Produkt: Gitarre & Bass 8/2019 Digital
Gitarre & Bass 8/2019 Digital
Special: PUNKROCK – Die Toten Hosen, Donots, Muff Potter +++ STORY: Paul Gilbert, Derek Trucks, Stu Hamm, Esperanza Spalding, Laura Cox, The Amazons, Accept, Carol Kaye, Keith Merrow +++ TEST: LTD Xtone PS-1000, Framus D Series, Mesa California Tweed 6V6 4:Forty, BassLine Bustiny 5, Collings D2H, G&L Fullerton Deluxe ASAT, EBS Reidmar 502, Walrus Audio Lillian & Monument, Seymour Duncan Billy Gibbons Red Devil PUs
Konsequent im Hier und Jetzt

Test: Revv D20 Head

(Bild: Dieter Stork)

Revv Amplification definiert den kompakten Röhrenverstärker neu und präsentiert mit dem D20 Topteil einen kleinen 20-Watt-Amp mit Fliegengewicht und integrierter Two Notes Reactive Load samt virtuellen Boxen.

Der in Winnipeg, Kanada von Dan Trudeau entwickelte „Generator 120“-Vollröhrenverstärker der Marke Revv Amplification genießt seit einigen Jahren schon einen außerordentlich guten Ruf in Insiderkreisen. Daher hat Revv Amplification bereits im vergangenen Jahr zwei Pedalboard- taugliche Bodentreter auf den Markt gebracht, die den „Purple Channel“ und „Red Channel“ dieses Top-of-the- Line-Verstärkers kostengünstig, klein und leicht auf die Stressbretter der Schwermetall spielenden und Leichtmetall tragenden Gitarristen bringen soll.

Anzeige

Nun gesellt sich der klanglich passende Verstärker dazu. Der Revv D20 scheint sich, sofern man der Produktbeschreibung auf der Herstellerhomepage Glauben schenken mag, geradezu aufzudrängen, um die Vorstufen-Pedale aus eigenem Hause standesgemäß laut zu machen.

Lieferumfang

Im edlen „kleinen Schwarzen“ kommt der D20 daher und hier meine ich erst einmal die überaus hochwertige und zeitgemäße Verpackung des Verstärkers. Hat sich da wohl jemand von Apple inspirieren lassen? Gut so! Das Auspacken macht Spaß und auch der Lieferumfang des kleinen D20 ist zumindest amüsant. Kaltgerätekabel, USB-Kabel, ein Sticker, noch ‘n Sticker, eine kleine Tüte Gummibärchen, eine Download-Link- und Informationskarte für die Two Notes „Torpedo Wall of Sound“-Software, eine kleine Dankeschön-Karte, eine Registrierungskarte, ein Echtheits-Zertifikat und eine Revv-Dose, die genau die richtige Größe zur Aufbewahrung von Plektren hat.

Moment – Gummibärchen? Ja. Richtig gelesen. Es gab mal eine Zeit, da war es in der Musikinstrumenten-Industrie und im Handel üblich, hier und da ein kleines Leckerli zu der versendeten Ware zu legen. An diese Zeit fühlt man sich unweigerlich beim Öffnen der Verpackung des D20 erinnert. Das „Unboxing“-Erlebnis und auch der Wow-Faktor bei ersten Einschalten des Verstärkers stimmen. Wie einst John Rambo schon sagte: „Es leuchtet blau.“

(Bild: Dieter Stork)

Auch das matt-schwarze Gehäuse steht dem Amp unheimlich gut und passt einfach zu fast jeder handelsüblichen Gitarrenbox. Da bin ich geneigt, dem D20 Bestnoten in puncto Design zu geben. Nochmals Bestnoten bekommt der D20 beim Anheben am elegant einrastenden, verchromten Metallgriff. Der Verstärker wiegt entweder gar nichts oder hebt die Schwerkraft auf. Huch! Nur knapp über vier Kilo.

Eins fehlt mir allerdings im Lieferumfang und das ist eine Transporttasche. Bei ähnlichen Produkten anderer Hersteller in vergleichbaren Preisklassen ist das schon mehr oder weniger etabliert. Hier beim Revv leider nicht.

Bedienelemente

Auf der Frontseite befinden sich, sehr übersichtlich arrangiert, die Eingangsbuchse, ein Gain-Regler, der durch Herausziehen nach allerfeinster Mesa-Boogie-Manier einen weiteren Lautstärke-Boost aktiviert, ein klassischer, passiver Treble/Middle/Bass-Equalizer und zum Abschluss des Kanalzugs das Master-Volume-Poti. Es folgen ein Taster zur Leistungsreduzierung des Verstärkers von zwanzig auf vier Watt, ein Taster zur Auswahl der Positionierung des D.I.-Signal Abgriffs vor oder hinter der Endstufe des D20, ein Kopfhörerausgang mit eigenem, kleinen Lautstärkeregler, ein sechsfach Rotary-Regler zur Auswahl von Two Notes „Wall of Sound“-Boxensimulationen und Standby- wie auch An- und Ausschalter.

Rückseitiges

Auf der Rückseite wird es schon etwas unübersichtlicher. Hier befinden sich der Kaltgerätekabel-Anschluss samt Netzsicherung, eine zusätzliche Röhrensicherung, eine Buchse zur Beleuchtung des Typenschildes einer angeschlossenen Revv-Amplification-Box, ein MIDI-Eingang, zwei Testpunkte für den Ruhestrom der Endstufenröhren, ein USB-Anschluss als Schnittstelle zu der Two Notes Torpedo „Wall of Sound“-Software, ein XLR-balanced-D.I.-Ausgang mit Ground-Lift-Taster um Brummschleifen vorbeugen zu können, die Send- und Return-Buchsen des seriellen Einschleifwegs, eine Lautsprecher-Ausgangs-Buchse mit Impedanzwahltaster 4 Ohm oder 8 Ohm, sowie ein Taster zur Aktivierung der internen Last, um den Verstärker auch ohne angeschlossene Gitarrenbox betriebssicher nutzen zu können.

(Bild: Dieter Stork)

Sounds

Bevor wir zum eigentlichen Test kommen hier eine Anmerkung:

Unser Testgerät blieb auch nach mehrminütiger Aufwärmphase zunächst einmal vorstufenseitig stumm und nur ein über den Return des Einschleifwegs eingespeistes Gitarrensignal wurde verstärkt. Tatsächlich hatte es beim Transport die erste von zwei Tube Amp Doctor 12AX7WA Vorstufenröhren erwischt.

Warum ich das so offen erzähle? Nun ja, so ein Lieferschaden passiert einerseits leider nicht sonderlich selten und lässt meiner Erfahrung nach weder Rückschlüsse über die Verarbeitung der Versandverpackung oder des Verstärkers, noch über die Qualität der Röhre zu. Mit anderen Worten: Das passiert sowohl bei günstigen, als auch bei teuren Verstärkern aller Marken immer mal wieder und zudem kann ich nur Gutes vom Röhrenwechsel berichten. Das Gehäuse lässt sich prima durch das Lösen von nur vier Schrauben an den Seiten öffnen und die defekte Röhre war sehr einfach aus ihrem überraschend hochwertigen Keramiksockel gelöst und schnell durch eine neue 12AX7 gleicher Bauart ersetzt. Das könnte man notfalls sogar mal eben zwischen zwei Songs auf der Bühne erledigen, so bequem in zwei Minuten.

Bei einem nur ca. 4,1 Kilogramm schweren Verstärker drängt sich zunächst die Frage auf, ob der Amp überhaupt druckvoll und laut sein kann mit einem so kleinen und leichten Netzteil wie auch Ausgangsübertrager und tatsächlich; nach meiner kleinen Operation am offenen Herzen, überrascht der D20 an einer Mesa/Boogie 4x12er Rectifier Box mit erstaunlichen Reserven. Ein mit lauten Humbuckern eingestellter Clean-Sound ist über eine derartig auf einen hohen Wirkungsgrad hin gezüchtete Box schon auf eine bühnentaugliche Lautstärke zu bringen.

Der erste Eindruck festigt sich, als ich bemerke, dass der frontseitige Endstufen-Leistungs-Taster noch in der vier Watt Position steht. Nach dem Umschalten auf zwanzig Watt haben sich alle Zweifel im Handumdrehen in bewegte Luft aufgelöst. Der D20 ist definitiv laut genug für fast alle Anwendungen. In den Grenzbereich zwischen Clean und Crunch gezwungen dürfte die vom Verstärker abgegebene Leistung weitaus mehr als „nur“ zwanzig Watt sein. Das Spielgefühl und der Punch erinnern mehr an einen JTM45 mit KT66, als an einen Fender 65er Deluxe Reverb, denn beim D20 schieben die Tiefmitten sehr viel mehr als beim Fender.

Dennoch lässt sich eine Ähnlichkeit zum Deluxe Reverb nicht abstreiten, denn zwei 6V6 Röhren an der Leistungsgrenze klingen schon sehr markant. Das grundsätzliche Klangbild des D20 wirkt sehr ausgewogen mit leichtem Hang zum pedalfreundlich Dunklen und der EQ greift ausreichend gut, um Anpassungen an verschiedene Instrumente, Tonabnehmertypen aber auch Lautsprecher vorzunehmen. Dass der Revv keine regelbare negative Gegenkopplung – sprich: Presence Poti – sowie Deep-Regelung hat, stört nicht. Es ist anzunehmen, dass die Kanadier hier eine Abstimmung gewählt haben, die auf den maximalen Wirkungsgrad der Endstufe hinzielt.

Die zweite Frage, die sich stellt, ist: „Wieviel Gain hat er denn?“ Und diese ist – sehr pauschal und schnell – beantwortet mit: „Wenig.“ Der D20 will auch mit gezogenem Gain-Regler und dem damit aktivierten Boost kein Leadgitarren oder Metal-Rhythmusgitarren Amp werden. Bluesrock-Lead-Lines bis weichgespülte AC/DC-Rhythmen sind hier erzielbar, aber eben kein tightes, schmissiges Spielgefühl. Sondern vielmehr dieses leicht belegte, tiefmittig singende und daher fast schon zahme Klangbild ist die Stärke des D20.

Erinnern wir uns an die Werbeaussage von Revv Amplification und testen mit den hauseigenen Pedalen. Mein eigenes G3 Purple Channel Pedal macht wie gewohnt einen super Job und lässt sich wunderbar einfach mit dem D20 Klangcharakter kombinieren. Das Pedal klingt sowohl vor dem Clean Kanal als auch über den Return des D20 angeschlossen hervorragend. Auch mit dem freundlicherweise zu unserem Testverstärker dazu gelieferten, brandneuen G2 Green Channel Pedal – quasi eine im Vergleich zum Purple Channel sehr freundliche Pop-Rock-Variante des typischen Generator 120 Vorstufendesigns – lässt sich der D20 ähnlich imposant erweitern.

(Bild: Dieter Stork)

Two notes

Im Homerecording, bei der Nutzung ohne angeschlossenes Cabinet, oder ohne Mikrofon vor der Gitarrenbox, versucht der Revv D20 über eine Kombination aus reaktiver Last an der Endstufe wie auch der digitalen Emulation von – sofern gewünscht – Endstufenröhren, Lautsprechertypen und Boxengrößen, Mikrofonen und Mikrofonpositionen sowie Hall- oder Raumklang-Effekten zu punkten. Das Software-Paket, das beim Kauf des D20 zum freien Download steht, hat den vielversprechenden Namen „Wall of Sound“ und ist ein unter Produzenten hinlänglich bekanntes und für gut befundenes Plug-In vom französischen Hersteller Two Notes. Ein umfangreicher Test der Software im Zusammenspiel mit dem Revv D20 zeigt auf, dass hier sehr wohl von der derzeit bestmöglichen, integrierten D.I.-Lösung in einem Röhrenverstärker zu sprechen ist.

Ich kenne zumindest keinen weiteren Vollröhrenverstärker, der mit ähnlicher Technologie auch nur ansatzweise die Möglichkeiten liefert, die das „Wall of Sound“-Plug-In mit sich bringt. Alle Möglichkeiten der Two-Notes-Software, ein musikalisch klingendes Signal zu generieren, im Einzelnen zu besprechen, würde in diesem Testbericht den Rahmen sprengen. Angemerkt sei hierzu nur, dass es sehr wohl auch geht, eigene oder Third-Party-Impulsantworten in das Plug-In und somit auch in den D20 zu laden. Für ausgesprochene Sound-Tüftler hat Revv dem D20 einen MIDI-Eingang spendiert, um bis zu 128 unterschiedliche Presets von virtuellen Boxen, Mikrofonen und deren Positionen, Mikrofon-Preamps, Studiokompressoren, sowie Raum, in dem das virtuelle Cabinet platziert ist, erstellen und auch abrufen zu können. Für normalsterbliche Nutzer befindet sich auf der Vorderseite des D20 ein Mehrfach-Drehwahlschalter, um zumindest sechs frei programmierbare Presets auch ohne MIDI-Board oder via USB angeschlossenem Rechner manuell abrufen zu können.

Alternativen

Der ebenfalls auf der diesjährigen NAMM Show vorgestellte Suhr PT-15 IR ist der derzeit einzige weitere kleinwattige Vollröhrenverstärker mit eingebauter reaktiver Leistungsbremse und zusätzlichem Prozessor zur Benutzung von Impulsantworten. Der Suhr bietet auf der Hardware-Seite einen kompletten Drei-Kanal-Verstärker mit 18 Watt aus zwei EL84 an, kann aber auf der Software-Seite nicht im gleichen Umfang mit dem Revv D20 mithalten, sondern bietet hier lediglich einen normalen IR-Loader an. Zudem ist der Suhr PT-15 IR mit einem derzeitigen Straßenpreis von ca. 3100 Euro fast dreimal so teuer, wie der D20.

Resümee

Wäre der D20 in diesem Preissegment ein Produkt der Marken Marshall, Fender oder Vox, dann wäre durchaus anzunehmen, dass sich dieses Gerät binnen ein bis zwei Jahren zum neuen Industriestandard neben den aktuellen digitalen Modellern entwickeln würde. Aber auch ohne einen alten und seit den Sechzigern international etablierten Markennamen auf dem Gehäuse, muss man mit dem D20 rechnen und darf Dan Trudeau zu einem hervorragenden, innovativen und zeitgemäßen Produkt, zu einem wirklich günstigen Endverbraucher-Preis, gratulieren. Für mich ist der Revv D20 das bisher vielversprechendste Produkt und die konsequenteste Weiterentwicklung eines klassischen Vollröhrenverstärkers des Jahres. Schön klein, schön leicht – dabei schön anzusehen – und er klingt sogar schön. Was will man mehr?

PLUS

  • hohe Lautstärkereserven
  • geringes Gewicht
  • exzellente D.I.-Sounds
  • moderner Look
  • integrierte reaktive Loadbox
  • hervorragende Software

MINUS

  • keine Transporttasche

(erschienen in Gitarre & Bass 11/2019)

 

Produkt: Gitarre & Bass Digital 09/2018
Gitarre & Bass Digital 09/2018
Guitar Summit +++ Modern Blues Special +++ Interviews +++ Im Test Framus AK 1974 Custom Shop +++

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte dich auch interessieren