Zum sechsten Album ‚Crisis Of Faith‘

Billy-Talent-Gitarrist Ian D’Sa im Interview

(Bild: Dustin Rabin)

Mit ihrem sechsten Album ‚Crisis Of Faith‘ befinden sich die Kanadier an einem Wendepunkt: Sie sind jetzt Mitte 40, haben Kinder, Eigenheime und künstlerische Verantwortung. Zudem stehen sie vor dem Sprung in die größten Arenen der westlichen Hemisphäre, haben aber auch eine sechsjährige, nicht ganz freiwillige Plattenpause hinter sich. Welche Spuren das hinterlassen hat, zeigen zehn Songs, denen man den lyrischen Ehrgeiz und die musikalische Reife deutlich anhört. Sprich: Billy Talent sind erwachsen geworden – aber nicht langweilig. Das ist der feine Unterschied.

Der manifestiert sich auch im Gitarre-&-Bass-Gespräch mit Ian D’Sa: Ein Baum von einem Kerl, dessen Eltern einst aus Goa ins kanadische Mississauga ausgewandert sind, und der lange Zeit bekennender Hedonist war. Ein Party-Animal, das sich damit gerühmt hat, eigene Cocktails zu kreieren, absolut trinkfest zu sein und viele hübsche Freundinnen gehabt zu haben.

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Davon ist 2022 nicht mehr viel übrig: Der 46-Jährige ist nach eigenem Bekunden Abstinenzler, raucht nicht mehr, hat seine markante Elvis-Tolle gegen eine lange, hippieske Lockenpracht eingetauscht und betont, in einer festen Beziehung zu sein. Gleichzeitig legt er mit ‚Crisis Of Faith‘ ein Album vor, das einerseits ungewohnt bissige, sozio-politische Texte aufweist, andererseits aber auch eine interessante musikalische Mischung aus durchgetretenem Gaspedal und anspruchsvollem, komplexem Songwriting birgt − aus rudimentärem Punkrock und gekonnten Vorstößen in Prog, in orchestrierte Balladen sowie eingängigen Powerpop.

Kurzum: Eine faustdicke Überraschung, die von Anspruch und Können, aber immer noch von unbändiger Energie zeugt. Ein Grenzgang zwischen dem jugendlichen Ungestüm der 2000er und dem aktuellen Status als „elderly statesmen“ des Alternative-Rock, der Billy Talent gut zu Gesicht steht und etwas von einer Reifeprüfung hat. Allen voran für Ian D’Sa, den Mastermind des kanadischen Quartetts.

(Bild: Aaron Solowoniuk)

INTERVIEW

Ian, du bist nicht nur Gitarrist, sondern auch Hauptsongwriter und Produzent von Billy Talent. Wie wichtig ist dir das? Geht es dir um völlige Kontrolle?

(lacht) Keine Sorge, ich bin kein Kontrollfreak. Es ist einfach so, dass ich bei unserem zweiten Album, das damals mit Gavin Brown entstanden ist, die Möglichkeit hatte, mich mehr einzubringen und aktiv an der Produktion mitzuwirken, was ich als sehr lehrreich und spannend empfunden habe. Auf dem dritten Album, das wir mit Brendan O’Brien aufgenommen haben, hat sich unser Sound dann sehr an seinem orientiert. Es war eine typische O’Brien-Produktion, aber ebenfalls ein aufregender Prozess, weil er ganz anders vorgegangen ist als Gavin und ich. Und von solchen renommierten Produzenten zu lernen, war etwas, das ich schon immer wollte.

Als es 2012 dann an ‚Dead Silence‘ ging, hatte ich das Gefühl, dass ich bereit wäre, das alleine in Angriff zu nehmen. Wir haben uns ein Studio in unserem Hauptquartier eingerichtet, in dem wir auch proben. Und da ich die meisten Songs schreibe, schien es mir sinnvoll, sie auch selbst zu produzieren. Einfach, weil das Teil des Komponierens ist und ich auf die Weise das, was ich in meinem Kopf höre, viel besser umsetzen kann. Was nicht heißt, dass ich immer so vorgehen muss. Es gibt eine Reihe von Produzenten, mit denen ich gerne arbeiten würde. Vor Leuten wie Bob Rock oder Mutt Lange habe ich großen Respekt.

Was spielst du auf dem neuen Album? Immer noch deine ’52er Fender Telecaster Reissue, die du „Crispy Chicken“ nennst, und deine ’72er Fender Telecaster alias „Rooster“?

Ja, Crispy Chicken ist meine Hauptgitarre, meine uneingeschränkte Nummer 1. Sie ist auf nahezu jedem Stück vertreten, Rooster hingegen auf allen Songs, die nach einem Humbucker verlangen. Aus dem einfachen Grund, weil sich mit dem Singlecoil von Crispy Chicken längst nicht alles bewerkstelligen lässt. Bei ‚Forgiveness I + II‘ ist zum Beispiel Rooster am Start, weil ich für die heftigeren Riffs halt den Humbucker brauche. Aber Crispy Chicken und Rooster sind meine beiden wichtigsten Gitarren, unter denen ich immer noch ein paar andere schichte. Ich verdopple für gewöhnlich alles, um den gesamten Raum zu füllen und mehr Durchschlagskraft zu erzielen. Das ist der Ansatz, den ich seit dem ersten Album verfolge.

„Crispy Chicken“
„Rooster“

Das ist Anfang der 2000er erschienen. Wieso hältst du daran fest? Was ist so besonders an diesen Gitarren bzw. ihrem Sound?

Es ist eine merkwürdige Sache. Aber es ist halt so, dass du über die Jahre unterschiedliche Gitarren kaufst und ausprobierst. Einige davon haben all die klanglichen Qualitäten, die du dir wünschst, oder deine Finger reagieren halt viel besser auf sie als auf andere. Keine Ahnung warum, aber das ist einfach so. Und wenn wir im Studio arbeiten, klinge ich am besten mit einer Telecaster. Ich erhalte da irgendwie eine Klarheit, die umwerfend ist. Sprich: Sie ist das Fundament für starke Noten, sorgt aber auch für einen interessanten Ton, der großartig für die Hauptgitarre ist. Darunter habe ich noch ein paar andere Gitarren geschichtet, wie eine ’77er Gibson, die ich ebenfalls oft verwende. Sie heißt „Turkey“ – weil all meine Gitarren nach Vögeln oder Geflügel benannt sind. (lacht)

Schon seit Beginn der Bandgeschichte setzt Ian auf die Fender Telecaster. (Bild: Ian D'Sa)

Was hat es damit auf sich? Wie bist du darauf gekommen?

Als wir uns damals – für die Aufnahmen zum ersten Album – neue Instrumente zugelegt haben, bin ich in diesen Laden in Vancouver marschiert und habe jede einzelne Telecaster ausprobiert, die dort an der Wand hing. Diese eine war es dann – sie klang wunderbar. Sie hatte einen einmaligen Sound. Also habe ich sie gekauft und auf dem Album verwendet. Ich weiß noch, wie unser Gitarrentechniker meinte: „Wow, sie klingt, als ob sie gackert, wenn du die Saiten anschlägst.“ Er hat dann immer gegackert, wenn er sie in Händen hielt. Und weil sie einen viel knusprigeren Sound hat als die meisten anderen Telecaster, habe ich sie halt Crispy Chicken, also knuspriges Hähnchen, genannt. Das ist die Geschichte.

Spielst du prinzipiell lieber Vintage-Gitarren als neuere Modelle?

Oh ja, definitiv! Die Vintage-Sachen haben für mich mehr Charakter. Was nicht zuletzt daran liegen dürfte, dass das Holz länger trocknen konnte. Klar, einige der neueren Gitarren klingen ebenfalls nicht schlecht, aber wenn es ans Aufnehmen geht, verwende ich so viel Vintage-Kram wie möglich.

Deine älteste und wertvollste Gitarre ist eine ’57er Gibson Les Paul Junior – stimmt das?

Ja, das ist meine mit Abstand teuerste. Aber noch viel wichtiger: Sie ist in einem hervorragenden Zustand.

Was auch bedeutet, dass du sie nicht mit auf Tour nimmst?

Ganz sicher nicht. Niemals! (lacht) Wobei ich bei Konzerten aber auch gerne eine Gitarre einsetze, die beide Sound-Varianten hinbekommt – den klaren wie den heftigen, harten. Was das betrifft, ist eine Fender Stratocaster mit Humbuckern einfach das perfekt Instrument. Sie vereint diese beiden Welten, und so kann ich auf der Bühne leicht reproduzieren, was wir im Studio aufgenommen haben. Gleichzeitig hat sie aber auch ein bisschen von dem Twang einer Telecaster und ein kräftiges „Bottom-End“.

Ein Regal voller Effekte … (Bild: Ian D'Sa)

Ginge es nach dir bzw. würde Geld keine Rolle spielen: Was wäre deine Traumgitarre oder deine nächste große Anschaffung?

Was mir noch fehlt, ist ganz klar eine David-Gilmour-Stratocaster. So ein Teil hätte ich wirklich gerne. Aber bei Fender ist sie nicht mehr verfügbar. Ich sollte mal unseren Manager darauf ansetzen, denn ich bedaure es sehr, dass ich nicht zugeschlagen habe, als sie auf den Markt gekommen ist. Ich habe Davids schwarze Strat und seinen Ton immer geliebt. Er klingt einfach unglaublich – auf den Alben wie auf der Bühne. Das wäre meine Traumgitarre. Und wer weiß, vielleicht wird sie irgendwann real. (lacht)

Die originale Black-Strat hat er erst vor ein paar Jahren bei einer Auktion in New York versteigert. Warum hast du da nicht zugeschlagen?

Weil sie – soweit ich weiß – für fast vier Millionen Dollar unter den Hammer gekommen ist. Das hätte mein Budget dezent überschritten. Also das wäre beim besten Willen nicht gegangen. Auch, wenn es eine umwerfende Gitarre ist, die auf jedem Floyd-Album aus den 1970ern zum Einsatz gekommen ist. Ich habe viel darüber gelesen – ich weiß also, wovon ich schwärme.

Wie steht es mit Amps, was verwendest du da?

Für dieses Album waren es tatsächlich ein paar neue Sachen. Nämlich ein Marshall 1959 Handwired – mein Hauptverstärker für die neuen Songs. Ich hatte zwar schon immer einen Marshall-Sound im Mix, den ich ansonsten mit einem ’74er Plexi erzeuge, aber ich fand ihn immer ein bisschen matschig. Als ich dann gehört habe, dass Marshall die Handwired neu auflegen, habe ich mit einem ihrer Vertreter gesprochen und ein Test-Exemplar erhalten. Was soll ich sagen: Der Klang ist wunderbar. Das Teil ist momentan mein absoluter Favorit. Außerdem habe ich noch einen Diezel VH4, den ich für meine härteren Gitarren-Parts verwende. Den kombiniere ich für gewöhnlich mit einem Komet Concorde. Doch diesmal habe ich ein paar Wizard-Amps von Rick St. Pierre eingesetzt – der Typ, der diese unglaublichen Amps in Cornwall, Kanada, baut. Der Wizard und der Diezel klingen zusammen so unglaublich, dass ich damit alle Heavy-Sounds auf dem Album aufgenommen habe. Also die Kombination aus dem Wizard MTL und dem Diezel VH4 ist das Beste, was mir seit langem untergekommen ist. Ich habe ihr den Spitznamen „Wiezel-Combo“ verpasst. (lacht)

Das Recording-Setup
Fender ’62 Tremolux + Marshall 1959HW
Komet Concorde
„Wiezel“: Wizard MTL + Diezel VH4

Demnach spielst du keine Stephenson-Verstärker mehr, wie du es jahrelang getan hast?

Das war lange Zeit mein Live-Amp. Im Studio ist er leider nie so gut rübergekommen wie der Marshall mit meinem Fender Tremolux und dem Komet. Denn im Studio ist es doch so, dass ich Amps miteinander verbinden und kombinieren kann, wie ich will. Live ist das zwar auch möglich, aber dafür müsste ich mehr Technik durch die Lande gondeln als eigentlich nötig. Auf Tour geht es wirklich darum, mit so wenig wie möglich klarzukommen und es betont simpel zu halten. Da mit drei Cabinets und Heads zu agieren, wäre zu viel – obwohl: Vielleicht ist das in den größeren Hallen ja doch möglich. Vorausgesetzt, das Album wird gut angenommen. Ich plane erst einmal mit dem Stephenson und dem Diezel für die heftigen Sachen.

Wie hast du das stark verzerrte Riff zu Beginn von ‚Reckless Paradise‘ hinbekommen? Was hast du an Effekten eingesetzt?

Ein Z.Vex Woolly Mammoth und ein Fuzz Factory. Die beiden habe ich schon im Intro zu ‚Devil In A Midnight Mass‘ von 2006 verwendet. Diesmal habe ich sie übereinandergelegt und das hat für diesen großen, Synthie-mäßigen Sound gesorgt.

Beginnst du beim Schreiben immer mit einem Riff? Schließlich stehen die auch bei Songs wie ‚I Beg To Differ‘ oder ‚Reactor‘ im Vordergrund …

Durchaus. Ein guter Song zeichnet sich dadurch aus, dass er den Hörer mit einem griffigen Riff fesselt. Dass es quasi die Gitarre ist, die ihn erst richtig in den Song hineinzieht. Und diesen Ansatz verfolge ich gerne und oft. Ich ködere den Hörer mit einem Riff, und wenn ich ihn am Haken habe, dann setzen der Gesang und der Rest ein.

Die Pedale, die auf ‚Crisis Of Faith‘ zum Einsatz kamen: Guild Foxey Lady, Electro-Harmonix Big Muff, Flynn Amps Rory Gallagher Hawk Booster, Klon Centaur, Big John Hairy Balls Fuzz, Z.Vex Fuzz Factory, Malekko B:AssMaster, Wizard Leopard, VL Effects Bullitt Booster, Z.Vex Woolly Mammoth (Bild: Ian D'Sa)

Nach fast 30 Jahren Billy Talent: Hast du deine Gitarrenhelden mittlerweile persönlich kennengelernt?

Die meisten von ihnen schon – was ziemlich unglaublich ist und weshalb ich mich regelrecht gesegnet fühle. Also nicht nur, dass ich meinen Lebensunterhalt mit der Musik verdiene, sondern auch all diese spannenden Leute treffe.

Zum Beispiel?

Jimmy Page – mein absoluter Lieblingsgitarrist. Er war so ein Gentleman, als ich ihm begegnet bin. Genau wie Tom Morello, den ich ganz am Anfang unserer Karriere getroffen habe, als wir mit Rage Against The Machine beim Lollapalooza-Festival in den USA aufgetreten sind. Wer noch? Ach ja, Kim Thayil von Soundgarden. Ich nenne ihn mittlerweile Uncle Kim, weil wir uns immer mal wieder treffen und quatschen. Er zählt ebenfalls zu meinen Helden, gerade weil wir beide zu einer ethnischen Minderheit auf dem amerikanischen Kontinent zählen und er ein wirklich außergewöhnlicher Gitarrist ist. Die Riffs, die Chris Cornell und er in den frühen 90ern geschrieben haben, haben mein eigenes Spiel enorm beeinflusst. Hinzu kommt John Reis von Rocket From The Crypt und den Hot Snakes, den ich ebenfalls verehre. Das einzige meiner großen Idole, das ich noch nicht getroffen habe, ist Andy Summers von The Police. Er ist der Einzige, der mir noch fehlt. Aber irgendwann wird es hoffentlich noch dazu kommen. Wie gesagt: Ich schätze mich wahnsinnig glücklich, all diese Leute kennengelernt zu haben, deren Platten ich als Teenager im Haus meiner Eltern rauf- und runtergehört habe. Das ist wirklich verrückt – und etwas, das ich sehr genieße.

Hand aufs Herz: Übst du eigentlich noch täglich? Und wie ehrgeizig bist du? Kannst du mit Steve Morse von Deep Purple konkurrieren, der es auf sechs Stunden täglich bringt?

Im Ernst? Sechs Stunden? Wow! Ich meine, klar, Steve Morse ist ein unglaublicher Gitarrist, und um so gut zu sein, muss man eine Menge Zeit und Energie in sein Spiel investieren – keine Frage. Ich selbst übe zwar auch jeden Tag, aber ich fürchte, mit sechs Stunden kann ich nicht mithalten – und finde das in meinem Fall auch nicht erstrebenswert. Denn ich habe nicht angefangen, Gitarre zu spielen, um da wer weiß wie schnell oder wie technisch anspruchsvoll zu sein. Um solche Dinge machen zu können, ist es wichtig, die Hornhaut an seinen Fingern intakt zu halten. Und auch ich mache täglich Dehnübungen, weil ich das für mein Spiel brauche. Also einfach, um das hinzubekommen, was ich auf der Bühne oder im Studio tue. Nur: Ich investiere definitiv keine sechs Stunden. Ich belasse es bei etwa einer. Das reicht mir. Denn wenn ich schreibe, spiele ich locker acht Stunden am Tag. Von daher gleicht sich das alles wieder aus.


(erschienen in Gitarre & Bass 03/2022)

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