Steve van Zandt im Interview

Little Steven: „Der Rhythmusgitarrist ist der unbesungene Held des Rock’n’Roll!“

Little Steven
FOTO: YouTube

Er ist Schauspieler, Radio-DJ, Produzent, Autor und Sideman. Kein Wunder, dass er für sein siebtes Solowerk ‚Soulfire‘ fast 20 Jahre gebraucht hat.

Serien-Aficionados kennen ihn als Club-Besitzer Silvio Dante aus „The Sopranos“ oder als Mafiaboss Frank Tagliano aus „Lillyhammer“. Im realen Leben gründete Steven van Zandt in den vergangenen Jahren die Bildungsinitiativen „Rock and Roll Forever Foundation“ und „TeachRock“, brachte sein Bühnenstück „The Rascals – Once Upon A Dream“ an den Broadway und war mit Bruce Springsteen auf Tour. Und nebenbei moderiert er noch seine Radio-Show „Little Steven’s Underground Garage“ die vornehmlich Musik präsentiert, die nicht in den Mainstream-Radioprogrammen läuft.

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Im Mai 2017 stellte der Mann mit dem Bandana als Markenzeichen überraschend sein neues Soloalbum ‚Soulfire‘ vor und servierte mit seiner Band Disciples Of Soul eine mitreißende Melange groovender Rock-meets-Soul-Tunes.

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Steven, es scheint, als hättest du zwischenzeitlich ein wenig das Interesse am Gitarrespielen verloren.

Little Steven: Nein, das habe ich nicht. Ich war nur mit so vielen anderen Themen beschäftigt. Das Schauspielern hat eine Menge Zeit gekostet. Ich wurde bei The Sopranos ins kalte Wasser geworfen und musste schwimmen lernen. Niemand ahnte, dass die Serie Kultstatus erlangen würde! Dann habe ich als Autor und Produzent gearbeitet und war mit Bruce auf Tour, was meine ganze Aufmerksamkeit erfordert. So sind fast 20 Jahre vergangen. Aber jetzt war die Zeit reif.

Bei ‚I’m Coming Back‘ hört man deine musikalische Herkunft der Asbury Park Szene, jenen Rock-meets-Soul-Sound den du mit Bruce Springsteen geschaffen hast.

Little Steven: Rock und Soul waren früher Kumpels, sie liefen Seite an Seite im Radio. Das gibt es heute nicht mehr.

Da liefen die Beatles und danach Marvin Gaye, dann The Kinks und Smokey Robinson oder The Animals und Curtis Mayfield. Diese Synergien haben Bruce und ich aufgeschnappt und Bruce hat dem Ganzen mit der E-Street-Band seinen Dreh verpasst.

Little Steven
FOTO: YouTube

Deine Band Disciples Of Soul umfasst 15 Musiker. Eine echte Big Band.

Little Steven: Ich liebe große Bands! Schon bei den Asbury Jukes hatten wir fünf Bläser, das ist also nicht neu für mich. Bläser, Streicher, Background Vocals – je größer das Puzzle, desto mehr Spaß macht es mir. Die Herausforderung liegt in der „wall of clarity“, wie ich das nenne, denn ich will jeden Musiker hören. Ich arrangiere alle Songs selbst, bevor ein Produzent seinen Senf dazu gibt. Und ich warte noch heute auf meinen großen Durchbruch! (lacht)

Als Gitarrist siehst du dich in der Tradition von Keith Richards und Pete Townshend. Wie siehst du deine Rolle?

Little Steven: Rhythmusgitarrist zu sein, scheint für viele auf den ersten Blick ein langweiliger Job zu sein, wenn du nicht der Autor des Songs bist. Bassist und Schlagzeuger haben ihr Ding am Laufen, der Keyboarder spielt Melodien, die Bläser haben ihre Einsätze, der Lead-Gitarrist seine Soli und der Sänger schmeißt die Show. Und der Rhythmusgitarrist? Er ist ist der unbesungene Held des Rock’n’Roll! (lacht) Ich hatte bei der E-Street Band nie das Verlangen der Welt zu zeigen, was für ein toller Gitarrist ich bin. Wenn du mich Gitarre spielen hören willst, kauf dir ‚Born Again Savage‘. (lacht)

Wie hat sich dein Spiel im Laufe der Jahre entwickelt?

Little Steven: Ich war nie ein „Musician’s Musician“. Wollte ich auch nie sein. Deswegen habe ich auch nie an meiner Technik gefeilt. Natürlich habe ich am Anfang wie wild geübt, denn anfangs ist Technik ja alles was du hast, solange du noch keine Songs schreibst. Aber wenn Gesang, Texte und schließlich eine Band dazu kommen, ist das Gesamtbild größer, als dein Können am Instrument. Ich habe natürlich auch eine Menge verschiedener Phasen als Gitarrist durchlaufen, auch ich habe die Gitarrenaltmeister studiert, später die Wurzeln meiner Helden erforscht und landete schließlich bei den Bluesern. Nachdem ich all das gelernt hatte, fragte ich mich: was fang ich jetzt damit an? Deshalb waren mir Songs immer wichtiger, als mein Gitarrenspiel. Gute Songs zu schreiben, ist eine hohe Kunst.

Die höchste Perfektion hatten die Single-Hits der 50er- und 60er-Jahre. Songs, bei denen alles in drei Minuten gesagt werden musste, inklusive 20- sekündigem Solo, das anfangs meist vom Saxofon kam und dann zunehmend durch Gitarren ersetzt wurde. Dadurch hörten wir Jeff Beck, Eric Clapton und Jimmy Page. And that is the real shit, that’s as far as you can go! In ihren Soli steckte einfach alles drin. Sie waren aufregend, inspirierend, motivierend. Das waren Sternstunden für mich.

Little Steven
FOTO: Takahiro Kyono (CC)

Mal konkret: Was machst du, um Songwriting-Routinen zu durchbrechen?

Little Steven: Nun, wir haben ja nur zwölf Noten zur Verfügung, aber wenn du siehst, wie viele Songs daraus entstanden sind, kannst du nur staunen. Du findest immer wieder eine Kombination, die ein klein wenig anders ist und schon hast du was Neues, was dich anturnt oder ein Gefühl erweckt, über das du schreiben willst. Es geht also darum, immer weiterzumachen und neue Kombinationen zu suchen.

Was für Instrumente befinden sich in deiner Sammlung?

Little Steven: Ich bin kein Sammler. Ich habe keine Instrumente in Vitrinen. Mein erster Gitarrentechniker lieh mir vor rund 40 Jahren seine Les Paul, die ich noch immer habe. Die ist von 1959 und dürfte inzwischen richtig was Wert sein. Die habe ich auf ‚Born Again Savage‘ gespielt. Sie klingt übrigens völlig anders, als eine neue Les Paul! Das ist die einzige wertvolle Gitarre, die ich habe. Und genau genommen gehört sie nicht mal mir. (lacht)

Auf der Bühne sieht man dich fast immer mit deiner schwarzen Strat.

Little Steven: Ich hatte mal eine tolle Strat aus den frühen 60er-Jahren, die mir leider gestohlen wurde. Ab dem Tag schwor ich mir, nichts mehr auf Tour mitzunehmen, was wertvoll ist. Meine schwarze Strat ist ein Custom-Shop-Instrument, ein Remake einer Fifties-Strat.

Du warst nie ein großartiger Sänger, hast aber am Mikro immer überzeugt. Du warst nie ein virtuoser Gitarrist, giltst aber als Legende. Ist das eine Frage der Persönlichkeit?

Little Steven: Es ist einfach ein Virtuose zu sein. Aber schwer eine Legende zu werden! (lacht) Hey, was soll ich dazu sagen? Das soll jemand anderes beantworten. Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich nach so vielen Jahren immer noch unterwegs bin. Und Persönlichkeit? Durch meine Schauspielerei habe ich inzwischen acht verschiedene Persönlichkeiten. Das macht es nicht einfacher! (lacht)

Little Steven
FOTO: Takahiro Kyono (CC)
Steve live mit „The Boss“ Bruce Springsteen

Du moderierst seit 2002 die Radio-Show „Little Steven’s Underground Garage“, sozusagen ein Bildungsprogramm für Kids die nur Katy Perry und Lady Gaga kennen.

Little Steven: Genau das ist der Punkt, weshalb ich die Sendung ins Leben gerufen habe. Woher willst du wissen, dass es großartige Musik gibt, wenn du sie nirgends hörst? Wenn du heute das Radio anschaltest – na, ich wünsch dir viel Glück! Die Musik, die da läuft, macht mir Angst. Echt gruselig. Ich dachte mir: will ich meinen Kindern das zumuten? Also, bringen wir mal eine coole Party auf Sendung.

Vielen Dank fürs Gespräch!


Stevens Gitarrentechniker Jeff Tweedy

„Steven will, dass seine Gitarren funktionieren und gestimmt sind, ganz einfach. Er verlangt keine großen Extras. Er ist ein total umgänglicher Boss. Seine Gitarren sind mit D‘Addario .009-.042 bestückt und laufen über zwei Vox AC30 White Bronco Heads, die ich von der Bühnenseite steuere. Auf der Bühne stehen lediglich die Speaker-Cabinets. Steven will einen möglichst fetten Clean-Sound, ein lineares Setting über den Normal-Channel, ganz einfach. Er will ein möglichst fettes Signal.

Wenn Effekte dazu kommen, dann ein Tube Screamer und ein Klone KTR Centaur Overdrive, aber nur moderat, nur um dem Ton ein wenig „edge“ zu verpassen. Schließlich passiert in dieser Band eine Menge mit fünf Bläsern, zwei Keyboards und drei Backing-Sängerinnen. Das gilt auch für Stevens Arbeit mit Bruce: der Boss ist laut, Nils (Lofgren) ist laut. Da kommt Steven am besten durch, wenn sein Gitarrensignal clean ist. Nur für den Etta-James-Song ‚Blues Is My Business‘ spielt er eine Les Paul über einen Blackstar Amp. Nur für diesen einen Song. Aber da reißt er alles auf!


discografie
Men Without Women (1982)
Voice of America (1984)
Freedom No Compromise (1987)
Revolution (1989)
Born Again Savage (1999)
Greatest Hits (1999)
Born Again Savage (2007)
Soulfire (2017)


websites
www.littlesteven.com
www.undergroundgarage.com
www.rockandrollforever.org
www.teachrock.org

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(erschienen in GItarre & Bass 02/2018)

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