Zum neuen Album ‚The Bridge‘

Einer für alles: Sting im Interview

(Bild: Eric Ryan Anderson)

Kurz nach seinem 70. Geburtstag serviert Sting ein Album, das mit seiner stilistischen Umtriebigkeit der letzten Jahre bricht: ‚The Bridge‘, das 15. Studioepos des 70-jährigen Bassisten, ist eine Rückbesinnung auf den Musiker und Storyteller, der seine Songs als Kommentar zum Zeitgeist, aber auch als Manifest zur individuellen Selbstverwirklichung versteht. Als ambitionierte Klänge mit Tiefgang – und dem ersten BassSolo seiner langen, bewegten Karriere. Gitarre & Bass hat den ewig jugendlichen Briten in Hamburg getroffen.

Ein Termin mit Sting ist immer ein Vergnügen. Einfach, weil der Mann aus Newcastle ein extrem charmanter, unterhaltsamer und bemühter Gesprächspartner ist. Einer, der viel lacht, durchaus zur Selbstironie tendiert und ganz spielerisch und locker mit Kritik umzugehen weiß. Der zuhört, nachdenkt und seine Aussage direkt auf den Punkt bringt, dabei auch über den musikalischen Tellerrand zu blicken vermag und eben nicht nur sein neuestes Produkt bewerben will. Gordon Sumner, wie er bürgerlich heißt, hat eine Meinung und Haltung – politisch, sozial, gesellschaftlich. Und die äußert er offen und ehrlich. In Hamburg ist er für einen Überraschungsauftritt zur Eröffnung des Reeperbahnfestivals. Der Auftakt zu mehr: 2022 gibt er ein Dutzend Konzerte in Deutschland – in Arenen, unter freiem Himmel und sogar bei Jazz-Festivals. Einer für alles.

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INTERVIEW

Aktuell bist du Musical-Komponist, Schauspieler, Live-Musiker und begehrter Duettpartner – kann es sein, dass du mit zunehmendem Alter immer produktiver wirst? Verwandelst du dich langsam in einen Workaholic oder ist das Torschlusspanik?

(lacht) In letzter Zeit bin ich wirklich produktiv: Ich war an ein paar Filmen beteiligt, habe Songs für andere Projekte geschrieben und einfach wahnsinnig viel gemacht. Aber: Das ist nichts, was mir locker oder gar schnell von der Hand gehen würde. Im Grunde bin ich sogar extrem langsam. Nur: Wenn mir erst einmal die Idee für einen Song kommt, arbeite ich ziemlich schnell. Für gewöhnlich schließe ich etwas in ein oder zwei Tagen ab. Aber ich muss halt erst einmal eine Idee haben. Was das betrifft, zitiere ich gerne den berühmten Golfer, der meinte: „Je mehr ich übe, desto mehr Glück habe ich.“ Das stimmt! Im Grunde geht es nur darum, es immer weiter zu probieren. Du sitzt im Studio und bist allein deshalb dort, weil Ideen halt nicht von alleine kommen. Sondern du musst daran arbeiten. Und an einigen Tagen funktioniert es, an anderen nicht. Von daher verlässt du dich auf den Prozess des täglichen Probierens. Sprich: Wenn du nur lange genug auf ein leeres Blatt starrst, entsteht irgendwann etwas Brauchbares.

Das klingt, als müsstest du einen Song regelrecht erzwingen?

Im Falle dieses Albums war es ein unbewusster Prozess. Zunächst hatte ich keine Idee, was ich da eigentlich mache. Ich wusste nur, dass ich arbeiten sollte. Denn wegen der Pandemie war ich zu Hause gefangen. Und die einzige Möglichkeit, nicht den Verstand zu verlieren, war jeden Morgen um zehn Uhr ins Studio zu gehen und bis zum Abendessen durchzuarbeiten. Eben ohne echte Idee. Es ging nur darum, es anzugehen und durchzuhalten. Insofern ist der kreative Prozess für mich ein bisschen wie Fischen: Du schmeißt eine Angel ins Wasser und zunächst fängst du nichts. Dasselbe am nächsten Tag und am übernächsten.

Erst am vierten Tag gelingt es dir, etwas an Land zu ziehen: Eine kleine Idee oder irgendetwas, das spannend klingt. Daran arbeitest du dann. Aber es gab keinen Plan, keine Strategie oder etwas in der Art. Ich wollte nur nicht über die Pandemie oder den Lockdown schreiben. Es war vielmehr das, was aus meinem Unterbewusstsein kam. Erst am Ende des ganzen Prozesses, als ich zwölf Stücke fertig hatte, habe ich nach einer Verbindung zwischen den einzelnen Songs gesucht – und erkannt, dass sich alle Charaktere, über die ich geschrieben hatte, in einer Übergangsphase zwischen Leben und Tod, zwischen Gesundheit und Krankheit sowie in Beziehungen in allen erdenklichen Konstellationen befinden. Und wirklich alle von ihnen suchen nach einem Weg in die Zukunft. Von daher ist die Brücke zu einer zentralen Metapher geworden, denn nach der suchen wir ja alle.

(Bild: Eric Ryan Anderson)

Was hat es mit dem ungewöhnlich metallischen, harschen Sound im Stück ‚The Book Of Numbers‘ auf sich?

Das ist eine Tenor-Gitarre. Ein Modell aus den 1920er Jahren, das nur vier statt sechs Saiten hat. Das haben wir im Studio ein wenig nachbehandelt, damit es noch geheimnisvoller und bedrohlicher klingt. Ich liebe diesen Sound.

Was spielst du noch auf dem Album?

Eine Menge Fretless-Bass, akustisch und elektrisch. Wobei ich den P-Bass, der so etwas wie mein Lieblingsinstrument ist, ja schon seit den späten 60ern verwende. Klar, habe ich über die Jahre auch andere Bässe ausprobiert. Eine Zeit lang habe ich z. B. Gibson gespielt. Aber ich mag halt Fender. Gerade die alten Bässe aus den Jahren 1955 bis 1957. Sie wurden noch von Leo Fender persönlich gebaut. Sprich: Sie waren echte Handarbeit – von einem Typen, der ein Meister seines Fachs war. Und das ist eine Vorstellung, die ich toll finde. Eben, dass da Persönlichkeit und Charakter mitschwingen. Dass es nicht einfach etwas ist, das am Fließband zusammengebaut wurde. Hältst du so einen Bass in den Händen, fühlt er sich wie eine regelrechte Waffe an. Und Bass zu spielen hat sowieso etwas ungemein Kraftvolles. Etwas ganz Simples und Fundamentales. Natürlich gibt es auch Bassisten, die gerne ein bisschen showmäßig unterwegs sind, aber das ist nicht das, was ich tue. Ich bin eher bodenständig und solide.

Bist du auch ein Sammler?

Nicht wirklich. Ich mag meine Bässe, aber es ist nicht so, als ob ich sie horten würde. Daran habe ich kein Interesse. Ich habe die, die ich auch wirklich benutze, mehr nicht. Und als ich den 55er Fender-Bass bekommen habe, wollte ich erst nichts anderes mehr spielen – einfach, weil er so gut ist und so toll klingt. Ich habe lange versucht, einen zweiten Bass zu finden, der identisch ist.

Nur: Das ist gar nicht so leicht. Den 57er habe ich seit fast 30 Jahren. Und mit ihm wage ich mich auf diesem Album zum allerersten Mal an ein Bass-Solo. Nicht, weil ich damit irgendetwas beweisen will, sondern weil das zu dem Stück ‚Captain Bateman‘ passt. Ich habe einfach drauflos gejammt und dabei alles Mögliche probiert – ich habe gesungen und die Basslinie gespielt.

Darauf meinte mein Techniker: „Das klingt wirklich gut.“ Und mein Manager sagte: „Du solltest das unbedingt mit aufs Album nehmen. Auch das werden die Leute nicht von dir erwarten.“

Denn seien wir ehrlich: Es ist schon eine Überraschung. Und um den Jam von dem Original-Stück abzugrenzen, das ich bereits fertig hatte, habe ich ihn ‚Captain Bateman‘s Basement‘ genannt. Ein Titel, der schwer auszusprechen ist. Selbst für mich … (lacht)

Du spielst zwar auch Gitarre und Klavier, aber der Bass war und ist dein Hauptinstrument – warum? Hast du eine besondere Beziehung dazu?

Ich sehe mich in erster Linie als Songwriter – und erst dann als Musiker. Und der Bass ist für mich das perfekte Instrument, um meine musikalischen Vorstellungen umzusetzen. Gerade was das Zusammenspiel mit anderen Musikern betrifft. Es ist eine sehr subtile, aber effektive Art, eine Band anzuführen. Quasi die Ideal-Position schlechthin. McCartney hat dasselbe bei den Beatles getan und Jack Bruce bei Cream. Es geht darum, der Leader zu sein – auf charmante, aber bestimmte Weise.

Wie schaffst du es, neben deinem Bassspiel noch die Rolle als Lead-Sänger auszufüllen? Ist das etwas, das man lernen muss? Das auf Erfahrung und Können basiert?

Es ist definitiv nichts, das man einfach so hinbekommt, das ganz normal und natürlich wäre. Klar, einer Menge Leute gelingt es, auf einer Gitarre herumzuschrammeln und gleichzeitig zu singen – also im Rhythmus. Aber der Bass ist da etwas anders. Er ist oft kontrapunktisch zu dem, was man singt. Von daher hat es etwas davon, als würde man versuchen, mit zwei verschiedenen Sachen zu jonglieren. Und es erfordert eine Menge Übung, um das gut hinzubekommen. Man muss erst einmal verstehen, in welcher Beziehung beides zueinander steht und wie das Zusammenspiel funktionieren könnte.

Also hattest du da nie Probleme?

Nein, ich habe das von Anfang an hinbekommen. Schon als ich das erste Mal Bass gespielt habe, habe ich auch gleich gesungen. Ich fand das viel spannender als zum Beispiel ein Gitarren-Held zu sein. Ich konnte zwar auch Gitarre spielen, fand es aber viel cleverer, die Harmonie der Band von Grund auf zu kontrollieren. Vielleicht habe ich ein bisschen was von einem Kontrollfreak: Alles hört auf mein Kommando. (lacht) Aber das ist ja keine Position, über die man sich beschweren könnte. Im Gegenteil: Sie ist sogar sehr angenehm.

Hast du schon immer so gedacht – auch schon zu Police-Zeiten?

Das habe ich tatsächlich. Aber vielleicht glaube ich auch einfach nur gerne, dass ich cleverer bin, als es wirklich der Fall ist. (lacht) Jedenfalls hielt ich es für eine gute Strategie, um es in dieser Welt zu etwas zu bringen. Ich meine, es will ja jeder wie Jimi Hendrix oder Jimmy Page sein, doch das hat mich nie interessiert. Ich wollte eine Route einschlagen, die meiner Persönlichkeit besser entspricht. Eine mehr stoische, ruhigere, aber genauso kraftvolle. Und ich habe schon früh mit der Musik angefangen.

Ich war sieben, als ich meine erste klassische Gitarre bekam, ein spanisches Akustik-Modell. In der Schule habe ich dann Kontrabass gespielt und bin kurz danach einer Band beigetreten, einer Jazz-Band, keiner Rock-Formation. Ich war Mitglied in einer richtigen Big Band, aber auch in einer Mainstream-Jazz-Gruppe und einer Jazz-Rock-Formation. Meine erste Rockband war The Police. Das war 1977 – und ich hatte keinerlei Erfahrung mit Rock. Das war eine rasante Entwicklung – aber auch eine gute Ausbildung, denn ich habe mehr als nur drei Akkorde beherrscht. Ich mag zwar Rockmusik, aber mein musikalischer Background ist viel breiter aufgestellt.

Wer sind deine Vorbilder, wenn es um singende Bassisten geht?

Ganz klar Jack Bruce, Paul McCartney und Phil Lynott. Sie alle waren als Bassisten mindestens so gut, wie als Sänger. Ich hoffe, das gilt auch für mich. (lacht)

Und wie sieht es mit aktuellen Bassisten aus?

Oh, Esperanza Spalding finde ich stark – eine amerikanische Jazz-Sängerin, die sowohl Kontrabass wie auch elektrischen Bass spielt. Sie ist fantastisch – einfach beeindruckend.

The Police bei der Reunion-Tour 2007 (Bild: Universal Music)

Worauf du so gar keine Lust mehr zu haben scheinst, ist dagegen The Police. In einigen Interviews kommt es sogar so rüber, als ob du die Reunion-Tour von 2007/2008 inzwischen bereust. Warum?

Im Gegenteil: Ich bedaure das kein bisschen, sondern bin sehr froh, dass wir es getan haben. OK, es war eine Übung in Nostalgie und ich würde das auch nie wieder machen. Aber: Das müssen wir ja auch nicht. Die Tour an sich war toll, das Timing perfekt, es war lange genug seit unserer Trennung, und noch nicht lange genug, als dass uns die Leute vergessen hätten. Insofern war das die richtige Wahl – und ich habe das ja aktiv vorangetrieben. Es war sogar meine Idee, es noch ein letztes Mal zu versuchen.

Aber du hast nicht vor, dich noch einmal darauf einzulassen?

Nein, ganz bestimmt nicht. Ich mache schließlich neue Musik, auf die ich sehr stolz bin – und ich habe ein Publikum, das ebenfalls sehr zufrieden damit zu sein scheint. Warum sich also auf reine Nostalgie verlegen? Sorry, aber das wäre mir zu wenig. Ich spiele gerne den einen oder anderen Police-Klassiker, aber das war es dann auch. Ich lebe im Hier und Jetzt, nicht im Gestern.


(erschienen in Gitarre & Bass 02/2022)

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