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Im Interview

Henrik Freischlader: Puzzlespiele

(Bild: Caroline Sandmayer)

Sieben Jahre ist es her, dass wir uns anlässlich seines damals aktuellen Albums ‚Night Train To Budapest‘ mit Henrik Freischlader im Studio getroffen haben. Sieben Jahre, in denen sich der in Köln geborene Gitarrist, Sänger und Songschreiber immer wieder neu erfunden und seinem abwechslungsreichen und kraftvollen Bluesrock diverse interessante Farbtupfer beigemischt hat. Anfang Dezember erschien die Scheibe ‚Missing Pieces‘, und wieder zaubert der 38-Jährige einige Überraschungen aus seinem künstlerischen Hut (hier eher: Mütze).

Allerdings – im Gegensatz zum Herbst 2013 – weht im Musik-Business derzeit ein nur bestenfalls laues Lüftchen, da das Virus und die damit einhergehende tiefe Krise der Kulturlandschaft mächtig zusetzen. Dennoch haben wir erneut einen überaus positiv denkenden Musiker angetroffen, der sich von äußerlichen Unwägbarkeiten weiterhin nicht von seinem Weg abbringen lässt.

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Henrik, die unvermeidbare und hoffentlich demnächst überflüssige Frage gleich zu Beginn: Hat der Lockdown im Frühjahr 2020 eure Produktionsplanungen für ‚Missing Pieces‘ komplett durcheinandergewürfelt?

Nein, für die Produktion der Scheibe waren sowieso zwei Etappen eingeplant. Im Dezember 2019 haben wir mit der Band im Studio sämtliche Basictracks aufgenommen. Dann kam der Lockdown – wir waren gerade zurück von unserer Tournee – und ich habe begonnen, die Texte zu schreiben, sodass ich im Sommer 2020 Gesang und Overdubs aufnehmen konnte.

Bedeutet das: Die Grundlagen des neuen Albums wurden rein instrumental eingespielt, komplett ohne Gesang?

Natürlich gibt es bereits bei Produktionsbeginn einen Pilotgesang, an dem wir uns beim Spielen orientieren. Wir nehmen die Basics ja deshalb mit der gesamten Band auf, um eine möglichst authentische Live-Atmosphäre einzufangen. Deshalb singe ich auch dazu, damit die Homogenität der Stücke gewährleistet ist und wir uns vom Pilotgesang inspirieren lassen können. Mitunter habe ich zwar nur einige wenige Textzeilen parat, aber aus denen entstehen dann anschließend durchaus komplette Texte.

Wo würdest du ‚Missing Pieces‘ in den Gesamtkontext deiner bisherigen Alben einordnen?

Für mich ist ‚Missing Pieces‘ der logische Nachfolger zum Vorgänger ‚Hands On The Puzzle‘, bei dem wir bereits mit dem Cover-Artwork dokumentiert haben, wie wir die Welt sehen, nämlich total ungeordnet, alles durcheinander. Ich hatte das Gefühl, dass die Situation in der Welt genauso chaotisch ist, wie die in einem Haufen unsortierter Puzzleteile: Nichts hat einen Anfang, nichts hat ein Ende, es geht drunter und drüber. Im Gegensatz dazu empfinde ich die Musik auf ‚Missing Pieces‘ als stärker geordnet. ‚Hands On The Puzzle‘ hatte vielfältige Einflüsse, unter anderem auch von Soul und Jazz, dafür etwas weniger puren Bluesrock.

‚Missing Pieces‘ schlägt da eher eine Brücke zu meinen früheren Scheiben und besitzt mehr rockige Elemente. Ich mag beides, muss mich allerdings immer für eine Seite entscheiden, um mich aufs Wesentliche konzentrieren zu können. Ich komme ja ursprünglich vom Schlagzeug und liebe deshalb gute Grooves. Aber vieles funktioniert halt auch mit simplen Grooves, bei denen ich als Gitarrist mehr gefordert bin. Um all das zusammenzubringen, benötige ich an meiner Seite eine wirklich starke Band, die ich zum Glück ja auch habe.

Wie konkret sind deine Demos bereits, wenn du beginnst, mit der Band im Studio zu arbeiten?

Bei uns gibt es von vorangegangenen Produktionen fast immer ein paar übriggebliebene Demos, die zwar schon recht konkret, aber noch nicht bis ins letzte Detail ausgearbeitet sind. Vor dem Lockdown im Frühjahr 2020 waren wir auf Tour und haben häufig den allabendlichen Soundcheck zum Jammen genutzt. Solche Sessions nehmen wir immer auf, um sie anschließend auswerten zu können. Später im Studio werden dann die stärksten Momente weiterentwickelt, was jedes Mal ein spontaner und sehr spannender Prozess ist. Natürlich sind dabei auch die Ideen meiner Bandkollegen ausdrücklich erwünscht. Dies sind Momente, die mir sehr viel Freude bereiten.

Ich mag es, wenn Songs nach ihrer Fertigstellung möglichst schnell aufgenommen werden, denn dann klingen sie deutlich spontaner und weniger steif. Mit Marco Zügner haben wir in der Band einen Saxofonisten, der uns viele zusätzliche Möglichkeiten eröffnet. Hör dir nur mal ‚Power To The Peaceful‘ an, ein Song vom neuen Album, bei dem wir Keyboards und Saxofon miteinander kombinieren, sodass es fast wie ein richtiger Bläsersatz klingt. Aus solchen Dingen entwickeln sich immer wieder neue Ideen.

Habt ihr das gesamte Album mit dem identischen Setup eingespielt? Oder variiert ihr von Song zu Song?

Natürlich haben wir gelegentlich Snare und Ride-Becken und auch immer mal die Gitarren gewechselt, um den Sound zu variieren. Zumal ich auf der Bühne sowieso ganz anders spiele, als wenn ich im Studio an irgendwelchen Overdubs arbeite. Bei den Aufnahmen der Basictracks mit der gesamten Band bin ich allerdings weniger auf mein Instrument konzentriert, sondern achte mehr darauf, dass ich möglichst lebendig und gefühlvoll spiele. Es gibt auf ‚Missing Pieces‘ beispielsweise ein spontanes Solo in ‚New Beginning‘, das von der ersten Basictrack-Session stammt und den Charakter der Nummer perfekt trifft.

Mit welchen Gitarren hast du das Album eingespielt?

Zum Einsatz gekommen sind eine 1969er Fender Telecaster, eine 1963er Fender Stratocaster, eine 1963er Gibson ES-345, eine 1965er Gibson Firebird, eine 1967er Epiphone Riviera und eine Gibson Les Paul Custom Shop.

Als Amp habe ich meine absolute Nummer 1 genommen: ein Realtone-33-Watt-Topteil mit zwei Kanälen und Volume-, Treble-, Bass- & Master-Reglern. Die Röhren des Amps setzen sich aus fünf ECC83, zwei EL34 und einer 5U4-Gleichrichter-Röhre zusammen. Der Realtone ist direkt mit meiner alten 4x12er-Marshall-Box mit den vier Celestion Blue Bulldogs verbunden.

Meine Effektabteilung war eher spartanisch: Ibanez Tube Screamer TS808, Realtone Röhren-Booster HF-Y7, dazu Fulltone Deja-Vibe, Xotic RC-Booster, einen Lehle Dual und einen Peterson-Tuner.

Die Gibson Custom Shop Les Paul war eine von Henriks ersten Gitarren und hat ein Makeover von Florian Jäger bekommen.
69er Fender Telecaster
63er Gibson LG-1
Freischladers Gitarren: 1982er Gibson Flying V, 1969er Fender Telecaster und 2017er Gibson Custom Shop Les Paul

 

Bedeutet das spartanische Pedalboard, dass du deine Sounds überwiegend durch unterschiedliche Poti-Positionen der Gitarre steuerst?

Exakt. Ich drehe während des Spielens permanent an den Potis. Meine Gitarren sind mit Vintage-Taper-Potis ausgerüstet, die beim Zurückdrehen genügend Höhenanteil behalten, sodass immer die volle Dynamik gewährleistet ist. Bei Position 10 leisten sie volle Kraft, doch schon minimale Veränderungen bewirken unheimlich viel, ohne dass es anfängt, unnatürlich zu klingen.

Die Nummer ‚It Ain‘t Funky‘ beispielsweise habe ich mit meiner 69er Telecaster eingespielt, die ich total liebe, da sie einen unglaublich direkten, dynamischen Sound und eine super schnelle Ansprache hat. Sie ist übrigens auch die Lieblingsgitarre unseres Drummers Moritz. Für das, was ich an der Tele mag, ist vor allem ihr Steg-Pickup perfekt. Ein guter Sound ist halt immer ausschlaggebend dafür, wie inspiriert man spielt. Wenn bei Club-Gigs der Sound nicht stimmt, spielt man meiner Erfahrung nach unruhiger und weit weniger auf den Punkt.

Die Live-Effekte: Fulltone Deja Vibe, Ibanez TS808, Realtone HF-Y7, Haze Fuzz 67 (Isle of Tone), Peterson Tuner, Cry Baby, Stromversorgung: Voodoo Lab Pedal Power 2 (Bild: Henrik Freischlader)

Hat sich dein Stil im Laufe der Jahre eigentlich signifikant verändert?

Durch den Einsatz von Keyboards und Saxofon in meiner Band habe ich den Spaß an Unisono-Licks entdeckt, weil ich damit auch Teil eines Bläsersatzes werde. Außerdem stellt dies unseren Keyboarder und unseren Saxofonisten stärker in den Fokus. Ich finde das großartig, es macht Spaß, wenn man innerhalb eines Songs etwas gemeinsam spielt und sich die einzelnen Bestandteile miteinander verzahnen. Bei mir kommt dann eine fast kindliche Freude auf, die ich unglaublich positiv finde.

Entdeckst du auch einen roten Faden zwischen früheren Studioaufnahmen und dem, was du aktuell eingespielt hast?

Es gibt tatsächlich einen roten Faden: Ich habe immer schon allergrößten Wert darauf gelegt, möglichst rhythmisch und mit einem guten Timing zu spielen. Das kommt natürlich daher, dass ich zehn Jahre lang Schlagzeuger war. Früher habe ich mal eine Zeitlang Workshops veranstaltet – obwohl ich bekanntlich keine Noten lesen kann (lacht) – und meinen Schülern den Tipp gegeben, mit den Fingern auf den Tisch zu klopfen oder sich mal an ein Schlagzeug zu setzen, um ein besseres Rhythmusgefühl zu entwickeln. Anschließend macht es viel mehr Spaß, in einer Band zu spielen. Der zweite rote Faden besteht in meiner Liebe zu Gary Moore. Ich verehre sein Spiel, was man in meiner Gitarrenarbeit auch erkennen soll. Das, was ich mache, ist letztlich immer auch eine Hommage an Gary Moore.

In welcher Phase seiner abwechslungsreichen Karriere hast du Gary Moore entdeckt? Welche Ära magst du am liebsten?

Entdeckt habe ich ihn mit dem Album ‚After Hours‘ von 1992. Direkt das erste Stück der Platte ‚Cold Day In Hell‘ war für mich die Initialzündung, selbst die Gitarre in die Hand zu nehmen: der Song, der Sound, hier stimmt für mich einfach alles. Insofern bin ich natürlich vor allem ein Fan seiner Blues-Phase und mag auch ‚Back To The Blues‘ (2001) ganz besonders. Nachdem das Album ‚After Hours‘ erschienen war, habe ich mir alles von ihm besorgt, auch Singles, EPs, Maxis. Ich mag alles an ihm, jede Phase seiner Karriere hat mich inspiriert, auch die Hardrock-Ära mit den harten Riffs.

Henrik und seine Amps: Realtone HF Signature 50 Watt mit Marshall-Box + 33-Watt-Top mit Tube Reverb Unit und Vox-Box, inkl. sechs Celestion Blue Bulldog (Bild: Timo Wilke)

Wie hoch sind heutzutage deine Erwartungen an eine gute Gitarre? Bist du anspruchsvoller geworden, oder dich eher genügsamer?

Ich bin da mittlerweile deutlich anspruchsvoller! Früher hatte ich keine großen Ansprüche an meine Gitarre. Ich war noch in der Übungsphase und auf der Suche nach einem eigenen Stil. Die Qualität der Gitarren, die ich damals spielte, war mir relativ egal, solange sie einigermaßen funktionierten. Zu Beginn habe ich beispielsweise auch auf Akustikgitarren gespielt, die mehrfach gebrochen und x-Mal repariert waren. Ich hatte auch Les Pauls, die nicht von Gibson stammten.

Heute habe ich eine schöne kleine Familie aus insgesamt zwölf tollen Gitarren, die allerdings fast allesamt umgebaut und verfeinert wurden. Es handelt sich also nicht um so genannte ‚Collectors Choice‘, sondern um Instrumente, bei denen ich neue Mechaniken oder leichtere Aluminiumbrücken eingesetzt oder den Sattel gegen einen Knochensattel ausgetauscht habe, damit die Saiten besser schwingen. Allerdings spiele ich auch eine 63er Strat und eine 63er ES-345, bei denen die Tonabnehmer natürlich nicht ausgetauscht wurden.

Ich spüre, dass ich bei der Qualität einer Gitarre heute weitaus wählerischer bin. Ich sage immer: Ich suche nicht nach neuen Gitarren, die Gitarren müssen mich finden! Natürlich durchstöbere ich auf Tournee den einen oder anderen Gitarrenshop, und gerate dabei natürlich auch mal in Versuchung, mir ein neues Instrument zu kaufen. Meine neueste und einzige Akustikgitarre, eine 63er Gibson LG-1, stammt jedoch zum Beispiel von einer befreundeten Band aus Rumänien.

Alles Gute Henrik, und viel Erfolg mit ‚Missing Pieces‘!

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2021)

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