Im Interview

Jackson Browne: Die Bürde des Alters

(Bild: Dylan Coulter)

Mit 73 ist alles schwieriger – auch das Schreiben von Songs. Für sein neues Album hat Jackson Browne geschlagene sechs Jahre gebraucht. Ein Tribut an seinen Qualitäts-Standard.

In den 70er- und 80er-Jahren war der Mann aus Los Angeles ein Superstar – ein gutaussehender Sunnyboy und einer der erfolgreichsten Vertreter des Westcoast-Rock. Er schrieb für die Eagles und The Byrds, landete Hits mit ‚Doctor My Eyes‘, ‚Running On Empty‘ oder ‚Somebody’s Baby‘ und spielte bei der letzten Rockpalast-Nacht in Essen. Seitdem verlegt er sich auf Polit- und Umweltaktivismus, tourt eher selten und nimmt sporadisch auf. Sein 15. Album ‚Downhill From Everywhere‘ zeigt Browne als geläuterten, aber ehrgeizigen Altmeister.

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Jackson, du sitzt in deinem „Groove Masters“-Studio in Santa Monica – wie darf man sich den Ort vorstellen?

Wie eine kleine, kreative Oase. Und wegen der Pandemie hatte ich erstmals seit Jahren wieder Zeit, mich um Sachen zu kümmern, die sonst liegenbleiben. Dazu gehörte auch, hier endlich zu renovieren, einiges an der Technik zu erneuern und die Verkabelungen neu zu legen. Wir haben auch wieder mehr externe Kundschaft akquiriert. Sprich: Der Laden läuft – besser denn je. Alles funktioniert, alles wird gewartet und repariert, sofern es nötig ist. Und es schauen eine Menge Leute vorbei, die an neuer Musik arbeiten wollen, was toll ist. Benmont Tench war zum Beispiel gerade hier, was mich persönlich sehr gefreut hat. Ich bin ein großer Fan von ihm. Durch solche Gäste macht es auch wieder Spaß, hier Zeit zu verbringen. Also: Ich treffe tolle Leute, führe gute Gespräche und arbeite auch selbst wieder viel. Das ist gut. Ein gutes Zeichen.

Jackson Browne in seinem Groove-Masters-Studio zusammen mit Mixing Engineer Kevin Smith (Bild: Lori Fletcher)

Angeblich fällt dir das Schreiben von Songs mit zunehmendem Alter immer schwerer. Stimmt das?

Ich hätte nichts dagegen, wenn es genau andersrum wäre und es mir plötzlich leichter fallen würde. (lacht) Doch die Realität sieht so aus: Meine Anforderungen an mich selbst sind so hoch, dass ich oft Probleme mit meinem inneren Kritiker habe. Was wiederum dafür sorgt, dass ich extrem langsam arbeite und vieles verwerfe. Manchmal wünschte ich, ich könnte da einfach lockerer und entspannter rangehen bzw. es betont simpel halten. Aber das gelingt mir nicht. Für den Opener des Albums, ‚Still Looking For Something‘, habe ich Jahre gebraucht, weil ich nicht wusste, was ich damit sagen wollte. Ich habe ihn in alle möglichen Richtungen geführt, aber es hat mir alles nicht gefallen.

Wie kommt es eigentlich, dass du nur auf einigen Stücken des neuen Albums spielst und dich diesmal mehr auf die Rolle des Sängers und Pianisten konzentrierst?

Ist das wirklich so? (überlegt) Also ich spiele nicht auf dem Opener, auf ‚Still Looking For Something‘, aber definitiv auf ‚Love Is Love‘, wo mein Spiel sogar so gut ist, wie selten zuvor. (lacht) Und man hört mich auf ‚Downhill From Everywhere‘, wobei die meisten Gitarrenparts des Songs aber von Greg Leisz stammen. Darunter auch dieses großartige Lick, an dem das Ganze aufgehangen ist. Aber der Song an sich existierte natürlich schon vorher. Ich habe wirklich lange daran gebastelt, bis Greg die entscheidende Idee hatte, die den Song vollendete.

Und Greg ist wirklich witzig. Egal, ob beim Soundcheck oder im Studio: Er hat diese Art, wie er sich über sein Rig beugt. Er meditiert geradezu darüber und dabei macht er „donk, donk, donk, pluck, pluck, pluck“ – während er seinen Ton justiert. Ist er damit fertig, setzt er sich hin, starrt auf seine Gitarre und denkt nach. Man kann ihn regelrecht dabei beobachten, wie er etwas ausheckt. Als er dann soweit war, hatte er dieses unglaubliche Lick. Und als es darum ging, ‚My Cleveland Heart‘ einzuspielen, hat er zunächst ein bisschen improvisiert, was das Solo betrifft, und es dann einfach rausgehauen, ohne lange drüber nachzudenken. Das sind die Momente, in denen ich dastehe, ihm zuschaue und völlig baff bin.

Wann greifst du selbst zur elektrischen, wann zur akustischen Gitarre? Ist das eine Frage der Stimmung, oder was sind deine Entscheidungskriterien?

Ich würde sagen, dass ich in letzter Zeit mehr elektrische Gitarre spiele, denn das ist etwas, das ich immer noch zu lernen versuche. Was nicht heißt, dass ich nicht auch an der akustischen besser werden könnte. (lacht) Aber ich habe immer versucht, mehr über die Eigenart der elektrischen Gitarre herauszufinden – etwa was den Klang betrifft.

Dazu eine lustige Geschichte: Als ich mir neulich eine Aufnahme angehört habe, die ich als Voice-Memo auf dem Handy mitgeschnitten habe, dachte ich: „Wow, das ist ja ein richtig gutes Gitarrenspiel. Wie habe ich das nur hingekriegt?“ Im Ernst: Es war so gut und der Klang geradezu umwerfend. Ich war so stolz auf diesen kleinen Mitschnitt, den ich irgendwann um zwei oder drei Uhr nachts gemacht hatte – und der mich als einen viel besseren Spieler rüberkommen lässt, als ich es eigentlich bin. So etwas spornt mich an, da weiterzumachen und auf der Elektrischen vorwärtszukommen. Das ist es, was mich aktuell interessiert.

Aber ich habe auch jede Menge akustische Gitarren. Wenn ich Solo-Shows spiele, verwende ich dafür viele unterschiedliche Akustikgitarren, also mindestens ein Dutzend oder auch mehr, denn sie haben alle unterschiedliche Tunings oder sind nur für bestimmte Sachen gedacht. Vor ein paar Tagen habe ich einen meiner Songs mal einfach mit einer anderen Gitarre gespielt als ich das für gewöhnlich tue – weil ich erkannt habe, dass sie sich gar nicht so gut fürs Strumming eignet. Sie macht sich viel besser bei einem Song, für den ich auf Fingerpicking zurückgreife.

So habe ich für jeden Song die entsprechende Gitarre zur Hand – mit den entsprechenden Einstellungen bzw. Tunings. Aber bei den elektrischen ist es so, dass jede dieser Gitarren ein bisschen wandlungsfähiger und vielseitiger ist, denn da arbeitet man ja mit diversen Pedals – ich habe auch ein kleines Board. Doch was ich eigentlich sagen wollte ist: In letzter Zeit spiele ich eine Menge elektrische Gitarren und habe viel Spaß dabei. Aber ich bin leider nicht gut genug, um da wer weiß was zu erreichen.

Bei E-Gitarren scheinst du ein Fender-Spieler zu sein. Du verwendest vor allem Telecaster und Stratocaster – wieso?

Wenn es darum geht, elektrische Gitarre zu spielen, habe ich eigentlich immer zur Strat gegriffen. Mittlerweile verwende ich auch eine Telecaster, die ich sehr liebe und die einen Ganzton runtergestimmt ist, wodurch sie einen umwerfenden Sound hat. Aber: Da draußen sind so viele Freaks und ich bin ständig von großartigen Gitarristen umgeben, deren Fähigkeiten auch ein bisschen auf mich abfärben. Gerade, was den Ton betrifft.

Ich spiele schon länger keine Gibsons mehr – was ich über Jahre hinweg oft getan habe. Da hatte ich eine Gibson SG, die einen Teisco-Pickup besaß. Ich habe außerdem eine Menge japanischer Gitarren benutzt, weil die sehr interessant waren und wunderbar geklungen haben – gerade in den 60ern und 70ern. Außerdem hatte ich mal eine elektrische Martin, die ich sehr mochte: Eine Hollowbody mit zwei DeArmond-Pickups. Die Tonabnehmer waren eine echte Offenbarung. Und sie klingen besonders gut, wenn ich sie so spiele, wie ich eine Akustische spielen würde. Sprich: Wenn ich zu den DeArmond-Pickups Fingerpicking einsetze, klingt das fantastisch.

Deshalb habe ich mir ein paar Instrumente von einem Gitarrenbauer hier aus Los Angeles anfertigen lassen – von Reuben Cox. Er hat einen Laden namens Old Style Music und fertigt sehr innovative, ungewöhnliche Gitarren. Blake Mills verwendet zum Beispiel etliche Gitarren von ihm, und er hat viele Stammkunden unter den jüngeren Spielern in L.A.

Dagegen scheint es dir nicht so wichtig zu sein, irgendwelche sündhaft teuren Vintage-Gitarren zu spielen. Viele deiner Kollegen schwören darauf – Neil Young, David Crosby, Joe Walsh. Warum du nicht?

Natürlich habe auch ich ein paar richtig teure Vintage-Gitarren, und ich muss sagen: Sie haben schon auch etwas Besonderes an sich. Aber heute werden viele neue Gitarren nach Vintage-Vorbild gebaut, und darauf spezialisieren sich diverse Gitarrenbauer. Etwa eine tolle Firma für Akustikgitarren, die sich Pre-War nennt. Sie bauen Instrumente, die so rüberkommen, als würde man dir eine alte Gitarre aus den 40er-Jahren in die Hand drücken. Es ist wirklich irre – sie machen da einen Wahnsinnsjob.

Ich habe mir erst vor kurzem eine zugelegt, die eben nicht 40.000 oder 80.000 Dollar kostet, sondern eine eher durchschnittliche, normale Summe. Also etwa 3000 oder 4000 Dollar. Ich weiß es nicht einmal genau, weil ich in diesem Fall mein eigenes Holz verwendet habe. Ein Freund hat mir dieses Holz überlassen und Pre-War haben mir daraus für kleines Geld eine Gitarre gebaut. Ich halte sie für echte Genies. Sie haben den Code geknackt, wie man diese alten Gitarren herstellt. Das ist in etwa so, als ob jemand herausgefunden hätte, wie man eine neue Stradivari-Geige baut.

Bereits in den 70ern konnte Jackson Browne große Erfolge feiern (Bild: Henry Diltz)

Für dein Signature-Modell von 2009 hast du dich an der Gibson Jumbo aus den 1930ern orientiert. Warum?

Ich hatte versucht, sie zu einer Neuauflage der Roy-Smeck-Gitarre zu überreden. Eine Zeit lang war ich regelrecht besessen von diesem Instrument, das aus der Mode gekommen war. Und als sie dann mein Modell gebaut haben, war das eben nachdem ich ihnen jahrelang in den Ohren gelegen hatte: „Warum legt ihr nicht die Smeck neu auf? Tut wieder das, was ihr in den 30ern getan habt.“ Aber sie wollten sich nur darauf einlassen, wenn es gleichzeitig mein Signature-Modell würde. Doch selbst das haben sie am Ende verworfen – sie wollten es einfach nicht. Wahrscheinlich, um sich die Möglichkeit offenzuhalten, das irgendwann zu tun – wenn es wieder eine Nachfrage danach gibt. Also haben wir mein Modell fundamental verändert. Wir haben z. B. Holz verwendet, das nachhaltig produziert wurde. Sie haben da englisches Walnussholz benutzt – die Idee des Gitarrenbauers Ren Ferguson.

Als jemand, der seit Mitte der 60er aktiv ist: Was würdest du in Zukunft noch gerne ausprobieren, was steht auf deiner Liste?

Ich würde mich gerne mal als Straßenmusiker versuchen.

Wie bitte?

Das war schon immer mein Traum. Ich wollte das mal in der Pariser U-Bahn versuchen, Mitte der 70er, als ich erst ein paar Platten veröffentlicht hatte und in Europa noch nicht so bekannt war. Ich wollte David Lindley mitnehmen und einen kleinen Film darüber drehen. Das hätte ich wirklich wahnsinnig gerne getan und wahrscheinlich wäre es auch ein großer Spaß gewesen. Aus irgendeinem Grund hat es nie geklappt, und das bereue ich bis heute. Wer weiß, vielleicht mache ich das irgendwann ganz spontan – sobald man wieder reisen kann.

(erschienen in Gitarre & Bass 11/2021)

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