ZT Amplifiers Lunchbox im Test

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Gepflegte 200 Watt soll dieser Mini-Amp abliefern. Eine Ansage, bei der so mancher gleich hellhörig werden dürfte. Alles Marketing, oder kann diese Brotzeitbüchse wirklich was?

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Nun sind die Begriffe Watt und Ausgangsleistung ja sehr dehnbar. Man denke nur an die wenig seriöse Leistungsangabe PMPO (Peak Momentary Power Output), bei der billigste Aktivmonitörchen für den Computer zu 1000-Watt-Monstern mutieren, und das bei einem Verbrauch von zwei Watt. Der Hersteller der ZT Lunchbox bleibt auf dem Teppich, und gibt die Musikspitzenleistung der „Brotbüchse“ mit 221 W, und die Dauerleistung mit 180 W an.

 

Konstruktion der ZT Amplifiers Lunchbox

Schmuck sieht die Lunchbox aus, und richtig stabil ist sie. Das Gehäuse aus ca. 10 mm starker MDF ist mit einem Kunststoffschutzmantel im Alu-Look überzogen, das schwere Chassis aus gebürstetem Aluminium trägt oben das Bedienpaneel, und auf der Rückseite alle Anschlüsse außer dem Klinkeneingang. Wohl wichtigstes Utensil auf der Rückseite ist der Anschluss für eine Erweiterungsbox (8-16 Ohm). Einen separat regelbaren Kopfhörerausgang finden wir ebenfalls auf der Rückseite, er kann parallel zum Lautsprecher oder solo verwendet werden, ein Speaker-Schalter ist vorhanden. Für das Zuspielen von fertiger Musik gibt’s noch einen Miniklinken-Anschluss für CD- oder mp3-Player.

Durch das Alufrontgitter und die abgerundete Form erinnert die ZT Lunchbox etwas an einen Heizlüfter der 50er oder 60er. Das Kunststofflogo auf dem Gitter sitzt recht locker, es erzeugte im Test jedoch keine Rappelgeräusche.

Ohne Schaltungskniffe geht bei solch einem Power-Winzling natürlich gar nichts, möchte er nicht als quäkige Tischhupe verschrien werden. In der Vorstufe kommt eine Dioden-Zerrschaltung zum Einsatz, danach wechselt das Signal auf die digitale Ebene, „um den Sound eines großen Stacks zu erzeugen“, wie es der Hersteller beschreibt. Hier kommt auch der regelbare Ambience-Effekt ins Spiel, der das räumliche Klangverhalten eines hinten offenen großen Combos vermitteln soll. Zurück auf der analogen Ebene übernehmen zwei gebrückte Endstufen in einer Class-A/B-Schaltung die Endverstärkung und geben ihre Leistung an einen für die ZT Lunchbox entwickelten und dementsprechend hoch belastbaren 6,5″-Lautsprecher ab.

Gewicht ist relativ. Für einen 200-Watt-Combo sind 4,7 kg so gut wie nix, für die edel aufgemachte und hochwertig aufgebaute winzige ZT Lunchbox ist das jedoch richtig viel. Wäre sie eine echte Pausenbrotbox, mehr als zwei belegte Brötchen, ein Apfel und ein Müsli-Riegel würden da kaum reinpassen. Keine Bange, ich hab’s nicht ausprobiert, aber trotzdem mal einen Blick ins Innere gewagt. Dort herrscht verständlicherweise drangvolle Enge, den meisten Platz nehmen der als riesig zu bezeichnende Lautsprechermagnet, sowie der Netztrafo ein. Den Rest teilen sich zwei Platinen, die eine mit Vorstufe und digitaler Klangaufbereitung, die andere mit der Endstufe bestückt. Ein Leistungstransistor-Element nutzt die dicke Aluwand als Kühlmittel, die beiden Lade-Elkos wirken verhältnismäßig klein. Der Aufbau der ZT Lunchbox hinterlässt einen ordentlichen und langlebigen Eindruck. Also, zeig her deine 200 Watt!

 

Praxis

Kleine Combos überraschen oft mit einem tollen Clean-Sound, und da macht die Lunchbox glücklicherweise keine Ausnahme. Mit Gain und Tone in der Mittelstellung perlen sehr ansprechende klare Klänge aus dem Winzling, mit erstaunlich viel Druck, Präsenz und spürbaren Bässen. Den aktiven und sehr wirksamen Tone-Regler sollte man nicht zu weit aufdrehen, die informative und umfangreiche englische Bedienungsanleitung weist darauf hin, dass man bei entsprechend kräftiger Höhenbetonung mit der Lunchbox eine Akustik-Gitarre mit integriertem Tonabnehmer wohlklingend verstärken könne, dazu später mehr. Die Lunchbox tönt sehr durchsetzungsfähig, bedingt auch durch ihre starke Hochmittenpräsenz. Mit dem Tone-Regler in der 10-Uhr-Position habe ich die für mich besten Ergebnisse erzielt, denn wenn man Gain nun etwa auf 13 Uhr stellt, gesellen sich angenehme Verzerrungen hinzu, ein richtig dreckiger und Röhren-ähnlicher Overdrive entsteht. Bei zu weit aufgedrehtem Tone-Poti klingt der Winzling dann auch schon mal harsch. Man darf Gain ruhig voll aufdrehen, die Lunchbox erzeugt keine Monster-Distortion, sondern bleibt auf gemäßigtem Overdrive-Niveau bis hin zu rockigen Sounds. Mit vorgeschalteten Zerrpedalen verträgt sie sich recht gut.

Einen großen Anteil am Gesamtklangbild hat der Ambience-Regler, der in der Tat den Ton größer und räumlicher wirken lässt, aber auch einen großen Einfluss besonders auf den Mittengehalt hat. Am Linksanschlag dieses Reglers wirken die Mitten oft zu dominant, nehmen jedoch beim Weiterdrehen einerseits ab, und verändern andererseits ihre Center- Frequenz, sehr schön! Voll aufdrehen sollte man diesen Effekt allerdings nicht, denn dann sind störende Kammfiltereffekte hörbar.

Pegelt man den Amp mit dem Gain-Regler vernünftig ein, bleiben störende Nebengeräusche selbst bei hohen Lautstärken aus. Ein geringes Rauschen ist zwar hörbar, es stört jedoch nicht.

Es ist schon beeindruckend, wie dynamisch die Lunchbox reagiert, und wie viel Druck sich damit aufbauen lässt. Und wir sind immer noch bei Zimmerlautstärke und spielen über den internen Lautsprecher, die Nachbarn kriegen jedoch garantiert alles mit! Also ab in den Proberaum, dort warten auch je eine 1×12″- und eine 4×12″-Box auf das Verstärkerlein.

Ui, und dieses erweist sich als Wolf im Schafspelz! Man darf natürlich keine Vergleiche mit einem 200 Watt starken Röhrenverstärker ziehen, und Watt bedeutet ja auch nicht Lautstärke. Aber selbst ohne Box erweist sich die ZT Lunchbox als Gig-tauglich (Tipps zur richtigen Mikrofonabnahme finden sich im Handbuch), und mit einer entsprechend großen Box lässt sich auch ein etwas größerer Auftritt bestreiten. Voll aufdrehen sollte man Gain und Volume bei der Lunchbox jedoch nicht gleichzeitig, hier geht bekanntlich keine Röhrenendstufe gemächlich in die Sättigung, sondern hier agiert allem Anschein nach eine Schutzschaltung, die bei Volllast auch schon mal kurzzeitig die Lunchbox abschaltet.

Erstaunlich ist auch, dass der kleine Lautsprecher dieses Spektakel schadlos mitmacht, und souverän einen bei Bedarf höllisch lauten, und dennoch druckvollen und vor allem recht angenehmen Sound herausschickt. Von einer billigen und im Endeffekt sinnlosen Pupskiste ist die ZT Lunchbox meilenweit entfernt. Man kann übrigens auch klangstark einen E-Bass zum Üben darüber verstärken, ohne dass die Bässe blutarm rüberkommen.

Einem guten Akustik-Gitarrenverstärker kann die Lunchbox nicht das Wasser reichen, dazu fehlen ihr unter anderem Hochtöner, Feedback-Kontrolle, und ein Halleffekt. Trotzdem erweist sich die ZT Lunchbox durchaus als in der Lage, eine Akustik-Gitarre ansprechend, knallig und dynamisch zu übertragen, der kleine Lautsprecher liefert genügend Höhen. Overdrive-Sounds sind hier im Normalfall natürlich zu vermeiden, im Slide-Betrieb klingt diese Kombination bei gedrosselten Höhen jedoch wiederum sehr reizvoll. Eine gewisse Portion E-Gitarren-Ampsound bleibt bei der Verstärkung einer akustischen Gitarre jedoch immer präsent.

War da nicht noch ein Ausgang mit Regler? Richtig, beinahe hätte ich den Kopfhöreranschluss unterschlagen. Der kann parallel zum internen Speaker betrieben werden, oder man schaltet diesen mit dem Mini-Switch auf der Rückseite ab. Die Lautstärke des Kopfhörerausgangs ist auch vom Volume-Regler auf der Oberseite abhängig, sie wird jedoch im Endeffekt mit dem rückseitigen Regler nach Bedarf eingestellt. Dieser Ausgang schickt ein angenehmes und frequenzkorrigiertes Signal auf die Lauscher, so soll’s sein. Und da er separat regelbar, und auch zusätzlich zum Lautsprecherbetrieb nutzbar ist, lässt er sich natürlich auch als Recording- oder P.A.-Mixer-Ausgang gebrauchen.

 

Resümee

Von wegen Heizlüfter! Heiße Luft produziert die coole ZT Lunchbox nicht, sondern jede Menge Sound, Dynamik, Power und Fun. Also ein Fun-Amp? Ja, weil er Freude bereitet, wobei er durchaus ernst zu nehmen ist. Sicherlich haftet der ZT Lunchbox etwas von dem Image „Boah ey! Ich bin innovativ, seht mal wie laut mein Herrchen mit mir schnuckeligem Winzling ist!“ an, aber ich denke zum Angeben wird ihn sich niemand zulegen. Er sieht anders aus, er sieht klasse aus, er klingt gut, und meistert Gigs, die man ihm gewiss zunächst nicht zutrauen würde. Seine 200 Watt setzt der Kleine geschickt in eine Mischung aus Dynamik, Durchsetzungskraft und Lautstärke ein. Er bietet tolle Clean-Sounds, und sein dreckiger Overdrive ist wirklich gelungen. Mit einer großen Box wird diese Lunchbox zum Tier.

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