Alle Macht den Träume(r)n

Lenny Kravitz: Ich bin auf Prince-Alben vertreten, auf denen mich niemand vermuten würde

Lenny Kravitz
(Bild: Mathieu Bitton)

Für Lenny Kravitz ist Rockmusik nicht nur Unterhaltung, sondern ein Mittel, um Menschen wachzurütteln, um sozio-politische Veränderungen herbeizuführen und die Welt zu verbessern. Das mag naiv klingen, hat aber Hand und Fuß – und klingt vor allem richtig gut. Nachzuhören auf ‚Raise Vibration‘, ein Album, das tatsächlich für heftige Vibrationen sorgt – und auf denkwürdigen Träumen basiert.

Die hatte Leonard Albert Kravitz, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, in seinem State-Of-The-Art-Anwesen auf der bahamesischen Insel Eleuthera. Kilometerlange Strände, blaues Wasser und ein Heimstudio, in dem der 54-Jährige so viel Krach machen kann, wie er nur will. Kurzum: Ein relaxter, sonniger Flecken Erde, der ihm alles bietet, was er braucht. Auch Lennys neuestes, elftes Werk ‚Raise Vibration‘ ist wieder im karibischen Paradies entstanden. Wobei er sämtliche Instrumente im Alleingang eingespielt und sich lediglich auf die Hilfe seines langjährigen Sidekicks Craig Ross (an der Gitarre und als Techniker) verlassen hat. Mehr Input braucht der Selfmade-Mann, der auch Designer, Fotograf und Schauspieler ist, nicht. An Song-Ideen und griffigen Botschaften habe es ihm schließlich nie gemangelt. Auch, wenn es mit der großen Eingabe erst mal ein bisschen länger dauerte …

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Lenny, angeblich hast du im Vorfeld des neuen Albums unter einer heftigen Schreibblockade gelitten – bis dir die Songs sprichwörtlich im Traum erschienen sind. Stimmt das?

Oh ja! Und das, als ich eigentlich nicht mehr damit gerechnet hatte. Mir ist ewig nichts eingefallen – und dann bin ich plötzlich mitten in der Nacht aufgewacht und hatte die besten Ideen, die ich auch sofort umgesetzt habe. Ich habe mir meine Gitarre gegriffen, bin rüber ins Studio und habe losgelegt.

Lenny Kravitz

Wie darf man sich dein Studio unter Palmen vorstellen – wie spartanisch oder high tech bist du?

Es ist einfach ein toller Ort, an dem ich alles an Equipment habe, was ich brauche. Das ist immer auf stand-bye und ready to go. Ich komme da rein und kann sofort loslegen. Es ist ein heller, offener Raum mit hohen Fenstern, durch die man direkt aufs Meer blickt – einfach wunderbar. Und ich habe da richtig teure, alte Instrumente. Sammlerstücke, die ich wahnsinnig gerne spiele und die einen tollen Klang haben. Insofern ist das so etwas wie mein Paradies. Ein Ort, an dem sich hervorragend arbeiten lässt. Aber: Ich bin nicht einsam, ich genieße mein Leben, ich vermisse nichts – zumindest auf menschlicher Ebene. Und die ist momentan eh nicht so wichtig wie das, was in der Welt passiert.

Nämlich?

Wir leben in schwierigen Zeiten – und ich bin gespannt, was als nächstes kommt. Wie die Gegenreaktion auf das ausfällt, was gerade passiert. Denn ich sehe, wie die Leute aufwachen und anfangen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Einfach, weil sie merken, dass da etwas schief läuft und es unmöglich so weiter gehen kann. Das gilt insbesondere für die Jugend, die bereit ist, sich gegen das bestehende System aufzulehnen und Veränderungen einzuleiten. Das ist es, worauf ich hoffe. Ich finde es großartig, dass sich die Jugend endlich zur Wehr setzt. Das war überfällig.

Während du seit Jahren von einer Revolution der Liebe singst. Hast du das Gefühl, dass die Menschen dich endlich verstehen oder deinem Ansatz folgen?

Diese Menschen gab es schon immer. Aber: Bislang waren es nicht genug und ihre Motivation war nie so stark wie heute. Ich denke, dass wir an einem Wendepunkt in der Geschichte sind – einem, an dem wirklich etwas passiert. An dem eine tiefe Zäsur stattfindet. Was ich gerade in den USA beobachte, ist sehr erfrischend: Die Leute sind wieder bereit, auf die Straße zu gehen – für ihre Rechte, für die Umwelt, für die Zukunft und gegen diese überholten Waffengesetze. Das ist ein Anfang – und hoffentlich kommt da noch mehr. Nach dem Motto: Steht auf und verschafft euch Gehör! Setzt um, was euch wichtig ist.

Lenny Kravitz
(Bild: Thomas Brill)

Versuchst du, diese Bewegung musikalisch zu unterstützen? Mit kleinen Denkanstößen, die du in deinen Songs lancierst?

Ich sage einfach, was ich denke und fühle. Und ich tue mein Bestes, um wach zu sein bzw. alle Informationen, die ich habe, weiterzugeben. Im Sinne von: Ich tue, was innerhalb meines Rahmens machbar ist, aber ohne zu predigen. Das ist nicht mein Ding und das ginge mir auch zu weit. Ganz abgesehen davon versuche ich, Veränderungen auf gewaltfreie Weise herbeizuführen. Eben indem ich über Gandhi, Martin Luther King und Jesus Christus rede. Leute, die keine Waffen benutzt haben, sondern ihren Verstand, ihren Mund und ihre Seele. Sie hatten Ideen und Geduld. Sie hatten konkrete Vorstellungen davon, was sie wollten, und sie haben alles daran gesetzt, sie umzusetzen. Ich bin der Meinung, dass die Vibrationen, die wir gerade spüren, wirklich etwas bewirken. Dass sie uns alle erreichen, uns zusammenschweißen und für etwas besseres Neues sorgen.

Die meisten deiner neuen Songs fallen sehr funky aus und erinnern an Prince. Ein Zufall?

Nein, er war schließlich ein guter Freund von mir – ein sehr guter sogar. Wir kannten uns ewig. Es muss irgendwann 1990 oder 1991 gewesen sein, als er mich zum ersten Mal angerufen hat. Das war kurz nach der ‚Let Love Rule‘- Tour. Und als wir uns dann getroffen haben, sind wir sofort beste Freunde geworden – und auch geblieben. Bis zu seinem Tod, der mich hart getroffen hat. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Gibt es gemeinsame Aufnahmen?

Mehrere sogar. Wir haben zusammen gejammt, er ist zu meinen Shows gekommen, um mich zu unterstützen – und ich zu seinen. Wir standen oft zusammen auf der Bühne und wir haben einiges aufgenommen. Ich bin z. B. auf Prince-Alben vertreten, auf denen mich niemand vermuten würde. Und ich werde jetzt nicht verraten, um welche es sich handelt. Einfach, weil wir das nie jemandem erzählt haben – und es auch egal war. Es war nichts Besonderes, sondern einfach eine Sache unter Freunden. Kleine Souvenirs, wie er das nannte. Kleine Erinnerungsstücke an besondere Momente. Es hat gereicht, dass wir wussten, was wir gemacht haben. Das ging niemanden etwas an.

Lenny Kravitz
(Bild: Roadrunner)

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Du verfügst inzwischen über eine stattliche Gitarrensammlung, oder?

Das könnte man so sagen, ja …

Wie umfangreich ist sie?

Ich habe vor allem Sachen, die ich liebe und die ich auch regelmäßig spiele. Das ist für mich das Wichtigste – alles andere interessiert mich nicht mehr. Schließlich habe ich jahrelang wahnsinnig viel Kram gehabt, der sich in irgendwelchen Lagerhäusern getürmt hat. Den ich nie benutzt habe, und der nur Platz weggenommen hat – teuren Platz. Also habe ich einen Schlussstrich gezogen, bin alles in Ruhe durchgegangen und habe mich von einem Haufen Zeugs getrennt. Ich habe alles verkauft, was ich nicht wirklich gebraucht habe. Weil ich denke, dass es nicht sinnlos rumstehen sollte, sondern besser in die Hände von Musikern gelangt, die Verwendung dafür und Spaß daran haben. Ich habe jetzt nur noch Gitarren, die ich liebe, zu denen ich eine besondere Beziehung habe, die ich regelmäßig spiele und die toll klingen. Mit denen ich aufnehme oder die ich auf der Bühne einsetze.

Welchen Kriterien folgst du bei der Auswahl deiner Live-Werkzeuge? Würdest du eine 30.000-Dollar-Gitarre mit auf Tour nehmen?

30.000? Immer! 300.000? Nein! Die bleiben zu Hause!

Meinst du das ernst? Hast du wirklich Gitarren, die 300.000 Dollar wert sind?

Einige sogar … Das sind meine Schätze, die ich hege und pflege.

Zum Beispiel?

Ich habe Ende der 90er, als ich zum ersten Mal richtig Geld verdient habe, eine Brownie Stratocaster von Eric Clapton gekauft. Sie lag damals bei einer halben Millionen Dollar. Heute dürfte sie ein x-faches davon wert sein. Außerdem habe ich ein paar Martin D-45 aus den späten 30ern und eine Martin D-28 von 1931. Die Dinger sind Gold wert, pures Gold.

Lenny Kravitz
(Bild: Mineur)

Wie steht es mit Amps? Was verwendest du da?

Im Studio? Alles: Fender, Marshall, Orange, Park … was es so gibt. Ich habe über die Jahre allen möglichen Vintage-Kram zusammengetragen, auf den ich sehr stolz bin und auf den ich nicht mehr verzichten möchte. Ich bin dabei ein bisschen nach dem Arche-Noah-Prinzip vorgegangen: Ein Paar von jeder Sorte. Also für den Fall, dass mal einer ausfällt …

Und auf dem neuen Album spielst du wieder alles alleine – wie eine 1-Mann-Band?

Es sind nur Craig und ich – und natürlich die Bläser und das Orchester.

Wie lange ist Craig jetzt schon an deiner Seite bzw. in deiner Band?

28 Jahre würde ich schätzen. Und das Wunderbare ist, dass er dieses Album auch als Techniker betreut hat. Ich habe es produziert – und er war der Mischer. Und zwar ein wahnsinnig guter. Er hat für einen Killer-Sound gesorgt. Für eines meiner absoluten Lieblingsalben, was den Klang betrifft. Er ist mein musikalischer Partner. Und seit ich ihn getroffen habe, ist unsere Beziehung immer enger und besser geworden. Er versteht mich – ich verstehe ihn. Wir sind Partner – und das nicht nur in der Musik, sondern auch im Leben. Ich bin der Patenonkel seiner Kinder und umgekehrt. Wir leben an denselben Orten, wir arbeiten zusammen, wir hängen miteinander ab. Er ist wie ein Bruder. Und er ist ein großartiger Gitarrist. Einer, der aus irgendeinem Grund immer ziemlich unterbewertet geblieben ist – also in der öffentlichen Akzeptanz und Wahrnehmung. Ich meine, Leute, die Ahnung haben, wissen Bescheid. Prince wusste es – er hat Craig Ross geliebt. Genau wie Jimmy Page, der ein Riesenfan ist und regelmäßig zu unseren Konzerten kommt. Wer sich auskennt, weiß um Craigs Fähigkeiten. Ein umwerfender Gitarrist. Ein Meister seines Fachs!

Der aber immer irgendwie in deinem Schatten steht?

So würde ich das nicht formulieren. Ich meine, er steht auf der Bühne direkt neben mir, er ist mein Lead-Gitarrist und ich gebe ihm den Raum, den er braucht und den er will. Aber in der Gitarren-Welt sollte er einfach ein bisschen mehr Anerkennung und Respekt erhalten.


Discografie

Let Love Rule (Virgin, 1989)
Mama Said (Virgin, 1991)
Are You Gonna Go My Way (Virgin, 1993)
Circus (Virgin, 1995)
5 (Virgin, 1998)
Lenny (Virgin, 2001)
Baptism (Virgin, 2004)
It´s Time For A Love Revolution (Virgin, 2008)
Black And White America (Roadrunner, 2011)
Strut (Roxie Records/Kobalt, 2014)
Raise Vibration (BMG, 2018)

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(erschienen in Gitarre & Bass 09/2018)

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