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Marilyn Manson: Antichrist Superstar

Marilyn Manson Antichrist Superstar

Eine recht große aber spärlich ausgeleuchtete Bühne mit scheinbar willkürlich verteiltem Equipment. Flackerndes Stroboskop-Licht. Ein paar Gestalten, die wie lebende Mumien über die Bühne wanken. Und mittendrin der selbsternannte „God Of Fuck“ in einer Uniform mit deutlichen NS-Anleihen an einem überdimensionalen Rednerpult. Marilyn Mansons Tour zu Antichrist Superstar ist in vollem Gange und entpuppt sich als ein wahrhaftiger Schlag ins Gesicht der konservativen USA.

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Gegen Ende der 90er-Jahre ist das deutsche Musikfernsehen für Fans harter und extremer Musik ein wahrer Segen. Besonders der Sender Viva Zwei (später Viva Plus) bietet immer wieder hierzulande noch recht unbekannten Künstlern eine Plattform und bewegt sich dabei mit einigen Sendungen im totalen Randgruppenbereich – aus heutiger Sicht alles kaum noch vorstellbar. So also flackerte da eines Nachts auch die unfassbar brutale und verstörende Live-Show eines gewissen Marilyn Manson über den Bildschirm, der in Europa bis dahin nahezu unbekannt war. Die dargebotenen Songs waren vornehmlich vom gerade aktuellen, zweiten Album ,Antichrist Superstar‘, um das sich bis heute zahllose Mythen und Gerüchte ranken.

antichrist superstar

Das Chaos, das mit den Aufnahmen zu diesem Album einherging, genau aufzuschlüsseln, dürfte nahezu unmöglich sein und soll auch gar nicht Gegenstand dieser Ausführungen werden. Ungeachtet der chaotischen Recording Sessions – die von erheblichem Drogenkonsum, personellen Querelen und völlig lebensmüden Selbstversuchen flankiert waren – ist ,Antichrist Superstar‘ bis heute eines der wegweisendsten Werke für Musiker verschiedenster Genres.

Schon der Opener ,The Irrisponsible Hate Anthem’ macht mit einem unglaublich ungestümen Punk-Flair deutlich, wohin die Reise hier geht. Manson keift und faucht wie ein angeschossenes Tier, die Gitarren klingen in etwa so schön wie ein Rasierapparat auf Steroiden und auf so ziemlich jedem Instrument lastet eine gefühlte Tonne Verzerrung.

Mit ,The Beautiful People‘ folgt sogleich der unbestreitbare Hit des Albums – der etwas an die früheren Laibach erinnernde Groove stampft urgewaltig aus den Lautsprechern, während Manson zwischen Flüstern, Röcheln, einer völlig wahnsinnigen Kopfstimme und manischem Geschrei variiert und aus allen Rohren feuert. Die überwiegend von Twiggy Ramirez aka Jordie White eingespielten und immer garstig klingenden Saiteninstrumente sorgen dann für die nötige Sound-Wand, um dem Ganzen eine ungeheure Portion Dreck zu verleihen.

Nach diesem Feuerwerk der Raserei zeigt Manson dann in ,Tourniquiet‘ eine deutlich melodischere, aber nicht weniger verstörende Seite seiner Musik, welche ganz offensichtlich vom Grunge der frühen 90er-Jahre inspiriert ist. Das bisher mechanische, teils programmierte Drumming von Ginger Fish weicht einem überraschend dynamischen Spiel und die Basslinie lässt Erinnerungen an Alice In Chains’ Überhit ,Would?‘ wach werden.

Marilyn Manson Antichrist Superstar
,Antichrist Superstar‘ ist nicht nur in sich eine geschlossene Metal-Oper, sondern bildet zusammen mit den folgenden Alben ,Mechanical Animals‘ und ,Holy Wood‘ eine geschlossene Trilogie.

Keine Angst, mit dem folgenden ,Little Horn‘ gibt die Band dann noch mal richtig Gas, um dann in ,Cryptochid‘ in extrem elektronisch geprägte Gefilde abzutauchen, die stark an Nine Inch Nails erinnern. Der geneigte Leser wird hier jetzt zustimmend nicken und wissen, dass im Team der Produzenten kein geringerer als NIN-Chef Trent Reznor involviert war und auch bei diversen Songs eine Menge Instrumentarium beisteuerte.

Insgesamt würde ich sagen, dass Marilyn Manson mit ,Antichrist Superstar‘ eine hochgradig verstörende Schnittmenge aus Grunge, Punk, Gothic, Industrial und Rock geschaffen hat, die viel mehr ist, als die Summe ihrer Teile. Die Detailarbeit, die hinter dem absolut räudig und roh produzierten Album steckt, ist schier atemberaubend. Vom Artwork, der inhaltlichen Einteilung der Songs in drei Kapitel (,Cycle I: The Heirophant‘, ,Cycle II: Inauguration of the Worm‘ sowie ,Cycle III: Disintegrator Rising‘), über das zum Teil verspielte Songwriting bis hin zu Mansons oft wahnwitziger Raserei am Mikrofon wirkt nichts zufällig oder willkürlich.

Ist man bereit, sich ein wenig mit dem Werk zu beschäftigen und einen Blick hinter die schroffe Fassade zu wagen, begegnet einem eines der durchdachtesten und vielseitigsten Metal/Industrial/Rock-Alben der 90er-Jahre. Gerade im hinteren Drittel verbergen sich mit dem doomigen Titel-Track, dem wüsten ,1996‘ und dem überraschend groovigen ,The Reflecting God‘ ein paar echte Perlen.

Wer die CD-Version des Albums besitzt, mag sich übrigens wundern, warum der CD-Player satte 99 Titel anzeigt. Natürlich sind hier keine 99 Songs zu finden; vielmehr hört man nach Ende des Albums erst mal nur 81 Tracks mit jeweils vier Sekunden Stille, bis dann endlich beim letzten Titel der CD der Hidden Track ,Empty Sounds Of Hate‘ zu hören ist – nur eines von vielen Details, die zeigen, mit welcher Gründlichkeit Manson, seine Band, Trent Reznor und der zweite Produzent Sean Beavan das Gesamtbild von ,Antichrist Superstar’ durchdacht haben.

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(erschienen in Gitarre & Bass 04/2018)

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