„Ich finde, wir haben auch als Trio noch etwas zu sagen. Und solange das der Fall ist, werden wir weitermachen.“

Mick Jagger im Interview: „80 ist das neue 79“

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(Bild: © MARK SELIGER)

Gute Rock-Musik zu machen, ist eine Frage der Konzentration und der Energie − sagt Stones-Sänger Mick Jagger. Davon hat er, trotz seines hohen Alters, scheinbar jede Menge. Denn: altersmilde, nostalgisch oder wehleidig klingt die dienstälteste Band der Welt bei weitem nicht. ‚Hackney Diamonds‘, ihr erstes Album seit 18 Jahren, überrascht mit ambitionierten Texten und jugendlicher Power.

Es ist ein offenes Geheimnis: ‚Hackney Diamonds‘, das 24. Studio-Album der Rolling Stones, war eine lange, schwere Geburt. Und auch einen Interview-Termin mit Mick Jagger zu arrangieren, ist alles andere als einfach. Schließlich muss der 80-Jährige zu Staatsbanketten mit König Charles III. und Präsident Macron nach Versailles − oder in wichtige TV-Shows, in denen er die charmante Plaudertasche gibt. Für alles andere bleiben dann gerade mal 15 Minuten Zeit, die sich aber als äußerst kurzweilig und informativ erweisen.

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INTERVIEW

Ihr letztes Album ‚A Bigger Bang‘ liegt 18 Jahre zurück. Haben Sie bewusst so lange gewartet, bis niemand mehr mit neuen Stones-Songs gerechnet hat – bis da kein Druck und keine Erwartungshaltungen mehr vorhanden waren?

(lacht) Ich schätze, man hatte uns inzwischen tatsächlich längst aufgegeben. Dabei haben wir ja ein Blues-Album veröffentlicht und eigentlich ständig aufgenommen – wir haben über die Jahre etliche Sessions abgehalten, aber das Resultat war eben nie das, was wir uns erhofft hatten. Es war nicht gut genug. Jedenfalls haben wir uns 2022 entschieden, es ein letztes Mal zu versuchen, uns diesmal voll zu konzentrieren und mit richtig starkem Material aufzuwarten. Dazu haben wir einen neuen Produzenten verpflichtet, uns eine Deadline gesetzt, die Köpfe zusammengesteckt und geschaut, was dabei herauskommt.

Gitarrist Keith Richards bezeichnet die Aufnahmen als „Blitzkrieg“, von dem er sich erst einmal erholen müsse. War es wirklich so anstrengend – und ging letztlich alles ganz schnell?

Es ging wirklich überraschend schnell. Wir hatten uns entschieden, uns selbst eine Deadline zu setzen – was wir lange nicht mehr getan hatten. Einfach, um uns dann doch wieder ein bisschen unter Druck zu setzen und uns selbst herauszufordern. Wir fingen also irgendwann im November an und legten uns darauf fest, dass das Ganze – egal, was es ist – am Valentinstag 2023 fertig gemixt sein müsste. Was durchaus ehrgeizig war. Also haben wir alle Songs vorbereitet, sie noch einmal geprobt und uns dann mit Andrew Watt ans Aufnehmen gemacht. Wir haben zwei bis drei Stücke pro Tag geschafft – und das Ganze in drei Wochen durchgezogen. Das war also ziemlich schnell. Anschließend mussten wir noch ein paar Overdubs aufnehmen und natürlich den Endmix erledigen. Aber es ging wirklich wahnsinnig schnell – weshalb das auch die beste Vorgehensweise ist.

Dabei warten die Songs mit einer imposanten Gästeliste auf: Paul McCartney, Bill Wyman, Stevie Wonder, Elton John und Lady Gaga. Kommerzielles Kalkül oder purer Zufall?

Einige davon sind tatsächlich reiner Zufall. Wir haben ja u.a. in Los Angeles aufgenommen – wo immer jemand an neuer Musik bastelt. Und im Henson Studio, das aus vier separaten Räumen besteht, war ständig jemand, den wir gut kannten. Zum Beispiel Lady Gaga, die vorbeigeschaut hat – ein glücklicher Zufall, und nichts anderes. Wir haben sie nicht gefragt – sie kam in den Kontrollraum, hat sich angehört, was wir machen, und dann mitgesungen. Das war fantastisch. Es hat mir wirklich sehr gefallen. Und was Paul betrifft: Er war in L.A., um eine Woche mit Andrew Watt zu arbeiten, und wir haben ihm einfach einen Tag davon geklaut. Wir meinten zu ihm: „Warum spielst du nicht einen Tag mit uns – das wollten wir doch schon immer mal machen?“ Und mit Bill war es so, dass wir noch diese beiden Songs mit Charlie Watts am Schlagzeug hatten, die wir sehr mochten und die von 2019 datieren. Wir hielten es für eine gute Idee, wenn Bill da mit Charlie spielt und die Original-Rhythmus-Sektion somit noch einmal für ein Stück zusammenkommt.

Bill fand das ebenfalls toll, deswegen hat er mitgemacht. Was Elton betrifft, so haben wir nach jemandem gesucht, der keine große Klavier-Einlage beisteuert, sondern der halt ein bisschen Boogie-Woogie im Hintergrund spielt. So, wie wir das früher oft gemacht haben. In den guten alten Tagen. (lacht) Und darin ist Elton sehr gut – er beherrscht diesen altmodischen Boogie-Style, der nicht so sehr hervorsticht.

Und Charlie Watts hört man auf zwei Stücken des Albums?

Ganz genau. Wir haben etliche Stücke mit ihm, die wir über die Jahre aufgenommen, aber nie veröffentlicht haben. Doch als wir den zweiten Anlauf unternommen haben, wollten wir die nicht einfach recyceln, sondern etwas Neues machen. Gleichzeitig gab es diese beiden Stücke, von denen ich denke, dass sie Charlie gut repräsentieren. Und es ist nett, ihn dabei zu haben. Er war schließlich noch an dem Album beteiligt.

In Fan-Kreisen heißt es: Es kann keine Stones ohne Charlie geben. Wie denken Sie darüber?

Was soll ich dazu sagen? Wenn einige Leute so denken, bitte sehr. Ich finde, wir haben auch als Trio noch etwas zu sagen. Und so lange das der Fall ist, werden wir weitermachen. Was nicht heißt, dass ich Charlie nicht vermisse – natürlich tue ich das.

Die Rolling Stones bei der ‚Hackney Diamonds‘-Release-Party in New York

Warum haben Sie sich für den Slang-Begriff ‚Hackney Diamonds‘ als Albumtitel entschieden – haben Sie Erfahrung mit Einbrechern?

(lacht) Ich hatte Leute, die meine Autos mit Schlüsseln zerkratzt haben und solche Sachen. Meine Windschutzscheibe wurde bislang aber noch nicht eingeschlagen. Doch im Ernst: Ich hielt den Titel allein deshalb für gut, weil es heutzutage gar nicht so einfach ist, mit etwas aufzuwarten, das noch nicht verwendet wurde. Das ist das eine. Und dann sind wir ja auch eine Band aus London – und es war mir wichtig, das zum Ausdruck zu bringen. Außerdem ist das Ganze sehr evokativ.

In ‚Whole Wide World‘ singen Sie: „you think the party’s over, well it’s only just begun.“ Und in ‚Dreamy Skies‘ empfehlen sie, einfach mal eine Verschnaufpause auf dem Land einzulegen und das Telefon auszuschalten. Ist das praktische Lebenshilfe, wenn nicht Lebensweisheit à la Mick Jagger?

Ja, und eine ist urban, die andere ländlich. (kichert) In ‚Whole Wide World‘ führe ich Dinge auf, die einen depressiv machen können – und versuche dann, eine helfende Hand zu reichen. Also ein paar simple Ratschläge zu erteilen. Während in ‚Dreamy Skies‘ viele Lockdown-Impressionen auftauchen. Und es ist tatsächlich so: Wenn einem das Leben in der Stadt zu viel wird, ist es wichtig, eine Pause davon einzulegen. In meinen Beschreibungen des Landlebens habe ich viel von dem eingestreut, was mir während der Pandemie durch den Kopf gegangen ist. Eben wie schön der Himmel sein kann, wenn da keine Flugzeuge unterwegs sind. Solche Sachen …

Was ist mit der ersten Single ‚Angry‘ – wie viel Sozialkommentar verbirgt sich dahinter?

Einiges. Wobei es schon immer Wut auf der Welt gegeben hat – das ist weiß Gott kein neues Gefühl. Aber wenn ich so darüber nachdenke, ist es heute doch sehr stark und weit verbreitet. Einiges davon ist berechtigt, anderes nicht. Aber es wird definitiv stärker artikuliert. Es ist offensichtlicher und allgegenwärtig. Und vielleicht sollten wir lernen, uns da ein bisschen zurückzuhalten und in unseren Ansichten nicht zu radikal zu werden. Nur: Es gibt bestimmt auch jede Menge Leute, die das Recht haben, auf bestimmte Dinge wütend zu sein. Und seien wir ehrlich: Auch Beziehungen wären ohne gelegentlichen Ärger unmöglich. In einer Partnerschaft rasselt man immer mal aneinander. Es geht gar nicht ohne. (lacht) Aber man hält sich halt an der Hoffnung fest, dass die Emotionen nicht zu sehr überkochen.

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The Rolling Stones: Stories & Interviews
The Rolling Stones im Interview - das große Gitarre & Bass-Special

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