Kunst vs. Selbstdarstellung

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“Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, soll Karl Valentin angeblich einmal gesagt haben. Dieser Satz blieb für mich aber immer so eine Art Leitfaden. Und gerade im vergangenen Jahr musste ich sehr oft an dieses Zitat denken. Warum? Was war in 2023 so anders? Eigentlich gar nicht viel, aber mir fiel auch auf, dass sich in unserer Kunst mehr und mehr eine Art Populismus einschleicht, der mir zu schaffen macht.

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Das fing ganz langsam an. Schon vor Jahren. Und es ähnelt zumindest in einer Sache dem gefürchteten politischen Populismus, der natürlich noch viel schlimmer, da anti-demokratisch ist. Auch unsere Kunst wird sozio-kulturell gesehen immer mehr abhängig von Meinungen und mächtigen Wortführern. Und der Schauplatz ist das Netz. Die einst so frei geglaubte (Musik-) Kunst wird da teils so vehement unter angebliche Regeln gestellt, dass ich mich oft wundere. Ja, es bilden sich sogar verfeindete Lager mit großer Spaltungsenergie. Und das macht mir Sorge.

Seit der Corona-Pandemie, während der wir uns zuhause einsperren sollten, begannen viele Kreative, selbst Videos zu allen möglichen Gitarren-Themen zu produzieren. Vielleicht einfach, weil sie Zeit dazu hatten oder nicht in Vergessenheit geraten wollten. Das ist ja im Prinzip okay. Aber schon bald wich da musikalische Didaktik einer Sensations-Mimik, die zumindest in den Aufmacher-Bildern an die Bild-Zeitung oder den Breaking-News erinnern. Erschreckte Gesichter, Fratzen, Erstaunen, ja sogar angsterfüllte Mimik sollen dafür sorgen, dass man reinschaltet. Wir sollen erfahren, was man „auf keinen Fall tun sollte“, wie man mit sogenannten „Tricks ganz schnell besser wird“ oder „warum man niemals eine Gibson kaufen sollte.“ Echtes Clickbait eben.

Das nahm bald schon beinahe separatistische Züge an. Manche Protagonisten fangen mit solchen Videos sogar vielversprechend an. Aber was, wenn einem nach dem zehnten Video der Stoff ausgeht? Schließlich muss man ständig nachlegen, wenn man Abos und Follower gewinnen möchte. Noch in den Siebzigern spielte ich mit meiner Band auf Festivals, wo es Acts gab, die das Publikum mit einer kompromisslosen Kakophonie quälten und trotzdem viele Anhänger fanden, weil sie das Formlose bevorzugten, dann kommerziell orientierte Pop-Acts mit endlosen Refrain-Schleifen, dann langhaarige Rock’n’Roller und schließlich schwarz gekleidete Existenzialisten, die auf höchstem Niveau Jazz-Standards aus dem Ärmel schüttelten. Alles auf einer Bühne.

Backstage saßen alle vereint bei einem Joint mit ihren Freundinnen und Hunden sowie ein paar Bierchen. Es wurde da viel gelacht, weils ja sowieso um nichts ging. Alle waren gleich arm. Man unterhielt sich nicht über Spotify, irgendwelche Projekte und schon gar nicht über Fußtreter und „Stuff“. Auch die Plakate hat damals irgendwer gedruckt, Self-Marketing war verpönt und über noch so narzisstische Gebärden wurde höchstens mal gewitzelt. Der bunte Gecke gehörte schließlich zum Geschäft. Der wollte höchstens irritieren und nicht einfach nur jedem gefallen.

Der kommerzielle Erfolg fraß damals zumindest schon jene Unbekümmertheit auf, die man auch als künstlerische Freiheit hätte begreifen können. Plötzlich gab es da Geschäftsleute, die einem reinreden wollen – sei’s drum. Manche haben sich erfolgreich dagegen gewehrt. Gab es Probleme, dann waren das (fast) nie die Lautsprecher des Gitarristen, die fälschlich angelegte Moll-Terz im Gitarren-Solo, das PA-System, der falsche Fußtreter oder weil einem Bassisten die fünfte Saite fehlte.

Es waren kleine oder größere Reibereien bezüglich der Band-Disziplin oder der zukünftigen musikalischen Ausrichtung. Wer war schuld daran, dass man wieder mal alle Stücke zu schnell gespielt hat oder einfach zu spät zum Soundcheck kam? Und letztes Jahr hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass wir uns von diesen Zeiten wohl endgültig verabschieden müssen. Geht man ins Netz, vornehmlich auf Facebook und YouTube (von Interessen-Foren ist schon lange abzuraten), tummeln sich dort „Musiker“, die sich mehr und mehr als harte Strategen oder Selfmade-Marketing-Egos ausgeben und sich wie Börsenmakler oder die schlimmsten Motivations-Coaches aufführen.

Eines wird dabei sofort klar: Man befindet sich im knallharten Wettbewerb. Die Fans von früher nennt man jetzt Follower, die eifrig Likes unter die selbstdarstellerischen Exzesse setzen sollen. Daumen hoch oder Daumen runter? Offenbar scheint das alles, was geblieben ist von der einstigen Kreativität, die erstmal keine Zielgruppen zu kennen schien.

2023 schaute ich das ganze Jahr über jeden Tag ein YouTube-Video zum Thema Musik oder E-Gitarre. Weil es mich interessiert hat, weil ich selber auch schon mal ein Video mache, weil ich irgendwas lernen oder etwas Neues entdecken wollte. Stattdessen sah ich dabei eine ganze Armee an Gitarrenlehrern, die sich entweder in pausenlosen Schnittfolgen in Hollywood-4K-Bildqualität selbst feiern und dabei Dinge spielen, die sich niemand mehr freiwillig ohne Bild anhören würde. Sie schreddern, dass einem Hören und Sehen vergeht und wollen damit vermutlich vor allem eines: Zeigen wer der Chef im Ring ist.

Dann gibt es da die Sorte Lehrer, die einem weißmachen wollen, dass alles, was man bisher auf der Gitarre gemacht hat, völliger Quatsch war und man eigentlich überhaupt nichts verstanden hat. Sie präsentieren sich als die Hüter teils seltsamer „Wahrheiten“, die Aufklärer, die Kenner aller Tricks. Die wissen um die „Die Wahrheit hinter dem CAGED-System“ oder präsentieren selbstredend „das unspielbare schwierigste Lick ever“, nur um es sogleich vermeintlich perfekt vorzutragen. Die Meisterschule!

Dann gibt es da ehrgeizige Eltern, die ihre fünfjährigen Töchter hinters Schlagzeug setzen und so richtig reinhauen lassen. Natürlich können die schon alles von Manu Katché, John Bonham oder Steve Jordan und haben einen Werbevertrag mit Sabian-Becken. Man darf dann die Kinderlein bis zur Pubertät verfolgen, in der sich dann auch Schminke, Lippenstift und knappe Bekleidung in die Vorträge mischen.

Auch Joe Bonamassas Kunst scheint gleich viel größer, weil es da Videos gibt, in denen er schon als zehnjähriger mit B.B. King auf der Bühne steht und genauso fehlerlos und perfekt seine Licks präsentiert. Und dafür kann er gar nichts, denn das präsentieren andere für ihn. Und dann gibt es da eine wachsende weibliche Model-Fraktion, die mit millionenfachen Likes aufwarten kann und von der man den Verdacht nicht loswird, dass das irgendwie nicht allein an ihren Gitarren-Künsten liegen kann – nur Acts wie Larkin Poe und HAIM halten da noch erfolgreich dagegen.

Und dann gibt es massenhaft ermüdende Vergleichstests von Fußtretern, Pickups, Lautsprechern, von neuen gegen alte Gitarren, Kabeln, teuer gegen billig, vintage gegen neu und natürlich Klon Centaur Pedalen Gold gegen Silber! Und immer wird ein Gewinner präsentiert. Mehr Führerschaft geht doch wirklich bald nicht mehr, oder? Wir sollen geführt werden und verführt. Wir sollen folgen, denn wir sind ja sogar namentlich schon Follower.

Die Sucht nach den Likes erzeugt Anführer, die „Verborgenes“ aufdecken. Das, was vorher offenbar noch niemand wusste. Zudem zeigen sie Dinge, die sonst niemand kann. Die haben KI schon in den Genen. Die Vorträge sind dabei manchmal streng, bisweilen holprig und immer mehr aber auch verführerisch charmant. Die Produzenten setzen sich offenbar mehr in Szene als die Kunst selbst. Manche scheinen sich dabei eine Aura zuzulegen wie fernöstliche ZEN-Lehrer oder Lebensmittelforscher mit Diplom, die nun endlich genau wissen, wie man erfolgreich abnimmt.

Doch alles, was zählt, scheint die Oberfläche und nicht der Gehalt, der ohnehin meist dürftig ist. So viel Gehalt wie täglich auf YouTube geladen wird, gibt es ja im Rock’n’Roll gar nicht. Fehlende CD-Verkäufe, Live-Gigs und natürlich auch die fehlende Musikindustrie als Geldgeber sorgen für explosionsartige Gründungen dieser Musiker-Ich-AGs als vermeintlich letzte Überlebensstrategie.

„Am Ende prügelt man sich wieder um den Zugang zum letzten Wasserloch“ (auch wieder so ein Zitat. War das von Einstein?). So scheint es jedenfalls. Was will man auch machen? Schließlich muss man die Miete bezahlen. Und dann schaue ich mal wieder den alten Woodstock-Film, ein gutes Led-Zeppelin-Konzert oder einfach Caterina Valente in den frühen Sixties in der Dean Martin Show. One Note Samba! Sehr zu empfehlen!

Valente wurde in manchen Video-Headlines sogar schon für tot erklärt, obwohl sie sich in ihrem hoheh Alter von 93 Jahren noch bester Gesundheit erfreut. Einfach ekelhaft! Vor ein paar Jahren war ich auf einem Konzert von Warren Haynes in Köln. In der Garderobe roch es mufflig und nach Schweiß. Es wurde dort viel gelacht, und alle saßen da nach dem Gig zusammen und rauchten einen … na, ihr wisst schon! Herrlich! Bis zum nächsten Mal.

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2024)

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Auch wenn ich sonst nicht oft mit Ihnen konform gehe Herr Pipper, mit diesem Artikel haben sie den Finger in die offene Wunde des Internets gelegt. Jeder darf und kann sich darstellen, produzieren, „Weisheiten“ kundtun und das Internet mit „Content“ füllen. Leider oft mit „Content“, den die Welt nicht braucht.
    „Doch alles, was zählt, scheint die Oberfläche und nicht der Gehalt, der ohnehin meist dürftig ist.“
    Wohl wahr und leider betrifft es nicht nur die Welt der Musik. Wenn es doch immer nur sinnbefreiter aber harmloser „Content“ wäre. Manchmal wünschte ich mir man könnte den Internetzugang für einen nicht unerheblichen Teil der Weltbevölkerung reglementieren. Diesen Gedanken hätte ich vor 20 Jahren für mich für unmöglich gehalten. Aber wer sollte da den Maßstab ansetzen? Ich halte das Internet noch immer für eine der besten Erfindungen der Menschheit. Wir sollten nur „etwas“ klüger damit umgehen.
    „ schaue ich mal wieder den alten Woodstock-Film“, darf es auch ein Konzert von „ Larkin Poe“ sein?
    Das Internet macht es ja möglich 😉

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  2. Sie haben meine volle Zustimmung.
    Fluch und Segen Internet. Die Katastrophen-Gesichter fallen halt direkt auf 🙂
    Die Präsentationen sind schon echt peinlich:
    – “Nothing else matters” für Anfänger in 10 Minuten 🙂
    – Diese Trick hat mein Leben verändert 🙂
    u.s.w…
    Diese Videos sind maximal zur Belustigung geeignet.

    …allerdings werden auch viele gute Dinge veröffentlicht. Sehr gut aufbereitete Tutorials incl. Tabs. Mit den entsprechenden Werbeblockern auch ohne Unterbrechung auf youtube.
    Vor vierzig Jahren hatten wir als 16-Jährige halt nur Peter Bursch.

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  3. Naja aber so ein Artikel fällt dann doch auch so ein bisserl in den Bereich der hier kritisiert wird

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    1. Das dachte ich beim Lesen auch. Die Fotos zum Fremdschämen geben einem dann den Rest 😉

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  4. Lieber Udo, ich hätte es nicht besser schreiben können, klasse, Grüße aus Frankfurt, Olaf

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  5. ,, Wer im gläsernen Gewächshaus werkelt sollte das mit Vorsicht tun ,,
    Wer selbst in selbigen Gewässern segelt die er als vermeintlich nicht Segel bar hält, nur weil es andere können, besser machen als man selbst, hat meiner Meinung nach seine eigene Glaubwürdigkeit in Frage gestellt.

    Verehrter Herr Pipper, Musiker, Gitarrist und Musik-Journalist bei einigen Ausführungen in ihrem Artikel kann ich ihnen beipflichten.
    Allerdings wäre es ehrlicher gewesen, Sie hätten ihre Youtube – Präsenz selbstkritisch reflektiert.
    Das haben Sie meiner Meinung nach bewusst nicht getan, deshalb vermutlich vermieden weil Sie selbst ein Teil dieser von Ihnen kritisierten Youtuber-Gemeinschaft sind.

    Nichts für ungut werter Her Pipper, aber Ehrlichkeit ist ein wesentlicher Bestandteil um Glaubhaftigkeit wieder zu spiegeln.

    Orange, mein Nick-Name wie mein erster gleichnamiger Amp hieß, andere Südfrucht-Namen für Amps sind mir unbekannt ( z.B. Zitrone 🙂 )

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    1. Liebe Orange,da stimme ich dir sehr gerne zu. Auch ein Mr. Udo Pipper himself nutzt das globale Internet,sitzt er doch wissentlich im eigenen Gewächshäuschen aus Glas,schreibt seine Kolumnen,Meinungen und eigenen Berichte (größtenteils über hochpreisige alte Gibson Les Paul E.-Gitarren!) und freut sich offensichtlich über den einen oder anderen Kommentar seiner YouTube Videos aus der Welt der G&B Leserschaft.

      Daß dies aber nicht immer den Zuspruch des Lesers trifft,liegt an der Tatsache,daß jede(r) Gitarrist/-in seine ganz eigenen persönlichen Erfahrungen und Vorstellungen bezüglich dieser Thematik hat.Wäre ja auch sehr langweilig,wenn jeder die gleiche Gitarre toll finden würde.

      Manche Ausführungen von Udo Pipper sind wirklich gut. Was mich jedoch besonders an so vielen Beiträgen im Fachmagazin G&B schon so ewig nervt,sind die anscheinend besonders hofierten Gitarrenfirmen und Musiker,die immer und immer wieder in G&B erscheinen,und besonders hochgejubelt werden. Klar,Udo Pipper berichtet sehr gerne selbst über seine alten Vintage E.-Gitarren und Röhren-Amps,die in Wahrheit ja sehr schön sein mögen,aber für uns „Otto Normalo Guitarplayer“ immer unerreichbar bleiben,weil erstens absolut rar,und zweitens mittlerweile horrend teuer. Da habe ich jedenfalls sehr wenig Interesse daran,solche besagten (anscheinend gut gemeinten) Berichte zu lesen.
      Diese scheinen mir eher für Nostalgiker bestimmt zu sein. Da bin ich einfach mal raus. Ich finde alte Gitarren und Verstärker zwar auch sehr schön,aber wenn ich sie niemals selbst bespielen,bzw. kaufen kann,hält sich mein Interesse doch sehr in Grenzen.So einfach ist das.

      Und nun in diesem Zusammenhang zu den aktuellen Berichten in Gitarre & Bass:
      Es gibt z.B. absolut keine faire Chance für Test-Berichte in G&B über Minarik Gitarren aus den U.S.A.,und auch keine Reportagen über den finnischen Gitarristen Andy McCoy (Ex-Hanoi Rocks),Blue Öyster Cult,sowie über den regionalen,seit über 20 Jahren bestehenden MGH-Custom Handmade Guitar Shop aus dem kleinen Hennigsdorf/bei Berlin.

      Ich nutze das Internet nun sehr gerne,um Vergleiche und Infos zu Gitarren und Zubehör zu checken,da hier in Berlin aktuell leider immer mehr kleine Gitarren-Shop Einzelhändler ihre Geschäfte für immer schließen,und die einstige Möglichkeit direkt in unmittelbarer Nähe seinen altbekannten Gitarrenladen zu besuchen,um dort einzukaufen,zukünftig (bedauerlicherweise!!!) nicht mehr gegeben sein wird.

      Liebe Grüße aus Berlin,der einstigen „Hauptstadt“ ehemaliger kleiner,aber guter Gitarren-Shops,die nun alle bald nicht mehr existieren werden.

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  6. Fürwahr,das moderne Internet ist faktisch Segen,als auch Fluch zugleich,denn
    vieles was da global betrachtet gepostet wird,ist entweder völlig übertrieben,unwahr,oder es entspricht sogar der Wahrheit.

    Jeder darf da selbst entscheiden,was er glaubt,für richtig oder falsch hält,und seine eigene Meinung kund tun.

    Leider hat das Internet aber auch zusehends etliche Existenzen zerstört,ich denke da nur mal an den einstigen Berliner Flagship-Store „Just Music“,der wohl mal als größter Music-Store Europa‘s propagiert wurde!
    „Just Music“ schloß seine Pforten unlängst für immer.
    Und so wie es „Just Music“ erging,ereilt dieses Schicksal unabdingbar zukünftig (nicht nur in Berlin) viele weitere Gitarrenhändler.

    Vorbei die Zeiten,wo man sich direkt vor Ort beim örtlichen Gitarren-Shop bei einer Tasse Kaffee über eine interessante Gitarre informieren konnte,diese Probespielen durfte,und vielleicht nützliche Tipps vom Verkäufer bekam.

    Erschreckend,daß aufgrund dieser Tatsache letztendlich die ersehnte Gitarre aus dem modernen Hochregallager zwangsläufig nur noch bei einem Großhändler geordert werden kann,und schlußendlich ein einziger Großhändler das Monopol beanspruchen wird,sprich die Qualität und den Endpreis des Saiteninstruments.

    Wie schon bereits gesagt,wir hatten es alle selbst in der Hand,wo wir unsere Ware ordern. Das Internet hat uns eigentlich völlig im Griff,wir wählen den bequemsten Weg,um an unsere „günstigsten“ Gitarren zu gelangen.

    Bleibt jedoch abschließend noch zu sagen,daß viele ehemalige Kleinhändler als auch einheimische Gitarrenbauer der Region mitunter selbst Schuld an ihrem vorhersehbaren Ruin sind,weil sie den weltweiten Internet-Auftritt,die persönliche Kundennähe,die Beratung und den Verkauf für unwichtig hielten,und somit unweigerlich in die Pleite steuern mußten.

    Besonders Deutschland wurde seit Jahren global betrachtet,leider schon immer (zu Recht!) als öde „Service-Wüste“ bezeichnet. Der Kunde war stets der Depp,sollte diesen Mangel ergo lautlos über sich ergehen lassen,und hatte bei berechtigten Beanstandungen sowieso immer Unrecht.

    Es lebe die Vielfalt des modernen Internet.
    Auch ich bestelle nun fortan meine begehrte Ware ausnahmslos via Mouseclick aus dem Internet. Die Vorteile: schneller Versand,faire Preise,keine lästige Parkplatzsuche in der Stadt,ständige Verfügbarkeit,und einwandfreie Neuware,und bei evtl.Nichtgefallen ohne Begründung einfach wieder retour senden,und Geld sofort zurück.

    Bei guten Gebraucht Gitarren aus privatem Verkauf,gehe ich jedoch stets lieber auf Nummer Sicher,und erstehe via Barverkauf das ersehnte seltene,und unverbastelte Vintage Saiteninstrument aus vergangenen Tagen nach vorheriger Absprache direkt vor Ort in meiner Nähe beim Privat Anbieter.
    Da bleibe ich zukünftig weiterhin richtig „altmodisch“,weil ich nicht die bekannte „Schwarze Katze im Sack“ kaufen möchte. Vertrauen ist gut,aber Kontrolle immer viel besser.
    In diesem Sinne…

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  7. Salli Lieber Udo Pipper, das ist jetzt ein 70er Du. Du bist etwa so alt wie ich und will Dir ja nichts verkaufen(Bin nicht Ikea oder Aldi…). Hat man damals einfach gebraucht um Nähe fühlbarer zu machen nach den gruseligen 50er. Ich habe vor einer Weile ein Lied geschrieben und ein Auszug davon geht so: Yes ,there are assholes on the street ,but only ten percent. There are many crazy people, but always only ten percent, the rest is different. And basically they are all good kids, all struggling like you and me , all trying to get complet.
    So nimm die Welt wie sie ist , sie kann nicht anders , sie muss so sein. Einerseits erfreue Dich an ihr und andererseits wissen wir ja auch , dass uns nur nerven kann , was wir auch in uns tragen. Und wenn es uns nervt ,dann können wir uns auf die Schliche kommen .
    Vergnügliche Zeit Michael

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  8. Hallo, Udo Pipper! Ich bin Jakob aus Köln.

    Danke für die ausgeschriebenen Gedanken! Auch ich habe inzwischen weiße Jahre (Jg.1954) und kann mich mit Ihren Ausführungen gerne identifizieren!

    Je besser es den Menschen geht, je mehr widmen sie sich offensichtlich ihrem eigenen Individualismus, …oder dem Wettkampf im Alltag? Bei all´dem Kram und auch bewussten Lügen im Internet bleibt uns immer noch der gesunde Menschenverstand. Nein, wir können nicht verhindern, dass Etliche mit überzogenem Darstellungsdrang und überzogenem Hang zur Selbstdarstellung und Selbstliebe irgendetwas im Netz posten. Aber ich muss dieses Zeug ja nicht ansehen. Leider kann man heute bei Weitem nicht Jedem und Allem glauben und das ist genau das, was ich so bedauere: Das Miteinander hat sich verändert, auch in der Freizeit, das entspannte Zusammenkommen, Jammen, Sprechen… . Schnell hat man jemandem auf den Schlips getreten. Je enger die Grenzen des eigenen Selbstbildnis werden, um so mehr leidet die soziale Spannweite. Das spüre ich auch beim aktiven Musik-Erlebnis Es wird schwieriger, Teamfähigkeit zu leben, sich zurückzunehmen, sich etwas sagen zu lassen, zuzuhören. Das ist das Gegenteil von Individualismus! Manch einer kann nichts mehr mit sich selbst anfangen, Grisgrämigkeit macht sich breit.

    Youtube ist ja zum Glück nicht “das Internet”, ich kann ja wählen, was ich mir anschaue bzw. anhöre. Lass´sie doch reden, die Besserwisser. Ich habe immer noch meinen kleinen Marshall-Turm von früher und auch meine alten Marshall-Pedale im Board. Noch heute begeistert mich Alvin Lee und Ten Years After mit “I´m going home…” in der Woodstock-Nacht. Gary Moore und Rory Gallagher…, na klar, jeden Tag.

    Andererseits habe ich natürlich auch ein modernes Floorboard im Thon-Case für den Live-Betrieb mit meiner Kölner Kölschrock-Band. Ist auch prima und wesentlich leichter als die Marshall-412er und angepasst, die Zuhörer mit kölschem Rock und Pop zu unterhalten bis hin zum Sitzungs-Karneval. Natürlich schaue ich auch bei youtube vorbei, aber wenn ich etwas wissen und testen möchte, verbringe ich einen Nachmittag beim großen Kölner Musikhaus.. . Da kann ich mir selbst ein Klang”bild” machen und mit Musiker-Kollegen richtig sprechen!!

    Und mein musikalischer “Maßstab” bleibt der Blues und Bluesrock der Classic Rock-Ära. Ich habe eine originale Les Paul, aber meine Grecos und auch meine alten Hohner L59 gebe ich nicht her! Musik macht man mit Liebe, Empathie, den Sinnen und den Händen und mit Gleichgesinnten…und nicht mit youtube!

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    1. Ja,das ist wirklich wahr,denn die alten japanischen Greco E.-Gitarren (besonders die Strat-Kopien) Mitte der 1970er-Jahre sind im Originalzustand heute extrem gefragt,und (zu Recht!) für kleines Geld nicht mehr zu haben.
      Ich besitze selbst auch noch eine solche Greco Strat-Copy (Baujahr 1976) im guterhaltenen Gesamtzustand,und würde sie niemals verkaufen. Ich bekam diese top verarbeitete Greco mit dem Original Rechteckkoffer vor etwa 17 Jahren gebraucht von Privat für zirka 500.-€ und sie klingt einfach traumhaft. Angeblich waren die damaligen Bodies aus massiv japanischer Sen-Esche handgefertigt,und die drei Singlecoils definitiv von der Fa.Maxon/by Ibanez,damals als Excell gekennzeichnet.Die Qualität ist einfach super! Es waren damalig so zu sagen die gefragtestem „Made in Japan“ Fender Stratocaster Modelle,die später dann mit dem Fender Firmenlogo in Japan gebaut wurden.Greco war damals lustigerweise sogar ein Registriertes Logo,das dann dem Fender Firmennamen weichen mußte,weil Fender U.S.A. seine Urheberrechte in Anspruch nahm,und die Japaner gerichtlich dazu verdonnert wurden,die eigene Marke Greco mit der obligaten Fender Kopfplatte nicht mehr führen zu dürfen und fortan fertigten die Asiaten Fender Strats in Absprache mit der Fender Music Instruments Corporation und dem winzigen Aufdruckzusatz „Made in Japan“ noch einige Jahre Original Fender Gitarren.Die ehemaligen Strat-Kopien mit dem Greco Logo verschwanden ergo so schnell,wie sie einst auf dem Markt angeboten wurden wieder in der Versenkung.
      Wer derzeit eine uralte Greco Gitarre kaufen will,muß viel Glück haben und tiefer in die Tasche greifen.

      Und eine alte Hohner Revelation Super-Strat-E.-Gitarre mit leichtem Lindenkorpus ist auch noch in meinem Besitz.Auch diese klingt hervorragend und hat eine tadellos ergonomische Formgebung.
      Wer diese Hohner heute noch sein Eigen nennt,gibt sie ebenfalls nie wieder her.

      YouTube finde ich sehr gut,wenn ich mir z.B. Live-Video-Clips von Saxon und anderen etablierten British Heavy Metal Rock Bands anschauen möchte.

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  9. Hallo liebe Community, Hallo Herr Pipper,
    ein guter Freund (der Jahrzehnte bei einem großen deutschen Radiosender arbeitete) sagte mir: “Wer das Internet und Social Media beherrscht, wird Gewinner dieser Ära sein. Und dieser Satz unterstreicht den Artikel hier. Manchmal fühle ich mich dadurch als Verlierer, habe ich doch über 50 Songs mit MUSELL in den letzten 3 Jahren veröffentlicht, aber meine Klickrate und Reichweite sind unterirdisch. Wo liegt das Problem? Salopp würde ich sagen, an der Verbindung zwischen rechter und linker Gehirnhälfte. Bin ich kreativ, bin ich kein Verkäufer, bin ich Verkäufer, bin ich nicht kreativ. Ich hole noch weiter aus…Der Film Tom Gun Maverick von Tom Cruise hatte Produktionskosten von 750 Millionen Dollar. Die Werbung um den Film zu vermarkten lag bei über einer Milliarde. Wenn ich als professioneller Musiker und Produzent zwei Tipps geben kann, dann 1. trenne die Musik die du verkaufst, von der für die dein Herz schlägt. Es macht es einfacher mit Enttäuschungen zurecht zu kommen. 2. einen Euro für die Musik und einen Euro für Werbung. An meinem Beispiel kann man lernen. Zwar besitze ich 120 Gitarren und Bässe und habe weit über 100 Songs geschrieben, aber mich kennt keine Sau. Wahrlich liegt es zudem an: ich bin hässlich, alt, dick und singe in deutscher Sprache und nicht weiblich, attraktiv, sexy, tattooviert und spreche englisch. Ihr Artikel Herr Pipper spricht vielen Musikern aus dem Herzen. Aber Quo Vadis Identität?

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