Interview:

Lockere Legenden: Mille Petrozza & Kreator

Seit 32 Jahren und 14 Alben stehen Kreator für den Thrash im Metal. Ein Genre, das die Pioniere aus Altenessen konsequent ausgelotet haben – und dem sie immer noch neue Akzente abgewinnen können. So auch mit ihrem aktuellen Werk ,Gods Of Violence‘, hinter dem viel mehr steckt, als der Titel vermuten lässt. Gitarre & Bass hat Mastermind Mille Petrozza im Pott getroffen – zum extensiven Plausch in der Essener Zeche Carl.

FOTO: Anders, Bjørn Fehl www.bjoernfehl.com

vZeche Carl: Eine Lokalität, die den heute 49-jährigen Kreator-Gitarristen Mille Petrozza geprägt hat, wie keine zweite. Hier wurde er musikalisch sozialisiert, hier hat er seine ersten Schritte als Musiker unternommen und hier ist er bis heute fest verwurzelt. Denn der Proberaum von Kreator befindet sich nach wie vor in einem Keller des historischen Gebäudes im tiefsten Altenessen. Ein klassischer Arbeiter-, Kumpel- und Malocher-Stadtteil, den der industrielle Wandel kein bisschen schöner gemacht hat, aber mit dem sich Mille, wie Miland Petrozza genannt wird, immer noch identifiziert – selbst wenn er inzwischen in Barcelona, Berlin und dem hippen Essen-Rüttenscheid residiert. Doch der Sohn italienischer Gastarbeiter ist, wie sich schnell zeigt, auf dem Boden geblieben: Trotz Rockstar-Lifestyle, internationalen Chart-Erfolgen und Kultstatus unter Musikerkollegen und Fans, gibt er sich offen, redselig und selbstkritisch, reduziert sich nicht auf die handelsüblichen Klischees und blickt auch mal über den sozio-politischen Tellerrand. Weshalb sich das Gespräch mit dem physischen wie psychischen Kraftpaket über 70 Minuten zieht. Leider nicht im Proberaum (Mille hat den Schlüssel vergessen), aber immerhin im stilvollen Ambiente der Zeche, die schon so manches Kreator-Konzert erlebt hat.

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Interview

Mille, du hast Kreator mit 16 Jahren gestartet. Warst du dir damals bewusst, worauf du dich da einlässt bzw. dass diese Band so ein wichtiger Teil deines Leben werden könnte?

Mille Petrozza: Na ja, das macht man einfach – und plötzlich sind 32 Jahre vergangen und man hat in der Zwischenzeit nichts anderes probiert. Ich glaube, das ist der Schlüssel bzw. der Grund, warum man das überhaupt so lange macht. Eben nicht, weil man mit 16 denkt: „Ich werde ewig Musik machen“ – sondern du tust es einfach.

Dann sind Kontinuität und Ausdauer der Grund, warum du da bist, wo du bist?

Mille Petrozza: Das ist wie mit jeder Leidenschaft. Also das Wort benutze ich jetzt bewusst, weil ich gerade noch mit jemandem gesprochen habe, der hier in der Zeche Carl arbeitet, und der hat gesagt: „Das ist ja am Ende des Tages auch dein Beruf.“ Ich möchte das nicht als Beruf sehen, sondern weiter als meine Leidenschaft betrachten. Ich möchte das als etwas sehen, das ich gerne mache. Was mich mit Freude erfüllt. Von daher: Klar, es ist auch ein Beruf. Auch insofern, weil es manchmal in Arbeit ausartet. Aber ich glaube, der Schlüssel dazu, dass man Musik macht, die dann auch andere Leute berührt, liegt darin, dass du das eben nicht so siehst. Dass du im Kopf bzw. im Herzen immer 17 bleibst und versuchst, das irgendwie durchzuziehen. Das ist allerdings nicht immer so einfach, denn über die Jahre verändert sich der Blick auf die Dinge – weil man auch viele Erfahrungen gemacht hat, die diesen 17-jährigen Blick etwas schärfen oder vernebeln.

Du hast zwar an diversen Projekten mitgewirkt, aber nie eine zweite Band gehabt, mit der du etwas völlig anderes gemacht hast. Wie kommt’s?

Mille Petrozza: Ich mache viele kleine Gastauftritte. Zum Beispiel für Dagobert, für Callejon, Caliban war ich mal dabei. Das sind meistens so kurze Gesangspassagen oder Soli, die ich da spiele. Eher so ein Spaß-Ding. Natürlich hätte ich auch mal Lust, was ganz anderes zu machen. Allerdings fehlt mir dazu ehrlich gesagt die Zeit und das wäre dann wirklich so ein… wie soll ich sagen? Dazu müsste ich weniger mit der Band beschäftigt sein und weniger um die Welt reisen, dass ich die Zeit und Muße hätte, jetzt noch ein Soloprojekt zu starten. Wäre ich nur Studiomusiker und würde nicht so viel touren, dann würde ich das wahrscheinlich irgendwann mal machen. Weil das einfach Spaß macht.

Das große Balladenalbum?

Mille Petrozza: Im Prinzip kann ich mich ja in der Band total ausleben. Es gibt auf dem neuen Album auch ruhigere Passagen.

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Und akustische Sachen, Streicher…

Mille Petrozza: Genau. Eigentlich bin ich kreativ völlig ausgelastet mit Kreator. Und in den 90ern hatte ich eine experimentelle Phase mit der Band, in der ich gemerkt habe, was es künstlerisch bedeuten kann, sich selbst ein Dogma aufzuerlegen. Das ist zum Teil sehr gut, weil dadurch eine ganz andere Energie freigesetzt wird. Und das haben wir in den 90ern ein paar Mal gemacht – natürlich unter dem Namen Kreator – und das sind auch alles Kreator-Lieder, weil ich da singe und Gitarre spiele und die Songs geschrieben habe. Aber das noch extremer zu machen und noch zu intensivieren, das wäre vielleicht mal eine Herausforderung.

Obwohl du damals volle Breitseite bekommen hast – von Kritikern wie Fans?

Mille Petrozza: Jein. Komischerweise werden in den letzten Jahren aber total viele Stimmen laut: „Wow, ,Endorama‘ ist euer bestes Album.“ Da kann ich nur sagen: „Warum sagt ihr das nicht gleich?“ (lacht) Das sagen wirklich viele. Pffff… keine Ahnung, warum. Wahrscheinlich sieht man durch das Internet heute viel mehr Meinungen, die früher gar nicht so laut wurden. Denn die Realität war, dass wir wirklich Konzerte gespielt haben, wo nicht so viele Leute kamen, weil sie das Album Scheiße fanden. Und heute siehst du dann plötzlich so 30 Leute, die das auf deiner Homepage posten, und denkst: „Oh, die Welt findet das Album doch nicht so schlecht.“

Dabei waren gerade die 90er auch eine Phase, in der man sich als Metal- Band neu erfinden musste, um zu überleben, oder?

Mille Petrozza: Aus heutiger Sicht können das viele Leute nicht mehr nachvollziehen, aber es war so. Irgendwie hat da jeder experimentiert – jeder. Und davon haben wir uns nicht ausgenommen. Es ist ja auch eine Tatsache, dass ich sehr früh mit der Musik angefangen und mich in ein musikalisches Korsett gezwängt gefühlt habe, aus dem ich ausbrechen wollte. Und ich glaube, das ging einher mit der Experimentierphase, die in den 90ern vorgeherrscht hat. Da war der Einfluss ein ganz anderer. Und ich glaube, die Alben sind – für das, was sie waren – wahrscheinlich ganz gut. Nur: Würde ich heute experimentieren, würde das ganz anders klingen. Dann wäre das viel ausgefeilter. Aber: Wir mussten ja mit den Mitteln und mit dem Equipment arbeiten, das wir damals zur Verfügung hatten.

Es gibt ein Zitat von dir, das besagt, es wäre nicht der Grunge gewesen, der damals für die Metal-Krise verantwortlich war, sondern die Szene wäre durch den Glam – also von innen heraus – zersetzt worden. Von den ganzen Pretty Boys, bei denen das Optische wichtiger war als die Musik …

Mille Petrozza: Absolut! Grunge war eigentlich viel cooler als diese ganzen Glam-Sachen – meiner Meinung nach. Während Thrash-Metal noch so ein bisschen im Punk-Rock und Hardcore verwurzelt war. Und das fand ich irgendwie besser. Obwohl das irgendwann auch zur Farce wurde, wie alle großen Musiktrends, die es so gab. Trotzdem war ich ein großer Fan – ich fand Nirvana schon vor dem ,Nevermind‘-Album ganz toll. Aber auch nicht so toll, wie das dann am Ende war, als jeder dachte: Es geht jetzt nur noch so weiter. Das war eine komische Zeit. Du musst dir vorstellen: Musik war noch nicht so frei. Das hört sich jetzt komisch an, aber die Medien haben noch mehr diktiert, was viele Menschen gehört haben. Es war nicht so, dass du einfach deinen Laptop aufgemacht und die und die Band angeklickt hast, und dann werden dir gleich 15 andere im gleichen Stil vorgeschlagen. Außerdem gab’s noch MTV. Das war ein großer Manipulator zu der Zeit. Und dominant waren Glam- Bands. So amerikanische Rock-Bands wie Poison. Das war für mich das gleiche Phänomen wie mit Nirvana. Ich war sehr großer Mötley-Crüe-Fan und dann kamen diese ganzen Kopien, die das alles ad absurdum geführt haben. Wo ich dann dachte: „Wow, ist wie Mötley Crüe – nur in Scheiße. Und davon gibt’s jetzt tausende Bands, die die ganze Aufmerksamkeit bekommen und Metal definieren.“ Was ja totaler Mumpitz war. Thrash-Metal war eher Untergrund. Doch die Reaktion von MTV und den ganzen Radiostationen und Plattenfirmen, die damals noch einen anderen Stellenwert hatten, war: „Wir brauchen dringend einen Wechsel. Die müssen alle weg – irgendwie.“ (lacht) Leider wurden da auch die ganzen Thrash- Metal-Bands miteinbezogen – weil das für die alles Metal war. Weil da viele Leute sehr oberflächlich an die Sache herangegangen sind, wurde alles, was irgendwie nach Metal roch, erst mal verbannt.


Equipment

  • Gitarren: BC Rich Beast, ESP E-II MKI, ESP LTD MK-600, Gibson Les Paul, Ibanez Destroyer, Jackson King V, Jackson Mille Phobia X Series, Jackson Randy Rhoads, 70s Eko 12string Acoustic
  • Verstärker: Engl E636 Extreme Aggression,
    Peavey 5150

Durch das Internet haben sich die Hörgewohnheiten radikal gewandelt – zum Positiven für eine Band wie Kreator?

Mille Petrozza: Ja, und so oft man das Internet auch als das Medium verteufelt, das uns zu gläsernen Menschen macht – es hat durchaus seine Vorteile. Ich glaube, jeder, der Kreator 2001 mit ,Violent Revolution‘ kennengelernt hat und heute vielleicht so Anfang/ Mitte 30 ist, hat einen ganz anderen Zugriff auf alle möglichen Genres. Denn theoretisch ist ja alles da: Du brauchst es ja nur anzuklicken. Was Vor- und Nachteile hat. Schade find ich einfach, dass sich viele Leute ihr Wissen nur noch im Internet holen und die Live-Konzerte nicht mehr besuchen. Was gerade damals, als wir aufwuchsen, ein großer sozialer Faktor war. Wo du auch mal Leute kennengelernt hast und das etwas Besonderes war. Da konntest du nicht jeden Tag auf Facebook gehen, sondern du musstest wirklich rausgehen und Leute treffen. Heute ist es so: Da gibt’s Menschen, die wohnen in einer anderen Stadt und man hat das Gefühl, man sieht die immer – obwohl man sich mit denen nur per Facebook unterhält. Was ja nichts mit der physischen Präsenz der Person zu tun hat. Das ist einfach so: Ich tipp jetzt mal irgendwas ein. Und derjenige, mit dem ich da verbunden bin, ist auch noch der, mit dem ich dieses und jenes aus der Vergangenheit verbinde. Das ist ein psychologischer Umbruch. Mit der Kommunikation verändert sich auch das menschliche Miteinander.

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Dabei läuft es bei euch seit den 2000ern bombig. Das letzte Album, ,Phantom Antichrist‘ von 2012, war sogar das erste, das eine Top-5-Platzierung in den Charts erreicht hat.

Mille Petrozza: Alles super, ich kann mich nicht beschweren. Und das Beste ist, dass man heute auch mal zugeben kann: Man ist nicht nur Hardcore, man ist nicht nur Metal, man ist nicht nur Indie-Pop, sondern man ist irgendwie offener. Das ist eigentlich das Gute an der heutigen Zeit, finde ich.

Und dadurch eröffnen sich völlig neue Perspektiven?

Mille Petrozza: Schon. Obwohl: Das hat auch mit den Charts zu tun. Wahrscheinlich wären wir in den 80ern auch schon mal Top-5 gegangen – wenn dann nicht so komische Sachen passiert wären. Wenn da nicht Kühlschränke verkauft werden mussten, um Notierungen zu erreichen …

Ich nehme mal an, du hast von den Umsätzen eures alten Labels Noise nie einen Cent gesehen, wie viele andere Bands auch?

Mille Petrozza: Lass es mich mal so ausdrücken: Die Abrechnungen sind heute auf jeden Fall transparenter. (lacht)

Wenn man mit Künstlern aus den 80ern spricht, scheint das allerdings auch nicht wichtig gewesen zu sein. Wieso?

Mille Petrozza: Das war nicht nur nicht wichtig, sondern sogar ein bisschen verpönt. (lacht) Irgendein Plattenfirmen-Chef hat sogar mal gesagt: „Was will denn ein Musiker mit Geld?“ Den Spruch gab’s wirklich. Und ja, man hat das aus einer anderen Motivation heraus gemacht. Man ist eben auch durch sein Umfeld geprägt worden, und das waren andere Zeiten. Man wollte die Musik nicht den kapitalistischen Gesetzen unterwerfen. Und weil dann doch Geld damit umgesetzt wurde, haben die Plattenfirmen eben gesagt: „Gut, dann nehmen wir das.“ (lacht)

Wie würdest du reagieren, wenn das neue Album Platz 1 erreicht?

Mille Petrozza: Dann freue ich mich für eine Woche. Weil ich nicht weiß, ob es länger als eine Woche auf Platz 1 sein wird. (lacht) Die Möglichkeit besteht zwar, aber das ist natürlich nicht der Grund, warum wir das Album gemacht haben. Viel wichtiger als auf Platz 1 zu kommen, ist lange in den Charts zu bleiben, damit du so viele Leute wie möglich erreichst. Und dass die Leute, die uns kennen und mögen, das toll finden. Und dass wir das toll finden bzw. vielleicht noch ein paar neue Leute dazukommen. Das ist immer so das Ziel, das man hat, wenn man ein neues Album veröffentlicht.

Du bist gerade 49 geworden. Machst du dir manchmal Gedanken, wie lange du das noch machen kannst? Oder wie lange du das noch willst?

Mille Petrozza: Ich guck einfach, dass ich fit bleibe. Wenn ich ins Fitnessstudio gehe – ich bin ja auch so ein bisschen sportverrückt – dann sehe ich Leute, die viel älter sind als ich. Die sind 70. Ein Typ ist sogar über 80. Und der ist so ultra-fit, und an diesen Leuten orientiere ich mich heutzutage. Muss ich auch. Weil ich finde: Musik machen und zu performen, geht nur so lange, wie du das auch energetisch vertreten kannst. Weil: Das ist Energie! Das ist ein Austausch von Energie. Und wenn du als Medium nicht mehr funktionierst, weil du deinen Körper verbraucht hast, hast du ein Problem. Das ist wirklich so. Es geht nur um Fitness – um mentale und körperliche Fitness. Das war früher völlig egal. Da war es so: Wenn man 20 ist, kann man alles machen. Scheißegal. Jetzt merke ich das. Auch Trinken – das kann ich vergessen. Natürlich trinke ich ab und zu noch ein bisschen Rotwein, aber das merke ich dann am nächsten Tag. Das geht nicht mehr … Also, das Alter ist schon eine Herausforderung. Aber ich sehe dem positiv entgegen, weil ich mir auch bewusst bin: Christof Schlingensief war glaube ich schon tot in meinem Alter. Peter Steele ist mit 48 oder 49 gestorben. Ganz viele sind schon umgekippt. Da bin ich einfach froh, dass ich noch da bin. Und ein gutes Beispiel – egal, wie man zu denen steht – sind die Scorpions. Die halten sich fit. Das sind Yoga-Typen. Der Rudolf Schenker, der sieht nicht aus wie fast 70, der ist auf der Bühne voll da. Der gibt Gas. Und das sind Vorbilder von mir. Genau wie Iggy Pop.

Was haben deine Eltern gesagt, als du dich damals entschieden hast, Rock- Gitarrist zu werden?

Mille Petrozza: Die haben sich gefreut, dass ich überhaupt irgend etwas werde. Das ist so. Meine Eltern haben mich eigentlich immer unterstützt, und wenn die gemerkt haben: Der hat da Bock drauf und der macht das, dann war das OK. Zumal ich hier in Altenessen groß geworden bin. Und in diesem Stadtteil war es so, dass man einen Handwerksberuf erlernt. Nur: Meine Eltern wussten von vornherein, dass ich darauf keinen Bock habe. Die wussten, dass ich nicht unter Tage oder irgend so einen Quatsch wollte. Ich war dann noch ein paar Jahre auf der Handelsschule, aber eigentlich nur, um Zeit zu schinden. Damit ich nicht irgendeine Ausbildung anfangen musste und deswegen dann nicht mehr auf Tour hätte gehen können. Das war der Grund. Und dann war ich auch gleich auf Tour.

Was euer neues Werk betrifft: Fünf Jahre zwischen zwei Alben habt ihr noch nie gebraucht. Was ist passiert?

Mille Petrozza: Es waren viereinhalb. Und ich hätte gerne noch ein bisschen länger daran herumgedoktert, aber dann wäre es nie fertig geworden.

Brauchst du heute länger? Hast du einen höheren Anspruch an das, was du tust?

Mille Petrozza: Natürlich. Du musst dir vorstellen: Wenn du schon 14 Alben gemacht hast, möchtest du dich ja nicht wiederholen. Und früher war es so: „Ich habe das noch nicht gemacht, ich habe diesen Takt noch nicht ausprobiert, ich habe noch nicht über dies oder das gesungen.“ Doch mittlerweile habe ich eben so viele Dinge abgearbeitet, dass es für mich immer schwierig wird, Themen zu finden.

Im letzten Jahr hast du einen Endorsement- Deal mit ESP abgeschlossen. Ist es das, was du auf dem neuen Album spielst – dein ESP-Signature-Modell?

Mille Petrozza: Genau. Für das Album hat ESP mir ein paar LTD-Eclipse-Modelle geliehen, die ich im Studio zusätzlich zu meiner Signature genutzt habe. Und ich habe einen neuen Pickup von Fishman, den Fishman- Fluence-Modern. Mein Gitarren-Tech Marc Niedersberg hatte den angeschleppt – und das Teil hat einfach alles plattgemacht. Fishman ist eigentlich eine Firma, die früher nur Akustik-Gitarren bestückt hat, und jetzt haben die auch einen aktiven E-Gitarren-Pickup, der noch besser klingt als der alte EMG 81, den ich hunderttausend Jahre lang gespielt habe. Ich habe also zum ersten Mal einen Pickup- Wechsel vollzogen. Ansonsten: Ich spiele oft meine Signature-Modelle – MK 1 und MK 600 heißen die.

Dabei warst du mit Jackson, mit denen du jahrelang gearbeitet hast, immer sehr zufrieden, oder?

Mille Petrozza: Schon, aber da bin ich ganz ehrlich: Ich wollte von denen als internationaler Künstler behandelt werden und nicht nur als der Deutsche, der dann mal eine Limited Edition kriegt. Da bin ich auch ein bisschen vehement.

Ist die ESP denn ein weltweites Signature- Modell?

Mille Petrozza: Diesmal ist es weltweit. Das war allerdings nicht der einzige Grund, warum ich gewechselt bin, sondern da war auch noch Chris Cannella, der das damals mit Jackson ein bisschen angeschoben hat und der mich da sehr unterstützt hat. Chris ist zu ESP gewechselt … Und ich finde, das sind einfach großartige Gitarren und ich bin sehr zufrieden damit. Was allerdings auch neu ist, auf diesem Album, ist dieses Evertune- System. Das habe ich für die Rhythmus- Gitarren benutzt. Und mein Produzent hat das so eingestellt, dass es trotzdem noch ein bisschen reagiert. Denn wenn es zu sehr „in tune“ ist, klingt es auch wieder nicht. Du brauchst diesen … Wie soll man das sagen? Also immer, wenn du einen Ton anschlägst, ist der ein bisschen verstimmt. Wenn auch nur minimal.

Also nicht super-perfekt?

Mille Petrozza: Nicht super-perfekt, genau. Das ist der Ansatz … Und das hat uns viel Zeit gespart, weil wir weniger Zeit mit Tuning verbracht haben. Und bei den Aufnahmen hatte ich meine ESP-Custom-Shop-Gitarre mit einem Kahler-Vibrato. Die ist so modifiziert, dass ich nur ein Volume-Poti habe. Und sie haben die kurze 24.75“-Mensur – bei allen Modellen. Ich fand, dass die Riffs dadurch noch brutaler klingen und sich die Gitarren noch einfacher spielen lassen als bei der 25.5“-Mensur. Aber: Das Custom- Shop-Modell ist in der Form nicht erhältlich – es wurde in Zusammenarbeit zwischen ESP und meinem Gitarren-Tech entworfen. Genau wie die Form. Die basiert zwar auf einer ESP Arrow, aber wir haben sie ein bisschen in meinem Stil verarbeitet. Sprich: Wir haben bei der LTD Mahagoni und bei der ESP E-II Erle für die Bodywings verwendet. Und wir haben bei allen einen durchgehenden Ahornhals, der mir sehr wichtig ist. Es gibt die in drei Versionen: Die EII und die LTD-Versionen haben ein Floyd-Rose-Vibrato. Und zusätzlich habe ich meine eigene ESP-Custom- Shop Version, basierend auf meiner Signature, die nur für mich gebaut wurde – mit einem alten Kahler-Vibrato.

Was ist dir an einer Gitarre wichtig? Du bist doch bestimmt auch Sammler?

Mille Petrozza: Null! Gar nicht! Ich habe ein paar Gitarren, aber nicht, weil ich Sammler bin, sondern weil ich so viele Instrumente geschenkt bekomme. Und ich gebe die dann meistens weiter an Leute, die damit spielen. Ich leihe sie bis an ihr Lebensende aus – Hauptsache, sie werden gespielt. Aber für mich ist eine Gitarre nur ein Werkzeug. Ich benutze es, um Songs zu schreiben – genau wie eine Schreibmaschine bzw. einen Computer. Aber: Für mich ist das ein Medium und keine Philosophie. Ich kann jetzt hier auch auf einer Gitarre spielen, die ganz schlimm ist. Hauptsache, da sind sechs Saiten drauf. Darum geht’s mir. OK, live ist es eine andere Geschichte, oder im Studio, wenn es um die Aufnahmen geht, brauche ich schon so etwas wie eine ESP. Die Dinger, die ich habe, sind genau auf mich zugeschnitten.

Aber es ist nicht so, dass du ständig suchst oder tauschst?

Mille Petrozza: Nein, Null. Das habe ich früher mal getan. Ich habe auch ein paar Schätzchen zu Hause, ein paar Les Pauls, ein paar BC Richs und so. Die sind aus der Zeit, als ich noch gesammelt habe.

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In den 80ern?

Mille Petrozza: Ja, irgendwann musste man mal eine Les Paul haben, weil man sich dann toll gefühlt hat. Und das sind ja auch tolle Gitarren. Also ich liebe Les Pauls. Nur: es ist nicht gut, wenn ich nur in eine Gitarre verknallt bin und sie die ganz Zeit spiele, während die anderen doof in der Ecke rumstehen. Das will ich dann auch nicht.

Also sind das alles Ladies?

Mille Petrozza: Ja, ist so! Und die möchten gespielt werden. Wenn du dich nicht um sie kümmerst, ist das irgendwie traurig. Dann sind die da und wissen nicht, was sie machen sollen.

Das heißt auch: Du hast sie ständig um dich herum?

Mille Petrozza: Ich habe ein eigenes Musikzimmer in meiner Wohnung, und da stehen Gitarren und Verstärker. Aber auch nicht nur. Da sind auch irgendwelche Akten und Steuersachen und Bücher. Das ist so quasi das Denkerzimmer. (lacht)

Hast du die BC Richs wegen Kerry King von Slayer?

Mille Petrozza: Unter anderem. Ich war ja großer Slayer- Fan. Da habe ich die BC Rich zum ersten Mal richtig wahrgenommen, weil Kerry King die gespielt hat. Deswegen habe ich mir zu der Zeit auch eine Mockingbird gekauft … Die habe ich leider nicht mehr. Die hat man mir gestohlen. Und manche Gitarren sind auch unterwegs einfach verloren gegangen. Es gab da mal eine ganz, ganz schöne Jackson, die hat man mir von der Bühne geklaut. Und die Mockingbird auch – in Irland.

Gab es eine Initialzündung, die dich zum Gitarristen gemacht hat? Irgendwen, den du gesehen und gesagt hast: Das will ich auch?

Mille Petrozza: Kiss – eindeutig. Ich wollte ja im Prinzip Superheld werden, und dann war das nichts. Also ich habe gemerkt, dass das irgendwie nicht so richtig funktioniert. Und dann habe ich Kiss gesehen und die waren quasi eine Mischung aus Superheldentum und Rock’n’Roll. Dann habe ich meine erste Gitarre bekommen. Die habe ich damals von meinem Cousin gekauft, und das hat irgendwie funktioniert. Ich war eine ganz Nacht lang auf und habe gespielt wie ein Besessener. Da war ich zwölf oder dreizehn. Und als es hell wurde, habe ich immer noch Gitarre gespielt, und mir wurde klar: Irgendetwas ist jetzt mit mir passiert. Und dann bin ich eben einfach dran geblieben an der Sache.

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Wie haben sich dein Spiel und dein Stil über die Jahre verändert – kannst du da etwas feststellen?

Mille Petrozza: Damals wusste ich noch nicht, wie man eine Gitarre stimmt und musste erst einmal checken, dass eine Gitarre nicht scheiße klingt, sondern einfach nur verstimmt sein kann. Verändert hat sich das über die Jahre mit der Erfahrung. Ich habe dann auch Gitarrenstunden genommen und bin den normalen Weg gegangen: Ganz schnell eine Band zu gründen – das war das Wichtigste, das war essentiell.

Wie viele deiner Vorbilder und Helden hast du kennengelernt?

Mille Petrozza: Ace Frehley habe ich noch nicht kennengelernt. Der war früher mein Vorbild, mein Held. Dann gab es Adrian Smith von Iron Maiden. Den habe ich sogar mal getroffen, und das ist ein ganz, ganz cooler Typ. Es hat mich auch gefreut, dass der so cool war. Wenn der Scheiße gewesen wäre, wäre das blöd. (lacht)

Spielst du noch täglich?

Mille Petrozza: Im Moment gar nicht. Im Moment rede ich. (lacht) Nein, null. Das nervt mich auch ein bisschen. Denn ich merke, dass ich eigentlich wieder Gitarre spielen und schreiben will. Aber ich habe nicht die Muße, weil ich in einer Promo-Phase stecke, und abends so durch bin, dass ich nur noch rumhänge und Netflix gucke.

Gitarrentechnisch, wie funktioniert das zwischen Sami Yli-Sirniö und dir?

Mille Petrozza: Sehr gut: Sami ist der bessere Gitarrist. Und das ist ein Fakt. Er ist ein studierter Musiker. Der war auf der Musikakademie Helsinki, und ich war im Einkaufszentrum Altenessen – beim Gitarrenkurs für ein halbes Jahr. Das merkt man immer noch. Ich kann mir aber besser Sachen ausdenken als er! Das kann er eben nicht. Er kann keine Songs schreiben, und deswegen ergänzen wir uns sehr gut.

Würdest du sagen, dass er Stabilität in die Band gebracht hat?

Mille Petrozza: Ja, weil er die Band einfach auf ein ganz anderes Level hebt.

Und was zum Henker sind Göteborg- Metal-Riffs? Warum heißen sie nicht Altenessen-Riffs?

Mille Petrozza: Endlich sagt das mal einer!!! (lacht) Also endlich erkennt das mal einer! Danke, das macht meinen Tag jetzt perfekt. Ich bekomme das immer im Netz mit, dass irgendwelche Leute Göteborg in Verbindung mit Kreator bringen. Und da tut man uns unrecht. Weil: Wenn man diese ganzen Göteborg-Bands fragt, worauf sie sich beziehen, dann sagen sie: ,Extreme Aggression‘ und ,Coma Of Souls‘. Und das sind die beiden Alben, wo diese Riffs in ihrer Urform – ohne, dass ich es wusste oder in irgendeiner Art und Weise wollte – den Grundstein für In Flames und wie sie alle heißen gelegt haben. Als wir 2001 wieder angefangen haben, härtere und nicht experimentelle Musik zu machen, habe ich das zum ersten Mal gehört: „Ihr macht ja Göteborg-Riffs.“ Und ich so: „Ne, wir wollten eigentlich wieder so etwas wie ,Extreme Aggression‘ und ,Coma Of Souls‘ machen.“ – „Ach so, verstehe.“ Damit muss ich jetzt leben, dass da manche Leute ihre Hausaufgaben nicht machen.

Ein ähnliches Erlebnis hattest du schon Anfang der 90er, als Sepultura und Machine Heads plötzlich Samples eingesetzt haben – was bei Kreator längst Standard war.

Mille Petrozza: Genau. Wir haben das auf ,Renewal‘ zum ersten Mal gemacht. Und ich kann nur sagen: Man muss aufpassen, dass man nicht so eine Band wird, die sich darin verrennt, immer auf den neuesten Zug zu springen. Es ist schwierig, aktuell zu bleiben.

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Dafür wirst du ja als Pionier bezeichnet…

Mille Petrozza: Ja, aber davon hast du am Ende des Tages nichts. Wenn du nur noch der Pionier bist, kommst du in so eine obskure Ecke. Das möchte ich nicht – ich möchte für viele Leute Musik machen.

Seid ihr nicht auf dem besten Weg, den Underground endgültig hinter euch zu lassen?

Mille Petrozza: Das ist nicht das absolute Endziel, sondern ganz einfach eine logische Entwicklung, wenn man das schon so lange macht, mit einer Band …

Aber das haben über die Jahre schon so viele Bands versucht – und Metallica haben z.B. alles dafür getan: Haar schneiden, Sakko anziehen, mit einem Sinfonieorchester spielen, Cover-Songs aufnehmen. Nach dem Motto: Raus aus der Nische, rein in die Mainstream-Publikationen und die Frauenmagazine. Ich weiß nicht, wer ihnen diesen schrägen Floh ins Ohr gesetzt hat …

Mille Petrozza: Ich denke, Managements. Während das, was wir machen, wohl auch so ein bisschen Sturheit ist. Wir bleiben einfach bei dem, was wir können, und präsentieren uns immer noch so ähnlich wie in den 80ern. Komischerweise.

Wie steht es mit neuen Gitarristen? Hast du da irgendwelche Favoriten?

Mille Petrozza: Ich bin nicht so ein Gitarristen-Typ. Keine Ahnung. Ich glaube, dieser Bonamassa, oder wie der heißt, soll wohl ganz gut sein. Aber ich habe den noch nicht gehört. Ich mag eher Bands.


Aus Gitarre & Bass 02/2017

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