Produkt: Gitarre & Bass 9/2019
Gitarre & Bass 9/2019
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Meilenstein 1999

Madrugada: Industrial Silence

Madrugada(Bild: Virgin)

Verband man mit dem europäischen Norden meist eingängigen Bombast-Pop der Marke ABBA/Roxette auf der einen und extrem harten Death- und Black-Metal-Underground auf der anderen Seite, schien die skandinavische Rockszene ab Mitte der 90er-Jahre zu explodieren. So unterschiedliche Bands wie Hellacopters, Motorpsycho, The Backyard Babies, Euroboys, Turbonegro, Atomic Swing, D.A.D., Mando Diao und HIM spielten Rock, der sich zwar auf klassische Idole und Sounds der 60er/70er bezog, dabei allerdings ungemein frisch klang und nach vorne ging.

Auch Madrugada zählte zu den skandinavischen Exportschlagern jener Zeit. Die Geschichte des Vierers begann bereits 1993 in Stokmarknes, einer Kleinstadt in Nord-Norwegen. Anfangs nannte man sich noch Abbey’s Adoption oder auch Six Generations. Der neue Name kam zwei Jahre später mit dem Umzug in die Hauptstadt Oslo. Hier festigte sich dann das Line-Up mit Sivert Høyem (voc), Robert Solli Burås (g), Frode Jacobsen (b) und Jon Lauvland Pettersen (dr).

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1999 war das entscheidende Jahr für die Band. Im Frühjahr erschien die ,New Depression EP‘, die in den norwegischen Single-Charts hohe Platzierungen erreichte. Ebenfalls wurde im Herbst der erste Longplayer ,Industrial Silence‘ veröffentlicht. Vom ersten satt verzerrten Moll-Akkord war die Melancholie dieser Band spürbar. Vor allem packte die Stimme von Sivert Høyem den Hörer sofort. Gitarren-Strumming gab oft die Grundrichtung vor, wie in ,Higher‘, was durch knackige und modern anmutende Drums kontrastiert wurde. Auf jene setzte sich der Bass mit einem schlanken und dennoch tragenden Sound.

Madrugada
Frode Jacobsen mit 66er Fender Jazz Bass (Bild: Müller)

Verspielter wirkt das Intro von ,Sirens‘. Ab dem Gesangseinsatz wird diese hypnotische Nummer düster und erinnert an The Doors. Der Song und auch ,Strange Colour Blue‘ wirken wie Musik für einen Neo-Western. Wesentlich leichter kommt ,This Old House‘ mit seinem starken Folk-Einschlag.

Egal welches Stück man hervorhebt, die Musik bleibt immer spannend und unglaublich dynamisch. Und dennoch gibt es hier diesen einen Song, der heraussticht und einen nicht mehr loslässt: ,Beautyproof‘ baut sich über einer knackigen Rhythmus-Gitarre allmählich auf und steigert sich zum bombastischen Alternative-Rocker. Allein der melodische Basslauf ist eine Entdeckung. Apropos: Frode spielte einen 71er Gibson L9 und einen roten 66er Fender Jazz Bass über einen SWR- oder einen Hughes-&-Kettner-Amp. Hinzu kam ein Rat-Distortion-Pedal.

Der Kontrast zwischen straighter Rock-Band einerseits und zahlreichen Zwischentönen von Hammond, Rhodes, Violine, Xylophon, Glockenspiel und Harp andererseits halten die Aufmerksamkeit aufrecht. Nicht zuletzt trägt hierzu auch die weiche und flächige Pedal-Steel-Gitarre von Mark Egan (u. a. Freakwater, Billy Bragg, Wilco) bei.

Madrugada
Robert Burås (Bild: Müller)

Mit ihrem Mix bewegte sich die Band zwischen Rockabilly-Romantiker Chris Isaak, Neil Young & Crazy Horse und sicher kommt manch einem beim Hören auch der australische Düster-Onkel Nick Cave in den Sinn. Doch diese Namen sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Indierock von Madrugada sehr eigen war.

Auch der Stil von Gitarrist Robert Burås gehörte wohl zu den eigenwilligeren jener Tage: cool, eher sparsam, weniger Soli und stattdessen einprägsame Melodien und clevere Akkordbewegungen, die auch mal heavy rüberkamen. Und der Mann hatte einen Sound! Robert war bekannt für seine 1966er Fender Jazzmaster in Candy Apple Red. Daneben setzte er auch eine damals neue Fender Stratocaster Sunburst und eine schwarze Gibson Les Paul Custom von 1977 ein.

Verstärkt wurde mit einem Fender Twin Reverb und einem 70er Marshall-Amp (50 Watt) plus 4x12er-Marshall-Box. Schließlich kamen noch ein WahWah- und ein Distortion-Pedal des schwedischen Herstellers Gollmer hinzu. Wichtiges Stilmittel waren die markanten Halleffekte, die mit einem Alesis Reverb produziert wurden. Für die Aufnahmen zu ,Industrial Silence‘ wurden übrigens noch ein alter Vox AC30, eine Rickenbacker und eine alte Gibson Jumbo Acoustic verwendet.

Madrugada
Sivert Høyem (Bild: Müller)

Mit ihrem Debüt hatten die Musiker den grundsätzlichen musikalischen Kurs für die folgenden Jahre vorgegeben. Die Geschichte von Madrugada endete am 12. Juli 2007 abrupt mit dem Tod von Robert Burås, dessen Ursache bis heute unbekannt ist. Sivert Høyem blieb als Solokünstler erfolgreich, eine Reunion schien daher nur wenig wahrscheinlich.

Umso überraschender war die Ankündigung der „Industrial Silence European Tour 2019“ zum 20. Albumjubiläum. Neben Sivert Høyem, Frode Jacobsen und Jon Lauvland Pettersen sind Cato „Salsa“ Thomassen (g) und Christer Knutsen (kb, g) mit von der Partie. Im Frühjahr werden Madrugada in Deutschland, Belgien, Niederlande und Österreich unterwegs sein.

(erschienen in Gitarre & Bass 02/2019)

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