Jazz-Gitarrist verstorben

John Abercrombie ist tot

John Abercrombie

Am 22. August verstarb Jazz-Gitarrist John Abercrombie im Alter von 72 Jahren an Herzversagen. Er hatte bereits seit einigen Jahren gesundheitliche Probleme und einen Schlaganfall Anfang des Jahres.

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Abercrombie wurde 1944 in Port Chester, New York geboren. Nachdem er mit 14 Jahren anfing Gitarre zu spielen, besuchte er das Berklee College of Music. Seinen Durchbruch hatte er 1975 mit dem Album ‘Timeless’ auf ECM Records, auf dem neben ihm auch noch Schlagzeuger Jack De Johnette und Keyboarder Jan Hammer zu hören waren. Mit ‘Up and Coming’ erschien dieses Jahr, nach mehr als 30 aufgenommenen Platten, sein letztes Werk.

2013 haben wir John Abercrombie anlässlich seines Albums ‘Within A Song’ interviewt:

,Within A Song‘ scheint der Soundtrack deines Lebens zu sein, viele Stücke entstammen der Zeit, die dich musikalisch prägte.

Die Idee kam vor ein paar Jahren. Zuerst dachte ich an die Musik von Jim Hall und Art Farmer. Deren Alben ,Interaction‘ und ,Live At The Half Note‘ waren für mich sehr wichtig. Am wichtigsten war die LP ,From Sweden With Love‘. Sie ist selten und enthält nur schwedische Volkslieder, die interessant harmonisiert wurden. Irgendwie klappte die Planung aber nicht. Stattdessen machte ich ein Album mit dem Geiger Mark Feldman. Dann fragte mich ECM-Label-Chef Manfred Eicher, ob ich nicht eine Tribute-CD machen wollte, was sehr untypisch für ECM ist.

Es gab zu viele Musiker, die mir wichtig waren, deshalb habe ich mir die Zeitperiode der 60er ausgesucht, in der ich aufgewachsen bin. Als erstes fiel mir Sonny Rollins’ Album ,The Bridge‘ ein. Da spielt Jim Hall mit, das war der Startschuss der CD. Der erste Song auf Rollins‘ Platte ist der alte Standard ,Without A Song‘. Ich habe daraus den Titelsong ,Within A Song‘ gemacht. Ein kleines Wortspiel … Natürlich musste ein Saxophonist dabei sein, deshalb spielt Joe Lovano mit. Schnell fielen mir andere Stücke der 60er-Jahre ein, wie die Coltrane- Nummer ,Wise One‘ oder ein Blues von Bill Evans.

Das ist aber schon wieder ein Jahr her, inzwischen haben Marc und ich eine neue CD aufgenommen, die wohl im Oktober erscheint. Mit Joey Baron und Drew Gress spielt dieselbe Rhythmusgruppe, nur statt Joe Lovano ist Marc Copland dabei, also Piano, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Ich arbeite gerne mit Marc, weil er mir ähnlich ist. Ich mag keine sehr komplizierte Musik oder Musik, die schwer zu spielen ist. Ich mag Musik, die einfacher strukturiert ist, dann kann man beim Improvisieren komplexer werden. Teilweise ist die heutige Musik sehr kompliziert. Es muss für Nichtmusiker schwierig sein, diese Musik anzuhören, weil man nichts hat, an dem man sich orientieren kann.

Ich habe den Eindruck, dass sich Musiker in ihren technischen Fähigkeiten verlieren können.

Das passiert schnell. Spielen ist manchmal fast athletisch. Wie ich schon sagte, bin ich kein Sporttyp. Ich mag Baseball, weil es kein Macho-Sport ist. Vielleicht mag ich deshalb keine aggressive Musik. Es geht eher darum, eine gute Zeit zu haben. Ähnlich wie beim Baseball – es geht um Wettkampf, aber es ist ein freundliches Spiel auf einem grünen Feld. Es fühlt sich gut an, wenn du technische Sachen meistern kannst. Für Athletisches habe ich nicht die nötige Technik, aber ich arbeite daran!

Als Zuhörer mag ich Melodien, die ich mit nach Hause nehmen kann. Bei hoher Virtuosität kann man die Melodien schwerer erfassen.

Das ist schwer, doch viele Musiker können in schnellen Noten Melodien hören. Für Zuhörer – auch mich – ist das oft schwer. Wenn ich Musik höre, die ich nicht verstehe, versuche ich, sie zu analysieren. Was für eine Taktart, was machen die Harmonien? Mein erster Gig war mit einem schwarzen Organisten, der einen gewissen Ruf hatte und schon Alben aufgenommen hatte. Wir haben nur Standards und Blues gespielt. So habe ich Standards gelernt, die sehr einfach sind und schöne Melodien haben, an die man sich erinnert. Wenn du ,All The Things You Are‘ oder ,Stella By Starlight‘ nimmst, das kennen die Leute. Starke Melodien und Harmonien sind mein Ziel beim Komponieren.

Du spielst nur mit dem Daumen?

Ich habe früher mit Pick gespielt, ich habe mit Pick gelernt. Vor 15 Jahren habe ich mit dem Daumenspiel begonnen, ich mochte den Sound und das Gefühl, die Saite mit dem Daumen zu fühlen. Da bin ich stärker mit dem Instrument verbunden, der Sound ist wärmer. Während ich aufwuchs, war Wes Montgomery wichtig für mich – er hat auch mit dem Daumen gespielt. Ich mochte seinen Sound und das relaxte Feeling. Ich muss nicht mehr über die Technik meiner rechten Hand nachdenken, ob das Pick nach oben oder unten geht. Mit dem Daumen geht es nur runter, alles andere wäre ziemlich schwierig.

Deine Gitarre ist eine Rik McCurdy…

Ja, Rik hat im Laufe der Jahre schon einige Gitarren für mich gebaut. Ich habe viele Gitarren, auch aus Deutschland. Der Frankfurter Peter Coura hat mir eine wundervolle African Guitar gebaut. Ich habe auch Roger-Sadowsky-Gitarren oder eine Brian Moore, die jahrelang meine Hauptgitarre war. Diese hier habe ich bauen lassen, weil ich Les-Paul-Modelle immer schon mochte. Ich hatte selber eine, als ich sehr jung war. Meine erste Gitarre war eine Gibson L 7, eine dicke Jazz-Gitarre.

Meine erste Solidbody war eine schwarze Les Paul, die The Custom hieß. Seither mag ich Les Pauls. Sie sind nur sehr schwer. Sie haben einen warmen Sound und wundervolles Sustain. Ich wollte eine Gitarre im Les-Paul-Stil haben, die aber nicht so viel wiegt. Im Instrument sind Hohlräume, und der Korpus ist ein bisschen kleiner als beim Original. Ich wollte ein Les Paul Cutaway und eine Brücke aus Ebenholz. Auch der Saitenhalter ist aus Ebenholz oder Palisander. Es ist also eine Fast-Solidbody-Gitarre mit Holzbrücke, das fand ich interessant. Diese Gitarre habe ich erst seit zwei Monaten. Die neue CD mit Marc Copland habe ich fast nur mit diesem Instrument eingespielt. Die Farbe heißt übrigens Cadillac Green. Ich habe im Internet ein Photo von Elliot Easton von The Cars gesehen, darauf hielt er eine grüne Lefthand Gretsch-Gitarre. Ich fand, die Farbe war der Knaller. Das Grün ist toll, bei Sonnenlicht wirkt es heller.

John-Abercrombie
(Bild: John Rogers / ECM)

Wie sieht es mit Effekten aus?

Ich habe ein kleines Equalizer-Pedal von Boss, das verwende ich für EQ und für Level-Control. Ich verwende es wie einen Pre-Amp. Das geht in ein Distortion Pedal (das ich auf dieser Tour nicht verwende). Das könnte ein Fulltone Fulldrive sein oder ein Tube Screamer. Dann geht es in ein Volume-Pedal, nach dem ich süchtig bin. Weiter geht es in einen Stereoeffekt von Eventide: das Space liefert einen tollen Reverb, ein bisschen Modulation und ein bisschen Delay. Das Delay ist in erster Linie für mich und – ganz wichtig – stereo. Das Volume geht über den Monoeingang des Eventide und dann stereo auf die Boxen.

Der Sound ist wunderschön.

Ich verwende auch gerne den alten Boss SE- 50 Stereo Effects Processor, ich habe fünf davon zu Hause. Der Multieffekt macht einen tollen Sound. Für die Tour habe ich den Eventide mitgenommen, das Reverb klingt dunkel und üppig. Reverb, ein bisschen Chorus, und bei einer Band etwas Verzerrer. Nicht im Duo mit Klavier, das würde zu künstlich klingen. Das Reverb lässt die Gitarre mehr wie ein Klavier klingen. Wir spielen leise, die Leute müssen zuhören. (Zur Verstärkung nutzt Abercrombie seit Jahren Roland-Jazz-Chorus-Combos, entweder den JC-77 oder einen JC-120, außerdem Amps von Polytone und Evans; d. Red.)

Klingt wie Jim Hall, der sagt, dass er verstärkt spielt, um das Instrument noch leiser drehen zu können.

Er ist das Nonplusultra! Seine Art zu spielen ist unfassbar. Seinen Gitarrenton der 60er-Jahre mochte ich lieber als alle anderen Sounds. Er war mein Vorbild: für Sound, seine Art zu spielen und die musikalischen Ideen. He’s the guy!

Du spielst schon eine Ewigkeit mit Marc Copland zusammen.

Wir haben uns 1970 das erste Mal getroffen, als ich nach New York gezogen bin, um in der Band des Schlagzeugers Chico Hamilton zu spielen. Marc war Saxophonist der Band, seither kennen und schätzen wir uns. Er wechselte das Instrument und ist jetzt ein toller Pianist. Ich weiß nicht mehr, wann wir unsere erste Platte aufgenommen haben, aber das dürfte inzwischen 20 Jahre her sein.

Die Duo-Konstellation mit Klavier und Gitarre ist speziell.

Die Kombination Gitarre und Klavier gibt es nicht oft. Am bekanntesten ist sicher das Duo Jim Hall mit Bill Evans, das ist unser Fundament. Wir spielen anders, haben aber ein paar der Stücke, die Jim und Bill gespielt haben, auch in unserem Repertoire.

Ihr habt eine eigene Sprache gefunden, manchmal klingen Gitarre und Klavier zusammen wie ein neues Instrument, vor allem, wenn ihr euch die Voicings aufteilt und die Gitarre Zwischenstimmen übernimmt.

Die Mischung ist der Schlüssel. Man sollte nur an den Sound denken. Gitarre und Klavier können clashen, aber wenn man sensitiv genug ist und gut zuhört, geht es gut.

Danke für das nette Gespräch!

Das Interview wurde 2013 von Angela Ballhorn geführt. (Erschienen in Gitarre&Bass 08/2013)

 

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