zeit auf zwischen Unterricht, den Pop-Gigs und deiner eigenen Musik? Hat irgendetwas für dich Vorrang?

Ich mag es, alles zu tun! Es ist schön, Phasen zu haben, in denen ich mich auf eine Sache konzentriere, aber wenn ich auf Tour mit Jason bin, gehe ich nachts in mein Hotelzimmer, arbeite an Songs und wache morgens auf und übe Musik für andere Projekte. Ich mag die Mischung, sie hat mich zu einem besseren Musiker gemacht. Ich glaube nicht, dass ich nur eine Sache tun könnte. Ich fühle mich nicht zerrissen, ich habe viel Energie und bin fast manisch. (lacht)

Und dein Job an der Uni kommt dir nicht in die Quere, was Touren und Schreiben angeht?

Da habe ich Glück. Normalerweise nehme ich im Sommer ein Vierteljahr frei und gehe auf Tour. Ich kann auch eine Vertretung schicken, wenn ich nicht in der Stadt bin.

Du musst also nicht montags um acht Uhr im Büro sein?

Nein, es ist ein Teilzeit-Job und ich muss zehn Stunden Organisationsarbeit machen, was ich von meinem Computer erledigen kann. Ich bin nicht sehr gut darin, frei zu haben, das funktioniert also sehr gut. (lacht)

GEAR

Deine Hauptgitarre ist eine ES-335. Kannst du ein bisschen was über sie erzählen?

Sie ist von 1978, Ich habe sie mit 17 bekommen. Ich habe auch eine 52er Reissue-Telecaster. Das sind meine Hauptgitarren. Ich benutze auch Taylor-Acoustics und Edward Guitars bauen mir gerade eine neue Hollowbody.

Mollys ES-335 (Bild: Molly Miller)

Modifizierst du etwas an deinen Instrumenten?

Auf beiden Gitarren ist die Hardware verbessert worden, aber das war schon so, als ich sie gebraucht gekauft habe. Wenn sich eine Gitarre gut anfühlt, fühlt sie sich gut an. Ich mag Gitarren, die vintage sind oder gespielt wurden, das hat was.

Und der Amp deiner Wahl?

Das ist ein Fender Princeton 65 Reissue, der etwas modifiziert ist. Ich spiele auch einen Hot Rod Deluxe von der Stange. Ich mag Fender-Röhrencombos.

Tele und Fender Princeton (Bild: Molly Miller)

Auf dem Album verwendest du einen leicht crunchigen Sound. Kommt der vom Amp?

Ich spiele meist nicht sehr laut, aber ich mag es, wenn der Amp etwas anzerrt. Manchmal benutze ich auch einen Tube Screamer oder einen Earthquaker Devices Dunes mit runtergedrehtem Gain in der Mittelstellung. Für den Großteil meiner Trio-Sachen kommt der Ton aber aus den Fingern!

Benutzt du bei den Pop-Gigs mehr Pedale?

Ja, da habe ich ein Pedalboard mit einem Earthquaker Devices Dunes und Dispatch Master, einem Keeley Echo und Oxblood Distortion, einem tollen Hall namens Chase Bliss Audio Dark World und einem Fulltone Wah.

Hast du schonmal komplexe digitale Systeme ausprobiert wie ein Axe FX?

Nein, ich mag Technik nicht. Ich will sehen, fühlen und hören. Ich bin altmodisch. Ich trage InEars für große Gigs, aber ich will einen schweren Amp hinter mir haben. Ich will ihn fühlen und hören und meine Gitarre berühren und darauf reagieren.

Wie wichtig ist denn das richtige Equipment für deine Musik?

Ich denke, 90 Prozent kommen aus deinen Händen, Fingern und deinem Anschlag. Ich kann einen Schrott-Verstärker spielen und es wird OK sein, es klingt nach mir. Natürlich ist es wichtig, das richtige Equipment zu haben, aber der Großteil kommt aus deinen Händen. Ich liebe meine ES-335 und meinen Princeton. Den Großteil meiner Übungszeit verwende ich darauf, an dem Ton zu arbeiten, den meine Finger erzeugen. Mir geht es mehr darum, mit meinem Instrument zu interagieren.

Das gelingt dir definitiv! Dann weiterhin viel Erfolg und danke für das Gespräch!

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2021)

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