Allstar Power Rock

Glenn Hughes (Black Country Communion): Ich mache Musik, um meine Seele zu füttern

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FOTO: Matthias Mineur

Fast fünf Jahre lang herrschte bei Black Country Communion Hängen im Schacht. Nach drei grandiosen Studioscheiben und einer sehens/hörenswerten Live-CD/DVD der 2011er-Tour, auf der es zwischen den Beteiligten offenbar hinter den Kulissen mächtig gekracht hatte, schienen sich Stargitarrist Joe Bonamassa und Bassist Glenn Hughes (Deep Purple) nichts mehr zu sagen zu haben. Schlimmer noch: Nach allerlei öffentlichen Schuldzuweisungen über das Ende der Band rückte selbst für notorische Optimisten eine Reunion in weite Ferne. Doch jetzt sind BCC wieder zusammen – in Originalbesetzung! Wir beleuchten die zurückliegenden Jahre und lassen Glenn Hughes über die Aktualität seiner wiedervereinigten Band zu Wort kommen.

Allstar-Bands hat es in der Geschichte der Rockmusik mehr als genug gegeben. Die meisten von ihnen konnten zwar mit namhafter Besetzung glänzen, anschließend den riesigen Hype durch entsprechend gleichwertige Taten jedoch kaum einmal rechtfertigen. Bei Black Country Communion ist das anders. Als Glenn Hughes und Joe Bonamassa im Herbst 2009 die Supergroup formierten, erfüllten sie innerhalb kürzester Zeit ihre klare Vision: „Ich wollte eine Band, mit der ich für mich und für viele Fans wieder die Tür zum Rock’n‘Roll aufstoße“, erklärte Hughes damals. „Eine Band, bei der jeder Ton, jedes Arrangement durch und durch organisch klingt, die für die Bühne geradezu prädestiniert ist und dabei mühelos auf einem technisch hohen Niveau spielen kann.“ Mit Jason Bonham (Schlagzeug, Led Zeppelin) und Derek Sherinian (Keyboards, Dream Theater, Kiss, Alice Cooper) fanden Hughes und Bonamassa die geeignete Verstärkung für ihr Vorhaben.

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Dass es hinter den Kulissen dennoch zunächst mächtig schepperte, bevor aus der Idee Black Country Communion tatsächlich eine aktive Band werden konnte, hing mit juristischen Ungereimtheiten um die Namensrechte zusammen. Doch das alles war vergessen, als das Debütalbum ,Black Country Communion‘ im September 2010 unter laut vernehmbarem Blätterrauschen veröffentlicht wurde und die internationale Rockwelt restlos begeisterte.

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FOTO: Matthias Mineur
Jason Bonham, Sohn des verstorbenen Led-Zeppelin-Drummers John Bonham

Sänger/Bassist Glenn Hughes gehörte in den Siebzigern zu den fabelhaften Mark-III- & Mark-IV-Besetzungen von Deep Purple, er war an den Klassikern ,Burn‘ (1974), ,Stormbringer‘ (1974) und ,Come Taste The Band‘ (1975) beteiligt und veröffentlichte anschließend neben zahllosen Solowerken weitere erstklassige Scheiben unter anderem mit Black Sabbath, Gary Moore oder Keith Emerson. Sein programmatischer Spitzname: The Voice Of Rock.

Doch Hughes exzentrisches Naturell sorgte schon früh immer wieder für Tragik, Streit und Irritationen. Nach dem unwürdigen Ende von Deep Purple, an dem er und der verstorbene Gitarrist Tommy Bolin eine erhebliche Mitschuld trugen, fiel der ebenfalls Drogen-affine Hughes in eine tiefe Krise. Anschließend sah man den gefallenen Engel sturzbetrunken und bar jeglicher Selbstachtung auf Aftershow-Partys ‚Smoke On The Water‘ auf dem Klavier spielen und sein Geld für Unsinnigkeiten verpulvern: 50.000 Dollar gab er allein dafür aus, dass sein Rolls Royce das L.A.-Kennzeichen „GH1“ bekam.

Obwohl der 1951 im britischen Cannock geborene Musiker bereits seit vielen Jahren komplett abstinent lebt und körperlich in glänzender Verfassung ist, scheint ihm auch heute noch sein übergroßes Ego mitunter selbst im Weg zu stehen. Denn dass ein bodenständiger und bescheidener Musiker wie Bonamassa ihm öffentlich die Freundschaft aufkündigt und die Zusammenarbeit für beendet erklärt (O-Ton Bonamassa im Februar 2014: „Warum sollte ich meine Solokarriere hinten anstellen, nur um mit einem 63- jährigen Mann zu spielen, der sich für einen verdammten Rockstar hält? Ich kenne niemanden, außer den Typen in ,Jack And The Beanstalk Beans‘, der einen solchen Deal akzeptieren würde“), lässt tief blicken.

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FOTO: Matthias Mineur
Joe Bonamassa in Action!

Nahezu vier Jahre herrschte Funkstille zwischen den beiden Bandleadern, an eine Fortsetzung von Black Country Communion war lange nicht zu denken. Bis plötzlich im Januar 2017 ein Foto im Internet auftauchte, das Hughes, Bonamassa, Bonham und Sherinian wieder gemeinsam im Studio zeigte. Und siehe da: Am 22. September 2017 erscheint ,BCC IV‘, ein wahres Rockjuwel kapitalen Ausmaßes. Wir haben Glenn Hughes zu dieser überaus erfreulichen Entwicklung befragt.

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Glenn, unter welcher Prämisse hast du dich im Januar 2017 erstmals wieder mit Joe Bonamassa zum Songwriting getroffen?

Glenn Hughes: Das erklärte Ziel war, die Direktiven der drei ersten Black-Country-Communion-Alben fortzusetzen. Wir wollten keinen anderen Sound, kein geändertes Songwriting, deswegen nennt sich die Scheibe auch schlicht ,BCC IV‘. Es ging darum, den Enthusiasmus und die Energie der ersten Werke fortzusetzen.

Der von dir erwähnte Enthusiasmus bekam zwischenzeitlich eine erhebliche Delle. Konntet ihr eure Differenzen im Vorfeld aufarbeiten?

Glenn Hughes: Die Situation war Folgende: Black Country Communion hatten in nur drei Jahren drei Studioalben und eine Live-Scheibe aufgenommen. Eine mordsmäßige Anstrengung mit massenhaft Arbeit! Hinzu kamen die Tourneen, die ebenfalls viel Kraft gekostet haben. Daher gab es danach zunächst keine weiteren Pläne. Für mich stand damit fest, dass ich mich erst einmal um meine eigenen Sachen kümmern musste, und auch Joe hat seine eigene Karriere. Ich nahm Alben mit California Breed und den Kings Of Chaos auf und produzierte meine Soloscheibe ,Resonate‘, um im Geschäft zu bleiben. Aber ich wusste immer, dass Joe und ich uns irgendwann wieder treffen und an einem neuen BCC-Album arbeiten würden, da wir eng miteinander befreundet sind.

Eine Freundschaft mit Missverständnissen, die offenbar vor allem auf Tournee zutage traten.

Glenn Hughes: Das Einzige, was ich dazu sagen möchte, ist Folgendes: Wir machen Alben, um unsere Seele zu füttern. Wenn man dann mit dieser Band auch noch auf die Bühne gehen kann, ist das ein Bonus. Das Hauptaugenmerk von Black Country Communion liegt aber deutlich auf den Albumproduktionen. Erinnere dich nur mal an die letzten Jahre der Beatles: Auch sie haben Platten aufgenommen, aber nicht mehr live gespielt.

Willst du damit andeuten, dass es diese Band nie wieder auf der Bühne geben wird?

Glenn Hughes: Nein, das will ich damit nicht sagen. Aber es ist eine Frage des Terminkalenders. Leider bin ich der Einzige, der momentan Zeit hat, Interviews zum neuen Album zu geben. Aber das zeigt bereits, wie schwierig es ist, alle vier Bandmitglieder terminlich unter einen Hut zu bringen. Es wäre eine Schande, wenn wir nie wieder auftreten würden, denn Black Country Communion sind die ultimative Live-Band.

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FOTO: Orange
Hughes mit seiner Orange-Anlage, bestehend aus dem AD200B-MK3-Topteil und der OBC-810-Box.

Ist der frühe Geist von Black Country Communion zurückgekehrt?

Glenn Hughes: Die Alben 1 und 2 waren wie aus einem Guss, weil sie in kurzem Abstand voneinander entstanden sind. Beim dritten Album ,Afterglow‘ lag der Fall etwas anders, denn die Scheibe war ursprünglich als mein Soloalbum geplant und wurde dann zu ,BCC III‘ umfunktioniert. Danach gab es eine längere Pause. Wir haben uns zwar nicht offiziell aufgelöst, aber ich veröffentlichte zunächst einige andere Alben. Dann trafen Joe und ich uns wieder in meinem Haus in Los Angeles, um an der neuen Scheibe zu arbeiten. Wir wollten mit der gleichen Geisteshaltung, den gleichen Sound erarbeiten und die beiden ersten Alben fortsetzen.

Bitte beschreibe die Arbeiten in deinem Haus.

Glenn Hughes: Alle Songs entstanden in direkter Kooperation, die Texte stammen mit Ausnahme von ,The Last Song For My Resting Place‘ allesamt von mir. Joe tauchte jeden Morgen um elf Uhr bei mir auf, wir setzten uns direkt voreinander hin und schrieben die Songs. Zwischen uns herrscht eine riesige Gemeinsamkeit, als Komponisten und Freunde. Wenn Joe und ich unsere Instrumente in die Hand nehmen und uns in die Augen schauen, entsteht ein wundervolles Gefühl. Du kennst Joe, er ist ein toller Mensch und sagenhafter Musiker, und außerdem mein Freund. Wenn wir zusammensitzen, schlägt nur ein gemeinsames Herz und wir fühlen exakt das Gleiche. Die Songs schreiben sich dann von ganz alleine. Wie du weißt, komponiere ich sowieso permanent, aber mit Joe ist es die natürlichste Sache der Welt.

Wo würdest du die neue Scheibe in deiner langen Karriere einordnen?

Glenn Hughes: Ich habe über 100 Alben aufgenommen und zahllose Auszeichnungen erhalten. Seit vielen Jahren bin ich trocken und kann mich somit komplett auf meine Musik konzentrieren. Für mich ist ,BCC IV‘ dennoch absolut außergewöhnlich, weil ich zuvor noch nie vier Alben mit derselben Band aufgenommen habe. Joe und ich wollten diese Scheibe unbedingt zu zweit schreiben, und auch wenn es ein Black-Country-Communion-Album geworden ist, stehen Joe und ich im Mittelpunkt des Geschehens.

Darauf haben sich Jason Bonham und Derek Sherinian freiwillig eingelassen?

Glenn Hughes: Nun, du musst dir Folgendes vor Augen führen: Ein solches Album ist immer auch eine Frage des Terminkalenders. Joe und ich hatten Zeit uns zu treffen. Wir leben in der gleichen Stadt, insofern war ein Zusammentreffen kein großes organisatorisches Problem. Deshalb trafen wir die Entscheidung, die Songs nur zu zweit zu schreiben. Aber sei dir sicher: Als wir Jason und Derek das Material vorstellten, waren sie sofort restlos begeistert. Sie liebten die Ideen, die Arrangements, den Klang der Stücke, die Tempi, einfach alles. Jason hat natürlich bei den Grooves geholfen, Derek hat Orchestrationen und Mellotrons beigesteuert, beide haben dem Album sehr geholfen. Black Country Communion sind ein Team, daran besteht kein Zweifel.

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FOTO: Matthias Mineur
Derek Sherinian (Kiss, Dream Theater, Billy Idol, Yngwie Malmsteen, Alice Cooper)

Habt ihr das Material auf elektrischen Instrumenten oder auf Akustik-Gitarren komponiert? Hast du beim Schreiben auch Bass gespielt?

Glenn Hughes: Alles: elektrische und akustische Gitarren, und auch Bass. Jeder Tag begann damit, dass ich Joe etwas auf der Gitarre gezeigt habe, und umgekehrt. Immer wenn Joe bei mir zu Hause auftauchte, hatten wir schon wieder neue Ideen im Hinterkopf. Meistens spielte ich zu Beginn des Tages auch Gitarre, um mir dann relativ schnell den Bass umzuhängen.

Wie stellte sich die Situation im Studio dar? Ich hörte, dass ihr die gesamte Scheibe in gerade einmal vier Tagen aufgenommen habt.

Glenn Hughes: Ja, das stimmt. Das komplette Album wurde natürlich wieder live eingespielt, so wie immer bei dieser Band. Wir haben jeden Song zweimal aufgenommen und dann die jeweils bessere Version ausgewählt. Nach vier Tagen war alles im Kasten.

Klingt nach einer intensiven Vorbereitungsphase.

Glenn Hughes: Überhaupt nicht! Derek und Jason hatten keinen einzigen Ton gehört, bevor wir uns im Studio trafen. Wir kamen am 2. Januar 2017 morgens ums elf in den ,East West Studios‘ in Hollywood an und spielten ihnen dort zum ersten Mal unsere Demos vor. Bis dahin kannten sie noch keinen einzigen Ton. Eine tolle Leistung, nicht wahr?

Absolut! Lief alles problemlos? Oder gab es aufgrund des engen Zeitfensters auch Schwierigkeiten?

Glenn Hughes: Nein, es gab überhaupt keine Probleme. Was soll ich sagen? Dieses war das einfachste Album meiner gesamten Karriere. Joe und ich hatten alle Songs arrangiert, Jason steuerte tolle Groove-Ideen bei, speziell in der Nummer ,Sway`. Das Einzige, was es noch zu tun gab, war die richtigen Keyboardsounds festzulegen. Wir wollten mehr organische Keys, also Mellotron, Grand Piano und Orgel anstatt Synthesizer.

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BCC IV

Im Mittelpunkt der Scheibe steht wie gewohnt deine außergewöhnliche Stimme. Wie konkret wurden die Gesangsmelodien bereits im Demostadium festgelegt, und wie viel davon entstand im Studio bei den finalen Aufnahmen?

Glenn Hughes: Ich bin generell ein spontaner Songschreiber. Meistens fing Joe mit irgendeiner Akkordfolge an und ich sang dazu spontan, was mir gerade einfiel. So etwas passierte immer aus der jeweiligen Situation heraus. Wir haben alles sofort aufgenommen, jede Idee, jede Melodie. Als es im Studio dann an die Aufnahmen ging, haben wir teilweise einfach die Gesänge von den Demos genommen.

Siehst du deine Bedeutung als Bassist der Band eigentlich ähnlich wichtig wie die als Sänger? Oder spielt für dich der Bass nur eine untergeordnete Rolle?

Glenn Hughes: Die Kunst besteht ja darin, zu singen und gleichzeitig einigermaßen passabel Bass zu spielen. Diesen Spagat habe ich immer im Hinterkopf, wenn ich meine Bassparts ausarbeite. Ich schreibe die Bass-Lines also immer so, dass ich sie gleichzeitig mit meinem Gesang spielen kann. Zumal ich sowieso der Meinung bin, und diese auch offen vertrete, dass weniger oft mehr ist, dass der Freiraum, den man lässt, einen Song erst richtig atmen und leben lässt. Paul McCartney hat das auch so gemacht, ebenso wie die großartigen amerikanischen R’n‘B-Bassisten. Ich bin kein Hammer-On-Bassist und ich spiele den Bass nicht wie eine E-Gitarre, sondern mag vor allem Grooves.

Deine größte Stärke ist ja sowieso dein grandioser Bass-Ton.

Glenn Hughes: Danke, dass du das sagst. Natürlich habe ich eine gewisse Stellung als Bassist, einen Ruf, und der begründet sich vor allem auf der aggressiven Art, mit der ich den Bass spiele.

Ist Aggressivität deine generelle Haltung in einem Business, das immer unberechenbarer und schwieriger wird, vor allem für Rockmusiker?

Glenn Hughes: Nein. Ich mache Musik, um meine Seele zu füttern, um ein besserer Mensch zu werden. Ein Lehrer, der Menschen zusammenbringt, die krank sind, denn Musik bedeutet Heilung. Ich mache Musik, um mich selbst aus meiner mentalen Not zu befreien, nicht um möglichst viel Geld damit zu verdienen. Ich habe das große Glück, ein Leben in Wohlstand zu genießen, deswegen tue ich nur Dinge, die mich als Mensch glücklich machen.

Letzte Frage: Hast du dich mittlerweile dazu entschieden, einen eigenen Signature Bass zu entwickeln? Du hast das Thema ja vor einigen Jahren mal auf den Tisch gebracht.

Glenn Hughes: Ich habe erst heute Morgen wieder darüber nachgedacht, denn Yamaha baut mir zurzeit einen Glenn-Hughes-Signature-Bass. Wir werden ihn noch in diesem Jahr fertigstellen und dann der Öffentlichkeit präsentieren. Es wird eine Art Hybrid zwischen P- und Jazz-Bass, mit einem dünnen Hals und kleinem Korpus. Yamaha ist ja bekannt für Bässe mit schmalem Korpus. Es ist ein Relic, viel mehr kann ich dazu noch nicht sagen, weil er sich noch mitten im Entstehungsprozess befindet. Ich vermute, in einem Jahr sind wir alle schlauer und können den Bass der Öffentlichkeit präsentieren.

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FOTO: Matthias Mineur
Glenn Hughes mit seinem Yamaha Prototypen

Danke für das Gespräch, Glenn, und alles Gute mit Black Country Communion!

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(erschienen in Gitarre & Bass 10/2017)

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