Interview

Andreas Kisser: Der Sepultura-Gitarrist über innere Werte und äußere Umstände

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(Bild: Marcos Hermes)

Seit 1987 prägt Andreas Kisser die Musik der brasilianischen Metal-Pioniere Sepultura maßgeblich. Als vielfältig interessierter Gitarrist tobt er sich allerdings auch in stilistisch unterschiedlich gelagerten Projekten aus, für die er auf eine umfangreiche Instrumentensammlung zurückgreifen kann. Deren jüngster Zuwachs ist die Andreas Kisser Soloist, ein Signature-Modell aus der Pro Series der Fender-Tochter Jackson, von dem uns der 55-Jährige auf der Deutschlandtournee seiner Band erzählt.

INTERVIEW

Andreas, wie kam es zu deinem Signature-Modell von Jackson, und was ist das Besondere daran?

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Ich habe mit Ibanez begonnen und mir dann eine Charvel zugelegt, die ein Vibrato und einen einzelnen EMG-Tonabnehmer hatte. Das waren einfach die Gitarren, von denen wir in unserer Anfangszeit als Band träumten und die eng mit der Musik verbunden waren, die wir spielen wollten, eben Thrash Metal. 1993 bekam ich meine erste Jackson RR, weil Randy Rhoads wegen seiner Aufnahmen mit Ozzy Osbourne und seinen klassischen Einflüssen mein größtes Idol überhaupt war, außerdem finde ich die Form wunderschön. Ich bin also schon seit vielen Jahren mit Jackson beziehungsweise Fender liiert und habe vor ungefähr sechs Jahren zur Zeit des Sepultura-Albums ‚Machine Messiah‘ angefangen, fast nur noch ihre Modelle zu spielen. Das ist einfach meine Marke, auch wegen Metallica und Anthrax, die lange Zeit Jackson spielten.

Die neue Jackson Andreas Kisser Signature Pro Series Soloist Quadra (Bild: Jackson Guitars)

Ich ließ mir dann das Plattencover auf eine RR lackieren und 2020 dann das Artwork von ‚Quadra‘ auf eine Soloist. Deren Stratocaster-Form mag ich sehr gern, weil sie so bequem ist, also kamen wir ins Gespräch und beschlossen, es sei der richtige Zeitpunkt für eine Zusammenarbeit. Durch die Pandemie hat sich die Entwicklung etwas verzögert, doch jetzt bin ich rundum zufrieden mit dem Instrument. Es verfügt ganz klassisch über einen EMG81-Bridge-Pickup und ein Floyd-Rose-Vibrato, wobei wir aber großen Wert auf Flexibilität gelegt haben. Ich wollte Songs aus allen Schaffensphasen der Band mit dieser Gitarre spielen können und bin tatsächlich auch wiederholt von Fans gebeten worden, so etwas in den Handel zu bringen. Diese Möglichkeit zu haben ist ein riesiges Privileg.

Im Laufe deiner Karriere scheinst du vorwiegend Gitarren mit durchgehendem Hals verwendet zu haben, unter anderem eine Squier Stagemaster/Showmaster Deluxe V4 und jetzt die Soloist. Eignen sich Schraubhalsinstrumente mit ihrer direkteren Ansprache nicht besser für rhythmisch geprägte Musik wie eure, oder geht es dir eher ums Sustain?

Ehrlich gesagt bin ich nicht sonderlich wählerisch, was die genauen technischen Spezifikationen angeht, weil ich in den vergangenen Jahrzehnten so viele unterschiedliche Gitarren spielte, die teilweise nicht unbedingt perfekt waren. Es gibt auch keine speziellen Kriterien, nach denen ich entscheide, ob ich von Fall zu Fall zur Strat-Form oder zu einer Randy Rhoads greife. Ich habe gelernt, mich zu arrangieren, kenne meine Vorlieben und kann sie anderen erklären, die sie dann wiederum in der Konstruktion eines Custom-Instruments umsetzen. Letzten Endes kann man zehn Gitarristen mit der gleichen Gitarre und identischen Einstellungen über den gleichen Verstärker spielen lassen, und jeder wird anders klingen. Der Sound kommt in erster Linie aus dir selbst, auch wenn er von äußeren Faktoren beeinflusst wird.

Die Gitarre ist für dich demnach „nur“ ein Werkzeug, auf das du dich verlassen können musst?

Richtig. Ich meine, Sepultura sind in den letzten 40 Jahren in ungefähr 80 Ländern aufgetreten, wo wir nicht selten mit dem vorliebnehmen mussten, was man uns vorsetzte. Perfekte Voraussetzungen finden sich so gut wie nie. Als wir vor etwa 15 Jahren in Kuba spielten, waren wir gezwungen, in letzter Minute eigenes Equipment einzufliegen, weil es vor Ort überhaupt nichts gab. Aber mittlerweile mag ich solche Herausforderungen, denn das Schlimmste, was du als Musiker oder Künstler allgemein tun kannst, ist Verharren in deiner Komfortzone. Jeder Konzertabend verläuft anders, da müssen wenigstens die Gitarren Beständigkeit garantieren. Aus diesem Grund wollte ich auch nicht bloß ein Stück Holz auf den Markt werfen, das hübsch anzusehen ist und nicht viel mehr.

Stichwort Tourneen: Wie sieht für dich als Gitarrist ein typischer Tag unterwegs aus, wie bereitest du dich auf die Show vor?

Die Erfahrung, die wir mit der Zeit gesammelt haben, lässt sich durch nichts aufwiegen, und die beste Strategie besteht darin, jeden Tag so zu nehmen, wie er kommt, weil man nicht alles durchplanen kann. Als wir 1989 im Zuge der Veröffentlichung des Albums ‚Beneath The Remains‘ zum ersten Mal international Konzerte gaben, war alles neu. Wir konnten kaum Englisch und kannten niemanden, wohingegen wir heute Freunde auf der ganzen Welt haben. Doch der bedeutendste Unterschied ist, dass wir jetzt praktisch keinen Alkohol mehr trinken; unser Schlagzeuger Eloy gönnt sich hin und wieder einen Single-Malt-Whisky, aber das war‘s dann auch schon. Wir arbeiten einfach professioneller, achten auf unsere Ernährung und genügend Schlaf. Die verrückten Zeiten sind also lange vorbei, doch gerade deshalb finde ich, dass wir auf der Bühne nie zuvor so stark waren wie jetzt. Ein wichtiges Gepäckstück ist für mich mein Fahrrad, mit dem ich nach dem Aufstehen die jeweilige Stadt erkunde, in der wir spielen. Dann bin ich für drei, vier Stunden weg, bekomme etwas zu sehen und kann abschalten. Das ist bei all der Anstrengung, die das Reisen als Band mit sich bringt, sehr gesund für Körper und Geist.

Übst du noch bewusst?

Ja, sehr viel sogar, vor allem Akustikgitarre. Ich arbeite täglich an meinem Repertoire aus traditionellen und klassischen Stücken. Noten lesen zu können öffnet dir eine Tür in die Vergangenheit, wo du 500 Jahre alte Lieder entdeckst, während du sie spielst, weil sie nie aufgenommen worden sind. Das gibt mir ein ähnlich umwerfendes Gefühl wie damals, als ich zum ersten Mal ‚The Number Of The Beast‘ von Iron Maiden hörte.

Diese akustische Ader hast du unter anderem 2009 auf einem Soloalbum ausgelebt, kommt da noch mehr?

Zumindest bin ich zu Hause in Brasilien weiterhin in verschiedenen Projekten aktiv, die stilistisch nicht festgelegt sind, und spiele zusammen mit meinem Sohn Yohan, der auch Gitarrist ist, in der Cover-Band Kisser Clan. Bei De La Tierra ist Heavy Metal auf Spanisch und Portugiesisch angesagt.

Was macht für dich einen guten Song aus?

Definitiv eine Message. Wenn du keine hast, ist die beste Musik bedeutungslos. Schließlich gibt man selbst Instrumentalstücken Titel, auch ihnen liegt eine Idee oder ein Gefühl zugrunde, das meine ich mit Message. In der Band überlegen wir uns zunächst ein inhaltliches Konzept, bevor wir mit dem Songwriting beginnen, etwa bei ‚Quadra‘ mit der Zahl Vier als Aufhänger, die nicht zuletzt für Sepulturas stilistische Schwerpunkte steht: Thrash Metal, Tribal-Percussion sowie ein progressiver und ein eher melodischer Ansatz. Jedes Lied erzählt eine Geschichte, und bei der Wahl der Mittel, die wir dazu einsetzen, möchten wir uns nicht einschränken. Daher kann es vorkommen, dass wir mit einem Orchester zusammenarbeiten oder die Arrangements auf Gitarre, Bass und Drums herunterbrechen. Es kommt immer darauf an, was das jeweilige Stück verlangt. Und am Ende müssen sie nicht nur als zusammenhängendes Album funktionieren, sondern auch jeder Song für sich.

‚Quadra‘ ist vor drei Jahren erschienen, habt ihr bereits neues Material in der Hinterhand?

Noch gar nichts, nein. Wir wollen jetzt erst mal möglichst viele Shows spielen und schneiden alle mit, denn zur Feier unseres 40-jährigen Bestehens wird nächstes Jahr ein Livealbum erscheinen, das 40 Songs aus 40 verschiedenen Städten enthalten soll. Darum haben wir eine Menge Zeug einstudiert, das bislang selten oder gar nicht live gespielt wurde, und ändern die Setlist von Abend zu Abend.

Bist du denn generell gerne unterwegs, oder arbeitest du lieber im Studio?

Ersteres. Alle in der Band lieben es, auf die Bretter zu steigen und gemeinsam mit den Fans zu feiern.

Erinnerst du dich noch an dein erstes richtiges Konzert?

Oh ja, Kiss in São Paulo, 1983. Ich würde jetzt nicht hier sitzen, wenn ich diese Show im Rahmen der ‚Creatures Of The Night‘-Tour nicht miterlebt hätte. Seinerzeit war noch nicht an Social Media zu denken, und niemand wäre auf die Idee gekommen, Videoschnipsel aus Backstagebereichen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Auch wenn ich wirklich kein nostalgischer Mensch bin, finde ich, dass es früher in mancher Hinsicht besser war. Das Mystische ist der Rockmusik abhandengekommen.

Inwieweit hat sich euer Publikum über die Jahre verändert?

Eigentlich nicht so sehr, es kommt mir mehr denn je wie eine große Familie vor, und es ist gut zu wissen, dass gerade eine ganze Generation junger Fans nachrückt. Außerdem sehen wir viele Frauen vor der Bühne, was ich cool finde, verglichen mit der Situation vor 20, 30 Jahren, als sie noch eine Minderheit waren. Metal vereint Menschen, egal welches Geschlecht oder Alter sie haben. Falls es uns gelingt, das Leben der Kids zum Besseren zu ändern, so wie es unsere Idole bei uns geschafft haben, bin ich happy.


(erschienen in Gitarre & Bass 12/2023)

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