Stil, Dynamik, Tonkultur

Greg Howe im Interview

Was haben Paul Gilbert, Jason Becker, Marty Friedman, Richie Kotzen und Greg Howe gemeinsam? Sie alle begannen ihre Karriere bei Shrapnel Records, dem kalifornischen Kult-Label, das die Rock-Gitarre als olympische Disziplin begriff und populär machte. Heute, fast 30 Jahre nach seinem rasanten Shredding- Debüt verfolgt der New Yorker Greg Howe allerdings ganz andere Prioritäten.

FOTO: Archiv

Obwohl von der globalen Gitarrengemeinde andächtig verehrt, hat es für den heute 53-Jährigen als Solist nie zum ganz großen Ruhm gereicht. Dabei stehen in seiner Vita als Studio-und Live-Musiker recht eindrucksvolle Stationen als Sideman für Michael Jackson, Enrique Iglesias und Justin Timberlake. Und anscheinend fühlt sich der freundliche Feingeist in seiner Wahlheimat Kalifornien ziemlich wohl. Denn seine letzten Projekte liegen schon einige Zeit zurück. Fragen wir also nach. Und siehe da: zwei neue Alben in der Schublade, ein neues Signature-Instrument, ein Update seines Amps und ein brandneuer Bodentreter: darüber lohnt es sich doch zu reden.

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Greg, dein letztes Soloalbum ist acht Jahre alt, du hast kaum Touren gespielt und dein Band-Projekt Maragold ist auch schon ewig her. Warum machst du dich so rar?

Nun, zwischen 2008 und 2011 bin ich viel getourt und hab‘ keine Alben aufgenommen, das stimmt. Dann hab‘ ich viel Zeit und Energie in Maragold gesteckt und hatte hohe Erwartungen. Aber die Realität sah leider so aus, dass wir uns nicht verstanden haben. Eine Band braucht eine funktionierende Chemie. Und manchmal dauert es eben drei Jahre, bis du dir am Ende eingestehst, dass es nicht funktioniert. Schade um die Zeit.

Derzeit arbeitest du an neuem Material mit US-Songwriter Michael Grimm, dem Finalisten von „America’s Got Talent“. Kannst du schon was verraten?

Ich liebe seelenvolle Stimmen, liebe Blues, Soul und Funk, ich mag Songs, die einen gewissen Anspruch haben aber trotzdem eingängig sind. Hohe Musikalität ist mein Ziel. Es geht mir darum, den Sänger glänzen zu lassen, obwohl die Musik komplex ist. Ich bewundere Musiker wie Sting, die die Fähigkeit besitzen Lieder zu schreiben, die die Massen ansprechen. Wenn du die Songs aber als Musiker analysierst, merkst du, was für intelligente und raffinierte Sachen da ablaufen. Musik zu machen, die Musiker beeindruckt und gleichzeitig den Geschmack der Massen trifft, ist für mich die hohe Kunst. Das ist mein Ziel. Das verrückte ist, dass Michael mein Nachbar ist, er wohnt direkt gegenüber! Er kam oft zu mir, wir probten in meinem Studio und nahmen Demos auf bis wir dachten: Wir wagen es.

Parallel arbeitest du an einem Solo- Album. Das geht eher in Richtung Fusion-Jazz, vermute ich.

Stimmt. Aber wer meine Karriere verfolgt hat, weiß, dass meine Alben nie gleich klingen oder sich wiederholen. Ich setze mir andere Ziele, verändere Sounds oder Herangehensweisen, denn ich brauche Inspiration, brauche Komponenten die neu und frisch sind. Es macht keinen Sinn ‚Introspection‘ oder ‚Parallax‘ noch einmal zu machen. Heute will ich komplexe, aber eingängige Songs schreiben, bei denen der Hörer nicht in Berklee studiert haben muss, um sie zu verstehen, oder Mathematiker sein muss, um herauszufinden, welches Taktmaß ich benutzt habe.

Was inspiriert dich? Eine Akkordfolge? Eine Melodie? Ein Sound? Oder gar ein Effekt, der dann Grundlage eines Songs wird?

Eher Akkorde und Melodien, weniger Sounds. Obwohl ich gestehen muss, dass ich derzeit die Welt der Singlecoils-Sounds entdecke und all die coolen Sachen, die man damit aus einer Gitarre herausholen kann, die ich auf meinen bisherigen Alben noch nicht so ausgelotet habe. Ich meine diese ‚The Wind Cries Mary‘-Sounds oder diesen Texas-Twang-Blues-Ton.

Du hast im Laufe der Jahre kontinuierlich weniger Distortion eingesetzt. Eine Frage von Reife und Entwicklung oder eine Frage der Songs?

Vermutlich eine Kombination von beidem. Als ich jung war, wollte ich unendlich viel Distortion, um die ganzen angesagten Speed-Picking-Licks zu spielen. Zu der Zeit hatte ich aber noch keinen Sinn für Tonkultur. Und selbst heute sehe ich Kollegen, die Distortion oder Gain mit Ton verwechseln. Ton hat für mich eine eigene Identität. Verzerrung ist gar kein Problem. Ein geschmackvoller Ton dagegen ist eine große Herausforderung! Und auch da gibt es unendliche Variationen. Denk an Allan Holdsworth: Sein Ton mag manchmal ultraverzerrt sein, aber nur weil er gerade wie eine Violine klingen möchte. Andere nutzen Distortion als Statement – denk mal an Bands wie Metallica. Mit der Zeit interessierte mich Ton immer mehr, als die Frage wie viel Gain mein Amp hat. Ich habe dann kapiert: Wenn ich einen guten Ton mit Distortion haben will, brauche ich einen Amp, der überhaupt erst mal einen guten Ton liefert!

Im Laufe der Jahre hab‘ ich dann Gitarristen entdeckt, deren Sound mich überzeugt hat, wie Michael Landau oder Scott Henderson. Warum? Weil sie mit großer Dynamik spielen. Du kannst mit der Gitarre unglaublich viel machen, wenn du dir genügend Headroom für Dynamik lässt. Das geht nicht, wenn du immer auf Volldampf fährst. Der Tonumfang, den du erhältst, wenn du die Distortion zurücknimmst, ist unglaublich vielfältig und wunderschön.

Das kann sehr inspirierend sein. Und wenn du so viele Studio-Sessions gespielt und so viele Musiker gehört hast wie ich, beginnst du nach Wegen zu suchen, die noch nicht jeder andere Gitarrist ausgelatscht hat.

Dein erstes Lehrvideo – damals noch auf VHS-Kassette – hieß „Hot Rock Licks“. Heute gibst du Webcam-Lessons und hast viel direkteren Kontakt zu deinen Schülern. Welche Themen werden am meisten gewünscht?

Ich habe eine Menge fortgeschrittener Studenten, die auf einem erstaunlich hohen Niveau und richtig gute Player sind. Oft basiert ihr Können auf Blues- und Rock-Einflüssen und der damit verbundenen Pentatonik, mit der wir alle irgendwann mal begonnen haben. Obwohl sie in der Zwischenzeit eine Menge anderer Sachen gelernt haben, haben sie ein Problem, ihre Fertigkeiten miteinander zu verbinden. Die fragen dann: Greg, du spielst tolle ungewöhnliche Skalen, die ich auch problemlos spielen könnte. Aber ich verstehe nicht wie du sie integrierst, damit sie sich so natürlich anhören. Es geht also sehr oft um das Zusammenführen verschiedener Elemente und Skalen, die sie irgendwo aufgeschnappt und gelernt haben, sie aber nicht anwenden und mit ihrem Spiel verbinden können.

Deine Lösung?

Es gibt einige Methoden, ich empfehle die Rückkehr zur Schlichtheit. Guck dir zunächst die Akkordfolge an die du spielst, dann die Tonleitern dazu. Verstehe die Tonarten und schaue, ob sich in den Intervallen bestimmte Töne überlagern. Wenn ich in einem Solo ungewöhnliche Töne einbaue, dann weil ich vorher alles penibel zerlegt und mir dann überlegt habe, welche Töne ich weglassen und welche ich betonen will. Das bedeutet sich zu disziplinieren und sich vorher Gedanken zu machen, um neue Wege zu probieren und diese nach und nach in dein Vokabular einfließen zu lassen. So lange, bis du irgendwann ohne nachzudenken ganz natürlich Zugriff auf diese Licks hast, so wie du eine Sprache lernst, bis sich die Vokabeln zu einem fundierten Wortschatz erweitern. Also: Was ich vermitteln will, ist über Musik nachzudenken, wie du dein Übeverhalten und dein Denken über Musik verändern kannst. Licks lernen ist einfach. Sie jedoch in Zusammenhang von Musik zu bringen um dich selbst aufzudrücken, das zeigt deine Musikalität. Wenn du ein erfolgreicher Schriftsteller sein willst, bedarf es auch mehr, als nur schnell auf der Tastatur schreiben zu können. 200 Wörter pro Minute hämmern zu können, bedeutet nicht, dass du auch ein kreativer Autor bist! (lacht) Und umgekehrt: Viele Gitarristen können gute einzelne Sätze erzählen. Aber das heißt nicht, dass sie auch eine spannende Geschichte erzählen können.

Zu deinem Equipment: Zuletzt sahen wir dich mit einem DV Mark Amp. Du sagst, du magst gute Clean-Sounds, aber meist nicht den Clean-Channel vieler Amps. Warum?

Das ist ein Resultat meiner Entwicklung. Wenn du jung bist, beginnst du mit Amps, die du dir leisten kannst, die aber meist nicht so toll klingen. Ich konnte mir anfangs nur Verstärker leisten, die nur einen Sound, und den auch nur halbwegs gut draufhatten. Meist war das ein High-Gain-Sound, die Clean-Sounds waren eher mäßig. Also habe ich mich dran gewöhnt, meine Clean-Sounds mit dem Volume- Regler an der Gitarre zu machen, indem ich den Amp aufgerissen ließ, die Gitarre aber zurückgeregelt habe. Das mache ich bis heute so. Das gibt dir auch ein gewisses Live-Gefühl wie auf der Bühne, denn du kannst die Power des Amps spüren. Und das klingt natürlich auch anders, als wenn du den Clean-Channel eines Amps benutzt. Die klingen mir oft zu steril. Vor allem aber liebe ich den Aktionsradius und die damit verbundene Dynamik, die du mit dem Volume-Poti erreichst.

Es heißt, du arbeitest aktuell an einem Nachfolger deines Amps.

Richtig. Wir arbeiten an einem Nachfolger, der aber definitiv nicht wie der Vorläufer „Maragold“ heißen wird! (lacht) Er wird etwas anders aufgebaut und noch etwas konsequenter auf mich zugeschnitten sein. Es ist schwer über Ton zu reden. Er soll noch natürlicher, etwas mehr vintage klingen. Es soll auch wieder 40 Watt haben, denn in den meisten Venues hast du ohnehin nicht die Möglichkeit einen 100-Watt-Amp aufzureißen, ohne massive Probleme zu bekommen! (lacht) Der Amp wird wieder zwei Kanäle haben und diesmal auch Reverb. Seit ich mich mit Singlecoils und Fender-Twin-Reverb-Sounds auseinandersetze, wuchs mein Wunsch diesmal Reverb zu integrieren. Ich denke, wir werden einen tollen Amp hinkriegen.

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Erklärst du mal deinen „Basketball“- Test, den du machst, wenn du einen neuen Amp checkst?

(lacht) Klar. Ich hab‘ da diese Methode, mit der ich gerne checke, ob ein Amp eine direkte Ansprache hat und sie satt rüberbringt. Eine Sache, die ich an Marshalls liebe, ist ihre Präsenz der Tiefmitten und Bässe. Die sind immer da – fest, deutlich, klar. Denk nur an die ersten Van-Halen- Platten, mit welcher Klarheit du jede Note in Eddies Soli hörst, selbst wenn er sich in den tieferen Registern der Bass-Saiten bewegt. Das ist eine ganz charakteristische Eigenschaft und eine typische Qualität britischer Amps. Deswegen der „Basketball“- Test: Ich spiele eine Abfolge von Hammer-Ons und Pull-Offs und dämpfe dabei die Saiten mit dem Ballen der rechten Hand. Das hört sich dann ein bisschen so an, als ob ein Basketball auf dem Boden bounced. (lacht) Kommt die Ansprache direkt, sind die Bässe klar und definiert, ist es ein guter Amp.

Du hast ESP- und Laguna-Gitarren gespielt, inzwischen hast du dein Carvin-Signature-Modell GH24. Erzähl mal, welche Features dir wichtig sind.

Nun, ich wollte eine Gitarre die sich vom Konzept her an einer Stratocaster orientiert: geschraubter Hals, sehr leicht, allerdings mit 24 Bünden bestückt. Sie hat zudem ein Vibrato-System, das sich am Vintage-Style orientiert. Hals und Griffbrett sind aus Ahorn, der Body ist aus Erle und hat Hohlräume. Das macht die Gitarre nicht nur leichter, ich bin auch der Meinung, dass sie dadurch näher an das klangliche Konzept einer Stratocaster heranreicht. Seit einiger Zeit fasziniert mich der Stratocaster-Sound. Mit dem neuen Modell wollen wir deshalb ein wenig mehr in diese Richtung gehen. Der Body wird diesmal keine Ahorndecke haben, sondern durchgehend aus Erle gefertigt sein und ein Pickguard haben. Ich möchte splittbare Humbucker, beziehungsweise Singlecoils haben, um Sounds mit den Switch-Positionen 2 und 4 machen zu können. Und noch etwas wird neu sein: Nach mehr als 20 Jahren werde ich von DiMarzio- zu Seymour-Duncan-Pickups wechseln. Ich darf noch nichts verraten, nur so viel: Ich möchte einen warmen, runden Ton mit nicht zu viel Output, der den Charakter des Instruments unterstützt.

Du hast auch ein Effektgerät mit Carl Martin entworfen, die Greg Howe’s Lick Box.

Nun, ihr PlexiTone ist eines der tollsten Bodeneffektgeräte, das ich je probiert habe. Und das waren im Laufe der Jahre einige! Von modifizierten Tube Screamern über Fulltones – was auch immer. Was mich am PlexiTone fasziniert ist das Gain! Ich besitze ein paar alte Marshalls ohne Master- Volume. Wenn ich den PlexiTone davor schalte, ist das, als habe mein Amp nochmal zusätzlich Gain. Und was einmalig ist: Im Unterschied zu vielen Overdrives macht es deinen Ton mit steigendem Verzerrungsgrad nicht kleiner! Im Gegenteil, der PlexiTon macht ihn größer! Als ich dann mit den Jungs über ein Signature-Effekt redete, sagte ich ihnen, dass ich gerne mehr Optionen hätte. Herausgekommen ist also ein PlexiTone für Crunchund High-Gain-Sounds, in Kombination mit einem Booster – eine echte Lick-Box mit einer Menge Kombinationsmöglichkeiten. Sehr einfach aufgebaut und zu bedienen.

Du wirst Ende des Jahres mit der Stu Hamm Band auf Tour gehen. Werden wir dich auch mit weiteren Projekten mal wieder hier sehen?

Ja, im Oktober/November sind wir in Europa unterwegs, die genauen Termine kenne ich noch nicht. Aber ich werde sicher auch sonst noch mal zu euch kommen, entweder Solo oder mit Michael Grimm. Die Chancen stehen also gut, dass wir uns spätestens nächstes Jahr wiedersehen werden.

Vielen Dank fürs Gespräch!


Discografie

Greg Howe solo

Greg Howe, 1988

Howe 2: High Gear, 1989

Now Hear This, 1990

Introspection, 1993

High Gear, 1994

Uncertain Terms, 1994

Parallax, 1995

Five, 1996

Ascend, 1999

Hyperacuity, 2000

Extraction, 2003

The Shrapnel Years, 2006

Sound Proof, 2008

Howe and …

Richie Kotzen: Tilt, 1995

James Murphy: Convergence, 1996

Richie Kotzen: Project, 1997

Vitalij Kuprij: High Definition, 1997

Tetsuo Sakurai: Gentle Hearts, 2001

Jordan Rudess: Rhythm Of Time, 2004

V.A.: The Spirit Lives On.

A Jimi Hendrix Tribute, 2004

V.A. Visions Of An Inner Mounting

Apocalypse: A Fusion Guitar Tribute, 2005

Laura Pausini: Io Canto, 2006

V.A.: Jason Becker Collection, 2008

Infos: www.greghowe.com

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