Klassiker aufpoliert

Vintage Sound Vintage 40 im Test

 

Oha, ein neues Label auf dem Boutique-Parkett? Na ja, nicht wirklich. Hier, diesseits des großen Teiches, ist Vintage Sound Amps bislang wenig bekannt, daheim in den USA macht die Firma aber schon länger von sich reden − seit 2011, um genau zu sein. Welches Material im Sortiment vertreten ist, dürfte wohl klar sein?! Bei dem Namen …

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(Bild: Dieter Stork)

Genau, renommierte Klassiker stehen im Blickpunkt. Und zwar die der Fender-Blackface-Ära. Unter der Ägide eines gewissen Rick Hayes werden die Amps/Combos entworfen und gefertigt. Zurzeit gibt es vier Modellserien, wobei der Kunde die Wahl hat zwischen verschiedenen Outfits, sprich Tolex, Front-Bespannung etc. Von dem opulenten Angebot können allerdings nur die US-Kunden Gebrauch machen. Hierzulande sind zumindest im Moment nur die Fender-Blackface-Replikas lieferbar, optisch dem altehrwürdigen Outfit nahe. Ob bzw. wann auch andere Modelle und Designs verfügbar sein werden, ist im Moment noch nicht absehbar.

Dass Vintage Sound Amps überhaupt zu uns herüberkommt, ist Pro Guitar in Schwarzenbruck zu verdanken, namentlich Ron Mehl, der schon seit einigen Jahren darauf spezialisiert ist, rare Edelprodukte zu importieren. Sein Portefolio ist voll von erlauchten Namen, Komet, Divided by 13, Little Walter usw. Unseren Testkandidaten gibt es in drei Ausführungen. Die Unterschiede liegen in der Speaker-Konstellation: 1×15“, 2×10“, 2×12“. Letztere stellt sich hier dem Test.

Konstruktion

Eigentlich könnten wir den Abschnitt kurz und knapp abhandeln. Ein Satz reicht doch: Wiederauflage des Blackface Pro Reverb in höchster Fertigungsqualität. Gleich weiß man, wohin die Reise geht. Im Detail betrachtet ergeben sich dann aber doch noch spezifische interessante Aspekte, denn eine reine Kopie ist der Combo nicht. Von anno dazumal übernommen ist die Gehäusekonstruktion, „Solid Pine-“ bzw. massives Pinien- /Kiefernholz in Schwalbenschwanzverzahnung, der Verstärker ist hängend montiert mithilfe von Chassis-Straps, die Elektronik handverdrahtet auf einem Lötösen-Board, ganz so wie ehedem. Aber schon geht es los mit den Besonderheiten.

Das Amp-Chasssis besteht nicht aus Stahlblech, sondern aus Aluminium. Die Verschraubungen am Gehäuse greifen nicht direkt ins Holz, sondern in Einschlaggewinden, Lautsprecher inklusive. Auch die sind nicht „retrokonform“. Der BF-Pro-Reverb wurde mit Jensen C12N oder Oxford 12L6 bestückt. Dann läge ja nahe, einen Jensen von heute zu nehmen. Aber nein, die US-Firma WGS (Warehouse Guitar Speakers), die in der jüngeren Vergangenheit einen kometenhaften Aufstieg erlebte, ist der Lieferant. Die Wahl fiel auf den Chassis-Typ 12C, den WGS nur zurückhaltend als C12N-Verwandten beschreibt, weil der 12C einen „wärmeren Sound und mehr Tiefe im Ton“ haben soll.

Vintage Sound
(Bild: Dieter Stork)

Damit nicht genug, finden sich auch Modifikationen in der elektronischen Schaltung. Im Channel 1 ist die Klangregelstufe geändert, statt 250 pF, 100 nF und 47 nF haben die Kondensatoren die Werte 250 pF und zweimal 22 nF. Channel 2, der Vibrato-Kanal, ist originalgetreu aufgebaut (250 pF, 100 u. 47 nF). Der Optokoppler-Effekt lässt sich komplett aus dem Signalweg abschalten (integrierter Schalter am Intensity-Regler), was dem Kanal eine deutliche Kraftspritze verabreicht. Ganz sicher ein nützliches Plus. Wie auch die Tatsache, dass an der Rückseite ein Dwell-Regler erlaubt, die Signalstärke vor der Hallspirale zu regulieren. Der Raumeffekt ist damit wesentlich feinfühliger abstimmbar. Außerdem steht er − anders als beim Original − in beiden Kanälen zur Verfügung.

Eine weitere Modifikation betrifft die Endstufe. Dank dreier Messpunkte, Ground, Röhre 1, Röhre 2, kann man den Ruhestrom von außen kontrollieren. Der Abgleich ist allerdings trotzdem noch ein wenig umständlich, denn das Bias-Poti ist an derselben Stelle angebracht wie beim Vorbild, unten in Nähe der Schallwand. Natürlich ist die Einrichtung trotzdem praktisch, weil man so zumindest schnell kontrollieren kann, ob sich die 6L6GC im richtigen Arbeitsbereich bewegen. Ein paar Daten dazu gefällig? An den Anoden der Endröhren liegt im Leerlauf mit ca. 450 VDC eine höhere Spannung an als beim Original. Die Biasspannung beträgt -47 VDC, ergibt an den Kathoden einen Ruhestrom von ca. 31 mA, die Röhrenheizung liegt bei 6,1 VAC.

Zur Substanz des Amps: Wie üblich bei solchen Replikas, finden Carbon-Comp-Widerstände, Orange-Drop-Koppelkondensatoren (Serie 716P), Elkos von TAD, Alpha-Potis usw. Verwendung. Push-Back-Draht in der Verkabelung, US-Trafos, erstklassige Röhrenfassungen, alles so wie man es sich wünscht. Und ausgesprochen akkurat angerichtet. Die Verarbeitung ist ein Gedicht. Sorgfältigste Verdrahtung, feinste Lötarbeit, gibt nix, worüber man meckern könnte. Pingel könnten sich höchstens daran stören, dass das Tolex vorne, oben an den Schrägen nicht pedantisch perfekt zugeschnitten ist bzw. nicht optimal auf Stoß sitzt. Okay, man könnte aus ästhetischer Sicht vielleicht auch fragen, warum der Kondensator am Standby-Schalter (no Knack) mit ungekürzten nicht isolierten Beinchen an den Kontakten hängt.

Zum Lieferumfang gehört im Übrigen ein stilechtes Zweifach-Schaltpedal, Kabellänge knapp vier Meter, nicht üppig, ebenso (bzw. etwas) mehr als es früher war.

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(Bild: Dieter Stork)

Praxis

Ganz klar, mit so erprobten Zutaten wie sie hier zusammentreffen, kommt man zielsicher zu hervorragenden Sound-Ergebnissen. Anders ausgedrückt, es dürfte niemanden überraschen, dass der Vintage 40 die allseits geschätzten Blackface-Tugenden in Reinkultur offeriert. Der Cleansound ist anbetungswürdig, transparent mit maximaler 3D-Tiefe, bei Bedarf im Bass überaus kräftig, energiereich und in sich harmonisch abgerundet. Toll wie die WGS-Speaker stets die Konturen bewahren, sensibel ansprechen und auch die Maximalleistung souverän verkraften. Ihre stabile, stramme Ansprache mischt sich mit etwas kühlen Höhen − nein absolut nicht unangenehm −, die bestimmt noch geschmeidiger und freundlicher werden, wenn sie einige Betriebsstunden auf den Membranen haben.

Der kleine feine Sound-Unterschied zwischen den beiden Kanälen ist in der Praxis zweckdienlich und willkommen. Vielleicht nutzt der Anwender ja auch die Möglichkeit mit einem A/B-Fußschalter beide wechselweise zu benutzen, z. B. Channel 1 für die Pedalkette, den Vibrato-Kanal schier, ohne Effektzusätze. Oder beide mit unterschiedlichen FX-Konstellationen. Der Vintage 40 lädt dazu förmlich ein, weil er in allen Lebenslagen beste Sound-Kultur wahrt. In allen? In allen! Auch, und sogar besonders, wenn man ihn voll am Anschlag knechtet. Wie dicht, harmonisch und musikalisch sich die Röhrensättigungen ausbilden! Eine Wonne für den, der diesen klassischen US-Ton zu schätzen weiß.

Gut, der ansonsten so kultivierte Federhall hat dann naturgemäß keine Chance mehr, aber sonst … alles picobello. Dass der Vintage 40 überhaupt (von sich aus) so satt verzerren kann, liegt natürlich daran, dass man die Vibrato-Sektion stilllegen kann. Hat mehr oder weniger denselben Effekt, wie wenn man einen Line-Booster zuschaltet. Alternativen? Die gibt es natürlich, keine Frage. Audio Amp Co. in Hermaringen z. B. kann so etwas in gleicher Konstruktion liefern, aber bestimmt nicht kostengünstiger. Mancher kommt vielleicht auch auf die Idee, einen kompletten Bausatz von TAD, dem Tubeampdoctor in Worms in Erwägung zu ziehen. Nachvollziehbar, aber ökonomisch in Schieflage. Das BF-Twin-Kit fertig montiert mit nur zwei 6L6GC kostet zwar etwa einen Hunderter weniger, aber man bedenke, der Combo hätte noch nicht die Mods.

Heißt, wenn man sich so ein schniekes Teil nicht in Heimatarbeit herbeilötet, wird man kaum günstiger drankommen. Ja, aber für das Geld könnte man doch schon einen echten alten Pro Reverb bekommen?! Einen Blackface? Da bin ich skeptisch. Und selbst wenn, wer hätte denn den Mumm, das schöne Museumsstück mit Modifikationen zu „entweihen“?!

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(Bild: Dieter Stork)

Resümee

Mir sind schon viel alte Fender-Amps durch die Hände gegangen, unter anderem zum Aufarbeiten, insofern weiß ich nur zu gut, wie die Fähigkeiten des Vintage 40 einzuschätzen sind. Frappierende Erkenntnis: das Plagiat ist hier in vielerlei Hinsicht besser als das Original. Das betrifft auch und besonders den Ton. Der Vintage 40 schafft elegant den Spagat zwischen warmer Musikalität und stabiler, energiereicher Dynamik. Seinen Vorfahren ist er speziell im Overdrive-Verhalten ein gutes Stück voraus. Die Modifikationen sind schließlich sinnvoll und erfüllen ihren Zweck. Mancher User wünscht sich vielleicht trotzdem vor allem einen (parallelen?) Effekteinschleifweg. Wie auch immer, made in USA, sehr akkurat gefertigt mit viel Handarbeit, die Substanz erlesen, Preis und Leistung stehen in einem gesunden, ausgewogenen Verhältnis.

 

Plus

  • erhabene Klangqualität
  • Dynamik/Ansprache
  • sehr harmonische Verzerrungen
  • sinnvolle Modifikationen
  • voll Vintage: wohlklingender Federhall + Vibrato
  • geringe Nebengeräusche
  • Verarbeitung/Qualität der Bauteile

 

Vintage Sound_profil

 

Hinweise zu den Soundfiles.

Für die Aufnahmen kamen zwei Mikrofone mit Großflächenmembran zum Einsatz, ein AM11 von GT/Alesis, direkt platziert vor dem Speaker, und ein C414 von AKG, das den Raumklang einfing.

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor o. jegliche EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt. Ab und an steuert das Plug-In „Platinum-Reverb“ Raumsimulationen bei (im Titel kenntlich gemacht durch den Zusatz „Room“ oder „RVB“).

 

Bedeutung der Buchstabenkürzel:

OD: Overdrive, leichte Anzerrungen.

GitVol: Distortion-Intensität wird mit dem Poti an der Gitarre gesteuert.

Clip 1 bis 3: Cleane Sounds, die erzeugt der Vintage 40 mit Bravour. Die Dynamik ist kräftig ausgebildet.

 

 

Clip 1 bis 3: Cleane Sounds, die erzeugt der Vintage 40 mit Bravour. Die Dynamik ist kräftig ausgebildet.

 

 

Die Clips #4 und #5 demonstrieren wie der Combo klingt, wenn man ihn voll aussteuert. Obacht, es wird gut laut, wenn man so spielt. Der Vintage 40 geht überhaupt nur so satt in Verzerrungen geht, weil ein Schalter den Vibratoschaltkreis aus dem Signalweg herausnehmen kann.

 

 

Im Clip #6 hören wir mein “Referenz-Riff“ (RefRiff), das ich mit jedem Test-Amp/-Distortion-Pedal einspiele, damit man den Charakter der von uns getesteten Produkte gewissermaßen auf einer neutralen Ebene vergleichen kann.

 

Die Clips #7 und #8 präsentieren die Effekte des Combos, den sehr kultivierten Federhall und die “Vibrato”-Sektion, die -wie wir wissen- ja eigentlich genau genommen eine Tremolosektion ist. Im Clip #7 habe ich gegen Ende ganz absichtlich kurze Noten gespielt, damit man besser hört, wie sich der Federhall entwickelt.

 

Ich wünsche viel Vergnügen, und…,  wenn möglich, bitte laut anhören, über Boxen, nicht Kopfhörer! ;-).

Fragen, Anregungen  und  ja, auch Kritik sind wie stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de.  Es klappt nicht immer,  aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.

 

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Moin Ebo,

    sehr ansprechender Test, kurzweilig zu lesen und zum Glück nicht so pipperisch geschrieben. Auch die klanglichen Kostproben bestehen nicht aus den stereotypischen drei B.B. King Gedenknoten, dafür schonmal Danke!

    VSA ist bislang an mir vorbei gegangen, und das, wo ich doch größter Fan kalifornischer Amps bin. Mal mehr BF, mal mehr Tweed, aber immer das große F.

    Ich spiele zwar neben einem Cornell Romany Plus bereits einen Audio Amp Co. Black’n’Tweed Amp mit allen Extras, bin aber vom Vintage 40, in meinem Falle dem 2 x 10″ Vibroverb mit Weber 10A125 und 10F150 stark angefixt.

    Ich frage mich, ob die einander so ähnlich sind, dass nur mein GAS bedient würde, oder ob der wie Faust aufs Auge passen könnte.

    Denn: Obwohl mein verflossener 63 Vibroverb Reissue mit 2 Jensen P10R auf dem Papier gegenüber dem Audio Amp das Nachsehen hat vermisse ich seinen Ton und die Spieleigenschaften schmerzlich.

    Wie schätzt Du das ein?

    Gruß
    Bert

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  1. Reverb Effekt: Welcher Hall darf’s sein? › GITARRE & BASS

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