Vielversprechende neue Signature-Gitarre

Inspiration durch Reduktion: Sean Long (While She Sleeps) und seine Charvel

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(Bild: Giles Smith / Charvel)

Nicht erst seit dem 2021 erschienen ‚Sleeps Society‘ sind While She Sleeps eine der populärsten Metalcore-Bands des Vereinigten Königreichs. Mit der Sean Long San Dimas hat die Fender-Tochter Charvel gemeinsam mit einem der beiden Gitarristen des Quintetts nun eine vielversprechende neue Signature-Gitarre veröffentlicht, die sich durch ihr minimalistisches Superstrat-Design, zwei EMG-Pickups und ein Ahorn-Griffbrett auszeichnet.

Wir haben mit Sean Long über das Konzept seiner Gitarre gesprochen und gefragt, warum fernab technischer Details die Inspiration das wichtigste Merkmal einer guten Gitarre ist.

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INTERVIEW

Sean, erzähl uns doch die Hintergrundgeschichte der Gitarre. Was hast du vorher gespielt und was führte zu diesem Instrument?

Die erste Gitarre, die ich hatte, war eine weiße Squier Stratocaster, die mir meine Eltern gekauft haben. Damals wusste ich noch gar nicht, wofür ich diese Gitarre wollte. Meine Freunde hatten alle welche und ich wollte dazugehören. Als ich dann immer mehr in nischigere, alternative Musik wie Metal oder Metalcore und Bands wie As I Lay Dying, Darkest Hour und Thrice eintauchte, waren meine Traum-Gitarren von Ibanez, ESP und Gibson. Irgendwann habe ich dann nacheinander mit all diesen Unternehmen zusammengearbeitet. Am Ende zog es mich aber wieder zur Stratocaster. Ich habe mich damals immer mit den Gitarren und den Marken zufriedengegeben, es war okay. Aber die Gitarre, nach der ich gesucht habe, war eigentlich nie dabei.

Wie sieht so ein Endorsement in der Regel aus?

Wenn du mit einem Unternehmen zusammenarbeitest, haben die eine Reihe von Gitarren, von denen du dir eine aussuchen kannst, die du promoten willst. Ich habe das mit allen möglichen Marken gemacht. Es war aber immer etwas verkehrt an der Gitarre.

Bis jetzt.

Ich habe realisiert, dass ich wieder zurück zur Stratocaster-Form will. So begann diese ganze Reise. Ich glaube, wenn man aufwächst, schiebt man während seiner Teenager-Jahre und den Zwanzigern viel von seiner Kindheit einfach davon und damit das, was du auf nostalgische Weise magst oder nicht magst. Und nun, da ich etwas älter werde, kommen all diese nostalgischen Gefühle zurück. Damals habe ich diese ganzen Einflüsse, von denen ich bis jetzt nicht wusste, wie sehr sie mich beeinflusst hatten, gesehen, wie sie eine Strat spielen. Bands wie Blink-182, Sum 41 oder Rage Against The Machine. Das kommt jetzt alles zurück.

Ich habe also angefangen, nach der perfekten Strat mit schwarzem Glanzlack zu suchen. Diese Farbe habe ich nämlich schon immer live gespielt. Nirgendwo konnte ich eine finden, niemand hatte ein vernünftiges Instrument für mich. Ich habe die ESP-Strat probiert, aber das war keine richtige Strat. Ich habe die von Ibanez probiert: Das gleiche. Denn niemand benutzt die offizielle Form, es ist nie „the real thing“. Deshalb habe ich mich für Charvel und die San Dimas Form entschieden. Ich habe früher Jim Root von Slipknot mit seiner Charvel gesehen oder Phil Sgrosso von As I Lay Dying, die eine große Inspiration für mich waren. Als ich jünger war, dachte ich immer, Charvel wäre diese hochpreisige Nischen-Marke, von der ich niemals Teil sein werde. Und nun, als diese Wünsche und Gedanken meiner Jugend zurückkamen, hat es mit Charvel direkt geklickt.

(Bild: Giles Smith / Charvel)

Also resultiert die Form deiner Signature-Gitarre eher aus der Begeisterung für die Fender Stratocaster als für die der 80er-Superstrats, etwa von Steve Vai?

Ich denke schon! Es stellte sich für mich auch heraus, dass Charvel eine Superstrat-Marke ist und eigentlich die coolere Version einer Stratocaster machen. Für mich ging also alles perfekt auf, wofür ich sehr dankbar bin. Da Charvel zu Fender gehört, habe ich also eigentlich mit dem gleichen Unternehmen angefangen und ich denke nicht, dass ich jemals woanders hingehen werde. Ich habe den ganzen Kreislauf der Gitarrenmarken mitgemacht und mich noch nie so inspiriert gefühlt, seit ich ein Kind war. Und ich benutze all das, um abgefahrene Musik zu machen.

Du bist ja ein moderner Gitarrist, hast aber doch einige Vintage-Details an deiner Gitarre – etwa den EMG57-Bridge-Pickup, der laut Firmenbeschreibung einen PAF-Charakter hat.

Sobald ich damals Riffs entdeckt habe, habe ich EMGs geliebt. Meine Frage war damals: Warum klingen die Sachen, die ich spiele, nicht so gut wie As I Lay Dying oder Killswitch Engage? Und mir fiel auf, dass die alle EMGs spielen. Ich habe also eigentlich von Anfang an EMGs benutzt und werde das auch weiterhin tun. Früher habe ich das Set aus dem 81 und dem 60 gespielt und viele Alben damit aufgenommen. Irgendwann habe ich EMG dann gefragt, ob sie etwas Neues für mich haben, was auf einem Vintage-Pickup basiert oder einen etwas wärmeren Sound hat. Der Gain auf dem 57 ist feiner und klingt nach mehr.

Das Gute an diesen Pickups, und besonders für die Leute, die die Gitarre kaufen werden, ist, dass sie sehr konsistent sind: Es ist ein „Wall Of Sound“. Nicht, dass sie zu komprimiert sind, sondern, dass man den Pickup in unterschiedliche Amps stecken kann und einen ähnlichen Sound kriegt, ohne dass man noch viel Zeit reinstecken und an den Einstellungen drehen muss. Den 66-Neck-Pickup benutze ich für alles, was smooth und creamy ist. Also meine Lead- und Clean-Parts. Ich spiele nur sehr selten Leads auf meinem 57. Das überlasse ich unserem anderen Gitarristen, der auch einen rohen, crunchy Clean-Sound bevorzugt. Ich weiß echt nicht, was man mehr von einem Set Pickups will als das alles. Besonders, wenn man gerade anfängt, aber auch, wenn man ein professioneller Gitarrist ist. Wenn dir Heavy Music gefällt, sind diese Pickups perfekt.

Was hat zu den genauen Spezifikationen der Gitarre geführt?

Ich bin nicht der Typ, der wissen muss, wo das Holz herkommt, wie viele Zentimeter der Hals dick ist, die ganzen Parameter. Das hat mir noch nie etwas bedeutet und ist mir auch egal. Wenn du eine Gitarre nimmst, dann ist entscheidend, dass das Instrument die wenigsten möglichen „Red Flags“ hat. Wenn du merkst, dass die Bünde reiben oder der Volume-Poti zu weit weg ist und du anfängst, eine Liste mit Dingen zu machen, die du an der Gitarre gerne ändern würdest, ist die Gitarre einfach nichts für dich.

Als ich das erste Mal die Charvel San Dimas spielte, die sie mir geschickt haben, gab es überhaupt keine Red Flag für mich. Alles hat funktioniert, nichts stand im Weg. Ich konnte einfach Musik machen. Und dann fing ich an, mehr Zeit in die Ästhetik der Gitarre zu stecken, weil alles andere perfekt war. Das Ahorn-Griffbrett war eine gestalterische Entscheidung, kommt aber mit einem klanglichen Vorteil. Ich habe mich für Ahorn entschieden, weil ich, und viele andere Gitarristen, immer dunkle Griffbretter aus Palisander gespielt haben. Das Ahorn macht es auf einmal frisch und inspirierend. Deine Augen sind ein wichtiger Sinn, und es ist gut, auf etwas Neues zu blicken. Der glückliche Zufall dabei war, dass die Leads nun etwas mehr hervorstechen als mit dem Palisander-Griffbrett. Warum weiß ich nicht. Sie sind immer noch weich, haben dabei aber eine rohe Note. Es gibt so viele Variablen an einer Gitarre …

Jede einzelne meiner Gitarren wird etwas anders klingen, und das ist ja das Coole daran. Weil jede Kleinigkeit anders ist: Jeder Pickup, jeder Saitensatz, jedes Plek, jedes Handgelenk. Es sind so viele Variablen, die den individuellen Sound prägen. Ich will allen Leuten sagen, die die Gitarre kaufen wollen, dass man diese ganzen extravaganten technischen Daten nicht wissen muss. Und versteh mich nicht falsch: Die Spezifikationen der Charvel sind großartig. Man muss sie aber nicht alle wissen. Nimm die Gitarre und guck, ob sie sich inspirierend und gut anfühlt.

Es ist egal, ob die Gitarre aus Plastik besteht, solange ich sie mag und sie funktioniert. Das ist wichtiger als zu wissen, dass das Holz aus Mexiko oder so stammt. Ich will nicht sagen, dass es schlecht ist, auf solche Dinge zu achten, aber für mich hat das einfach keine Priorität. Es gibt Features wie die String-Through-Body-Hardtail-Bridge, die für mich ein absolutes Muss waren. Ich mochte Floyd Roses nämlich noch nie besonders. Meine Gitarre ist auch so stimmstabil, und ich werfe die auf der Bühne überall herum.

(Bild: Daniel Barnes)

Sie sieht auch sehr minimalistisch aus: Kein Schlagbrett, kein Tone-Poti und auch keine Griffbrett-Marker.

Sie soll ein bisschen futuristisch wirken, ein bisschen so wie Apple ihre Produkte designen. Sehr minimalistisch. Dabei soll man alles, was es auf der Gitarre gibt, benutzen. Ich habe schon so viele Gitarren gespielt, die einen oder sogar zwei Tone-Potis haben, warum auch immer. Ich halte die für nutzlos, also habe ich sie entfernen lassen. Ich mag zwar Schlagbretter, aber die zu entfernen hat der Gitarre eine schöne Simplizität gegeben.

Ich will außerdem, dass die Leute die Gitarre ansehen und nicht eingeschüchtert sind. Das passiert oft bei neuen Dingen: Man fragt sich, ob man damit umgehen kann. Ich möchte, dass die Menschen die Gitarre ansehen und sich denken, wie einfach sie aussieht, und wenn sie sie dann spielen, merken: Das ist die beste Gitarre auf dem Markt. Ich habe mich etwas von Jim Roots Signature-Gitarre inspirieren lassen. Die ist wirklich auf den Punkt gebracht. Was will man denn mehr? Ich wollte eine schwarze Strat, auf der man clean, Solos, Riffs, alles Mögliche spielen kann. Das war’s. Und das war der Gedanke, der über allem stand.

Hast du noch viel im Entstehungsprozess der Gitarre geändert?

Nein, eigentlich nicht. Als sie mir den Prototyp sendeten, war schon alles perfekt. Das Einzige, womit ich am Hadern war, waren die Bundknöpfe. Füge ich noch welche hinzu oder nicht? Ich wollte nicht, dass das Weglassen der Punkte einschüchternd wirkte, wenn man die Bundknöpfe nicht sieht. Aber ich kann diesen Leuten sagen: Es ist viel einfacher als man denkt, und es sieht verdammt cool aus. Als ich jünger war und Gitarren ohne Marker auf dem Griffbrett gesehen habe, hatte ich das Gefühl einer unglaublich künstlerischen Maßanfertigung. Weil man Ahorn-Griffbretter eben nicht so oft sieht und Griffbretter ohne Punkte auch nicht.

Was macht die Gitarre für dich persönlich aus? Was gibt sie dir, was dir kein Instrument vorher gegeben hat?

Es ist die Inspiration, die mich dazu bringt, neue Musik zu schreiben. Natürlich will man sich als Künstler:in inspiriert fühlen. Inspirationen kommen und gehen, und es ist sehr beunruhigend, wenn sie weg sind. Aber umso schöner, wenn sie zurückkommen. Jeder, der in irgendeiner Weise kreativ ist, kennt das. Ich glaube, wenn man irgendwo eine gewisse Intention reinsteckt, beeinflusst es immer die Wahrnehmung dessen und die Art und Weise, wie es mit anderen Menschen resoniert. Was diese Gitarre bei mir auslöst, ist, dass ich bessere Musik machen will, als ich vorher gemacht habe. Da kommt auch die Ästhetik ins Spiel: Es spielt eine große Rolle, wo man hinguckt. Der gelbe Pickup ist wichtig, denn ich wollte, dass es so aussieht, als ob Magie aus diesem Pickup kommt. Ich will, dass du dich wie ein Teil der Gitarre fühlst. So fühle ich mich nämlich.

Es gibt keinen Widerstand: Wenn du eine Idee hast, willst du sie so schnell wie möglich festhalten. Die Gitarre steht dir dabei nicht im Weg. Sie bringt mich dazu, weiter zu komponieren. Der Grund, wieso ich bin, wo ich bin, ist, weil ich als Kind in meinem Zimmer um 12 Uhr in der Nacht oberkörperfrei und schwitzend Gitarre gespielt habe, während meine Mutter mich von unten angeschrien hat, die Musik leiser zu machen.

Es ist eine typische Geschichte – aber der Grund, wieso ich jetzt hier bin, ist die Liebe zur Musik. Etwas zu erschaffen, das meins ist und wohinter ich stehe. Ich will, dass die Leute mit dieser Gitarre von ihrer eigenen Musik inspiriert werden. Nicht immer nur auf all diese großen, berühmten Menschen von außerhalb zu achten. Das ist Bullshit. Du bist der, auf den es ankommt. Deshalb bin ich jetzt hier: Um den Leuten zu sagen, dass sie es schaffen können. Und dass sie die Gitarre benutzen können, um das zu erreichen.


(erschienen in Gitarre & Bass 06/2022)

Produkt: Fender Stratocaster
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