Meilenstein 1998: Fu Manchu – King Of The Road

(Bild: Mammoth/Edel)

In den 50er- und 60er-Jahren brachten Bands wie Dick Dale & The Del-Tones und The Surfaris das Lebensgefühl Kaliforniens auf den Punkt. Treibende Drums, knackige Bässe und cleane Läufe auf Fender-Gitarren mit unglaublich viel Reverb-Effekt vertonten die Dynamik und das Tempo des Surf-Booms. Bis heute ist die Energie der zu jener Zeit entstandenen Surf-Instrumentals beeindruckend und eine Inspiration.

Zu Beginn der 90er kam der Soundtrack der Surf- und Skater-Szene unter anderem aus dem südkalifornischen San Clemente. Fu Manchu spielten harten Stoner Rock, der wie eine Monsterwelle über das Publikum hereinbrach.

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Zunächst veröffentlichte die Band diverse Singles, schließlich erschienen ab 1994 die ersten Alben ,No One Rides For Free‘ und ,Daredevil‘. Durch Konzerte im Vorprogramm von Monster Magnet wurden sie allmählich bekannter. Nach ,In Search Of…‘ wechselte das Line-up um Gitarrist und Sänger Scott Hill erneut. Doch von nun an kristallisierte sich mit ihm, Brad Davis (b) und den beiden neuen Bob Balch (g) und Brant Bjork (dr) von Kyuss eine stabile Besetzung heraus. Mit ,The Action Is Go‘ erschien 1997 ein erster vielbeachteter Longplayer, mit ,King Of The Road‘ konnte man bereits ein Jahr später nachlegen. In Europa kam das Album mit leicht veränderter Tracklist und einem Jahr Verzögerung auf den Markt.

(Bild: Mammoth/Edel)

Und los geht‘s! ,Hell On Wheels‘ klingt genau wie es der Name vermuten lässt: Ein brachiales, schnelles Riff wird eingeblendet, Drums und Bass jagen nach vorne, dazu punkige Vocals. Viel Sound, viel Lautstärke, viel Energie, was sich letztlich durch alle elf Songs zieht. Allerdings in Abstufungen: So verbreiten eingängige Songs wie ,Over The Edge‘ oder ,No Dice‘ auch 70er-US-Rock-Feel in Richtung Blue Öyster Cult oder Kiss. Passend hierzu fallen die scharfen Gitarren-Soli mit Unisono-Bends, bluesigen Pentatonik-Licks plus WahWah aus. Und trotz Härte gibt es dieses unterschwellig Psychedelische in den Songs, dank kleiner Klangspielereien und lebendiger Zwischentöne.

Klassischer Metal war ein Einfluss, ,Blue Tile Fever‘ hingegen hört sich wie eine Mischung aus MC5 und den Sex Pistols an, nur eben alles tiefer und drückender. Auch ,Grasschopper‘ kommt mit dieser heftigen Punk-Attitüde daher, was hier mal an die zeitgleich in Schweden Gas gebenden Hellacopters erinnert. Und der sich nach vorne spielende Bass in ,Breathing Fire‘ hat eindeutig Motörhead-Qualitäten.

Sucht man nach Einflüssen, landet man im finalen ,Freedom Of Choice‘, ein in diesem Kontext eher überraschender Song der US-Indie/New-Wave-Ikone Devo. Das muss man wissen, denn es es hätte sich auch um ein Fu-Manchu-Original handeln können. Und natürlich: der Geist von Black Sabbath tropft aus diesen fettigen Deep-Riffs überall heraus – der Bezug auf Musik Livestyle der 70er-Jahre drückt sich auch im Retro-Artwork des Albums aus.

Optimale Polsterung für das Tour-Equipment: Das Innenleben des 1960er-Ford-Vans vom Cover. (Bild: Mammoth/Edel)

Ein Geheimnis für den Fu-Manchu-Sound liegt in den tiefergelegten Gitarren (DGCFAD) – später hat man gelegentlich auch in Drop-C gespielt. Die Saitenspannung ging verloren bei solchen Tunings, dennoch benutzten Balch und Hill relativ dünne Ernie Ball Power Slinkys in den Stärken .011–.048.

Scott Hill war bekannt dafür Ampeg-Dan-Armstrong-Modelle mit kultigem Plexiglas-Korpus zu spielen. Die Instrumente waren mit Seymour-Duncan-Hot-Rail-Tonabnehmern modifiziert. Live spielte er auch eine Fender Jaguar. Hinter ihm stand auf der Bühne ein Marshall-JCM800-Top mit Marshall-Boxen. Essentieller Bestandteil des Setups waren schließlich das Univox Super-Fuzz und das Crown W-Fuzz, hinzu kam noch ein MXR Phase 100.

Bob Balch spielte in seinen Anfangstagen bei Fu Manchu Gibson-SG-Modelle, später dann auch eine an die SG angelehnte Reverend Daredevil HB, was schließlich zur Reverend Bob Balch Signature führte. Verstärkt wurde mit 69er- and 71er-Marshall-Super-Bass-Amps (inzwischen auch Marshall DSL100H ) plus 4x12er-Boxen. Auf der Fu-Manchu-Website sieht man sein Pedalboard von 2010, auf dem sich ein Creepy Fingers Creepyface Fuzz, Dunlop Cry Baby WahWah, Boss Noise Suppressor NS-2, Boss TU-2 Tuner und Electro-Harmonix Memory Man mit Hazarai befinden.

Auf die Frage, ob es nicht schwierig sei für die beiden sich ergänzende Gitarren-Sounds zu finden, antwortete Scott Hill einmal: „Normalerweise sind unsere Fuzz-Sounds so dermaßen drüber und krachig, dass sie gerade noch so zusammenpassen. Mein Sound hat mehr Höhen und Bob klingt insgesamt voluminöser.“

Wobei Fu Manchu 1998 schon so groß waren, dass es einer ganzen Flotte dieser Oldtimer für den Gear-Transport bedurfte. (Bild: Mammoth/Edel)

Gegen so viel Fuzz-Alarm setzte Brad Davis einen 92er-G&L SB-1 (DR Strings Lo-Rider .050-.110) über einen 69er-Ampeg-SVT mit 8x10er-Cabinet. ,King Of The Road‘ hat er laut eigener Aussage fast nur mit Fingeranschlag eingespielt. In den 90ern kamen Downtunings, Vintage-Pedale und Röhren-Verstärker wieder in Mode. Doch im Vergleich zu den Grunge-Acts wie Nirvana oder Soundgarden, blieben Kyuss oder Queens Of The Stone Age stets rauer, experimenteller und massiver. Haltung und Sound-Wand waren was zählte. Und das ist auch heute das Bemerkenswerte an Fu Manchu und ,King Of The Road‘: Dieses Album hat keine Pausen, das Energielevel bleibt unverändert hoch.

(erschienen in Gitarre & Bass 10/2020)

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