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Recording-Tool für Tube-Amp-Lover

Test: Two Notes Torpedo Captor X

(Bild: Dieter Stork)

Das wichtigste Equipment neben der E-Gitarre ist der Verstärker. Das war zumindest bis vor ein paar Jahren so. Dann kamen Kemper, Axe FX und Helix, machten dem Röhren-Amp Konkurrenz und heutzutage ist ganz Gallien von den digitalen Modelern besetzt. Ganz Gallien?

Nein – in einem kleinen Dorf bei Montpellier leben offenbar die Nachfahren von Asterix und Obelix und denken gar nicht daran, ihre alten Originale – Verstärker von Marshall, Fender und Vox, mit geradezu legendärem Ruf – in den Ruhestand zu entlassen. Mit allerhand Produkten rund um die Themen Leistungsbremsen, Lastwiderstände und Boxensimulationen bietet Two Notes Audio Engineering das derzeit umfangreichste und vermutlich fortschrittlichste Portfolio an Tools, mit deren Hilfe man seinen Lieblingsröhrenverstärker bei kleinsten Lautstärken spielen oder aufnehmen kann.

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Jüngster Spross der Franzosen ist der Captor X, eine kostengünstige Kombination aus mehrstufigem Lastwiderstand zur Lautstärkesenkung oder Nutzung des Verstärkers ohne angeschlossene Box, und einer prozessorbasierten, Boxen-, Mikrofon- und Raum-Simulation, mit der man im Silent-Recording-Verfahren in den eigenen vier Wänden aufnehmen kann.

Ähnliche Produkte kennt man zum Beispiel von Universal Audio, Boss, Suhr oder auch Fryette. Dennoch haben die Entwickler von Two Notes schon ein paar Jahre Vorsprung vor den Wettbewerbern, denn die Flaggschiff-Produkte Torpedo ReLoad und Torpedo Live sind schon seit ein paar Jahren erhältlich. Nun wurde es Zeit, die Produktpalette um eine kostengünstige und vor allem kleine Lösung zu erweitern.

KONZEPT

Prinzipiell kann man den Captor X zunächst als ganz einfachen analogen, reaktiven Lastwiderstand, mit Lautstärkereduktion um entweder 20 dB oder 38 dB, oder – ohne angeschlossene Box – als völlige Power-Break verstehen. Durch eine variable Impedanz im „Reactive Load“-Betrieb wird das Verhalten eines echten Lautsprechers simuliert, damit der angeschlossene Verstärker möglichst realistisch reagiert und interagiert. Diese Technologie ist weder neu noch sonderlich genau, liefert aber oftmals etwas lebendigere Klänge von Röhrenverstärkern, als der in den vorangegangenen Jahrzehnten genutzte, statische Power-Soak.

Schließt man nun einen echten Lautsprecher an den Speaker-Out des Captor X an, erzielt man bei einem lauten Röhrenverstärker, in der leisesten Position des Lautsprecher-Ausgang-Schalters (die völlig passend mit „Home“ bezeichnet ist), eine ordentliche Reduktion. Diese lässt durchaus den Betrieb eines 50 bis 100 Watt starken Verstärkers mit Master-Volume bei Zimmerlautstärke, notfalls sogar in Flüsterlautstärke zu.

In der Mittelstellung des Schalters, der sogenannten „Club“-Position, ist ein für kleine Clubs eigentlich zu lauter Verstärker schon sehr rigoros in der Lautstärke bedämpft. Hier würde ich mir subjektiv eine noch feinere Abstimmung wünschen, aber der Kompromiss, den die Two-Notes-Entwickler hier eingegangen sind, ist nachvollziehbar und pragmatisch.

In der „Full“-Position ist die Leistungsbremse vollständig aus dem Signalweg genommen: Man hört den Amp mit normaler Lautstärke. Schließt man gar keine Box an den Captor X an, kann man das Signal des Verstärkers über den Kopfhörerausgang des Two Notes oder dessen symmetrische Ausgänge hören. Dort liegt dann das Signal der digitalen Emulation einer Box mit Mikrofonen an. Mit einem Paar Nahfeldmonitoren auf Studio-Niveau lässt sich somit bei kleinsten Lautstärken üben oder eben auch Aufnahmen machen, die annähernd so klingen, als hätte man im Studio eine echte Box und zwei Mikrofone davor oder wahlweise auch dahinter platziert.

BEDIENELEMENTE

Bei der Wiedergabe des Signals über die rückseitigen Outputs oder den Kopfhörerausgang ertönt zunächst eines von sechs Presets, die Two Notes auf den ersten sechs von 128 Speicherplätzen im Gerät hinterlegt hat. Mit dem frontseitigen Preset-Drehregler lassen sich diese sechs Sounds direkt anwählen und dann mit dem Voicing-Regler im Handumdrehen an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Auch ein hardwareseitiger Schnellzugriff auf einen Ambience- oder Studiohall sowie ein Lautstärkeregler und ein Pad-Schalter zur Absenkung der Eingangsempfindlichkeit sind direkt erreichbar. Somit kann man dem Captor X schon ab der ersten Sekunde sinnvoll nutzbare Sounds entlocken, ohne dass man sich mit der Torpedo-Remote-Software beschäftigen muss.

SOFTWARE

Die Software hat es allerdings in sich und gehört kostenfrei zum Lieferumfang des Gerätes. Sowohl via USB am Rechner als auch ganz komfortabel mit einer iOS- oder Android-App via Bluetooth, lässt sich der Captor X in all seinen Facetten bedienen. Ich habe mich im Test für die Variante per iPhone mit Bluetooth-Verbindung entschieden und keine Sekunde darüber nachdenken müssen, ob es unter Umständen einfacher wäre, die User-Presets des Captor X am Rechner zu erstellen.

Alle Features sind mit einem sehr einfachen, grafisch zweiseitigen User-Interface prima erreichbar und das intuitive Arbeiten am eigenen Wunsch-Sound macht sehr schnell Spaß. Zwei virtuelle Mikrofone lassen sich zu einem der zahlreichen virtuellen Cabinets im Raum positionieren. Das Signal kann nach Herzenslust mit dem mitgelieferten, recht umfangreichen Equalizer in Bestform gebracht werden, um es dann sogar noch mit einem Enhancer zu veredeln.

Zudem stehen unterschiedliche Studio-Reverb-Typen sowie ein Twin-Tracker, der eine gedoppelte Rhythmusgitarre simuliert, zur Verfügung, um schnell für Spielspaß und Stereobreite zu sorgen. Auch ein Noisegate sowie ein Stimmgerät haben die Entwickler integriert und um alle Boxen und Mikrofone samt Effekten in ihren Kombinationen kennenzulernen, ist man mit der Torpedo-Remote-App schon ein paar Stunden beschäftigt.

Diese wirklich ausgeklügelte Software ist vermeintlich umfangreicher als es wirklich nötig wäre, um gute Ergebnisse erzielen zu können, aber genau diese vielen Optionen der Klanggestaltung stellen sicher, dass man mit dem Captor X keinerlei Frustration befürchten muss. Hier kann wirklich jedes einzelne der mitge lieferten 32 virtuellen Cabinets mit jedem erdenklichen echten Verstärker zu einem musikalisch klingenden Homerecording-Sound kombiniert werden.

Wenn man es wirklich für nötig hält, kann man über die Two-Notes-Website etliche weitere virtuelle Cabinets namenhafter Hersteller dazukaufen und so die Palette an Klangfarben nochmals erweitern oder einfach Impulsantworten in den Captor X laden. Die sind in ihrer virtuellen Mikrofonposition dann selbstverständlich nicht veränderbar, können aber problemlos als Alternative oder Ergänzung zum Two Notes „Virtual Cabinet“-Sortiment genutzt werden.

Anschlüsse auf der Rückseite (Bild: Dieter Stork)

SOUND

Schon binnen weniger Minuten ist eine Sache völlig klar: Liebe Kollegen, der Two Notes Captor X bleibt hier im Studio. Der geht nicht wieder zurück. Schon die ersten sechs Presets bieten einen sofortigen Mehrwert und klingen mit einem klassischen Marshall- oder Fender-Amp ad hoc musikalisch. Der frontseitige Voicing-Regler wirkt, sofern man ihn aus der Mittelrastung gegen den Uhrzeigersinn dreht, als Mittenboost, mit dem Uhrzeigersinn als Scoop-Regler und ermöglicht es dem Nutzer, innerhalb von einer einzigen Drehbewegung den Sweetspot zu finden.

Auch der Space-Regler daneben ist ein praxistaugliches Tool, das direkten Zugriff auf einen der wichtigsten Parameter bietet. In einigen Hersteller-Presets ist mir der Hall für die Wiedergabe über meine Neumann-KH120-Monitore etwas zu dominant eingestellt – mit einem kurzen Dreh hat sich dieses Problem erledigt.

Grundsätzlich klingt der Two Notes Captor X absolut transparent und sehr direkt. Die emulierten Cabinets und Mikrofone wirken realistisch, sind gut getroffen und auch eine Latenz ist bei Spielen nicht wirklich auszumachen. Sie soll jedoch laut Hersteller bei zu vernachlässigenden 2,2 Millisekunden liegen. Einzig und allein das Spielgefühl ohne einen angeschlossenen echten Lautsprecher mag für den einen oder anderen Spieler gewöhnungsbedürftig sein.

Sobald man jedoch auch nur einen einzigen echten 12-Zoll-Lautsprecher anschließt und mit hoher Lautstärkereduzierung im „Home-Level“ mitschwingen lässt, stellt sich selbst bei Zimmerlautstärke ein sehr plausibles und angenehmes Spielgefühl ein. Tatsächlich verändert sich durch den angeschlossenen echten Speaker sogar merklich der Sound am symmetrierten Ausgang. So lassen sich im Homerecording nochmals realistischere Ergebnisse erzielen als ohne einen echten Lautsprecher, denn die Wechselwirkung zwischen einem klassischen Röhren-Amp und einem 12-Zoll-Speaker lässt sich mit einer simplen reaktiven Last nicht ganz so einfach nachbilden, wie uns die Hersteller glauben machen wollen.

Ich rate daher dazu, diesen Vergleich bei einer Homerecording-Session mit dem Captor X selbst anzustellen und dann zu entscheiden, welches Klangergebnis für die Aufnahme am besten funktioniert.

Einen kleinen Wermutstropfen muss man bei der Nutzung des Captor X jedoch schlucken. Der Lüfter ist zwar leise, dennoch irritiert sein leichtes Sirren. Daran muss man sich leider erst einmal gewöhnen.

ALTERNATIVEN

Das Universal Audio OX ist die plausibelste, aber auch mehr als doppelt so teure Alternative zum Captor X. Das OX kann im Bereich der Low-Gain-Rhythmusgitarren-Sounds einen Hauch realistischer klingen und auch die Raumsimulation ist für das geübte Produzentenohr vermutlich etwas realistischer als die virtuellen Räume aus Frankreich. Je moderner der Sound des Gitarristen sein soll, desto eher kann man dem OX im Direktvergleich jedoch auch Schwächen attestieren, denn nicht jeder Gitarrensound muss immer räumlich, luftig und groß sein. Die Suhr Reactive Load IR und auch der Boss Waza Craft Tube Amp Expander bieten ebenfalls ähnliche Lösungsansätze, sind jedoch beide im Homerecording-Bereich nicht ganz auf der Höhe mit dem Universal Audio OX und dem Two Notes Captor X.

RESÜMEE

Sofern noch keine ähnliche technische Lösung auf dem heimischen Schreibtisch steht, empfiehlt es sich, bei der aktuellen Marktsituation zunächst den Two Notes Captor X zu testen. Selbst die wesentlich teureren Konkurrenzprodukte sind nicht spürbar besser und somit ist unser Testkandidat aus dem Hause Two Notes derzeit der eindeutige Preis-Leistungs-Sieger unter den Reactive-Loadboxen mit virtueller Cabinet-Simulation oder IR-Loader. Der Captor X sei vor allem denjenigen ans Herz gelegt, die mit einer vollständig digitalen Modeling-Lösung nicht zufrieden sind und gerne ihren echten Verstärker zuhause spielen und hochwertig aufnehmen möchten.

PLUS

● hervorragende Homerecording-Sounds
● extrem gutes Preis-Leistungs-Verhältnis
● iPhone- und Android-App
● Noisegate, EQ, Tuner und FX
● zukunftssichere Software

MINUS

● Geräuschentwicklung (Lüfter)
● grobe Skalierung der Leistungsreduktion

(erschienen in Gitarre & Bass 09/2020)

Produkt: Gitarre & Bass Digital 07/2018
Gitarre & Bass Digital 07/2018
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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ich habe das Teil zurückgegeben.
    Einzelne Cabinets, die ich bereits beim Torpedo Studio bei TwoNotes gekauft hatte, haben in der Torpedo Remote für dem Captor eine Warnung zur Prozessorperformance erzeigt. Es war dann nur ein Mikro auswählbar.
    Das hat mich geärgert.
    Auch sollte man erwähnen, dass die sehr groben Attenuatorstufen keinen großen Sinn bei Amps unterhalb 50 Watt machen,
    Bei meinem Fender SuperSonic waren die Saitenanschläge dann lauter als der Sound über das Cabinet.

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    1. Hallo Rainer, Du solltest besser die Cabs in den internen Speicher des Captor X laden, dann hast Du auch wieder 2 Mikros verfügbar und auch die Prozessorwarnung ist Geschichte. Das steht übrigens auch so im Handbuch : )

      Wg. der von Dir beklagten groben Rasterung der Dämpfung, bei leistungsschwächeren Amps empfehlen wir eher den Reload.

      Auf diesen Kommentar antworten

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