Die im Schatten sieht man nicht – oder doch?

Die Arbeit als Sideman

Bernard Yin mit Par Avion (Bild: Michael Eivaz)

Die eigenen Songs in die Welt tragen, das Publikum begeistern und im Rampenlicht stehen – so geht der jugendliche Traum des Nachwuchsrockers. Aber man muss gar nicht im Mittelpunkt stehen, um im Musikbusiness sein Geld zuverdienen. Auch als zuverlässiger Begleiter verschiedener Künstler kann man seinen Weg machen. Wir haben mit drei Gitarristen gesprochen, die sich für eine Tätigkeit jenseits der Bühnenmitte entschieden haben, über den Weg dahin und die Vor- und Nachteile der Arbeit als „Hired Gun“.

Ole Rausch ist zurzeit in der Band von Laith Al Deen tätig, spielte aber auch schon mit Paul Young, Hartmut Engler, Hands On The Wheel und für die TV-Show Voice Of Germany. Zur Musik brachte ihn zunächst die Plattensammlung der Eltern aus Beatles, Pink Floyd, Joe Cocker, Elvis Presley, Rolling Stones. Mit 15 hörte er Van Halen: „Ich war fasziniert von den Möglichkeiten der Gitarre. Ich habe mir sofort einen Aushilfsjob gesucht, um mir eine Gitarre zu erarbeiten. Nach ein paar Wochen rief eine Band an: ‚Wir suchen einen Gitarristen. Wir covern Rock …‘ Ich habe direkt zugesagt und musste dann natürlich liefern.“

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Ole Rausch (Bild: Ole Rausch)

Hannes Porombka ist der Jüngste des Trios und arbeitet für die deutschen Sängerinnen Mine und LEA. Nach einer kurzen Episode als Klarinettist im örtlichen Musikverein, bekam er mit 12 seine erste Gitarre und arbeitete sich durch Smoke On the Water und Peter Burschs Gitarrenschule. „Durch zwei tolle, inspirierende Gitarrenlehrer habe ich super viel verschiedene Musik kennengelernt und angefangen viel zu üben“, erzählt der Endzwanziger.

Hannes On Stage (Bild: Calvin Müller)

Aus Los Angeles kommt Bernard Yin, der als Gitarrist für die Fuzztones tätig war und heute als Bassist für The Bellrays und seine eigene Surfband Par Avion arbeitet: „Ich bin wie eine Million anderer Jungs und Mädchen, die Rock’n’Roll lieben und als Kind davon träumten, in einer Band zu spielen. Ich fing auf einer klassischen Gitarre an, nahm ein paar Stunden und habe dann Licks von allen möglichen Leuten geklaut: Link Wray, Skunk Baxter, Ritchie Blackmore, Neil Young, Al Di Meola und so weiter.“

DER WEG

Aber wie wird man nun Sideman? Für Ole Rausch war die Richtung von Anfang an klar: „Ich wollte nie Songwriter oder Soloartist werden und im Vordergrund stehen. Im Grunde war Sideman schon immer mein Ding und Wunsch. Nach einer Europa-Tour im Support von Joe Cocker stand für mich fest, dass ich mit Künstlern unterwegs sein will. Zum Glück kamen entsprechend auch Anfragen, wirklich bemüht habe ich mich nicht. Durch das viele Spielen hatte ich immer Kontakte.“

Hannes Porombka nahm erstmal einen Umweg: „Nach der Schule hatte ich zu viel Respekt vor dem Musikerberuf. Ich habe immer gehört, dass es eine brotlose, harte Kunst ist und mich deswegen erstmal für ein Studium entschieden. Das Musikding hat mich aber nie ganz losgelassen, und nachdem ich mein Betriebswirtschafts-Studium abgeschlossen hatte, wollte ich der Musik noch mal eine Chance geben. An der Popakademie Mannheim habe ich viele von den Menschen kennengelernt, mit denen ich heute spiele. Das war das Glück zur richtigen Zeit, am richtigen Ort zu sein. Der Drummer von LEA, Fred Michel, hat zu der Zeit gerade einen neuen Gitarristen gesucht. Durch einen gemeinsamen Bekannten kannte er meinen Namen, sah mich auf einem Vorspiel in der Uni und hat mich dann angesprochen. Die anderen Engagements haben sich dann daraus ergeben.“

Bernard Yin spielte in unzähligen Bands: „Ich war nie am Verhungern, aber oft kurz davor. Viele dieser Bands haben viel getourt, hatten tolle Verträge, die meistens zu nichts führten, und als mal wieder eine meiner Bands zerfiel, war es ein logischer Schritt für mich, Sideman zu werden. Ich wollte nicht mehr von einer Band abhängig sein, sondern ganz einfach mit Musik beschäftigt. Die Liebe zur Musik im Allgemeinen war größer als die Liebe zu meiner eigenen Musik. Für andere zu arbeiten, füllte nicht nur die Lücken in meinem Kalender, sondern brachte mir auch mehr finanzielle Sicherheit.“

TÄTIGKEITEN

Was genau macht man als Sideman? Ole schildert seine Aufgabe so: „Mein Aufgabenbereich besteht in erster Linie aus der Reproduktion der Gitarrenlinien und entsprechender Sounds. Ich muss also die wesentlichen, wichtigen Gitarrenstellen erfassen und umsetzen. Mehrere Gitarrenspuren zusammenfassen und daraus eine Gitarre generieren, die den Song adäquat wiedergibt und transportiert. Ich mache mir Gedanken mit welchen Gitarren, Amps und Pedalen ich entsprechende Sounds darstellen kann. Was immer erwartet wird, sind in Pegel und Frequenz ausgeglichene Sounds, die sofort in der Band funktionieren sowie tadelloses Equipment. Immer häufiger werden auch Backingvocals gewünscht.“

Hannes nimmt ganz unterschiedliche Rollen ein: „Je nach Künstlerin bin ich live, im Studio und manchmal auch bei der Entstehung der Songs dabei. Hauptsächlich spiele ich Gitarre und verwandte Saiteninstrumente. Oft kommen aber auch Synthesizer und Sampling-Instrumente dazu. Das kam dadurch, dass wir bei LEA am Anfang noch zu dritt unterwegs waren und die modernen, recht elektronischen Produktionen live umsetzen wollten. Da kam dann schnell die Frage, ob ich mir auch vorstellen kann, ein paar Tasten zu drücken. Ich würde mich auf keinen Fall als ausgefuchsten Keyboarder bezeichnen, aber manchmal macht es eben schon Sinn, an der einen oder anderen Stelle eine Synthesizer-Fläche zu legen, Synth-Bass zu spielen oder Samples abzufeuern, wenn alle anderen die Hände voll haben.“

Bernard sieht die Sache folgendermaßen: „Als Sideman lernst du die existierenden Songs und spielst sie live, ganz einfach! Meistens werde ich als Leadgitarrist gebucht, manchmal aber auch als Bassist. Ich schlage auch mal Sachen vor, aber nur wenn es auch angemessen erscheint. Außer wenn es dir explizit untersagt wird, solltest du auch immer helfen, das Equipment in den Laden zu tragen. Du musst ein Team-Player sein, das ist die Herausforderung!“

VOR- UND NACHTEILE

Was macht Spaß am Job? Für Hannes ist es ganz klar die Interaktion mit anderen Musikern: „Ich mache am liebsten Musik zusammen mit anderen Menschen, ob mit meiner eigenen Band oder als Sideman. Ich habe immer das Gefühl, dass es durch Zusammenarbeit besser wird, als wenn ich alleine rangehe. Außerdem liebe ich den Moment, wenn es ‚Klick‘ macht und man merkt, dass man zu einem bestehenden Stück Musik etwas beitragen kann. Ich habe schon sehr schöne Momente gehabt, in denen ich Künstler*innen richtig angemerkt habe, dass sie ihren Song noch mal mehr fühlen, weil man ihn gerade mit einer tollen Band live gespielt oder eine Gitarrenidee dazu beigesteuert hat.“

Ole findet es besonders interessant, die musikalische Vision eines anderen Künstlers umzusetzen und mit verschiedenen Musikern zusammenzuspielen: „Du musst den Song begreifen und spüren. Es geht immer darum, den Song zu spielen und nicht um ‚Chops‘ und ‚Shredding’ … Außer, wenn es der Song braucht. Ich mag es, vielseitig zu sein und neue Stile zu erlernen.“

Bernard genießt es, nicht im Mittelpunkt zu stehen: „Wenn du für andere Künstler spielst, hast du nicht die Last, das Gesicht der Band sein zu müssen. Während die Hauptmitglieder um 8 Uhr morgens schon ein Radiointerview absolvieren, kannst du noch schlafen oder spazieren gehen oder Kaffee trinken. Ich finde es auch gut, mein Ego an der Tür abzugeben und einfach die Musik zu genießen, das ist ein ganz wichtiges Ding als Sideman. Mit den Fuzztones konnte ich meinen Teenage-Traum ausleben, nämlich in einer rauen, gefährlichen Band zu sein, schwarze Klamotten zu tragen und mit einer echten Rock’n’Roll-Attitüde aufzutreten. Bei den Bellrays bin ich Teil einer Band, die eine klare Botschaft hat.“

Wenn man „nur“ Musiker und nicht Kopf der Band ist, kann das aber auch Nachteile haben. Hannes schildert das so: „Natürlich gibt es als Sideman auch mal Situationen, wo man Entscheidungen mittragen muss, die man selbst anders getroffen hätte. Und wenn eine Künstlerin entscheidet, mal ein Jahr nicht zu touren, dann spielt man diese Musik halt ein Jahr lang nicht.“

Ole sieht auch finanzielle Nachteile: „Als Sideman ist man nicht in der finanziell „nachhaltigen“ Musikproduktion in Form von Songs oder Alben. Du bist immer von Jobs, Tourneen und Buchungen abhängig. Wie ein Tagelöhner. Das sollte man im Hinterkopf haben. Man ist sehr viel auf Reisen und weg von Zuhause. Das muss man mögen und abkönnen. Wer eine tolerante Familie im Rücken hat, kann sich glücklich schätzen!“

Auch Bernard hat ein paar negative Erfahrungen gemacht: „Du musst dich auf Entscheidungen einstellen, die dir nicht gefallen. Mir wurden auch schon Touren gecancelt – kurz vor oder während der Tour. Das kann dich ganz schön in Schwierigkeiten bringen! Oder du wirst für eine Tour nicht gefragt, obwohl du das Gefühl hattest, ein wichtiges, verlässliches Bandmitglied zu werden. Das kann alle möglichen Gründe haben und am besten nimmst du es nicht persönlich. Ich kenne auch Leute, die eine Familie versorgen müssen und dann plötzlich eine Absage für eine lange, lukrative Tour bekommen. Mich hat es glücklicherweise nicht so hart getroffen und oft konnte ich solche „Planänderungen“ in etwas Positives verwandeln, habe ein paar Shows für meine eigene Band gebucht oder auch Freunde und Verwandte in der Stadt besucht, in der ich gerade gestrandet war. Du musst flexibel bleiben!“

GEAR

Auch das Equipment muss den Ansprüchen des Auftraggebers genügen. Ole arbeitet eher klassisch und beschreibt sein Setup als sehr variabel. „Ich nutze ein umfangreiches Pedalboard, um eine große Bandbreite an Sounds parat zu haben und tausche, je nach benötigter Facetten, Pedale aus. Das Board kombiniere ich mit Fender-Combos, Plexi-Marshalls oder Bogner-Amps. Die Pedale werden über einen Pedal-Looper verwaltet und sind teilweise im FX-Loop oder vor den Amp geschaltet. Meine Midipedale Strymon Timeline, Mobius und Eventide H9 schalte ich auch damit um. Über eine kleine Patchbay kann ich den FX-Loop umgehen und alles vor den Amp routen.

Oles Gitarren
Oles Pedalboard

 

Kleine, leistungsstarke Pedale machen zum Glück große Racks überflüssig. Es muss weniger transportiert werden und ich finde Pedalboards sevicefreundlicher als Racks. Defekte Komponenten können schnell ausgetauscht werden. Ich lege Wert auf Amps mit hohem Clean-Headroom, um immer einen lauten und stabilen Cleansound zu haben. Den „Dreck“ bekomme ich über diverse Zerrpedale und das Volume-Poti an der Gitarre. Sollte eine ‚Silent Stage‘ gefordert sein, greife ich auf einen Kemper-Amp oder die UAD OX Amp Top Box zurück. Alles grundsätzlich in mono. An Gitarren sind immer ein bis zwei Strats, Teles, eine Les Paul, eine Gretsch und eine ES-335 mit am Start: Damit bin ich bisher immer gut gefahren. Diverse Akustik-Gitarren, Mandoline, Lapsteel nach Bedarf.“

Ole Rauschs mikrofonierter Fender ...
... und die „stille Lösung“

 

Hannes hat sich ganz für moderne Technik entschieden: „Ich spiele live aktuell ausschließlich den Kemper Profiler. Fürs Vor-sich-hin-Klimpern zu Hause, favorisiere ich aber einen Röhren-Amp, doch in puncto Vielseitigkeit, Sounds und Programmierbarkeit ist für mich der Kemper live unschlagbar. Den kombiniere ich mit einem Pedalboard, welches Modulationseffekte, Reverbs und Overdrives enthält. An Gitarren spiele ich eine 1966er Fender Jazzmaster, eine Danocaster Singlecut, G&L Doheny und Gibson ES-339. Meine Akustikgitarre ist eine Lakewood D-34.“

Das Pedalboard von Hannes Porombka (Bild: Calvin Müller)

Bernard sieht die Sache ganz amerikanisch unkompliziert: „Ich versuche mit dem, was ich gestellt bekomme, so gut zu spielen wie möglich. Ich kann mit einem Fender-Röhrenamp mit Hall und ein paar Pedalen den Gig spielen. An Gitarren setze ich hauptsächlich Fender-Instrumente ein, interessiere mich aber gerade auch für Gretsch. Ich habe ein kleines Travel-Board mit einem TC Electronics Flashback für Slap- und Psychedelic-Delays, einem Fulltone OCD, einem TC Electronics Tuner und einem Dunlop Mini Cry Baby. Hinzu kommen ein JHS Tidewater Tremolo und ein TC Hall Of Fame, falls der Miet-Amp keinen vernünftigen Hall und Tremolo an Bord hat.“

Bernards Travelboard (Bild: Bernard Yin)

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2021)

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