Produkt: Gitarre & Bass 7/2019
Gitarre & Bass 7/2019
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Wanted dead or alive

Test: Ovation Richie Sambora Signature Elite Double Neck RSE225-5

(Bild: Dieter Stork)

Alles an dieser Gitarre schreit nach „Stadion-Rock“ – mit so einem Gitarrenhelden-Vehikel spielt man doch nicht auf Hut in der Kneipe … oder doch? Wieso eigentlich nicht?

Was man braucht, ist etwas Selbstbewusstsein, etwa 2K Euro und eine hohe Kopflastigkeitstoleranz — doch dazu später. Es kommen einem natürlich Bilder in den Kopf: Der frisch dauergewellte John Bon Jovi, Schlapphut-Richie, extatische Massen, große Hymnen – aber hey, mit einer Akustik-Gitarre lässt sich vieles anstellen … und mit einer zweihalsigen noch viel mehr.

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viel Gitarre

Zuerst beeindruckt einen der Koffer, der mit „Sperrgut“ gut beschrieben wäre. Wattn Möbel! Aber klar, da muss eine Menge Gitarre umbaut werden. Nimmt man diese heraus, hat man es mit guten vier Kilo Gewicht, zwei Hälsen, 18 Saiten und ebenso vielen Mechaniken zu tun.

Die Decke aus Sitka-Fichte ist innen mit einem doppelten, extraleichten X-Bracing verstärkt. Die Oberfläche ist perfekt in Hochglanz-Schwarz lackiert und präsentiert sich mit dem Multi-Port-Soundhole-Design mit elf verschieden großen Schalllöchern auf der oberen Zarge, und derer vier am unteren Cutaway.

Der mittig platzierte Mother-of-Pearl-Stern macht – zusammen mit den weiteren Sternen in den Griffbrettern – diese Ovation zu einer Sambora-Signature. Nicht zu vergessen Richies Signaturen auf den Kopfplatten.

(Bild: Dieter Stork)

Der Korpus aus dem Ovation-typischen Lyrachord-Material kommt im Super-Shallow-Format, also der flachsten Korpusform des Herstellers. Er ist andererseits natürlich besonders ausladend und bietet an beiden Halsansätzen ab jeweils 14. Bund ein Cutaway.

Die beiden Necks sind fünfschichtig aus Mahagoni und Ahorn gefertigt. Die eingefassten Griffbretter aus Ebenholz bieten 17 vollständige Bünde, dann verjüngen sich die Fretboards zum Diskant hin mit weiteren fünf Teilbünden.

Zwischen den Stegeinlagen und den Sätteln schwingen die Saiten über eine Distanz von 648 mm. Die Kopfplatten mit mattierter schwarzer Oberfläche haben die Ovation-typische Schuhlöffel-Form und sind mit hauseigenen, goldfarbenen Mechaniken bestückt, wobei die 12-string-Stimmwirbel kleiner, aber dennoch gut zu bedienen sind. Die einander zugewandten Tuner haben genug Abstand, um auch eine Saiten-Kurbel ansetzen zu können.

Eine Ovation wird erst komplett, durch ein Pickup-System. Dieses hier besteht aus jeweils einem OCP1K Piezo-Pickup unter der Stegeinlage und dem OP 24+ Preamp mit Bedienfeld auf der schlanken Zarge. Hier findet man einen Volume-Fader und eine Dreiband-Klangregelung.

Interessant sind die drei Tasten dazwischen: Mit einer lässt sich der EQ ab- und anschalten, eine ruft eine fixe EQ-Einstellung (V) ab, mit der dritten im Bunde lässt sich die Zugriffs-Frequenz des Mittenreglers bestimmen (400 Hz oder 1KHz). Und dann ist da noch der Wahlschalter für 6- oder 12 String, der in Mittelstellung sogar den Betrieb beider Hälse zulässt.

(Bild: Dieter Stork)

Showtime!

Dann mal auf den Schoß mit der Ovation. OK, das ist natürlich unweigerlich gewöhnungsbedürftig. Die abgeflachte untere Zarge hat zwar einen rutschhemmenden Teil zur Auflage auf dem Oberschenkel, aber etwas kipplig ist das anfänglich doch. Der rechte Arm liegt sehr hoch auf – geht ja nicht anders.

Beim Spielen des oberen 6-String-Halses fühlt man sich, wie unfreiwillig ins Jazz-Lager versetzt, denn man spielt irgendwo in Nähe des Kinns. Für die 12-String kann man dann gut nach unten langen – das fühlt sich schon deutlich rockiger an.

Im Stehen bleibt das alles in etwa so, es kommt nur eine gnadenlose Kopflastigkeit dazu. Das kann man der Sambora-Signature aber nicht ernsthaft ankreiden – zwei Hälse und achtzehn Tuner fordern ihren Tribut. Aber so ein Modell wird man ja wohl kaum abendfüllend einsetzen, und von daher möchte ich die speziellen Spielbedingungen nicht als Minuspunkt verbuchen, sondern als unabwendbare, in Kauf zu nehmende Gegebenheiten bei einem solchen Instrument.

Die matt belassenen Hälse mit C-Profil fühlen sich klasse an, die hohen Lagen sind bestens erreich und bespielbar, die Saitenlage ist perfekt. Die Griffbretter bieten am Sattel eine Breite von ca. 43 mm (6-String) bzw. 48 mm (12-String) – da findet sich die Greifhand, auch beim schnellen Wechsel auf den anderen Hals, sehr gut zurecht.

Unverstärkt bietet die Richie-Sambora einen Sound, der – besonders bei der 12-String – etwas zurückhaltend und flach zu Gehör kommt. Es ist allerdings ein beeindruckendes Sustain zu vermelden. Diese Gitarre spielt ihre Stärken ganz klar über Anlage aus. Hier wird richtig satt gepunktet.

Kraftvoller Grundklang, gute Ausgewogenheit der Saiten in Lautstärke und Sustain sowie ein äußerst effizienter und wirkungsvoller Preamp stehen auf der Haben-Seite zu Buche. Das hat Profi-Niveau und zeugt vom großen Erfahrungsschatz des Herstellers.

Resümee

Wer die Cojones hat, so ein Instrument auf der Bühne einzusetzen, und es schafft, diese XXL-Klampfe in den Griff zu kriegen, bekommt eine ausgezeichnete Gitarre an die Hand, die enorme Möglichkeiten und Ausdrucksformen bietet, die weit über den Hairspray-Rock der 80er-Jahre hinausgehen.

Oder du spielst in einer Bon-Jovi-Tribute-Band – dann ist das Ding eh Pflicht. Also, ran an die Buletten!

PLUS

  • Design
  • Verarbeitung,
  • Bespielbarkeit, Werkseinstellung
  • Sustain, Klang über Anlage
  • Bühnen-Show-Highlight
  • Viels(e)(a)itigkeit

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2019)

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