Produkt: Gitarre & Bass 07/2020
Gitarre & Bass 07/2020
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Eine Strat ist eine Strat ist eine Strat

Japan Vintage: Über bezahlbare Vintage-Klassiker aus Fernost

(Bild: Lothar Trampert)

Mann, oh Mann, was ist das Zeuch teuer geworden!“, meinte neulich einer meiner Gitarrenfreunde. „Früher haben wir die 3-Punkt-Fender-Strats mit Bullet-Headstock nicht mit dem Arsch angeguckt, und heute kosten sie mehr als ein Edel-E-Bike.“ „Je nach Jahrgang mehr als zwei Edel-E-Bikes“, antwortete ich. „Und vor ein paar Jahren, als es noch keine E-Bikes gab, hast du für eine einigermaßen erhaltene 1975er Strat mit etwas Glück nicht mehr bezahlt, als für ein gutes Fahrrad.“

Alles, was gefragt ist, wird teurer. Und je älter wir werden, umso älter wird auch die 1975er Strat, die dann nach und nach immer mehr Menschen haben wollen, weil es ja mal ihre erste gute Gitarre war, oder die aus dem eigenen Geburtsjahrgang, oder die, die Robin Trower, Ricky King, der Gitarrenlehrer oder sonst wer damals spielte, oder neulich Blake Mills, Jackie Venson, Eric Gales, Susan Tedeschi, oder Marcus Deml mit genau diesem Gerät brillieren konnten.

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Und viele alte Gitarren verschwinden auch einfach. In diesem Zusammenhang hört man immer wieder Sätze wie: «Hätte ich damals gewusst, dass die mal so teuer werden …» Ja, dann hättest du deine Strat nicht mit einem Floyd-Rose-Vibrato veredelt, umlackiert, die alten Mechaniken weggeschmissen, den originalen Hals ersetzt und das Instrument irgendwann verkauft. Eine gebrauchte Strat war eben nur eine gebrauchte Strat.

Nicht anders lief das bekanntlich mit vielen Instrumenten made in Japan, an denen besonders gern und wild rumgebastelt wurde, denn sie waren ja Gebrauchtware, 2. Wahl, über die in den frühen 70ern oft genau so pauschal die Nase gerümpft wurde, wie heute immer noch über chinesische Produkte. Bei allen Vorbehalten gegenüber diesem autoritären Regime, werden in China auch durchaus erstklassige Instrumente gebaut. Und die ersten, vor ca. zehn Jahren auf den Markt gekommenen, großartigen Ibanez SJ500-VLS Edel-Archtops, kosten heute meist mehr als ihr damaliger Neupreis.

VON DER KOPIE ZUM ORIGINAL

Zurück zum Thema 70s Strats. Ich hatte in den vergangenen Jahren ca. zehn verschiedene Fender Stratocasters aus den Jahren 1971 bis ’76 in der Hand und im Hausgebrauch – und fast alle waren unterschiedlich, vom Gewicht, von der Halsdicke und vom Sound. Dass sich Hölzer und Tonabnehmer verändern können, wenn das Instrument jahrelang neben der Heizung steht oder direkt an eine Box mit fetten Lautsprechermagneten gelehnt wird, kann man sich vorstellen.

Der Unterschied der (allesamt angeblich originalen) Pickups hat mich da am meisten gewundert. So waren sie nicht nur im Output und Klangbild sehr individuell, sondern auch was die mögliche Annäherung an die schwingenden Saiten anging, reagierten manche extrem empfindlich, andere nicht.

Ich hatte in den vergangenen Jahren auch über 20 verschiedene Japan-Kopien der Stratocaster in der Hand, ebenfalls aus den 1970er-Jahren, etliche davon Bullet-Modelle (allerdings durchweg mit Vierpunkt-Halsbefestigung), und von der Bauart und den verwendeten Hölzern mit den entsprechenden Fender-Originalen oft identisch. Interessanterweise war bei diesen besseren Kopien die Bandbreite, was Halsdicke und Pickup-Sound anging, kleiner als bei den o. g. Fender-US-Strats. Klar, da hatten sich die Japaner schon überlegt, mit welchem Halsprofil man die meisten E-Gitarre-Anfänger ins Boot bekam.

Ihre Strat-Kopien sollten möglichst wie damals neue, aktuelle, gefragte Modelle aussehen, gut spielbar sein, nicht zu schwer und nicht zu dick und elektrisch authentisch klingen. Mal abgesehen von einigen günstigeren Schichtholz-Modellen und wenigen extrem schrillen, mikrofonischen PUs (wie bei den ersten Maya-Kopien), gelang das den japanischen Herstellern sehr gut, und einige Fernost-Imitate waren sogar besser verarbeitet als die US-Originale dieser Jahre.

Die japanischen Hersteller verkauften ihre Kopien damals zwischen 350 und 450 D-Mark – eine originale Fender Stratocaster kostete Mitte der 70er-Jahre ca. 1700 D-Mark, also ungefähr das Vierfache. So kam es, dass Fender mit juristischen Konsequenzen drohte, und um einen „Lawsuit“, also einen Rechtsstreit zu verhindern, ging man dazu über, zumindest bei Export-Modellen für den europäischen und amerikanischen Markt, bestimmte Merkmale wie die Kopfplattenform oder das Design des Pickguards und der Tonabnehmerkappen zu verändern.

Und da etliche Hersteller vor ihren Kopien von Strats, Teles, Les Pauls, SGs, Firebirds und ES-Modellen auch schon eigene Designs vermarktet hatten, war das keine große Herausforderung. Ibanez, Aria, Yamaha, Fernandes machten sich auf den Weg – und wurden ab Ende der 1970er-Jahre noch erfolgreicher mit neuen, selbst entworfenen Modellen. Andere Hersteller, die aus rechtlichen Gründen, primär den japanischen und den UK-Markt belieferten – Greco, Tokai, Burny etc. – blieben dagegen beim Kopieren und schufen jede Menge hochwertige Sammlerstücke.

Während Gibson sauer war und in den 80ern immer schlechtere Gitarren baute, war Fender sauer und baute seine besseren Gitarren ab 1982 in Japan – erst als Squier-JV-, -SQ-, -E-Serie etc., dann auch als Fender-Japan-Modelle. Besonders lustig, weil die angesagten neuen Fender-Japan-Instrumente aus Fabriken kamen, die vorher für andere Auftraggeber Kopien angefertigt hatten. Die Produktion der Originale besorgte also jetzt der Meisterfälscher.

BEZAHLBARE QUALITÄT

Es geht um bezahlbare Klassiker aus Fernost: Die alten Japan-Kopien waren eine ganze Zeit lang überhaupt nicht gefragt, und man bekam sie für 100 D-Mark, und 20 Jahre später immer noch für unter 200 Euro hinterhergetragen. Sie hatten einfach ihren Ruf als die „70er-Jahre-Nachbauten“ weg, und frühere Gitarrenanfänger konnten sich inzwischen „was Besseres“ leisten. Oft Instrumente auf deren Kopfplatte ein Name stand, der früher mal Garant für „was Besseres“ war. Man hatte es eben zu was gebracht.

Mein Kollege Dirk Groll machte mich Anfang der 00er-Jahre mal auf Jazz- und Precision-Bässe der Marke Luxor aufmerksam, die seiner Meinung nach von den verbauten Hölzern und dem Schwingungsverhalten, guten alten Fender-Originalen in wenig nachstanden. Nur die Pickups waren Glücks- und/oder Geschmacksache. „Die will keiner haben“, meinte er grinsend. „Die Leute kaufen fast alle nur nach Namen. Aber die sind klasse!“

Sehr gut erhaltene Luxor Stratocaster von ca. 1975 im Originalzustand. Made in Japan by Matsumoku. Mit AlNiCo-Singlecoils, 3-way-Switch, Maple-Neck mit moderatem D-Profil und sehr schönem Ash-Body, den nur wenige Luxor-Strats bieten konnten.

 

Luxor war ein Markenname, unter dem verschiedene Musikhäuser in Deutschland, überwiegend in den 1970ern bis Anfang der 80er-Jahre Gitarren, Bässe, Verstärker etc. verkauften. So hatte z.B. die Händlerkette Reisser-Musik damals, neben etlichen grausamen Einsteiger-Frustrierungs-Instrumenten, auch richtig gute Fender-Bass- und E-Gitarren-Kopien am Start, die aus einer der besseren japanischen Manufakturen Matsumoku (und gerüchteweise später auch von Fujigen-Gakki und Kasuga) stammten und sich, abgesehen vom Logo auf der Kopfplatte, teils überhaupt nicht von den teureren Ibanez- oder Aria-Kopien unterschieden – und auch kaum von den Originalen.

Und noch eine sehr schöne Luxor-Kopie einer 1971er Fender Strat – mit Bullet-Kopfplatte, Vier-Punkt-Halsverschraubung und unauffällig gemasertem Mahagoni-Body. Aber nicht mehr im Originalzustand: Der Vorbesitzer hat die Kopfplatte dieser Stratocaster-Kopie mit einem fantasieanregenden Decal versehen, außerdem bekam die Gitarre einen 5-fach-Pickup-Schalter.

 

Heute kosten diese unechten Japanerinnen und Japaner ca. 300 bis 500 Euro, haben sich also quasi im Preis verdoppelt; die erwähnten Squier-JV- und Fender-Japan-Modelle der 80er haben sich im Preis tendenziell verdrei- bis vervierfacht, die amerikanischen Originale der frühen 70er-Jahre kosten inzwischen das Fünf- bis Zehnfache ihres ursprünglichen Preises.

Da stellt sich natürlich die Frage, was man braucht, haben will, sich leisten kann, was angemessen für ein spielbares Instrument oder wirklich nur noch spekulativ sinnvoll ist. Einfache Antwort: Nur wer viel Geld hat, kann viel Geld ausgeben – aber eine knapp 50 Jahre alte, gute Vintage-Strat kann man auch mit wenig Kapital bekommen. Sind dann noch die Hölzer und die Hardware qualitativ wertig, dann sind die Unterschiede zwischen manchem Original und der gleichalten Japan-Kopie, oft erschreckend gering. Und da können schon mal Fender Stratocasters von 1972 und 1975 größere Unterschiede aufweisen als eine 1974er Fender- und eine Luxor-L200-Strat.

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2021)

Produkt: Gitarre & Bass 9/2019 Digital
Gitarre & Bass 9/2019 Digital
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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Vielen Dank für diesen ausführlichen Artikel. Ich gehe auf die 70 zu und habe viele der hier beschriebenen Erfahrungen, positiv wie negativ, selbst gemacht.
    Da ich seit nunmehr 40 Jahren vornehmlich Strats und Teles umfangreich verbessere (Hals, Haptik, Sound = div. Schaltungen, die man so nicht kaufen kann), habe ich eine kleine Ergänzung bezüglich vieler 70er-Jahre Japaner, wie z.B. L u x o r . Wie beschrieben sind zumeist 3-Pos.-Lever drin, wodurch die PUs jeweils nur einzeln benutzt werden können. Leider kann man nicht einfach einen 5-Pos.-Schalter einbauen, da die Einbaumaße (Schlitzlänge kürzer + Loch-Abstände enger zueinander) das nicht zulassen. Ich habe mir dazu eine Schaltung einfallen lassen, bei der das mittlere Tone-Poti eine zweite Soundebene in jeder der 3 Positionen einblendet, also 6 Sounds, davon alle 5 üblichen einer “normalen” Strat.
    Bei Interesse: hier anschauen: https://www.youtube.com/watch?v=KsfcEKvvlpc
    Natürlich könnte man auch einen Kippschalter oder PP-Poti einbauen. Mein Anspruch an Vintage-Gitarren ist jedoch, alle Vintage-Teile drin zu lassen. Nur die Verkabelung ist verändert, ließe sich aber jederzeit in den Ursprungszustand zurücklöten, also nur Original-Kabel, keine Zusätze.
    Mit musikalischen Grüßen. MrHKBlues

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