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Eric Gales: Der geläuterte Blues-Rocker

Der Mann aus Memphis hat tatsächlich alle Höhen und Tiefen in seiner Karriere durchlebt: Als Teenager bereits als Gitarrenwunderkind und legitimer Erbe von Jimi Hendrix gefeiert, dann eine schicke Album-Karriere hingelegt und schließlich abgestürzt und wegen Drogen- und Waffenbesitzes eingelocht. Mit ‚Middle Of The Road‘ wagt Eric Gales nun den Neuanfang.

FOTO: Provogue/Nicole Weingart

Kein Scherz: Am 1. April 2009 wird Eric Gales im Shelby County Correction Center wegen wiederholten Drogen- und Waffenbesitzes inhaftiert. Ein erfolgreicher Musiker, der eigentlich alles hat. Sein Talent bekommt Gales, Jahrgang 1974, in die Wiege gelegt. Grandpa Dempsey Garret hat schon bei Howlin‘ Wolf den Blues gespielt, und sein Enkel legt einen Traumstart hin, mit bewunderten Alben, ausverkauften Tourneen, Geld, Ruhm, Anerkennung. Doch er macht noch lieber seinem Nickname „Raw Dawg“ alle Ehre. Traurige Geschichte. Mit seinem neuen Longplayer und neuer Band will Eric Gales dieses Kapitel endgültig abhaken. Der Album-Titel ‚Middle Of The Road‘ und Songs wie ‚Change in Me – The Rebirth‘ zeigen ein geläutertes Gitarren- Genie.

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Eric, ‚Change In Me – The Rebirth‘ erzählt von deiner zweiten Chance im Leben, wie du es nennst.

Eric Gales: Ja, damit ist diese Zeit abgeschlossen. Jetzt kann ich endlich ein neues Kapitel in meinem Leben aufschlagen. Ich hab mich nie besser gefühlt, als heute. Eine neue Perspektive, eine neue Band, ein neues Album. Großartig! Ab jetzt geht’s mir nur noch um Musik. Musik hat mir das Leben gerettet.

Hattest du eigentlich eine Gitarre im Knast, konntest du dort spielen?

Eric Gales: Ja, das konnte ich. Einer der Wärter kam zu mir in die Zelle, er erkannte mich und sagte: Bruder, du solltest eigentlich nicht hier sein. Das weißt du, oder? Und er sagte, dass er mir helfen würde, eine Band auf die Beine zu stellen, damit ich Musik machen könne. Und das passierte tatsächlich. Ich durfte Gitarre spielen, Kontakte knüpfen, Musiker finden und wir spielten tatsächlich einen Gig im Knast, sogar ein Konzert für den Bürgermeister der Stadt! (lacht) Das war wie ein Geschenk, das werde ich nie vergessen.

Da hattest du ja tatsächlich dein eigenes ‚Walk The Line‘ …

Eric Gales: Ja, absolut! (lacht)

Es fällt auf, dass in deiner neuen Band keiner deiner Brüder Eugene oder Manuel dabei sind. Eugene hatte nur einen Gastauftritt bei ,Repetition’. Warum?

Eric Gales: Als ich unpässlich war, haben sie sich anders orientiert und machen heute andere Sachen. Sie sagten mir, dass sie nicht mehr warten wollten und andere Jobs probieren wollten. Beide – auch mein Drummer Hubert (Crawford) haben lange Zeit keine Musik mehr gemacht. Aber meine Brüder haben mir jetzt ein bisschen beim Songwriting geholfen. Sie sind schon da, wenn ich sie brauche. Im Studio hatte ich dann Aaron Haggerty am Schlagzeug, Dylan Wiggins an der Hammond B3, Maxwell Drummery am Mellotron und meine Frau LaDonna an den Backing-Vocals.

Den Bass hast du selbst eingespielt. Warum das?

Eric Gales: Als ich die Vorproduktion meinem Produzenten Fabrizio Grossi (Joe Bonamassa, Billy F. Gibbons, Slash, Steve Vai) vorspielte, meinte er: „Ich wusste gar nicht, dass du auch ein so cooler Bassist bist, Eric! Ich weiß zwar noch nicht, was genau du im Studio vorhast, aber du solltest den Bass selbst spielen. Du kennst dein Timing und begleitest dich so, wie es vermutlich niemand besser könnte.“ Hey – was sollte ich darauf antworten? (lacht)

Im Gegensatz zum Projekt Pinnick, Gales, Pridgen wo du sehr viel Distortion- Sounds benutzt hast, sind dir diesmal cleane Rhythmus-Sounds deutlich wichtiger.

Eric Gales: Pinnick, Gales, Pridgen war ein Heavy-Trio und verlangte nach High-Gain-Sounds. Ich mochte die Arbeit mit den Jungs sehr und hoffe, da passiert in Zukunft bald was Neues. Aber wir haben halt alle sehr voll gepackte Terminkalender. Doch du hast Recht: ‚Middle Of The Road‘ ist vom Klangbild deutlich cleaner angelegt. Es ist ein anderer Ansatz. Und für mich eine Möglichkeit, die unterschiedlichen Aspekte meines Spiels zu zeigen, was Stil und Sound betrifft.

Mit ‚Boogie Man‘ interpretierst du Blues-Legende Freddie King. Dazu hast du Gary Clarke Jr. eingeladen. Wie kam das?

Eric Gales: Ich habe Gary schon immer bewundert, er ist ein fantastischer Musiker. Ich durfte bei einem seiner Gigs mitspielen und hab ihm da von meinem Album und diesem Song erzählt. Und er fragte nur: „Wann und wo?“ (lacht) So einfach war das! Als er kam, spielte ich ihm meine kleine Version des Freddie-King-Songs vor, Gary mochte sie und wir spielten sie in einem Take ein.

Ein weiterer Gast ist Christone Kingfish Ingram, ein gerade mal 18-jähriges Blues-Talent, auf ,Help Yourself‘ …

Eric Gales: Der Bursche hat mir tatsächlich gesagt, ich sei einer seiner größten Einflüsse! Das hat mich echt gerührt. Ich mag den Jungen, denn er hat’s nicht gerade einfach im Leben, obwohl er noch so jung ist. Ich finde es cool, dass er der jungen Generation zeigt, was Blues Music ist und das Feuer am Brennen hält. Also fragte ich ihn, ob er Lust habe, auf meinem Album zu spielen. Er sagte zu und hat einen tollen Job gemacht. Kingfish hat phänomenale Phrasierungen drauf!

,Been So Long’ birgt ein Wiederhören mit der großartigen Lauryn Hill, in deren Band du früher gespielt hast. Wie habt ihr wieder zusammengefunden?

Eric Gales: Ich erzählte ihr, dass ich eine neue Band an den Start bringen wolle. Sie hat mich sofort unterstützt, obwohl sie mich damals gehasst hat, als ich ihre Band verließ! (lacht) Es ist dann nicht einfach, wieder von vorne zu beginnen, glaub mir … Aber sie half mir sofort. Sie und ich haben das Stück gemeinsam geschrieben und sie sagte am Ende nur: „Eric, that’s hot!“

Kommen wir zu deinen Instrumenten. Auf deiner Website sieht es aus wie bei einem Musikhändler. Du bist Endorser für zahllose Gitarren, Amps, Effektgeräte, Speaker, Saiten, Kabel. Fangen wir mit Gitarren an. Du bewirbst Olympus Custom Guitars, John Page Classic Ashburn Custom, Magneto Guitars, St. Blues Guitars, die berühmt sind für ihre Cigar-Box-Gitarren. Was spielst du tatsächlich?

Eric Gales: Ich spiele sie alle, wenn ich die Zeit finde. Aber momentan benutze ich nur meine Magneto, meine Custom Sonnet „Raw Dawg“. Sie spiele ich live und im Studio. Ich mag, wie sie sich anfühlt, mag den Hals, ihre Form, das Gewicht, den Sound, die Pickups – da stimmt einfach alles. Ich bin mit den Jungs von Magneto inzwischen gut befreundet und bin ihnen sehr dankbar. Sie wissen, wie wichtig es für mich ist, dass sich eine Gitarre gut anfühlt. Ich habe einige gute Gitarren, aber ich spiele eigentlich immer nur das Instrument, was sich am besten anfühlt.

Was bedeutet das zum Beispiel hinsichtlich des Halsprofils?

Eric Gales: Ich mag einen eher moderaten Hals, ein CShaping, nicht zu dick und das Griffbrett nicht zu breit (42 mm), dazu Jumbo-Frets.

Korpusform, Halsverschraubung und Pickup-Bestückung deiner Magneto orientieren sich am Typus der Stratocaster- Gitarren. Warum spielst du nicht das Original, wie früher?

Eric Gales: Ich habe noch eine Strat und war auch mit Fender im Kontakt, aber ich wollte da kein exklusives Endorsement abschließen. Denn es gibt auch andere Firmen, die mich seit dem ersten Tag begleitet haben. Es gibt so viele Gitarren, die gut sind und sich toll anfühlen. Und du weißt: Ich bin ein Fan all dessen, was gut ist und sich toll anfühlt! (lacht)

Welche Amps spielst du? In der Vergangenheit haben wir dich mit Verstärkern von Pure Sixty-Four, Two- Rock und DV Mark gesehen.

Eric Gales: Ich werde morgen auf der NAMM Show meinen neuen DV-Mark-Amp vorstellen, ich darf euch jetzt allerdings noch nichts verraten. Der Amp soll in etwa zwei Monaten erhältlich sein. Ich freue mich schon drauf. Was ich weiterhin parallel spielen werde, ist mein Pure Sixty-Four, 100 Watt mit 6L6-Röhren, ein toller Boutique-Amp, mit großartigem Clean-Tone. Delay und Distortion mache ich dann über meine Effektgeräte.

FOTO: Provogue/Nicole Weingart

Dann kommen wir doch gleich dazu: Du bist anscheinend überzeugter Dunlop-Endorser, vom MC404 CAE Bob Bradshaw Wah, über das WHE 202 Green Rhino Overdrive und den ZW38 Black Label Chorus bis zum Joe Bonamassa Signature Fuzz Face…

Eric Gales:… und das ist noch längst nicht alles! (lacht) Momentan spiele ich das Colossus Fuzz von Mojo Hand-FX, den Tech 21 NYC Boost D.L.A. und hab ja mit E.W.S. meinen eigenen Brute Drive rausgebracht, den ich gern für ein bisschen extra Distortion einsetze. Das ist es, was ich momentan benutze.

Der Rest kommt aus den Fingern?

Eric Gales: Genau!

Du spielst im Hybrid-Picking, mit Plektrum und Fingern. Inwiefern hat diese Technik deine Ton-Kultur geprägt?

Eric Gales: Das hat sich allmählich entwickelt. Ich habe diese Technik schon früh eingesetzt, weil sie zu meinem Stil und meiner Musik passt. Ich hab mich nie gefragt, wie ich dazu gekommen bin. Ich hab‘s einfach geübt und kultiviert, weil es mir viele Sound-Möglichkeiten beim Anschlag eröffnet.


Discografie

  • The Eric Gales Band (1991)
  • Eric Gales (1993)
  • Picture Of A Thousand Faces (1993)
  • That’s What I Am (2001)
  • Crystal Vision (2006)
  • The Psychedelic Underground (2007)
  • The Story Of My Life (2008)
  • Layin’ Down The Blues (2009)
  • Relentless (2010)
  • Transformation (2011)
  • Live (2012)
  • Eric Gales Trio: Ghost Notes (2013)
  • Good For Sumthin‘ (2014)
  • Middle Of The Road (2017)
  • Infos: www.ericgalesband.com

Bei ‚Block The Sun‘ spielst du sehr dynamisch, mit viel Druck. Das ähnelt sehr Jimi Hendrix’ Auffassung von Rhythmusspiel. Passend, dass du da ausgerechnet eine weiße Strat spielst!

Eric Gales: Danke, dass dir das auffällt, denn an meinem Rhythmusspiel habe ich wirklich lange – seeeeeehr lange – gearbeitet, denn ich wusste genau, was für einen Sound ich suchte und was ich in meinem Kopf hörte. Es war ein langer Weg, meinen eigenen Ton zu finden. Und heute erkennen mich die Leute daran. Ich bin darüber sehr glücklich.

Hast du einen Tipp wie man sein Rhythmusspiel verbessern kann?

Eric Gales: Zuhören! Nimm dir die Zeit und hör genau hin, was der Typ macht, der dir gefällt. Dann denk darüber nach wie er das macht. Und dann versuch es nachzuspielen.

Musik scheint dich sehr anzurühren. Du hast während des Spielens beim North City Jazz Fest geweint. Was hat dich da so bewegt?

Eric Gales: Oh, ich erinnere mich noch genau. Es kam einfach über mich. Als ich beim Spielen die Gedanken fliegen ließ … (macht eine lange Pause) … da wurde mir auf einmal klar, dass ich beinahe alles weggeworfen hatte, was ich besaß. Da ist halt in diesem Moment einfach alles rausgekommen. Es wäre einfach nicht richtig gewesen, das zu unterdrücken. Musik hat eine unfassbare Kraft. Das ist schon verblüffend …


Aus Gitarre & Bass 04/2017

Besonders geschätzt wird Eric Gales für seine Turnarounds. Peter Fischer erklärt in seinem Blues-Workshop, wie die beliebten Licks funktionieren!

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