G&B Testbericht

THC Sunset 212 im Test

Röhrenverstärker von THC im Retro-Style
(Bild: Dieter Stork)

Die Zeiten, da edle Puristen-Amps ausschließlich aus USA kamen, sind längst vorbei. Stück für Stück hat sich auch bei uns in deutschen Landen eine kleine Szene von Amp-Bauern gebildet. Weil schon lange dabei, gehört THC aus Herborn sozusagen zu den Senioren auf dem Gebiet. Die Nordhessen setzen eher auf Kontinuität denn auf häufige Modellwechsel. Siehe hier, der Sunset, mit vier 6V6-Röhren in der Endstufe ein Exot und seit Jahren unverändert im Programm.

 

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Nein, natürlich sind wir keine Transusen, die erst jetzt zum ersten Male darauf gekommen sind, dem Schätzchen auf den Zahn zu fühlen. Bereits im Jahre 2004, in der Oktober-Ausgabe, war die Topteil-Version Gegenstand eines ausführlichen Tests. In Anbetracht seines zumindest in der damaligen Zeit beindruckend positiven Abschneidens bot es sich an, anhand des Combos das Potential in der aktuellen Markt-/Konkurrenz-Situation neu auszuloten. Wir haben die 2×12-Variante ausgewählt, weil sie mit zwei unterschiedlichen Speaker-Typen einen besonderen Reiz ausstrahlt. Eine wesentlich kompaktere 1×12-Version ist aber auch im Programm. Die kostet ca. € 2690, und kann bei Bedarf, wie der große Combo, mit einem röhrengetriebenen Accutronics Reverb geordert werden. Das Topteil liegt derzeit bei ca. € 2590. Nebenbei bemerkt macht es keinen Sinn, sich im Web auf die “bester Preis”-Suche zu begeben. Kein Geschacher, bei THC-Produkten gibt es nur den einen Cash-Preis.

Konstruktion des THC Sunset 212

Heh, was ist das für eine monströse Kiste?! Der Sunset 212 schlägt zumindest in der Breite selbst die fetten 2×12-Combos von Mesa, Roadster und Recto-O-Verb. Das Amp-Chassis kann kein Grund dafür sein. Dessen moderate Ausmaße entsprechen ungefähr einem JTM45. Das Format dürfte also eher mit der Optimierung der Wiedergabe zu tun haben. Im Zuge dessen werden besonders leichte Speaker mit Neodym-Magneten verwendet, ein Celestion Vintage-Century und ein von THC optimierter Jensen-Neofin. Und THC wählte ein dünneres Schichtholz mit einer Stärke von ca. 16 Millimetern. Dank dieser Maßnahmen bekommt man beim Transport dann eben doch keine langen Affenarme. Der Combo wiegt trotz fetter Trafos und einem Amp-Chassis aus 2,7 Millimeter starkem Stahlblech nur etwa 25 Kilogramm. In Längsrichtung schmal, mit einer Tiefe von nur knappe 27 Zentimetern, ist sein Transport wirklich im wahrsten Sinne des Wortes gut erträglich.

Wie an der aufgeräumten Frontplatte zu erkennen ist, verzichtet das Konzept in der Vorstufe auf jeglichen Luxus. Volume, Treble, Middle, Bass, ein Presence-Regler, der klassisch im Gegenkoppelungsweg der Endstufe greift, Ende, das war’s schon. Dafür finden sich an der Rückseite interessante Dinge. Als da sind drei Schalter, die auf die Arbeitsweise der Endstufe Einfluss nehmen. Stehen alle in ihrer Grundposition „Full“, arbeiten im Sunset die vier 6V6 mit statischem Gitterbias im Class-AB-Gegentaktbetrieb; damit wird die maximale Ausgangsleistung von ca. 38 Watt erzeugt. Der Wechsel auf „Deep-Slow“ stellt die Funktion laut THC um auf Kathodenbias und Class-A. Die Slow-Position des nächsten Schalters ändert die Belegung der 6V6-Kontakte von Pentode auf Triode; ergibt eine Reduktion der Leistung und ein leicht geändertes Klangbild. Beim dritten Schalter bedeutet „Slow“, dass zwei der vier Endröhren abgeschaltet werden.

Alle drei stellen Maßnahmen dar, die nicht nur als Tuning seit jeher bekannt und gebräuchlich sind. Auch die etwas speziellere Gitterbias-/Kathodenbias-Umschaltung gab es durchaus schon in Serien-Amps, nämlich z. B. im DCP100 von Marble. Im übrigen sollte man das Betriebsniveau Class-A nicht verwechseln oder gleichstellen mit dem schlichten Vorhandensein eines Kathodenbias (Bias = Gitterspannungserzeugung zur Einstellung des Arbeitspunktes der Röhre), auch wenn es sich ganz verbreitet Hersteller zum Usus gemacht haben. Kathodenbias bedeutet nicht automatisch Class-A, sondern ist lediglich eine Art den Ruhestrom bzw. den Arbeitspunkt einer Röhre bereitzustellen. Die weithin gebräuchliche Alternative ist, gesondert im Netzteil eine fixe Biasspannung zu generieren. Ob ein Verstärker im Class-A-Bereich arbeitet, ist vielmehr davon abhängig, in welchem Bereich ihrer Kennlinie die Röhre arbeitet, was wiederum ein Produkt aus Anodenspannung und Steuer-/Biasspannung ist. Vereinfacht ausgedrückt liegen die Ströme deutlich höher als bei Class-AB, d. h. Class-A fordert mehr die Reserven der Röhre, ist verschleißträchtiger. Im Falle des Sunset zeigen die Messungen, dass sich der Arbeitspunkt beim Umschalten auf Deep-Slow tatsächlich in Richtung Class-A verschiebt.

Also liegen die Angaben soweit im grünen Bereich. Das klingt vielversprechend, zumal das Konzept die klassische Röhrengleichrichtung mit einer GZ34 einschließt. Die Röhrenbestückung in der Vorstufe: Drei ECC83S. Die vier 6V6 sind in Russland gefertigte Produkte, und zwar, Achtung, NOS-Typen (New-Old-Stock) von 1974! Und keine Bange, wenn die runtergespielt sind, kann THC ohne weiteres und langfristig Nachschub liefern, weil davon ein großer Vorrat angeschafft wurde. Die Ausstattung des Sunset 212 wird von einem regelbaren Line-Out ergänzt, dessen Signal hinter dem Ausgangstrafo abgegriffen wird. Zwei Lautsprecheranschlüsse können über einen Drehschalter auf 4,8,16 Ohm eingestellt werden. Außerdem hält die Rückseite noch unscheinbar ein unerwartetes Bonbönchen bereit, und zwar eine Fußschalterbuchse zum Fernbedienen einer Boost-Funktion; aha, bei allem Purismus ist doch zumindest noch ein Gain-Nachbrenner an Bord. Ein passendes Pedal (sehr helle LED) samt hochwertigen, ca. 5,8 Meter langem Kabel gehört zum Lieferumfang.

Werfen wir einen Blick in’s Allerheiligste: Wie sich wohl der elektrische Aufbau im Chassis präsentiert? Olala, auf den ersten Blick sieht es da drinnen aus wie nach einem Großeinkauf bei TAD/Worms. Netzteil-Elkos und Koppelkondensatoren mit deren Emblem, große Alpha-Potis, Keramik-Röhrenfassungen etc., insofern ist die Substanz qualitativ als sehr gut einzustufen. Die Vermutung, dass es sich um einen frei verdrahteten Verstärker handeln könnte, bestätigt sich indes nicht, bzw. nur zum Teil. Zwei kleine Platinen mit dicken Leiterbahnen stehen im Zentrum, Röhrensockel, Schalter Buchsen und Potis sind hiermit über Silikon-isolierte Kabel kontaktiert. Wie das Material, so die Verarbeitung, alles bestens. Die Kabellage etwas wirr an zwei Stellen – funktional ohne Relevanz – sonst macht der Aufbau qualitativ einen höchst soliden Eindruck.

Grundsätzlich trifft die Aussage auch auf das Gehäuse zu. Außerhalb des Sichtbereichs, innen, hinter dem großen Schutzgitter, ist das Kunstleder ein bißchen rustikal geklebt, sonst fallen keine Nachlässigkeiten auf. Ganz im Gegenteil, außen ist der Combo ganz und gar lecker anzusehen, mit seinem dezent hintergrundbeleuchteten Logo, der eigenwillig dezenten Frontplatte und dem zweifarbigen Bezug. Übrigens, nicht dass der lackiert wäre: THC klebt mehrere Bahnen aneinander, ganz akkurat, cooler Job, 1A.

THC Sunset 212 in der Praxis

Wenn man die technischen Details der Schaltung betrachtet, könnte man den Amp durchaus als Derivat von Fenders Deluxe aus der Blackface-Ära betrachten. Es sind einige Gemeinsamkeiten vorhanden. Die Tatsache, dass der Sunset 212 im Wiedergabecharakter aber ganz eigene Züge zeigt, verdeutlicht einmal mehr, wie sehr letztlich doch Details, Art und Qualität der Komponenten das Ergebnis beeinflussen. Und es ist frappierend, wie dieser Combo einerseits rücksichtslos ehrlich eine aufrichtige Sprache spricht, aber gleichzeitig immer geschmeidig bis freundlich bleibt. Seiner Tonentfaltung fehlt quasi alles Aufdringliche. Da nörgeln keine anstrengenden Höhen, da nervt keine Penetranz in den Mitten: amerikanischer Vintage-Ton auf höchstem Niveau! Um das gleich zu sagen, dies ist zu einem großen Teil ein Verdienst der Speaker. Wer bislang Vorbehalte gegen Neodym-Lautsprecher hatte, erlebt hier die Entkräftung seiner (Vor-?) Urteile. Ein alternativer Hörversuch mit hochkarätigen Weber-Alnicos ergab ein groberes Klangbild, das dem der Combo-Speaker unterlegen war. Jedenfalls war das anheimelnd geschmeidige Charisma des Sunset 212 perdue. Der Combo ist in sich also gleichermaßen homogen wie markant abgestimmt. Wobei der Celestion extrovertierter arbeitet, in den Höhen deutlich stärker ist als der doch recht dezente Jensen. Kann man sich aussuchen, was gerade am besten paßt, oder mit zwei (identischen?) Mikrofonen per Y-Verbindung beide gleichzeitig auf einem Mischpultkanal einfangen.

Zur spezifischen Eigenart des Sunset 212 gehört, dass der Bassbereich etwas verhalten dargestellt wird. Die normal effiziente passive Klangregelung kann hier nur bedingt nachhelfen. Das Rezept für optimale Ergebnisse ist, das Treble-Poti eher niedrig zu halten, Höhen/Brillanz schiebt man mit dem Presence-Regler nach. Der fasst im Klangbild supergünstig, feinfühlig am oberen Ende des Spektrums, ohne dass der Wohlklang je ins Wanken gerät. Unterschiedliche Instrumente ausbalancieren, das schafft die Klangregelung allemal. Dass sie eine bedeutend große Variabilität im Sound schafft, davon kann man unterm Strich allerdings nicht reden.

Was dem Charme des Sunset 212 gar keinen Abbruch tut. Irgendwie ist ja klanglich schon alles an seinem Platz. Und wenn man dann den recht schmalen Bereich des transparent-warmen Cleansounds verlässt, geht dermaßen die Sonne auf, dass etwaige Animositäten im betörenden Singsang des Combos verglühen. Er führt exemplarisch vor, wie sich die so oft zitierten Vintage-Eigenschaften anzuhören haben. Extrem sensibel in Ansprache und Reaktion, höchst harmonisch in den Strukturen wechselt der Sunset 212 die Zerrklangfarben. In die ersten feinen Overdrive-Verfärbungen schleicht er sich so filigran ein, dass man diese eigentlich gar nicht als Verzerrungen wahrnimmt. Der Ton schäumt quasi nur auf, nimmt an Volumen zu. Der Eindruck bleibt auch bestehen, wenn man das Volume-Poti weiter ans Maximum bewegt. Die allmählich einsetzende stärkere Crunch-Distortion kratzt nicht, beginnt nur fett „üühh“ und „iieehh“ zu singen. Dabei behalten das Volume-Poti und die Spieldynamik beispielhaft jederzeit die Zügel der Gain-Intensität in der Hand, p-e-r-f-e-k-t.

Durch Zuschalten des Boost kommt man in Gefilde, die man als kräftige Retro-Lead-Sounds bezeichnen kann. Mit dem moderaten Gain-Anstieg wird der Ton etwas bissiger ohne die bisherige Contenance zu verlieren. Spätestens jetzt gibt der Sunset 212 den Vintage-Musterknaben ab. Kontrollierte Feedbacks bei superharmonischer Distortion, gepaart mit der sensiblen Ansprache, der Combo atmet und pumpt, dass es eine wahre Freude ist.

Aber wie wirken sich denn nun die Schaltfunktionen aus? Nun, Trioden-Betrieb und/oder das Abschalten eines 6V6-Paares erlebt man zunächst als Lautstärkereduktion, zudem wird die Wiedergabe dezenter, da sich mehr oder weniger subtil das gesamte Klangbild ein wenig abflacht, als würde es linearer. In der Praxis machen sich die Schalter dann positiv bemerkbar, wenn man die Dynamik begrenzen möchte und/oder der Arbeitspunkt des Sunset 212 in Richtung leiser verschoben werden muss. In der Tat kann man ihn auf diese Art und Weise wirklich „harmlos“ machen. Mit etwas Nachführen der Klangregelung sogar so, dass gegenüber der Vollgas-Veranstaltung kein Darben aufkommt. Als nicht ganz so praxiseffizient erweist sich die Class-A-Option. Man hört durchaus eine Veränderung, sprich Verfeinerung der Wiedergabe, sie ist für sich genommen aber nicht so überaus wichtig, kann indes im Gesamtkontext wiederum das Tüpfelchen auf dem „i“ sein, um z. B. dieser giftigen alten Tele – solche soll es ja geben – den bissigen Zahn zu ziehen.

Resümee

Das souveräne Auftreten des Sunset 212 macht langes Pro-und-Contra-Lamentieren überflüssig. Die Sachlage ist eindeutig: Der Combo überzeugt mit seiner eher mildtätigen Seele in allen Disziplinen und gehört damit in seiner Kategorie ganz klar zur Top 10. Insofern ist angesichts der hochwertigen Substanz und der akkuraten Fertigung der Preis zweifellos gerechtfertigt.

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