Produkt: Jimi Hendrix Story
Jimi Hendrix Story
Jimi Hendrix in Gitarre & Bass - das große Story-Special auf über 50 Seiten!
Im Interview

Frank Wingold: Sevenstring Jazz

(Bild: Lothar Trampert)

Es soll immer noch Menschen geben, die glauben, die siebensaitige Gitarre sei eine Erfindung von Steve Vai bzw. Ibanez, die 1990 mit einem Signature-Modell den Markt belebten. Nein, diesen Instrumententyp, wenn auch nicht als Solidbody, gab es schon sehr viel früher und auch in verschiedensten Genres. Der Kölner Jazz-Gitarrist Frank Wingold hat ein Solo-Album nur mit 7-Strings eingespielt und verrät uns mehr über seine Instrumente.

Seit rund 150 Jahren werden diese Instrumente eingesetzt. Es gibt sie mit verbreitertem Griffbrett, aber auch mit nicht greifbarer, freischwingender tiefen Resonanzsaite, auch als Bordunsaite bezeichnet. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt sind russische Gitarren mit sieben Stahlsaiten, die auf einen offenen G-Dur-Akkord (D G H d g h d’) gestimmt wurden. Die brasilianische siebensaitige Gitarre hatte dagegen Nylonsaiten: Sie ist seit den 1930er-Jahren bekannt und bei ihr wurde die Standard-Stimmung um die tiefe C-Saite ergänzt.

Anzeige

Jazz-Gitarrist George Van Eps hatte dann 1939 seine eigene siebensaitige Steelstring konzipiert, die Epiphone für ihn baute – im Grunde eine normale Archtop mit zwei F-Löchern, aber mit einer zusätzlichen BassSaite, normalerweise auf A gestimmt. Kollegen wie u.a. Bucky Pizzarelli, Ron Eschete, Lenny Breau schien das damals für eigene Versuche inspiriert zu haben. (Der Wikipedia-Artikel zum Thema „Siebensaitige Gitarre“ ist absolut lesenswert und umfassend!)

Fünfzig Jahre später wurden dann Ibanez und Steve Vai aktiv: Sie konzipierten 1990 gemeinsam die erste Solidbody-Sevenstring, meist mit tiefer H-Saite versehen. Es folgten Kollegen von Morbid Angel, Korn, Limp Bizkit, John Petrucci (Dream Theater), Tosin Abasi (Animals As Leaders), Stephen Carpenter (Deftones), Devin Townsend sowie Laura-Mary Carter von Blood Red Shoes.

Im neueren Jazz bekannt wurden u.a. John Pizzarelli, das 7-StringDuo Howard Alden & Helmut Nieberle und natürlich Hans Reichel, Egberto Gismonti und Charlie Hunter, die es aber auch noch mit acht und mehr Saiten versuchten. Und jetzt also auch noch Frank Wingold, dessen großartiges neues Album ,To Be Frank‘ in Ausgabe 04/2021 auf Seite 22 ausführlich vorgestellt wurde. Wingold ist nicht nur Solist, sondern spielt auch noch im Duo mit der Sängerin Martina Gassmann, im Entangled Music Trio mit Robert Landfermann (b) und Jonas Burgwinkel (dr), außerdem bei Underkarl, dem Efrat Alony Quartett, MusikFabrik, und er ist auch noch Professor für Jazz-Gitarre an der Musikhochschule Osnabrück.

Frank, erinnerst du dich noch, wann und wo du zum ersten Mal eine siebensaitige Gitarre gehört hast?

So genau weiß ich das nicht mehr, vermutlich am ehesten bei Jazz-Gitarristen wie George Van Eps oder Bucky Pizzarelli.

Hat dich primär die Jazz-Geschichte dieses Instruments interessiert oder auch der Einsatz in Klassik, Folklore und zuletzt im Metal?

Ich bin ja erst vor wenigen Jahren komplett auf die Sevenstrings umgestiegen und ich habe mich schon immer für Musik aus vielen verschiedenen Bereichen interessiert. Klassische Gitarre habe ich auch intensiv betrieben, und da gibt es ja ebenfalls Spieler mit erweiterten Instrumenten. Auch Lauten gibt es ja in vielen verschiedenen Bauformen mit zusätzlichen tiefen Saiten, und auch klassische Gitarristen, die Bach und andere Barockmusik spielen, nutzen z. T. tiefere Saiten.

Mich hat als allererstes der erweiterte Tonumfang fasziniert, da mich orchestrale Spielweisen und der pianistische Ansatz schon immer interessiert haben. Durch die Beschäftigung mit der Siebensaitigen habe ich natürlich in verschiedenen Stilen geforscht und einige interessante traditionelle und moderne Spieler gefunden, wie Steve Herberman, oder auch den brasilianischen Gitarristen Yamandu Costa, der nicht unbedingt stilistisch aber von der Expressivität, Virtuosität und instrumentalen Freiheit eine große Inspiration ist.

Dreimal 7 macht 21: Danelectro Mod 7 Solidbody, Kremona Fiesta CW-7 Nylonstring und Eastman AR810CE-7 Archtop (Bild: Lothar Trampert)

Wie bist du zu deinen Siebensaitern gekommen?

Ich hatte in den 90ern schon mal eine siebensaitige-Solidbody, mit der ich ein paar rudimentäre Sachen gemacht habe, aber nie wirklich weit gekommen bin. Zur Zeit besitze ich eine Steelstring-Archtop von Eastman, eine Nylonstring von Kremona, eine Danelectro Mod 7 und eine ES-335-artige Gitarre von Schecter, die sie nur mal kurz, um das Jahr 2000, gebaut haben. Sie wurde aber jetzt ersetzt durch meine nagelneue Jaén-Gitarre mit Fanned Frets und hochgelegtem Hals. Dieses ungewöhnliche Instrument stammt aus der Werkstatt des spanischen Gitarrenbauer Fernando Alonso Jaén.

Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen diesen Instrumenten?

Die Jaén, so wie davor die Schecter, nutze ich vor allem im Band-Kontext, da sie sich auch gegenüber den Drums gut durchsetzt und mit den Humbuckern auch gut mit Effekten nutzen lässt, z.B. in meinem Entangled Music Trio. Die Eastman nutze ich vor allem für Sologitarre und Duo. Sie funktioniert im Prinzip für alles ohne Drums und ohne Effekte gut und sie klingt auch über den magnetischen Floating-Pickup noch sehr akustisch. Die Nylonstring hat einen Piezo-Pickup, sie nutze ich auch nur für Solo und Duo. Meine Danelectro funktioniert auch für rockige Setups, z.B. für das Zappa-Projekt mit der MusikFabrik.

Die Halskonstruktion erinnert an die Archtops von Ken Parker.

 

Welche Tunings verwendest du?

Ich spiele ausschließlich in Standardstimmung mit zusätzlichem tiefen A. Das machen die meisten Jazz-Siebensaiter so. Rock- und Metal-Gitarristen stimmen die siebte Saite vorwiegend auf H, was in der Logik der Gitarrenstimmung (Quarten) durchaus Sinn macht. Damit kann man gut tiefe Lines spielen und vor allem ist das Griffbild der Powerchords auf allen tiefen Saiten gleich. Für die Anwendung von komplexeren Chords, Mehrstimmigkeit usw. finde ich die Stimmung aufs tiefe A praktikabler.

Ich habe einige Stücke von Yamandu Cost transkribiert, weil mich sein Spielfluss und der Ansatz faszinieren. Er stimmt die 7. Saite, gelegentlich auch die 6. Saite, nach der Tonart des Stücks. Ich versuche seine Stücke aber trotzdem ausschließlich in meiner Stimmung (also Standard plus tiefes A) zu spielen. Da ich als Jazzer ständig moduliere und auch, wie auf meiner Solo-CD, komplett freie Stücke improvisiere, macht die Festlegung auf bestimmte Tonarten durch leere Bass-Saiten für mich keinen Sinn. Ich sehe das Griffbrett mit allen Tönen, inkl. der siebten Saite, als Matrix, die ich im Schlaf beherrschen muss, um mich frei ausdrücken zu können.

Kannst du konkret benennen, inwieweit diese zusätzliche Saite deine Art der Komposition und Improvisation beeinflusst oder verändert hat?

Ich habe mir den Umstieg auf sieben Saiten immer viel einfacher vorgestellt. Ich dachte immer, na ja, das ist so wie ich es kenne plus eine Bass-Saite. Tatsächlich funktioniert das aber – zumindest bei mir – überhaupt nicht so. Dadurch, dass ich sehr viel improvisiere, auch als Sologitarrist, also mit vielen Chords, polyphonen Texturen, Haupt- und Begleitstimmen, brauche ich eine tief verankerte Orientierung auf dem gesamten Griffbrett, und die wurde durch die siebte Saite anfangs völlig über den Haufen geworfen.

Ich hatte mehrere Anläufe, die ich wieder aufgegeben habe, bis ich mich eines Tages entschieden habe, ausschließlich Siebensaiter zu spielen und die sechssaitigen Gitarren gar nicht mehr anzurühren. Das Switchen zwischen sechs und sieben Saiten hat mich völlig aus dem Konzept gebracht. Die Anfangszeit war hart, aber nach einer Weile hat sich mein System umgestellt. Es war eben nicht so, dass ich alles, was ich vorher spielen und improvisieren konnte, automatisch auf der Siebener hinbekommen habe, selbst wenn die siebte Saite gar nicht involviert war. Das musste sich erst mal neu kalibrieren.

Und dann habe ich versucht, die zusätzlich Saite systematisch einzubauen: Basstöne, Bassläufe, gebrochene Akkorde als Begleitstimmen im tiefen Bereich. So wie ein Jazz-Gitarrist seine Dreiklänge und Drop-Voicings über die gesamte Range übt, habe ich diese Voicings auch im extrem tiefen Bereich inklusive der siebten Saite systematisch geübt und nach und nach integriert. Der Anfangs-Akkord bei ,My Shining Hour‘, von meiner neuen Solo-CD ist z.B. ein sehr tiefer Duradd4-Akkord, der im tiefen Bereich eine ganz besondere Wirkung hat, auf der das Arrangement aufbaut. Durch diese Beschäftigung wurde und wird für mich das Instrument immer mehr 7-saitig und nicht mehr 6+1-saitig.

Franks Plektrum ist am Ring eines Daumen-Picks befestigt. (Bild: Lothar Trampert)

Ich habe auch vor einigen Jahren meine Spieltechnik komplett umgestellt: Ich habe immer Plektrum und Fingerspiel der rechten Hand miteinander kombiniert, allerdings hat mich das Wechseln vom einen aufs andere immer gestört. Außerdem waren Sound und Lautstärke des Plektrum- und Finger-Tons nie ganz homogen. Das hat mich jahrelang gefuchst, worauf ich dann meine jetzige Technik entwickelt habe.

Mein Plektrum ist an dem Ring eines abgeschnittenen Fingerpicks befestigt, an den Fingern habe ich (verstärkte) Fingernägel. Lines spiele ich nicht mehr mit Up- und Downstrokes, sondern im Wechsel mit Daumen-Pick und Zeigefinger, bei schnellen Tempi kombiniere ich Daumen, Zeige- und Mittelfinger. So entsteht praktisch gar kein Unterschied zwischen Melodie-, Akkord- und polyphonem Spiel mehr, sondern alles ist jederzeit sofort verfügbar. Auch Lines mit großen Intervallen lassen sich so hervorragend umsetzen.

Diese Spielweise ist meines Erachtens gerade für die Siebensaitige besonders gut geeignet. Auf der Nylonstring mache ich das gleiche, nur ohne Daumen-Pick, der Sound des Picks auf Nylonsaiten gefällt mir nicht.

Du hast dein neues Solo-Album in Eigenregie produziert. Womit hast du die Gitarren verstärkt, abgenommen und aufgenommen?

Das war ganz einfach. Die Eastman habe ich über DI direkt line-in plus zwei Mikros (Neumann + Rode) über einen schönen Drawmer-Vorverstärker aufgenommen. Obwohl die Gitarre auf der CD ziemlich akustisch klingt, kommt doch der größte Teil des Sounds vom magnetischen Pickup, die Mikrofonsignale steuern nur die hohen, akustischen Präsenzen bei. Die Kremona wurde auch mit Pickup und den zwei Mikros aufgenommen, wobei hier im Mix der Pickup (naja, Piezo eben) fast gar nicht zum Einsatz kommt. Das Ganze habe ich leicht equalized, etwas komprimiert und Hall draufgesetzt. Fertig. Tatsächlich ist der Mix von mir, mit ein wenig Hilfe eines befreundeten Toningenieurs. Allein das Mastering wurde im Studio vorgenommen.

Wie wird denn dein Live-Setup aussehen, wenn du das Album hoffentlich bald auf der Bühne präsentierst?

Meistens möglichst einfach mit den Pickups über einen AER Acousticube und je nach Raumgröße zusätzlich noch über eine PA. Mit einem erfahrenen Sound-Techniker kann vor allem die Nylonstring noch über ein Mikro abgenommen werden, damit muss man aber vorsichtig sein, denn ggf. richtet man damit mehr Schaden als Nutzen an.

Spielst du eigentlich auch noch ganz normale dicke Archtops über einen grummelnden Polytone-Amp, so wie der Jazzer das tut?

Sechssaiter spiele ich, wie gesagt, fast gar nicht mehr – schließe ich aber für die Zukunft nicht aus. Und Polytone-Amps sind auch nicht mein Ding; mein Polytone steht in unserem Proberaum als Bass-Amp. Ich liebe alte Fender Röhren-Amps für elektrische Sounds und den AER für akustische Setups.

Danke für das Gespräch!

(erschienen in Gitarre & Bass 06/2021)

Produkt: Jimi Hendrix Story
Jimi Hendrix Story
Jimi Hendrix in Gitarre & Bass - das große Story-Special auf über 50 Seiten!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte dich auch interessieren