Interview mit ...

JD Simo: Let Love Show The Way

Der junge Gitarrenheld aus Nashville wird vor allem in den USA als „the next big thing“ gehandelt. Kaum einer seiner Kollegen scheint den British- Blues-Invasion-Sound derart verinnerlicht zu haben wie JD Simo mit seiner roten Gibson ES-335. Hierzulande gilt er zwar noch als Geheimtipp, aber das war bei seinem Freund Joe Bonamassa auch einmal so. Wir trafen Frontman JD und seine nach ihm benannte Band SIMO bei einem Gig in Belgien.

(Bild: Pipper, Mascot Label Group)

Das belgische Dorf Ramelot scheint kaum 100 Einwohner zu haben. Hier in „the middle of nowhere“ treffen wir in einem winzigen Club das Power-Trio SIMO nachmittags beim Soundcheck. Die Musiker wirken etwas erschöpft und müde. Draußen regnet es wie aus Eimern und dichter Nebel erschwert die Sicht. An diesem Abend stehen SIMO für ihren beinahe zweihundertsten Gig des Jahres auf der Bühne. Im Oktober, November und Dezember 2016 stand bereits die zweite Europa- Tournee an. Das Trio kannte ich bisher nur aus Youtube-Videos, auf denen man sofort diese unglaubliche Leidenschaft und Hingabe auf der Bühne spürt.

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SIMO erinnert nicht nur von der Besetzung an Cream, Led Zeppelin, Free oder die frühe Jeff Beck Group, sondern sie scheinen auch genau diese Musik mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. Drummer Adam Abrashoff, Bassist Elad Shapiro und Sänger & Gitarrist JD Simo spielen sich buchstäblich den Allerwertesten ab, um ihre Musik jenseits eines unübersichtlich verknoteten Musikmarkts hinaus in die Welt zu tragen. Und Europa scheint dabei eine Schlüsselrolle zu spielen. Einige Tage zuvor feierte die Band einen großen Erfolg beim Crossroads-Rockpalast-Special in Bonn, das SIMO auch erstmals ins deutsche Fernsehen brachte. Der Sendetermin lag wie üblich leider spät in der Nacht.

JD Simo wurde Mitte der Achtziger in Chicago geboren, wuchs in Phoenix/Arizona auf und ging vor etwa zehn Jahren nach Nashville. Im Rückblick ist er selbst von dieser Kühnheit überrascht. Schließlich versammeln sich im Gitarren-Mekka in Tennessee sämtliche Saitenkünstler der Vereinigten Staaten. Peter Frampton, Larry Carlton oder Robben Ford hatte es schon hierher verschlagen, und zuletzt auch Joe Bonamassa. JD Simo heuerte in Don Kelleys Country-Band an und absolvierte unzählige Studio-Sessions. Und hier war zunächst kein Blues-Rock, sondern das in Nashville allerorts übliche Chicken- Picking gefragt. Und weil Simo das mit seinen unverwechselbarem Blues-Approach unterlegen konnte, stand fortan das Telefon nicht mehr still. Er konnte sich ernähren, fand einige Freunde und wurde schnell zum Liebling der Szene. Und das lag nicht zuletzt an seiner liebenswerten Persönlichkeit. Eine Eigenschaft, die er mit seinem Freund Bonamassa zu teilen scheint. Beide gelten als bodenständig und bescheiden. Simo ist der nette Junge von Nebenan, Drogenexzesse oder Saufgelage sind nicht sein Ding. Der Titel des jüngsten Albums, ,Let Love Show The Way‘, scheint auch Lebensmaxime der drei Jungs aus Nashville. Auch im verregneten Belgien, geplagt von Erkältungen und Heimweh, geben sie sich ausgesprochen zugänglich und freundlich. Es gibt Umarmungen, eine Tasse Tee und einen netten Plausch in der wohl kleinsten Musiker- Garderobe der Welt.

Simo mit Fender Super Reverb (Bild: Pipper, Mascot Label Group)

Seit 2010 ist das Trio unermüdlich unterwegs, die Bühne scheint zu ihrer Bestimmung geworden zu sein. Sie wollen sich finden, schauen was geht, um die eigene innere Wahrheit zu erkunden. Kommerzielle Überlegungen spielen dabei keine große Rolle. Sie spielen die Musik, die sie auf den Plattenspielern ihrer Eltern gehört haben, und formen daraus eine durchaus eigenständige Melange aus Rock, Blues und psychedelischen Klängen. Das breite Fahrwasser eines Joe Bonamassa oder die traditionellen Pfade von befreundeten Bands wie etwa Blackberry Smoke helfen dabei, den Kurs zu halten. Die British Blues Invasion 2.0 ist in vollem Gange, nur wird diese Musik dieses Mal mit amerikanischen Einflüssen wie den Allman Brothers, Lynyrd Skynyrd, Paul Butterfield, Grateful Dead oder den White Stripes verknüpft.

Interview

Guten Abend, JD. Ihr scheint Heimweh zu haben …

JD Simo: Das kann man wohl sagen. Wir waren in diesem Jahr fast pausenlos unterwegs. Das ist manchmal hart, weil man seine Familie und Freunde vermisst. Und natürlich auch sein Lieblingsessen! Aber dennoch sind wir unheimlich dankbar, dass wir das machen dürfen. Wir waren in Deutschland, den Niederlanden, jetzt ein paar Gigs in Belgien, ab morgen spielen wir in Frankreich, danach geht’s noch für eine längere Tour nach England. Wir sind erst kurz vor Weihnachten wieder daheim in Nashville.

Allmählich wächst eure Bekanntheit auch in Europa. Wo seht ihr euch in fünf Jahren. Habt ihr Karriere- Träume?

JD Simo: Na klar, Träume hat schließlich jeder. Und die beziehen sich zuerst gar nicht mal auf die Musik. Gesund bleiben, am Leben bleiben, arbeiten dürfen, die Familie durchfüttern – das steht an erster Stelle. Es gibt Musiker wie etwa Duane Allman oder Stevie Ray Vaughan, die den ganz großen Erfolg gar nicht mehr erlebt haben, weil sie einfach viel zu früh gestorben sind. Duane hat die Allman Brothers schließlich geprägt, und als es dann nach dem ,Live At Fillmore East‘-Album so richtig losging, war er nicht mehr dabei. Das ist unglaublich traurig. Wir sind da sehr realistisch. Es ist gar nicht mal schlecht, wenn das alles ganz kontinuierlich und langsam wächst. Sagen wir mal so: Wenn wir heute Abend einen guten Job machen und nächstes Jahr wieder hier sind, und es kommen zu jedem Gig zwei Zuschauer mehr, haben wir schon eine Menge erreicht.

Ihr seid in Nashville ansässig. Das ist aus Sicht eines Gitarristen sicher die Höhle des Löwen. Empfindest du das als Vor- oder Nachteil?

JD Simo: Anfangs war’s wirklich nicht einfach. Als ich damals nach Nashville ging, kannte ich dort genau eine Person. Ich hatte eine weiße Telecaster, einen Deluxe Reverb und stand auf Blues. Nicht gerade markant für den Anfang. Aber ich fand recht schnell Freunde und Jobs. Vor allem spielte ich Country-Musik mit so einer Art Blues-Approach. Ich lernte buchstäblich auf der Bühne. In Nashville kann man, wenn man es richtig anstellt, jeden Abend spielen. Das war eine gute Schule.

Aber irgendwann wolltest du ausbrechen und deine eigene Musik machen.

JD Simo: Ja, man kommt an den Punkt, wo man selbst Ideen entwickelt. Da wächst etwas im Inneren, dass raus will. Eines Tages habe ich mit unserem früheren Bassisten Frank Swart und Adam gejammt. Das war unglaublich. Ich hatte Seelenverwandte getroffen. Ein Glücksfall. Daraus wurde schließlich das Trio SIMO. Wir versuchten Gigs zu bekommen und wurden schließlich hier und da gebucht. Ganz langsam ging es weiter. Und heute spielen wir ungefähr 200 Gigs im Jahr.

Du scheinst gut eingebettet in die Gitarrenszene in Nashville. Ab und zu sieht man dich mit Joe Bonamassa oder Warren Haynes auf der Bühne.

JD Simo: Ja, das ist sehr wichtig für mich. Unsere Musik wird auch genährt durch Freundschaften und Unterstützung aus dem Umfeld. Joe Boanamassa hat mich seit jeher unterstützt. Er hat sogar die Türen bei der Mascot Label Group geöffnet, bei der er selbst unter Vertrag ist. Warren Haynes habe ich schon länger nicht mehr gesehen, aber auch er war ein Wegbereiter. Unser letztes Album haben wir im Big House Museum der Allman Brothers in Macon aufgenommen. Ein besonderer Ort! Wir haben alles live eingespielt, sogar die Vocals. Gemastert haben wir analog für Vinyl. Wir sind Vinyl-Hörer! Und dann sind da noch diverse Gitarrensammler, die mir großzügig ihre Instrumente zur Verfügung stellen. Großartig! Auf dem letzten Album durfte ich Duane Allmans alte 57er Les Paul Goldtop spielen. Duane ist eines meiner Idole. Ein größeres Geschenk ist kaum denkbar.

SIMO, die komplette Band (Bild: Pipper, Mascot Label Group)

Seit der Europa-Tournee im Frühjahr hast du dich verändert. Die Haare sind ab, die Hippie-Klamotten weg, und deine 1960er Les Paul und der 100- Watt-Marshall wurden durch die ES- 335 und einen Super Reverb ersetzt. Wie kam das zustande?

JD Simo: Ja, das stimmt. Jeder läuft jetzt in Nashville als Hippie verkleidet herum. Das ist doch langweilig. Ich wollte mich ein bisschen neu erfinden und habe die Kostümierung abgelegt. Und da mir immer sehr schnell langweilig wird, habe ich auch das Equipment komplett ausgetauscht. Ich spiele jetzt wieder ausschließlich meine rote 1962er ES 335. Sie ist mein Baby. Mein Ein und Alles. Wir lieben doch alle Vintage-Kram, alte Gitarren und Amps. Es gibt da so viele Verlockungen, denn die alten Gibsons üben auf mich eine unheimliche Anziehung aus. Wann immer ich kann, probiere ich andere Gitarren aus. Aber zuletzt lande ich immer wieder bei meiner treuen Gibson ES. Sie hat für mich alles, was eine gute Gitarre braucht. Sie ist stabil und fordert mich jeden Abend. Die Saitenlage habe ich recht hoch eingestellt wegen des Slide-Spiels. Ich spiele Slide in Normal- Stimmung. An den Blackface Fenders mag ich den Hall und das Tremolo. Es macht Spaß, damit zu spielen und auch mal ein paar schrägere Klänge auszuloten. Ich sehe in der Beschränkung auf ganz wenig Equipment eine Inspiration, die mir gut tut. Daher werde ich immer puristischer. Die rote 62er ES-335 gehörte einst einem Freund. Ich durfte sie spielen und wusste sofort, dass das genau mein Instrument ist. Ich habe dann alles verkauft, was ich besaß und alle Ersparnisse geopfert, um sie zu kaufen. Wenn man nur mit einem Kabel direkt in den Amp spielt, ist der Sound der Gitarre umso wichtiger. Was Amps angeht, probiere ich ständig aus. Zuhause in Nashville spiele ich wieder vorwiegend meinen Blackface Deluxe Reverb mit einem Celestion Vintage 30. Aber ich experimentiere viel und suche vor allen nach Inspiration.

(Bild: Pipper, Mascot Label Group)

Wie fällt dein Resümee für das vergangene Jahr aus? Ihr habt euch schließlich weiterentwickelt.

JD Simo: Ja, wir experimentieren auf den Tourneen ständig. Wir wollen uns finden und sehen, wer wir eigentlich sind. Die Antworten liegen im Inneren, nicht in Verkaufszahlen oder in vorübergehenden Erfolgen. Wir haben in kleinen Clubs wie hier in Belgien gespielt, als Support für andere Bands und auch einige große Festivals. Aber am Ende des Tages zählt nur der Gig selbst. Waren wir gut? Haben wir die Menschen irgendwie bewegt und mitgenommen? Darum geht es. Es ist wie eine Reise. Es geht immer weiter. Und immer wieder entsteht etwas Neues. Wir gelten zwar irgendwo als Bewahrer einer in die Jahre gekommenen Musik, aber wir wollen sie wieder lebendig machen, neu erfinden und weiterführen. Das ist unglaublich spannend!

(Bild: Pipper, Mascot Label Group)

Danke für das Interview, JD!


Stunden später ist der gemütliche Club in Belgien rappelvoll. Die Band steigt auf die Bühne und beweist vom ersten Ton an, mit welcher Energie und Virtuosität das Trio ausgestattet ist. Mich überrascht neben dem unglaublichen Sound des Frontmanns vor allem die Rhythmus-Gruppe, zwei Musiker, die keinesfalls als Begleiter eines aufkommenden Gitarren-Stars ihren Job durchziehen, sondern ihre Instrumente bearbeiten, als wäre dieser Gig der letzte ihres Lebens. Vollgas von Anfang an. Dazu JDs Gibson ES-335, die er schlicht nach ihrer Farbe „Red“ getauft hat. Er stöpselt die Gitarre mit einem Spiralkabel in einen alten Blackface Super Reverb.

JD Simo mit Udo Pipper und Red, der 1962er Gibson ES-335 (Bild: Pipper, Mascot Label Group)

Ein Cry Baby WahWah ist der einzige Effekt in seiner Klangkette. Die Regler des Amps stehen wie in alten Zeiten allesamt auf 10, und los geht die Show. Sie hämmern Rock-Riffs, funky WahWah- Stakkatos, milde Blues-Passagen, Slide-Exzesse und psychedelische Improvisationen, die man in dieser Art lange nicht gehört zu haben scheint. Es wird niemals langweilig. Jedes Stück ist eine Überraschung und dank der Virtuosität der Band kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ich ertappe mich dabei, wie ich meinen Kummer darüber, dass ich Cream oder Hendrix aufgrund meines Alters nie live erlebt habe, verliere. (Warst du Ende der 60er-Jahre schon so alt, Udo? 😉 Ich habe SIMO zusammen mit etwa 80 begeisterten Belgiern gesehen. In Sachen Gitarren- Trio bin ich jetzt erst einmal für lange Zeit entschädigt. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, werden die Jungs bald größere Hallen füllen und die Früchte ihrer harten Arbeit ernten können. Im Herbst 2017 steht die nächste Europa- Tournee auf dem Plan. Und vorher wird es sicher noch eine neues Album geben.

Equipment

1962 Gibson ES-335 mit PAF Pickups

Fender Blackface Super Reverb

Dunlop Cry Baby WahWah

Spiral-Kabel

.010-.046 D’Addario-Saiten

Discografie

Simo (2011)

Shake it! Aoh (Single, 2011)

Love Vol.1 (2015, Live Recording)

Let Love Show The Way (2016)

News & Infos: www.simo.fm


Aus Gitarre & Bass 03/2017

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Was für ein toller, wunderbarer Artikel über einen ganz großen Musiker!

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