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Alte Werte

Test: Orange TremLord 30

Jubiläum, 50 Jahre, 2018 hatte Orange ein halbes Jahrhundert auf der Uhr. Britischer Amp-Herstellern der ersten Stunde als in den Sixties die Rock-Musik entstand. Klar, die Historie wurde stets gepflegt, während die Produktpolitik in den letzten Jahren mehrheitlich moderne Amp-/Combo-Konzepte hervorbrachte. So gesehen macht dieser neue Combo eine Kehrtwendung. Vintage-Style ist angesagt.

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Am Anfang der Firmengeschichte standen die Modelle Matamp und Graphic. Einkanalig, kurze Signalwege, puristisch, mit EL34-Endstufen. Technisch vom Feinsten, handmade, mit schnurgebundenen Kabelbäumen, genauso lecker wie die pingelig aufgebauten Hiwatts. Das Modell Overdrive mit Post-Phase-Inverter-Master-Volume – das hatte damals und danach lange Zeit keiner – bildete eine nächste vorsichtige Entwicklungsstufe. Es gab noch eine paar Nebenschauplätze mit Modellen, die auf dem Markt keine allzu große Akzeptanz fanden, auch Ausflüge in die Halbleiterwelt. Der Kern des Programms waren und blieben lange Jahre die EL34-Kraftblöcke.

Dann die Zäsur, 1979 ging Orange aus dem Business, nach Aussage des Chefs Cliff Cooper, weil man sich im Markt gegen die niedrigpreisige Konkurrenz nicht mehr behaupten konnte. In kleinsten Stückzahlen wurde noch weiterproduziert bis 1993 Gibson die Rechte am Namen erstand. Mit leicht geänderter Technik wurden die alten Modelle wieder in Stückzahlen produziert. Nur vier Jahre später übernahm Cliff Cooper wieder das Ruder und ab da wurde mit entschlossenen Kurswechseln bei den Produkten hin zu größerer Vielfalt und neuen, innovativen Konzepten die zweite – wie man jetzt weiß – ausgesprochen erfolgreiche Phase eingeläutet. Eine bewegte Geschichte, inzwischen reich an unterschiedlichen Modellen. So etwas wie den wahlweise in schwarz erhältlichen TremLord 30 gab es bis dato aber nicht von Orange, mit Vintage-Style ist hier also nicht Reissue bzw. Wiederauflage gemeint.

Geradeaus

Kein TremLord ohne Trem an Bord. Kommen wir gleich zum Wesentlichen. Eine vergleichsweise aufwendige Tremolo-Sektion steht im Fokus des Designs. Aufwendig, weil für die Einstellung der Modulationsgeschwindigkeit zwei Regler bzw. im übertragenen Sinne Presets zur Verfügung stehen, zwischen denen man per Fußschalter wechseln kann. Natürlich ist auch die Intensität variabel und der Effekt per Fußschalter ein/ausschaltbar. Das Gleiche gilt für den von einer Röhrenstufe angetriebenen Federhalleffekt.

Abstimmungen der Klangfarbe sind mit den Potis Bass und Treble möglich – no Mids. Einen Lautstärkeregler gibt es natürlich noch, das war es dann aber schon. OK, das ist der Stoff, aus dem Puristen-Amps sind. Es geht also um den „ehrlichen“ Ton? Fein, ordentlich aufdrehen, den Sweetspot finden, wo es am besten klingt … und gleich wieder hadern, weil die Lautstärke ein Problem aufwirft.

(Bild: Dieter Stork)

Normalerweise. Aber nicht beim TremLord 30. Orange hat vorgesorgt und die EL84-Endstufe so konzipiert, dass man die Betriebsart umschalten kann. So erlaubt ein Schalter an der Rückseite des Combos wahlweise alle vier oder nur zwei der Endröhren zu aktivieren. Zudem bietet der Standby Schalter an der Front ebenfalls zwei Betriebsmodi, Headroom und Bedroom, also volle Power oder reduzierte Leistung. Ergibt in der Summe vier Ebenen mit nominal 30/15/2/1 Watt.

Technisch ist der TremLord ganz und gar „Nostalgiker“, d. h., er ist konsequent in Röhrentechnik aufgebaut, inklusive des seriellen Einschleifwegs. Drei ECC83 und eine ECC81 bereiten in der Vorstufe die Signale auf. Die AC/DC-Gleichrichtung übernehmen Halbleiterdioden. Wie bei derartigem technischen Aufwand üblich und nicht anders machbar in dieser Preisklasse, ist die Elektronik auf Platinen aufgebaut, inklusive der Röhrenfassungen.

Die Rationalisierung geht aber nicht soweit, dass SMD-Komponenten verwendet werden. Es finden ausschließlich Bauteile konventioneller Bauform Verwendung. Der elektrische Aufbau ist qualitativ sehr hochwertig ausgeführt, mit größter Sorgfalt hinsichtlich der Abschirmung von kritischen Leitungen. Erfreulich auch, dass intern Feinsicherungen die Elektronik schützen. Alles gut, bis auf den klitzekleinen Schönheitsfehler, dass der Output-Valves-Schalter – von außen nicht sichtbar – leicht verdreht im Chassis sitzt und alle drei Knebelschalter ohne Sicherungs-/Zahnscheiben montiert wurden.

(Bild: Dieter Stork)

Die Hallspirale, ein langes Zwei-Federn-System, liefert Ruby Tubes. Verbindung zum Chassis findet sie über eine kräftige Zwillingsleitung mit besonders dichter Abschirmung, die sorgfältig verlegt und mit Kunststoffösen befestigt ist. Das solide, aus Stahlblech gefertigte Amp-Chassis ist hängend an der oberen Rückwandleiste montiert. Sein Anblick von außen ist ein Genuss. „Emaille“-Lack und glänzender Chrom-Look, oberflächenveredelte Schrauben, die EL84 von einem Käfig geschützt und mit Kunststoffhüllen-ummantelten Federklammern in den Sockeln gesichert – das ist ja geradezu Boutique-Niveau. Die Röhrenbestückung dokumentiert ebenfalls einen hohen Qualitätsanspruch. Die EL84 und die V1-ECC83 stammen von JJ Electronic, die übrigen von Ruby Tubes.

Das Cabinet des TremLord 30 ist aus Schichtholzplatten gefertigt, innen schwarz lackiert und steht traditionell, wie schon die ersten Orange-Produkte auf zwei Holzleisten. Den 12″-Lautsprecher montiert Orange mittig an der Schallwand, mithilfe von M-Schrauben und Einschlaggewinden. Schwarzer Blechkorb, ein riesiger Keramikmagnet, spezifiziert mit 100 Watt Dauerbelastbarkeit, Marke Lavoce – seit 2008 im Geschäft, eine italienische Firma, die ihre Fabrikationstätte in China hat. Ja, wenig bekannt der Name in der Gitarrenszene: Was Wunder, der Lautsprecher mit dem kryptischen Namen „WSF121.70G“ ist der erste und bislang einzige Gitarren-Speaker im Lavoce-Sortiment.

Soulful

Bisher waren die neuzeitlichen Orange-Amps dafür bekannt, eher hohe Gain-Maxima zu erreichen. Reichlich Distortion-Reserve gehörte zum Konzept. Diesmal ist das anders, der TremLord 30 schlägt sogar in die gegenteilige Richtung aus. Und dies auf eine spezielle Art.

Man weiß ja, und geht zu Recht klischeehaft davon aus, dass retro-orientierte Röhren-Amps sich elegant entwickelnde Sättigungen als Qualität in den Mittelpunkt stellen. Das macht ihren Reiz aus und viele Produkte dieser Art, man kann sogar sagen der überwiegende Teil, erreichen satten kultiviert komprimierenden Overdrive.

Heißt, man hört deutlich mehr oder weniger intensive Verzerrungen. Der TremLord 30 reiht sich in diese Phalanx nicht ein. Von Tonabnehmern mittlerer Ausgangsleistung gefüttert, bleibt er ganz lange clean und erst nahe der Vollaussteuerung wird sein Ton rauchig, heiser, aber nicht vordergründig satt verzerrt. Ja, der hohe Output bei Akkorden erzeugt durchaus leichten Overdrive, solistische Einzelnoten bleiben subtil, quasi clean mit einem feinen Sättigungshäubchen. Schwache Singlecoils können den TremLord ohne Hilfsmittel (Line-Booster o. ä.) fast gar nicht dazu provozieren. Eine fette Les Paul schlägt natürlich in die Gegenrichtung aus.

Wie intensiv der Combo den Sound verdichtet, hängt maßgeblich von der Einstellung der beiden Klangregler ab – Bassanteile anheben funktioniert fast wie das Aufdrehen eines Gain-Potis. Die Sättigungen so dezent, ist das nun ein Bug? Für den, der ganz und gar puristisch an die Sache herangeht, nach dem Motto „Gitarre rein, go!“ vielleicht ja. Aber nein, in Zeiten üppiger Pedalboards ist das Gegenteil der Fall. Wer will schon, dass sein schön aufbereiteter Sound samt Hall und Echos am Ende vom Amp übermäßig komprimiert und von Verzerrungen „zerhackt“ wird.

Nein, der Trem-Lord 30 macht das schon richtig so, um nicht zu sagen, auf seine Art ideal. Denn der gut austarierte Headroom mischt sich mit erstklassigem Benehmen hinsichtlich Dynamik, Ansprache und Detailtreue. In der Signalbearbeitung liegt eine angenehme Balance aus Gegenwehr und Nachgiebigkeit: stramm im Schalldruck und energiereich, gleichzeitig bietet sich Wohlgefühl und Ausdrucksstärke für den Spieler. Ja, man könnte fast meinen, dass Röhrengleichrichtung im Spiel ist.

Die Sache mit dem Headroom ist ja auch noch in anderer Hinsicht wesentlich. Wegen der Tremolo Sektion. Im Interesse des Effekts kann es nämlich nicht sein, dass der Sound periodisch zwischen einem verzerrten Maximum und einem cleanen Minimum hin und her pendelt. Der Clean-Headroom muss sein. Insofern schließt sich schlüssig der Kreis im Konzept. Was seine Funktion angeht, erweist sich das Tremolo als ein Highlight. Es erzeugt mit seiner schwebenden, weich pulsierenden Modulation ein Hörerlebnis, dass dem eines Vibrafons ähnelt (natürlich ohne dessen Tonhöhenschwankungen). Elegant, in jeder Hinsicht schön zu dosieren, sehr gelungen.

Der Effekt alleine macht den Charme natürlich nicht aus, sondern das „Gesamtkunstwerk“. Und dessen Fundament ist eine hoch entwickelte Klangformung, die einem antiken Vorläufer gleicht. Nein, längst nicht alles, was in seiner Endstufe vier EL84 im Kathodenbias beschäftigt, klingt nach dem legendären alten AC30 von Vox, doch der TremLord 30 hat viel davon. Die Brillanz, die Geschmeidigkeit der glockigen Höhen, viel Frische darin, ohne penetrant zu sein, hohe Transparenz im Klangbild, facettenreich, dabei wohldosierte, fast schon singende Fülle in den Mitten und bei Bedarf kraftvolle Bässe. Letzteres unterscheidet den TremLord 30 vom eigentlich in den unteren Frequenzen stets eher dezent agierenden (Urzeit-) AC30. Der Orange-Combo klingt voluminöser, was die meisten Nutzer wohl nur positiv bewerten werden.

Die Klangregelung arbeitet im Übrigen in beiden Bereichen überdurchschnittlich effizient. Dreht man Treble unter 12 Uhr zurück, verdichten sich die Mitten, typisch für solche interaktiv passiven Tonblenden.

Der Hall kann durch defensives Hinzumischen gut dazu benutzt werden, den Sound aufzublähen, also ohne ihn vordergründig hörbar zu machen. Stellt man die im Klang überzeugende Raumsimulation so ein, dass sie deutlich hörbar wird, gewinnt die lange Ausklingzeit des Federsystems an Bedeutung – hier ist das Für und Wider schlussendlich reine Geschmackssache.

Vintage-Konzept mit Luxus (Bild: Dieter Stork)

Den seriellen FX-Einschleifpunkt hat Orange sinnvollerweise im Signalweg vor dem Hall bzw. hinter dem Tremolo platziert. Die Funktion ist einwandfrei. Das Pegel-Niveau liegt hoch, nominal leicht über 0 dB/775 mV, und verändert sich im Prinzip nicht beim Wechsel zwischen den vier Leistungsebenen. Letzteren kann man im Übrigen bescheinigen, dass sie die Klangqualität des TremLord 30 nicht schmälern. Auch dafür müssen wir einen dicken Pluspunkt notieren. Die einzige Auffälligkeit ist, dass im Bedroom-Modus ein minimaler Sättigungsverlust eintritt.

Nur Positives bis hierhin. Haben sich denn gar keine Minuspunkte gefunden? Doch, zwei, zum Glück keine erheblichen: Der TremLord 30 erzeugt ein gewisses Grundbrummen, und beim Ausschalten des Tremolo-Effekts per Fußschalter ist ein dezentes Knacken zu hören.

Alternativen

Der Klangcharakter, dazu Hall und Tremolo, im Moment eine einzigartige Mixtur. Alle ähnlichen Mitbewerber verzichten auf die Lautstärkemodulation und zumeist auch auf den Hall. Der Trem- Lord 30 besetzt also ganz allein eine Nische auf dem Markt.

Resümee

Der TremLord 30 hat in unserem Test einen fulminanten Auftritt hingelegt. Oh ja, eine gewisse Euphorie ist erlaubt, denn tonal bewegt sich der Combo annähernd auf Augenhöhe mit höherpreisigen Boutique-Produkten. Weiter aufgewertet durch den Tremolo-Effekt bzw. die praxisfreundliche Zusatzausstattung muss man ganz klar konstatieren: Preis und Leistung stehen in einem absolut gesunden Verhältnis. Wobei schon berücksichtigt ist, dass ein Schaltpedal nicht zum Lieferumfang gehört. Fazit also: Sehr empfehlenswert.

PLUS

  • exzellenter Sound, prägnanter Charakter
  • Dynamik, Ansprache sehr obertonfreundlich
  • betont harmonisches Zerrverhalten
  • warmer „Röhren“-Hall
  • Ausstattung
  • geringe Nebengeräusche
  • sehr gute Verarbeitung

MINUS

  • deutliches Grundbrummen + Knacken bei Tremolo-Off/Fußschalter

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2019)


Hinweise zu den Soundfiles:

Für die Aufnahmen kam ein Kondensatormikrofon mit Großflächen-membran zum Einsatz, das C414 von AKG, nahe platziert vor dem Speaker des Combos.

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor und EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt und abgemischt. Das Plug-In „Platinum-Reverb“ steuert die Raumsimulationen bei.

Die Instrumente sind eine Fender-CS-Mike-Landau-Strat-1968, eine Steinberger GL4T (EMG-aktiv, aber m. passivem Humbucker v. Seymour Duncan am Steg) und eine PRS Core-Mira/Korina.

Clip 4 und 5 demonstrieren den clean eingestellten TremLord 30 mit vorgeschalteten Pedalen, dem Burnley von Bogner und dem TS808/Ibanez.

Clip 6: Das Tremolo ist hier in der Intensität nahe dem Maximum eingestellt.

Clip 7 präsentiert mein „Referenz-Riff“ (RefRiff), das ich einspiele, damit man den Charakter (die Verzerrungen selbst sind hier gemeint, nicht die Frequenzkurve) der von uns getesteten Produkte quasi auf einer neutralen Ebene vergleichen kann. Hier zwei Versionen hintereinander, einmal mit High-Gain-Einstellung, danach alles was an Gain geht.

Ich wünsche viel Vergnügen, und…, wenn möglich, bitte laut anhören, über Boxen, nicht Kopfhörer! 😉

Fragen, Anregungen  und  ja, auch Kritik sind wie immer stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de. Es klappt nicht immer, aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.

Text + Musik: Ebo Wagner (GEMA)

Produkt: Gitarre & Bass 7/2019
Gitarre & Bass 7/2019
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