Ein Allrounder par excellence

Viel drin fürs Geld: Line 6 Catalyst 100 im Test

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(Bild: Dieter Stork)

Anstatt die Sounds klassischer Gitarrenverstärker digital abzukupfern, spendiert Line 6 seiner neuen Amp-Reihe selbstbewusst eigene Kreationen mit klangvollen Bezeichnungen wie Clarity, Aristocrat, Carillon, Voltage, Kinetic und Oblivion. Schauen wir mal, was sich dahinter verbirgt …

Basierend auf seiner bewährten HX Sound Design Technology stattet der Modeling-Veteran die drei 60, 100 und 200 Watt starken Combos völlig identisch aus. Ausgenommen davon sind natürlich Gehäusegröße, Endstufen und Zahl der Lautsprecher. Ach ja, beim Catalyst 60 hat man auf einen 5-poligen MIDI-Input verzichtet, der bei Bedarf durch die USB-Buchse vertreten wird.

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Ihre Haupt- bzw. Grundfunktionen betreffend lassen sich die Catalysten einfach und intuitiv bedienen, aber erst in der Bedienungsanleitung werden die umfangreichen Features und Einstellmöglichkeiten des Amps deutlich. Wer noch tiefer in die Möglichkeiten des Combos eintauchen möchte, sollte sich den macOS-, Windows-, IOS- und Android-kompatiblen Catalyst Editor von der Line-6-Seite downloaden, in welchem sich auch drei Cabinet- und 16 Mikrofonsimulationen, ein Noise Gate sowie zahlreiche Advanced Amp- und Effektparameter bearbeiten und die Effekte vor oder hinter die Amp-Voicings schalten lassen.

IN HÜLLE & FÜLLE

Um den Transporteur des Catalyst 100 nicht übermäßig zu strapazieren, besteht das Gehäuse aus 12 mm MDF. Kleine, in den Ecken verleimte Dreikanthölzer, die textilbespannte Schallwand mit dem von hinten montierten 12-Zöller, der Träger des Amp-Chassis und ein 17 mm dickes, Stauraum bildendes Querbrett stabilisieren den Gehäuserahmen. Schwarzer Vinylbezug, acht verschraubte Kunststoffecken, große weiche Gummifüße und ein stabiler Griff bilden das Exterieur. Außen wie auch im Innern des Amp-Chassis lässt die Verarbeitung keine Wünsche offen. Alle Hauptbedienelemente und der Gitarreneingang sind von oben zugänglich, gesteckt wird auf der Rückseite.

(Bild: Dieter Stork)

Neben Lüftungsschlitzen für die Leistungstransistoren ist diese üppig bestückt: Netzkabelbuchse, Netzschalter, Drehschalter Output Power (Leistungsbegrenzung, 100W, 50W, 0,5W und Mute), die Anschlüsse USB-B, MIDI In, Footswitch (TRS), Aux In und Phones, FX Send und Return mit Mode Switch (Loop/Power Amp In) sowie XLR D.I. Out mit Ground-Lift-Schalter.

(Bild: Dieter Stork)

Auch auf dem Bedienfeld geht es alles andere als spartanisch zu: Guitar Input, die Taster ChA, ChB und Manual, der Voicing/Effects Selector als Endlosrasterpoti, die Regler Boost (mit On/Off-Taster), Gain, Bass, Mid, Treble, Presence, Channel Volume, Effect Level, Reverb Level und Master-Volume.

Alle Taster sind mit LEDs ausgestattet, Effect Select sogar mit einer mehrfarbigen (grün = Delay, blau = Modulation, lila = Pitch). In Kooperation mit dem Tap-Taster, über den Tempo bzw. Rate der Delay- und Modulationseffekte eingegeben wird, übernehmen die Taster Effect und Reverb Select die präzise, wenn auch etwas hyperaktive, Stimmfunktion. Im Normalbetrieb bietet der Catalyst zwei Kanäle, die manuell oder mithilfe des optionalen Fußschalters LFS2 angewählt werden können. Selbiger aktiviert auch die Effekte oder bestimmte Funktionen, die sich im Editor konfigurieren lassen. Mit Manual steht quasi noch ein dritter Kanal zur Verfügung, der sich nicht per Fußschalter aktivieren lässt, jedoch die aktuellen Settings der Regler und Taster wiedergibt. What you see is what you get, sozusagen.

Möchte man eine der sechs Speicherbänke anwählen, die jeweils Patches beider Channels beinhalten, hält man den Manual-Taster gedrückt und aktiviert mit dem Selector-Rasterpoti die gewünschte Bank. Wesentlich komfortabler, vor allem aber übersichtlicher, lassen sich die Settings im hervorragend gestalteten Editor bearbeiten, sichern und anwählen. Die zwölf Speicher können auch per MIDI-Footcontroller über die MIDI-In- oder USB-Buchsen abgerufen werden. Zahlreiche Parameter lassen sich mit einem MIDI-fähigen Expression-Pedal in Echtzeit steuern, konfigurierbar im Editor. Steht dieser nicht zur Verfügung, sollte man in jedem Fall die Bedienungsanleitung zur Hand haben, da die Taster und einige Regler multifunktional unterwegs sind.

REINHÖREN

Erwartungsgemäß orientieren sich die Amp-Voicings – Line 6 spricht explizit nicht von Models – an bewährten wenn auch optimierten Klassikern. Beispiele gefällig? Clean (Clarity) steht für Amps mit extremem Headroom, Boutique (Aristocat) ist inspiriert von handgebauten Kult-Amps, Chime (Carillon) vertritt den Fender-Twin-Typ, Crunch (Voltage) tendiert in Richtung AC30, Dynamic (Kinetic) zum Marshall Plexi und HiGain (Oblivion) lässt Mesa/Boogie als Orientierung vermuten. Dabei deckt jeder der sechs Verstärkertypen ein breites Spektrum von Zerrintensitäten ab. Zusätzlich zu den Reglern des Combos bietet der Editor im Clean Mode weitere Parameter wie Treshold und Decay (Noise Gate), Hum (on/off) und Sag (Endröhrensättigung). Allen anderen Voicings hat Line 6 noch Bias und Bias X spendiert, von denen vor allem Letzterer eher subtil agiert. Bis auf Treshold (-96 bis 0dB) und Decay (10-1000ms) werden alle Reglereinstellungen des Amps und die Effect Levels in Prozent angegeben.

Mithilfe extremer Gain- und Boost-Settings lassen sich sogar dem Clarity-Voicing trotz hoher Clean-Reserven harmonisch klingende Crunch- und Low-Gain-Sounds entlocken. Im Werks-Preset 1A mit 35% Gain voreingestellt, liegen dessen Prioritäten jedoch im Clean-Bereich, wo er von warm über twangy bis glashart sehr ausgewogene, wunderbar transparente und lebendige Klangbilder bereithält, die sich dank der beherzt und gleichmäßig eingreifenden Gain- und Klangregler beliebig variieren lassen.

Im Preset 2A zeigt das Aristocat-Voicing bei Gain 43% erstes dezent crunchendes Anzerren, wunderbar dynamisch für Blues und erdige Keith-Sounds. Dagegen ist Carillon im Werks-Preset 3A mit mehr Wärme und trotz 48% Gain deutlich weniger Zerre am Start. Hier treffen wir auf dezente aber auffallend harmonische Röhrensättigung. Im Preset 4A mit dem Titel Voltage kommt erstmals die Boost-Funktion zum Einsatz. Bei Boost 71% und Gain 64% puncht fetter Classic-Rhythm mit wohldosierten Mitten aus dem 12-Zöller, überraschenderweise von Line 6 als Crunch bezeichnet. Sehr akzentuiert, lebendig und dynamisch auf den Anschlag reagierend, würde ich diesen sustainreichen Sound wegen seines Durchsetzungsvermögens sogar zum Solieren nutzen. Einfach klasse!

Kaum weniger dynamisch, mit reduzierten Mitten, dafür aber satten Bässen, angenehmem Biss und enormem Sustain dringt Kinetic (Preset 5A) bei 34% Boost und 100 % Gain ans Ohr. Yepp, hier rockt und soliert der Pabst! Und was soll jetzt noch kommen?! Ach ja, HiGain alias Oblivion. Auch ohne Booster aber mit Gain 73% geht das deutlich in Richtung Schwermetall, demonstriert jedoch eher Hard&Heavy-Qualitäten. Bässe und Treble leicht angehoben, die Mitten bei 42%, zeigt der Catalyst 100 die ersten Ansätze typischer Notch-Sounds, wenngleich immer noch vergleichsweise dezent zerrend, dafür jedoch mit guter Dynamik und endlosem Sustain. Da die Klangreglung noch jede Menge Reserven in petto hat, drehe ich Bässe und Höhen noch weiter rauf, Mitten runter und aktiviere Boost. Wow – Metal, und zwar voll auf die Zwölf!

In den Presets 1B-6B lässt Line 6 diverse Delay- und Modulation-Effekte zu Wort kommen, jeweils garniert mit unterschiedlichen Reverbs – alles praxisnah und keineswegs überdosiert. Nicht nur die Amp-Voicings sind Eigenkreationen, sondern auch 15 der 24 Delay-, Mod-, Pitch/Filter- und Reverb-Effekte. Lediglich bei den Modulationen hat man sich mit Arion ACH-Z Chorus, Fender Optical Tremolo, MXR Phase 90 und 117 Flanger, Shin-ei Uni-Vibe und Leslie 145 quasi fremdbedient. Die Delay-Sektion, einstellbar mit jeweils beachtlichen 0 bis 8000 ms Delay Time, ist von Simple, Vintage Digital, Transistor Tape Echo (Echoplex EP-3), Adriatic, Dual und Dynamic Ducking Delay vertreten. Die Pitch/Filter-Gruppe umfasst EBS Octa-Bass Octaver, Growler Synth, Pitch Harmony, Pitch Shift, Tycoctavia Fuzz und Synth String. Exklusiv von Line 6 sind indes die Reverb-Typen Hot Spring, Hall, Chamber, Plate, Ganymede und Plateaux. Auch hier geht der Catalyst Editor tiefer in die Details und bietet je nach Delay- oder Modulationstyp bis zu acht (!) Avanced-Parameter, bei den Reverbs sind es jeweils fünf (außer Plateau Reverb mit acht Parametern).

Der Catalyst 100 gibt sich insgesamt recht nebengeräuscharm, was jedoch wie immer von Boost-, Gain- und EQ-Einstellungen abhängt. Das Noise Gate arbeitet es dank seiner umfangreichen Regelbereiche effizient und unauffällig.

Exklusiv den Phones-, D.I.- und USB-Ausgängen vorbehalten sind drei Cabinet/Speaker- (1×12, 2×12 und 4×12) und 16 Mikrofon-Simulationen (8x Dynamic, 5x Condensor, 3x Ribbon).

Echten Spaß bereitet die Arbeit mit dem übersichtlich gestalteten und daher leicht verständlichen Editor, der problemlos zu installieren und nach USB-Verbindung sofort am Start ist. Die auf dem Bildschirm abgebildeten Regler und deren Settings folgen exakt den Bewegungen der Amp-Potis und Status der Taster. Schade dass das – Voicing Selector und Taster ausgenommen – nicht auch umgekehrt funktioniert. Dies wäre allerdings nur mit enormem Schaltungsaufwand, motorbetriebenen Potis und demzufolge erheblich höherem Preis machbar.

RESÜMEE

Die luxuriöse Ausstattung lässt es bereits vermuten. Der Line 6 Catalyst 100 entpuppt sich als der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz. Ein Allrounder par excellence. Seine Amp-Voicings haben es geschafft, dass sich meine letzten Vorbehalte gegen digitale Modeling-Gitarren-Amps förmlich in Luft aufgelöst haben. Der Combo liefert hochkarätige Sounds mit Röhrencharakter, dynamischer Ansprache, harmonischer Verzerrung und hohem Durchsetzungsvermögen. Die sechs Line-6-eigenen Amp-Voicings decken ein Spektrum von Ultra Clean bis Hi-Gain-Distortion ab, wovon sogar die oftmals problematischen Low-Gain-Crunch-Sounds mit Natürlichkeit und Transparenz beeindrucken.

Jedes einzelne Amp-Voicing kann dank effizienter Boost-, Gain- und Klangreglungen nach Belieben geformt und mit dem üppigen Angebot studiotauglicher und umfassend editierbarer Effekte verfeinert werden. Während sich der Großteil der Features direkt am Verstärker bearbeiten lässt, wenn auch durch die Multifunktionen einiger Regler und Taster nicht ganz so intuitiv, erleichtert die vorbildlich gestaltete Catalyst-Edit-Software die Bedienung immens und motiviert sogar zum Experimentieren. D.I.-, Phones- und USB-Anschlüsse, alle per Cabinet- und Microphone-Models modifizierbar, empfehlen sich für Direktabnahme, zum stillen Üben und für DAW-Recordings.

Mit seinen 100 Watt behauptet sich der Combo auch in lauten Bands, kann dank Leistungsreduzierung auch mit 50 oder 0,5 Watt oder sogar lautlos betrieben werden. Angesichts der Sound-Qualitäten und Fülle an Features ist der Preis eine echte Sensation.

PLUS

  • Sounds
  • Effektangebot & -qualität
  • Bedienung der Grundfunktionen
  • Ausstattung
  • Catalyst Editor Software
  • Verarbeitung
  • Preis/Leistung


(erschienen in Gitarre & Bass 06/2022)

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