Produkt: Gitarre & Bass 4/2019
Gitarre & Bass 4/2019
INTERVIEWS: Bryan Adams, Tommy Emmanuel, Devin Townsend+++SPECIAL: Jazzgitarre in Deutschland+++Tiefer. Härter. Breiter: Die ERG-Highlights der NAMM 2019
Midlife Crisis Music Alert!

Interview: Devin Townsend

(Bild: Stefan Woldach)

Das nennt man Multitasking: Kaum liegt der Prototyp seines Framus-Signature-Modells Stormbender als Siebensaiter vor, präsentiert das sympathische Multitalent seine brandneue Signature-Akustik-Gitarre des kanadischen Gitarrenbauers Prestige. Und mit ‚Empath‘ stellt der Mann mit dem „Mad Scientist“-Image auch gleich noch sein neues Album vor.

„Gewaltig und episch“, lautet das Urteil des Kanadiers nach dem finalen Mix seines neuen Longplayers ‚Empath‘ via Twitter. „Ich fühle mich, als hätte ich gerade ‚Ben Hur‘ angeschaut. Ich bin extrem stolz.“ Musikalisch klingt ‚Empath‘ sicherlich vertraut, allerdings war die Herangehensweise diesmal anders. Doch am Ende sei alles wie immer: „Some will dig it, some will think it’s shit but for me it represents a lot.” Townsend mag musikalisch experimentierfreudig sein, doch was sein Equipment angeht, ist der sympathische Kandier extrem markentreu und kompromisslos.

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Interview

Unser erstes Gespräch ist 25 Jahre her. Du warst ein unbekanntes Talent, das von Steve Vai eingeladen wurde, auf seinem Album ‚Sex And Religion‘ mitzuspielen. Vorab hatte dich Steve zum Kennenlernen zu einer Session in sein Studio eingeladen. Zum Dank hast du ihn nach einem Jacuzzi-Bad im Schnee gewälzt.

(lacht) Ich erinnere mich vage! Als ich vor 25 Jahren mit dem Musikmachen anfing, suchte ich verzweifelt nach Anerkennung und Aufmerksamkeit. Ich hätte alles getan, um ins Rampenlicht zu kommen! Steves Tontechnikerin Liz Stroker war da, Steve natürlich und ich. Ich war total nervös.

Am Ende der Session haben wir im Jacuzzi entspannt und dann habe ich Steve in den Schnee geworfen! (lacht) Nach all den Jahren kann ich heute nur sagen: Steve ist ein guter Freund, ein großartiger Mensch und Musiker.

Steve war damals begeistert von deinen ‚Noisescapes‘.

Ich war nicht mal 20, hatte den Kopf voller Ideen, wusste aber nicht, was ich damit anfangen sollte. Heute sitze ich hier, mehr als zwei Jahrzehnte später und bin glücklich, dass ich Menschen, Equipment und Spieltechniken gefunden habe, um mich auszudrücken.

Damals wusste ich nicht, wie ich das hinkriegen sollte. Ich hatte nur dieses erste Demo von ‚Noisescapes‘ – sozusagen eine prähistorische Version dessen, was ich heute mache. (lacht)

Auf deinem neuen Longplayer ‚Empath‘ gibt es mit ‚Singularity‘ einen 22-minütigen Song, auf dem Steve gastiert. Aber eigentlich sollte Vernon Reed den Part übernehmen.

Stimmt. Ich liebe Living Colour und war als Teenager sogar in einer Band, in der wir ihre Songs coverten. Ich fand Vernons Spiel immer großartig, bin aber viel zu schüchtern, als dass ich ihn kontaktiert hätte. Letztes Jahr auf der NAMM Show stand er plötzlich ganz überraschend neben mir und sagte, er habe ein Geschenk für mich. Einfach so! Dann war er wieder weg. Einen Monat später bekam ich ein Paket von ihm, darin ein Schweizer Taschenmesser auf dem „Devin“ graviert ist. Ich war echt gerührt. Ich meine – ich kenne den Mann gar nicht! Ich sandte ihm eine E-Mail, bedankte mich und fragte, ob er auf meinem Album spielen wolle. Und dann habe ich nie wieder etwas von ihm gehört! Ich habe es immer wieder probiert. Vernon blieb verschwunden. Zufällig meldete sich Steve, ich erzählte ihm diese seltsame Geschichte und er bot mir an, den Part zu übernehmen.

Du sagst über ‚Empath‘, das Album habe dir „neue psychologische und technische Wege“ eröffnet. Was gibt’s denn über die technische Seite zu berichten?

Jedes meiner Alben hat einen roten Faden, an dem ich mich orientiere, damit es am Ende schlüssig ist – einen Sound, ein Thema, eine Farbe, was auch immer. Die technische Seite von ‚Empath‘ geht diesmal Hand in Hand mit meiner emotionalen Seite. Ich habe eine Menge Zeit in Planung, Vorbereitungen und Recherche investiert, bevor ich losgelegt habe …

(Bild: Insideout Christie Goodwin)

… was eher ungewöhnlich für dich ist, weil du normalerweise unglaublich schnell und effektiv arbeitest.

Genau. Ich habe aber festgestellt, dass ich diesmal damit nicht weiterkam. Egal wie viel ich schrieb, ich kam nicht voran. Am Ende musste ich mir eingestehen, dass ich einfach Schiss hatte, mich mit diesen Songs sehr persönlich zu zeigen. ‚Empath‘ ist vermutlich meine Midlife-Crisis-Scheibe! (lacht) Auf der technischen Seite wollte ich zuerst vieles ganz anders machen, wollte ein sündhaft teures Studio mieten, mir so ziemlich jeden existierenden Amp der Welt schicken lassen, dazu Gitarren, Effekte, Pickups, Saiten, eben einen Haufen Equipment aller Firmen, mit denen ich zusammenarbeitete. Und weißt du was? Am Ende bin ich wieder bei meiner Framus Stormbender und dem Fractal Audio Axe-FX gelandet! (lacht) Dieser Prozess hat mich viel Zeit gekostet, war aber sehr lehrreich. Ich habe mir erlaubt Fehler zu machen, ohne sie zu bewerten oder sauer auf mich zu sein. Das war sehr befreiend.

Du hast eine Signature-Acoustic von Prestige Guitars aus Vancouver gebaut bekommen. Für viele recht überraschend, da man dich nicht zwingend mit Akustik-Sounds assoziiert.

Die Zeit wird beweisen, dass eine Akustik-Gitarre für Devin Townsend tatsächlich mehr Sinn macht, als es auf den ersten Blick wirkt! Wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, habe ich die meisten Jahre verrückte Songs und Sounds gebastelt und genieße den Ruf eines verrückten Wissenschaftlers! (lacht) Privat bin ich das jedoch überhaupt nicht! Es gibt zwei Seiten an Devin Townsend. Beide sind ein Teil von mir. Und zusammen mit Prestige haben wir jetzt ein Instrument designed, das genau meinen Bedürfnissen entspricht. Wir haben bisher nur einen Prototyp, werden aber im März die fertige Gitarre präsentieren, die ich dann auch auf meiner Acoustic-Tour spielen werde.

Die Gitarre ist eine Dreadnought mit Cutaway. Erzähl uns etwas über die Features.

Ich wollte eine Dreadnought, das war schnell klar. Die Dreadnought ist die klassische Bauform. Die Decke meiner Gitarre ist aus Adirondack-Fichte, die torrifiziert, also wärmebehandelt wurde und dadurch leichter und stabiler ist. Wir haben hunderte von Deckenhölzern abgeklopft, bis wir der Meinung waren, Holz gefunden zu haben, das für meinen Geschmack obertonreich und lebendig klingt. Zargen und Boden sind aus indischem Palisander. Der Bevel ist aus kanadischem Ahorn, sozusagen ein Zitat aus meiner Heimat. Die Jungs haben den Halsfuß ergonomisch ausgeformt, um komfortables Spiel in den hohen Lagen zu ermöglichen, ebenso durch den Cutaway. Ähnlich meiner Stormbender ist auch sie mit einem Fishman-Pickup-System bestückt, weil ich sie verstärkt mit Effekten und Delay spielen will. Die Mensur ist 25,4 Zoll lang, das Griffbrett aus Ebenholz. Heißen soll sie ‚Empath‘.

Langweilig, ich weiß. Wenn es etwas gibt, das ich echt nicht drauf habe, dann sind es einfallsreiche Namen. (lacht)

Du hast uns den 7-String-Prototyp der Framus Stormbender mitgebracht.

Ja, den habe ich gerade vor drei Tagen bekommen. Ich bin eigentlich kein 7-String- Player, wenn ich ehrlich bin. Ich fühle mich auf sechs Saiten wohler. Aber ich werde mich einarbeiten, das hält mich kreativ und aufmerksam. Sie hat ein paar kleine Veränderungen gegenüber dem 6-String- Modell. Offensichtlich natürlich Headstock und Halsform mit einem breiteren Griffbrett für sieben Saiten. Die Mensur dieser Gitarre ist mit 26 Zoll etwas länger, als die der 6-String. Als ich den Prototyp das erste Mal in die Hand nahm, dachte ich: Oh – die Gitarre ist zu leicht! (lacht) Sie wiegt 4,7 kg, fühlt sich aber irgendwie viel leichter an! Sie ist perfekt ausbalanciert. Aber ich denke halt: Wenn ich Heavy-Musik spiele, darf meine Gitarre einfach nicht zu leicht sein! (lacht) Ansonsten ist das Stormbender-Design für mich perfekt. Ich habe alle Songs auf ‚Empath‘ auf meiner 6-String eingespielt und mal wieder gestaunt, wie toll sie klingt! Ich bin echt stolz, dass ich ein Signature Modell habe. Das dient jedoch nicht etwa meiner Eitelkeit, sondern nur als Werkzeug für meine Musik. Die jedoch ist absolut selbstverliebter Scheiß! (lacht)

Devins Framus-Stormbender-7-Signature-Gitarre (Bild: Stefan Woldach)

Seit vergangenem Jahr gibt es deine Stormbender nicht mehr nur aus dem Custom Shop, sondern auch als günstigeres Instrument. Das dürfte deine Fans freuen.

Ja, die einzigen Unterschiede sind, dass es in der Mitte keinen Carbon-Streifen und keine beleuchteten Inlays hat. Ansonsten ist das Instrument identisch. Ich würde mich freuen, wenn wir sogar eine noch preisgünstigere Version an den Start bringen könnten.

Du hast im Studio, wie erwähnt, wieder mit dem Fractal Audio Axe FX gearbeitet. Sind die endlosen Möglichkeiten für jemanden wie dich, der extrem zielorientiert arbeitet, nicht eine verlockende Zeitfalle?

Inzwischen weiß ich, wie ich gute Sounds hinkriege. Am Anfang haben mich die endlosen Möglichkeiten verrückt gemacht. Das Axe-FX hat mich im Grunde viel über Sound-Shaping gelehrt. Du willst einen guten Sound? Du findest zunächst tausend Möglichkeiten wie er nicht klingen soll! (lacht) Ich habe sieben Jahre des Scheiterns benötigt, aber jetzt blicke ich durch und habe sechs Basis-Sounds: einen Clean-Sound, einen Heavy-Clean-Sound, einen Distorted-Sound, einen Distorted- Sound mit Delay, einen Lead-Sound und einen Out-Of-Space-Sound. Schon absurd: Ich habe ein tolles Studio in Vancouver mit lauter geilen Amps und jage am Ende mein Signal doch durchs Axe-FX! (lacht)

Instrumente, Effekte, Amps – vieles über dich ist in Videos dokumentiert. Was sehen wir eigentlich nicht?

Das existentialistische Drama dahinter! (lacht) Wie ich mich auf dem Boden wälze und schreie, weil ich etwas einfach nicht hinkriege! Das ist nicht gerade sexy! (lacht)

Du kommst im April auf Acoustic Tour. Interessant, deine Songs als Akustik-Performance zu erleben. Was können wir erwarten?

Wenn die Fans meine Songs akustisch hören, werden sie nicht wirklich überrascht sein. Obwohl meine Alben voller Sounds, Loops und Elektronik sind, repräsentieren sie am Ende doch nur mich als Künstler. Meine Musik in der Essenz als Acoustic-Show zu präsentieren – obwohl ich meine Gitarre durch Effektgeräte jage – zeigt am Ende meine künstlerische Vision nur noch klarer.

Vielen Dank für das Gespräch!

(Bild: Insideout Christie Goodwin)

Discografie

  • Cooked On Phonics (1996)
  • Ocean Machine: Biomech (1997)
  • Infinity (1998)
  • Physisist (2000)
  • Terria (2001)
  • Accelerated Evolution (2003)
  • Devlab (2004)
  • Synchestra (2006)
  • The Hummer (2006)
  • Ziltoid The Omniscent (2007)
  • Ki (2009)
  • Addicted (2009)
  • Deconstruction (2011)
  • Ghost (2011)
  • Epicloud (2012)
  • Casualties Of Cool (2014)
  • Z? (2014)
  • Transecendence (2016)
  • Iceland (2016)
  • Eras (2018)
  • Empath (2019)

www.hevydevy.com

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2019)

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