Produkt: B.B. King for free
B.B. King for free
Alles über den „King of Blues“ Meister B.B. King im großen Special!
Künstliche Intelligenz = künstlicher Sound?

Test: Neural DSP Quad Cortex

(Bild: Dieter Stork)

Mit großen Tönen steigt die im Plug-in-Markt sehr erfolgreiche Firma Neural DSP nun auch in das Hardware-Geschäft ein und präsentiert den laut eigener Aussage „stärksten Modeler im Pedalformat der Welt“. Der Clou dabei: Das Gerät beherbergt zusätzlich eine „künstliche Intelligenz“, die es ermöglichen soll, Signalketten per Profiling nachbilden zu können und will so auch dem Kemper direkte Konkurrenz machen.

Um zu prüfen, ob das Quad Cortex seinem Hype gerecht wird, befassen sich gleich zwei Autoren mit dem Gerät, wobei sowohl die Gitarren- als auch die Basstauglichkeit einem Test unterzogen werden.

Anzeige

Als die finnische Firma, die bisher ausschließlich als Hersteller von Modeling-Plug-ins auf den Plan getreten war, Anfang letzten Jahres das Quad Cortex als die neue Referenz im Amp-Modeling vorstellte, ging ein kleiner Ruck durch den digitalen Teil der Gitarrenwelt. Dass das Gerät mit dem beeindruckend klingenden Namen nicht einfach nur irgendein neues Multieffektgerät werden soll, hatte man mit einer Flut an Schlagworten deutlich gemacht. Die Marketingabteilung hatte sich alle Mühe gegeben.

Was aber neben beeindruckend aussehenden Angaben zur Rechenleistung, Größenvergleichen zu MacBooks und gerade im Trend liegenden, neuralen Netzwerken für die meisten viel spannender gewesen sein dürfte, war die Ankündigung, dass das Quad Cortex sowohl klassisches Modeling als auch Profiling beherrschen und auch gleichzeitig verwenden können soll. Bisher war die Fähigkeit, jeden beliebigen Verstärker oder sogar ganze Signalketten mit genügend hoher Detailtreue digital „einzufangen“ und so unkompliziert auf die Bühne oder das Studio zu bringen dem Kemper vorbehalten.

MINIMALISTISCH

Befassen wir uns also mit dem Gerät an sich, das nach einigen Lieferproblemen nun endlich seinen Weg zu den ersten Kunden gefunden hat. Die Geräte stammen aus finnischer Produktion und bezüglich der Verarbeitungsqualität lässt sich absolut nichts bemängeln. Schon die Verpackung vermittelt einen hochwertigen Eindruck und macht Lust auf mehr.

Unter dem schwarzen Kartondeckel befindet sich das aus Aluminium CNC-gefräste Stück moderner Technik und erstrahlt in einem matten Anthrazit. Als optische Highlights fallen die glänzenden Fasen an den Gehäusekanten sowie die gelaserten Beschriftungen ins Auge. Ansonsten ist das Design des Geräts, ganz dem Zeitgeist entsprechend, sehr schlicht gehalten, womit sich auch die Bedienelemente auf das Nötigste reduzieren. Als einziges, offensichtliches Bedienelement ziert der Regler für die Gesamtlautstärke das Antlitz der Geräteoberfläche. Selbst der An/Aus-Schalter ist als berührungsempfindlicher Taster ausgeführt und kann so praktischerweise nicht aus Versehen betätigt werden.

Weniger praktisch hingegen gestaltet sich die Ausführung des Netzteilanschlusses. Anders als die meisten Geräte in dieser Klasse wird das Cortex nicht direkt per Kaltgerätekabel versorgt, sondern benötigt ein externes Netzteil, das per Standard-Pedalboard-Hohlstecker mit dem Gerät verbunden wird. Zwar ermöglicht dies eine recht unkomplizierte Einbindung in ein Pedalboard-Setup, allerdings benötigt das Cortex laut Messgerät mindestens 2A an 12V. Ein Multinetzteil muss also entsprechend dimensioniert sein.

Besonders unglücklich ist der Umstand, dass es keine Möglichkeit zur Arretierung des Kabels oder Steckers gibt, nicht einmal eine Zugentlastung. In Verbindung mit der recht langen Hochfahrdauer von knapp 50 Sekunden könnte das auf der Bühne durchaus für den einen oder anderen unangenehmen Moment sorgen, sollte mal jemand über das Kabel stolpern.

Davon abgesehen ist die Rückseite mit den Anschlüssen sehr ordentlich sortiert und bietet keinen weiteren Grund zur Kritik. Eine SPDIF-Schnittstelle zur Umgehung der Wandler wäre vielleicht noch schön gewesen, aber man kann in dieser kompakten Form auch nicht alles haben. Und wo ich gerade bei der Live-Tauglichkeit bin: Zum Lieferumfang gehören vier selbstklebende Gummifüße, die für Platz zur Luftzirkulation sorgen und ein Verrutschen verhindern sollen. Im Studio oder auf dem Tisch funktionieren die ca. 1mm starken Gummirechtecke zwar ganz gut, die Lebensdauer im Bühnenalltag schätze ich jedoch als nicht so hoch ein. Gerade da Neural DSP die Gehäuse selbst fertigt bzw. designt, wären Gewinde im Gehäuseboden für robuste Gummifüße doch schön gewesen.

Nichtsdestotrotz sind Ausstattung und Umsetzung sehr gelungen. Es sind ausreichend Eingänge für Instrumente, Mikrofone, Expression-Pedale, MIDI und Effektwege vorhanden. Kurzum: alles, was man zum Musizieren so brauchen kann. Auch eine USB-Verbindung für die Nutzung als Interface und sogar WiFi sind mit an Bord. Per WiFi ist es möglich, die Firmware des Gerätes zu aktualisieren oder auch auf die Cloud zuzugreifen, um erstellte Patches oder Captures mit anderen Nutzern zu teilen und herunterzuladen. Auch Backups und der Import von IRs sind über die Cloud möglich, wobei für die Cloud-Funktionalitäten ein Nutzerkonto notwendig ist, ebenso wie für die kostenlose Smartphone-App. Nach derzeitigem Stand gibt es noch keine Editorsoftware für den Computer, diese soll aber alsbald nachgereicht werden.

Oberfläche der Neural-DSP-Cloud-App

 

INTUITIV UND ÜBERSICHTLICH

Dementsprechend müssen alle Einstellungen am Gerät selbst erfolgen. Hierzu ist ein großes Touchdisplay vorgesehen, das zwar nicht ganz so schön reagiert, wie das eines hochwertigen Smartphones oder Tablets, aber seinen Job doch recht ordentlich macht. Nach dem Hochfahren wird der zuletzt genutzte Patch geladen und das Gerät ist einsatzbereit.

Durch Betätigen eines der Fußschalter A bis H wird je nach Modus der Patch gewechselt, ein einzelner Effekt de- bzw. aktiviert oder die Scene gewechselt. Scenes sind Momentaufnahmen von Einstellungen innerhalb eines Patches. Möchte man gleichzeitig mehrere Effekte aktivieren und vielleicht noch die Regler an diesen verändern, nutzt man dazu Scenes. Der Vorteil dieser Scenes gegenüber dem Wechseln eines Patches ist, dass es keine Unterbrechung in der Ausgabe gibt und Delays oder Hallfahnen nach Wunsch ausklingen können. Beim Patch-Wechsel würden diese abgeschnitten werden.

Um den Modus zu wechseln, können entweder das Icon in der oberen rechten Ecke des Displays berührt oder die zwei Fußschalter rechts unten gleichzeitig gedrückt werden. Unabhängig vom gewählten Modus werden die beiden mit Pfeilen beschrifteten Schalter zum Anwählen des nächsten bzw. vorherigen Patches genutzt. Eine alternative Belegung ist derzeit nicht möglich. Der Schalter rechts unten zeigt durch das Blinken einer blauen LED das aktuelle Tempo an, das sich durch Tappen auch ändern lässt. Beim Gedrückthalten öffnet sich das Stimmgerät, das dank des großen Displays sehr angenehm abzulesen ist. Einen Strobe-Mode oder andere alternative Anzeigen gibt es derzeit ebenfalls noch nicht, hier hoffe ich auf ein Update.

Beim Drücken der Fußschalter fällt schnell auf, dass diese ein wenig Spiel zu den Seiten haben und die Köpfe gerändelt sind. Beides ist dem Umstand geschuldet, dass die Fußschalter gleichzeitig als Drehregler zur Einstellung von Parametern dienen, wodurch weitere Bedienelemente überflüssig werden. Genial! Bekannt sind diese Fußschalter auch vom ADAM-Pedal der Geschwisterfirma Darkglass.

Das Konzept ist zwar nicht brandneu, TC Electronic haben es z. B. beim G-System bereits umgesetzt, ermöglicht jedoch ein sehr angenehmes Einstellen von Parametern. Ebenfalls angenehm ist das Bearbeiten des Signalweges. Dieser ist in vier Pfade aufgeteilt, die jeweils bis zu acht Blöcke aufnehmen können. Die Pfade 1 und 3 erlauben jeweils eine parallele Abzweigung des Signals. Als Option gibt es dabei die Aufteilung nach Stereoanteil, einen klassischen A/B-Split oder eine Frequenzweiche mit frei wählbarer Grenzfrequenz.

Auch die Punkte im Signalweg, an denen aufgeteilt und wieder gemischt wird, sind frei wählbar. Zum Einstellen eines Blocks wird dieser einfach angetippt oder zum Verschieben einfach gehalten und an der gewünschten Stelle losgelassen. Sehr gut gefällt die Möglichkeit, die aktuellen Einstellungen eines Effektes als neue Standardwerte speichern zu können. Bei Bedarf lassen sich die Pfade auch kaskadieren, um sehr lange Signalwege zu ermöglichen.

Ist man mit seinem Patch zufrieden, kann dieser durch ein Drücken auf das Speichersymbol auf einem der Speicherplätze verewigt werden. Beim Benennen des Patches ist dank vollwertiger Tastatur auf dem Display kein mühseliges Drehen mit Encodern mehr notwendig. Zur Einstellung der Ein- und Ausgänge wird, ähnlich wie beim Smartphone, einfach von der Oberkante des Displays nach unten gewischt.

Hier lassen sich Einstellungen zu Pegeln, Vorverstärkung, GND-Lift oder Eingangsimpedanzen vornehmen. Das geht wirklich gut von der Hand und ist sehr übersichtlich. Um ein Menü zu verlassen, muss die „done“- bzw. „close“-Schaltfläche in der oberen rechten Ecke angetippt werden, was wieder die Hauptansicht mit dem Signalweg aufruft. Diese Art der Menüführung zieht sich durch alle Menüs am Gerät, wodurch man sich recht schnell an den Workflow gewöhnt. In Ermangelung an Scribble-Strips, also kleinen Displays an den

Fußschaltern, hat man einen Live-View implementiert, der durch das Swipen von der unteren zur oberen Displaykante aktiviert wird. Dieser zeigt gut lesbar die aktuelle Belegung der Fußschalter an. Auch lassen sich hier individuelle Namen für die Scenes festlegen (z. B. für Chorus, Verse, Bridge). Insgesamt ist die Bedienung durchdacht und erfordert meist nicht einmal das Konsultieren des Handbuches.

Es zeigt sich, dass sich bei Neural DSP Gedanken gemacht worden sind und man aus den Fehlern der Mitbewerber gelernt hat. So sind auch das aufrufbare CPU-Meter und das Ordnungssystem für Patches und Captures eine gute Idee. Letzteres erlaubt durch Setzen von Kurzbeschreibungen und Tags ein schnelles Wiederfinden von gespeicherten Patches und Captures.

NEURAL NETWORK AT WORK

Was sind überhaupt Captures? Als Capture wird vom Hersteller die Momentaufnahme einer externen Signalkette bezeichnet. Im klassischen Anwendungsfall also eines Verstärkers, ggfs. auch mit Box. Auch, wenn die technische Umsetzung eine andere als beim Kemper ist, erfüllt es denselben Nutzen: den Lieblings-Amp oder die Signalkette aus dem Studio digital abzubilden.

Anders als beim Kemper beschränkt sich die Anzahl der gleichzeitig nutzbaren Captures jedoch nicht auf eins, sondern auf so viele, wie in den Patch passen. Ein Capture wird einfach als regulärer Effektblock behandelt und kann als solcher auch in mehrfacher Ausführung verwendet werden. Dies eröffnet natürlich ganz neue Welten, denn nun können auch die favorisierten Drive-Pedals oder Studio-Preamps eingefangen und gleichzeitig im Patch genutzt werden.

Um die aktuell noch recht überschaubare Auswahl an Simulationsmodellen von Verstärken und Effekten auszugleichen, liefert Neural DSP direkt eine sehr große Anzahl an Captures mit, deren Bandbreite vom Boost-Pedal bis zu diversen Amps reicht. Natürlich kann man auch eigene Captures anfertigen, hierzu gibt es ein extra Menü mit einer gut nachvollziehbaren Step-by-Step-Anleitung.

PRAXIS GITARRE

Werfen wir einen Blick auf das Quad-Cortex-Capturing sowohl unter Studiobedingungen als auch im großen Tour-Setup für die Bühne. Hierzu wurde der QC im Testaufbau mit alten und neuen Marshall-, Diezel-, Fryette- und Fender-Verstärkern an einem Box-of-Doom-Isolation-Cabinet mit Vintage-30-Lautsprecher verglichen. Mikrofoniert wurden diese Amps mit einem echten alten Shure 545, einem alten Made in USA Shure SM57 Unidyne III und einem Sennheiser MD421 aus den Sechzigern, an alten Broadcasting-Preamps von Neumann.

Abgehört wurden die Ergebnisse im Studio über Klein & HummelO300- und Neumann-KH120-Monitore, sowie unter Bühnenbedingungen mit zwei WestLab-Audio-Labrat-12-Aktivmonitoren, die sich mit ihren beiden leistungsstarken 750-Watt-Endstufen schon mit Kemper, Helix und Axe FX beweisen konnten. Letztendlich war der Testaufbau eine einzige Materialschlacht, die sich allerdings gelohnt hat.

Die ersten Capturing-Versuche mit dem QC verliefen aufgrund der wirklich hervorragend gemachten Step-by-Step-Anleitung im Display binnen weniger Minuten nach dem Auspacken des Gerätes erfolgreich, und somit hatte ich tatsächlich schon ein paar Captures meines 1973er-Marshall-Artiste mitsamt Fortin-33-Pedal und 1980er-Ibanez-Tube-Screamer erstellt, bevor auch nur ein einziger Blick in das Handbuch des Quad Cortex geworfen wurde.

Mit dem Kemper, der eine ähnliche Technologie zum Erstellen eines „Profiles“ nutzt, ist der gleiche Arbeitsschritt sehr viel umständlicher und erfordert wesentlich umfangreichere Kenntnisse der Software. Zurück zum Quad Cortex: Verblüffend ähnlich klang gleich der erste Versuch, bei dem ich sogar beide Pedale aktiviert hatte und den Marshall zudem mit zwei Mikrofonen, in penibel ausgesuchten Positionen abgenommen hatte, um diese Signale dann wieder auf mono zu summieren und den Quad Cortex damit zu füttern.

Ein direkter, erster und schneller Blindtest, ohne dass das Instrument neu verkabelt wurde, sondern mit eben genau dem von Neural DSP in der Anleitung aufgebauten Signalfluss, zeigte zunächst kaum nennenswerte Unterschiede zwischen dem echten Amp und dem digitalen Quad-Cortex-Capture auf, bis auf eine sehr kleine Schwäche des Neural DSP bei der Abbildung von stark komprimierten und wuchtigen Tiefmitten und Bässen. Das fällt bei E-Gitarren-Signalen, die ganz klassisch auf Rock- oder Metal-Rhythmus-Sounds ausgerichtet sind und somit eigentlich nicht übermäßig komprimiert und schmierig wirken sollen, nicht so stark auf, wie bei Bass-Signalen.

Lediglich eine kleine Schwäche in der Dynamik der Mitten fällt überhaupt ins Gewicht, sofern man Obertöne und normale Basstöne in einem Riff oder Lick kombiniert spielt. Das markante Intro-Riff aus Machine Heads ‚Davidian‘ zeigt diese marginal andere Interpretation der Signaldynamik und auch der Transientenkompression im Quad-Cortex-Capture gut auf.

Interessant wurde es allerdings in einem echten und vor allem fairen Direktvergleich: Die Gitarre wurde entweder direkt per Instrumentenkabel an den echten Amp mit bzw. ohne Booster oder Overdrive-Pedal, oder eben direkt an den Quad Cortex angeschlossen. Auf dem QC wurde das Capture von genau diesem Setup mit genau diesem Amp, in genau dieser Lautstärke, mit genau dieser Mikrofonierung abgebildet, um das Signal ebenfalls in mono über einen High-End-Summierer an den gleichen Studiomonitor oder gar an die gnadenlos trocken und dynamisch klingenden, WestLab-Audio-Bühnenmonitore zu senden.

Hier ergeben sich zwei kleine Probleme: Zunächst ist die grundsätzliche Lautstärke der beiden Signale in diesem Aufbau nicht gleich laut und muss zwingend am Master-Volume des Quad Cortex angeglichen werden. Hierbei tritt allerdings schon eine Wechselwirkung mit der Eingangsempfindlichkeit des analogen Summierers vor dem Monitorsystem auf und der Sound verändert sich leicht. Allerdings ist eben in genau dieser Situation sehr gut zu erkennen, was sich im ersten Versuchsaufbau schon leicht angedeutet hat, und man kann unseren Testkandidaten sehr wohl entlarven, wenn man das eigene Gitarren-Rig unter Studiobedingungen sehr gut kennt und die entsprechenden Spieltechniken für den Vergleichstest nutzt.

Hier scheint vor allem die Eingangs- und Ausgangsimpedanz des Neural DSP, die ja nicht zwangsläufig der des echten, analogen Setups entspricht, eine stärkere Auswirkung zu haben, als im einfachen Aufbau beim Erstellen des Capture. Obertonreihen und auch der Tiefbass werden in ihrer Lautheit etwas anders abgebildet als im Original-Setup. Die größte Abweichung der beiden Signale voneinander liegt vermutlich schon daran, dass der passive Tonabnehmer in der Gitarre andere Resonanzfrequenzen an den unterschiedlichen Eingangsimpedanzen der Geräte aufweist.

Mit anderen Worten: Die Telecaster klingt anders am Quad-Cortex-Eingang als am Eingang des Marshall. Ist das für die Praxis wirklich relevant? Nein. Für eine Live-Show ganz sicher nicht und auch für ein pragmatisches Homerecording-Studio nicht. Mit der einstellbaren Eingangsimpedanz des QC lässt sich diese Problematik zumindest etwas umgehen. Subjektiv gefällt mir das Capture des Quad Cortex in der Software 1.00 sogar schon etwas besser als die Emulationen, Simulationen und Profiles der Mitbewerber, wenn es nur und ausschließlich um die Rückmeldung an den Spieler geht – also das Spielgefühl, beim Bedienen des Instruments – und nicht um eine exakte Kopie der analogen Welt.

PRAXIS BASS

Beim Versuch, Basszerren und sogar Plug-in- und Aufnahmeketten nachzubilden, gab es durchwachsene Ergebnisse: Während der Grund-Sound und die Obertonstruktur meist ziemlich gut eingefangen werden, scheint es Schwierigkeiten beim Einfangen und Beurteilen von komprimierten Sounds zu geben. Gefühlt wird die Kompression komplett ignoriert, was zu einer Low-end-Wiedergabe führt, die nichts mit dem Original zu tun hat.

Bass Cab (Bild: Dieter Stork)

Grundsätzlich ist es aber erstaunlich, wie gut das Ganze vonstattengeht, wenn man diese Eigenarten berücksichtigt. Gerade das Einfangen von Signalketten mit herausgefilterten Bässen zur Verwendung im Bi-Amping war sehr erfolgreich. Und obwohl sich Modulations- und Zeiteffekte noch nicht einfangen lassen, macht es viel Spaß, auch einfach wild herumzuexperimentieren. Es gab durchaus den einen oder anderen „glücklichen Unfall“, der zwar absolut nichts mit dem Original zu tun hatte, aber dennoch sehr gut klang.

Um das Problem mit der Kompression zu umgehen, bedient man sich am besten eines der Effektmodelle. In Sachen Kompression konnte mich bisher nur das Axe FX vollends überzeugen, wenn es um Modeling-Amps geht. Bei allen anderen Geräten gab es immer Artefakte oder leicht unnatürliches Verhalten. Mit dem Quad Cortex hat sich das nun geändert. Die Autofilter und Kompressoren stellen meine persönlichen Highlights der aktuellen Effektauswahl dar, denn sie klingen nicht nur richtig gut, sie fühlen sich auch einfach saugut an. Auch die Auswahl ist hier schon sehr ordentlich und deckt fast jeden Anwendungsfall ab.

Für moderne Basssounds ist ein guter Kompressor schon die halbe Miete. Die andere Hälfte machen Amps, Zerren und die Cabsim aus. Und auch die klingen richtig gut! Gerade an Basszerren ist die Auswahl zwar noch sehr überschaubar, aber dank der zahlreichen Captures ist das zu verschmerzen. Von aufwendigen Metalsounds mit Frequenzweiche und Bi-Amping über klassische Rocksounds bis zu glasklaren Cleansounds oder sogar warmen, runden Vintage-Klängen ist die klangliche Vielfalt gigantisch.

Zwar muss ich gestehen, dass ich mir bei dem ganzen Hype etwas mehr erhofft hatte, was die Authentizität der Amps angeht, aber schlecht sind diese keineswegs. Sie sind nur eben nicht der neue Maßstab der originalgetreuen Abbildung, spielen aber mühelos in der Liga der aktuellen High-End-Modeler mit. Interessanterweise empfinde ich einige der Captures sogar als angenehmer als das korrespondierende Modell, was absolut als Kompliment an die Captures und nicht als Kritik an den Modellen zu verstehen ist. Hier muss wohl einfach jeder ein bisschen ausprobieren.

Ähnlich sieht es in den Bereichen Modulation und Reverb aus. Es klingt alles wirklich gut, nur der „Wow-Effekt“ blieb ein wenig aus. Eine Ausnahme stellt für mich neben den bereits erwähnten Dynamikeffekten der Phaser dar, der eine tolle klangliche Tiefe aufzuweisen hat, die seinesgleichen sucht. Wenn die anderen Effekte im Laufe der Zeit durch Updates auf dasselbe Niveau gehoben werden, könnten wir es mit der sprichwörtlichen eierlegenden Wollmilchsau zu tun bekommen. Schade ist aber, dass das Tempo der Modulationen bisher nicht mit dem Tap-Tempo synchronisiert werden kann, was im Live-Einsatz sauber programmierte Patches voraussetzt.

(Bild: Dieter Stork)

RESÜMEE

Insgesamt macht das Spielen mit dem Cortex schon viel Spaß und gerade die Aspekte Bedienung und Formfaktor sind wirklich überzeugend, allerdings fehlen hier und da noch ein paar Funktionen, um die Live-Tauglichkeit zu verbessern. So werden die Änderungen, die in den Scenes gemacht werden, z. B. durch das Aktivieren eines Blocks, direkt gespeichert. Aktiviert man in Scene A einen zusätzlichen Effekt, wechselt dann zu Scene B und wieder zu Scene A zurück, ist der Effekt immer noch aktiv. Stomp- und Scene-Modus lassen sich also noch nicht wirklich zusammen nutzen.

Auch fehlt noch die Möglichkeit, Parameter per Fußschalter oder Midi zu verändern, sowie mehrere Blöcke auf einen Schalter zu legen. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass das Cortex das erste Gerät aus dem Hause Neural DSP ist und die Konkurrenz von teilweise weit über einem Jahrzehnt Erfahrung profitieren kann, ist der Status quo trotz einiger Kritikpunkte doch ziemlich beeindruckend und macht Lust auf mehr.

Sollte der Hersteller seine Update-Versprechen halten, dürfen wir uns auf viele spannende Jahre am Modeling-Markt einstellen.

PLUS

● Bedienung
● moderne Ausstattung
● Klang
● Profiling und Modeling gleichzeitig möglich
● Verarbeitung

MINUS

● kein integriertes Netzteil
● Roadtauglichkeit von Gummifüßen und Netzteil zweifelhaft
● Effektauswahl aktuell noch sehr rudimentär

(erschienen in Gitarre & Bass 06/2021)

Produkt: Mark Knopfler: Gear-Special
Mark Knopfler: Gear-Special
Alles über den Gitarristen, dessen Sound immer wieder als Meilenstein gefeiert wird: Mark Knopfler!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte dich auch interessieren