Produkt: Jimi Hendrix Story
Jimi Hendrix Story
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Heiße Milch mit Honig

Test: Milkman The Amp & The Amp 100

(Bild: Dieter Stork)

Fender, Dumble, Milkman – so versteht sich Tim Marcus aus San Francisco im Kontext der klassischen Gitarrenverstärker-Designs und ein Milkman-Combo ist daher nicht einfach die Kopie eines Fender Princeton, sondern greift lediglich den Look dieses Klassikers auf. Tatsächlich sind die Produkte von Milkman Sound durchaus sehr eigenständig und seit einigen Jahren denkt Mr. Marcus nochmals einen Schritt weiter und schrumpft den ganzen Verstärker. Das ist zeitgemäß und dennoch très chique.

So wirklich relevant für den Binnenmarkt scheint Milkman Sound jedoch erst seit ein paar Jahren zu sein. Den hier getesteten The Amp gibt es nämlich tatsächlich schon seit 2017. Seinen großen Bruder, den The Amp 100 haben Milkman Sound im Dezember 2019 vorgestellt und tatsächlich ist der neue Floorboardverstärker seit einigen Wochen lieferbar – und das trotz aller Covid-19 Probleme in Kalifornien.

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KONZEPT

Der The Amp und auch der The Amp 100 verstehen sich als extrem hochwertige und dennoch kleine, leichte Pedalboard-Verstärker im Bodentreter-Format, jeweils mit einer echten Röhrenvorstufe und entsprechendem, röhrengebuffertem Equalizer auf Basis einer 12AX7, die mit hoher Spannung betrieben wird. Zusätzlich gibt es eine Class-D-Endstufe mit ausreichenden Leistungsreserven für den Proberaum und kleine Bühnen. Mit digitalem Federhall, Tremolo (nur beim kleineren The Amp), Headphones- und XLR-DI-Out können die beiden Floorboard-Verstärker die Basis für das eigene Pedalboard bilden.

Ein für tourende Musiker oftmals übersehenes, aber sehr wichtiges Feature der beiden Milkman Amps ist zudem das Schaltnetzteil, das mit Eingangspannungen von 100 bis 250 Volt AC funktioniert und die beiden Verstärker somit international nutzbar macht. Dieses Hybrid-Konzept ist tatsächlich neu; mir ist kein anderes Produkt bekannt, das die moderne Technologie so konsequent mit traditioneller verbindet.

Trotz enger Bauweise: Die 12AX7-Röhre ist gut erreichbar (Bild: Dieter Stork)

BEDIENELEMENTE

The Amp bietet mit Eingangslautstärke, zweibandigem Equalizer, Master-Volume, Reverb Mix und Tremolo Depth wie auch Tremolo Rate auf der Oberseite eine sehr überschaubare Bedienoberfläche. Zu den Reglern gesellen sich die beiden Fußtaster zum Aktivieren des Reverbs und des Tremolos.

Das Control-Layout erklärt sich somit auf den ersten Blick von selbst und der The Amp ist sofort intuitiv bedienbar. Beim schwarzen The Amp 100 gibt es zwar kein Tremolo, dafür hat man dem neuen Produkt allerdings einen zusätzlichen Reverb-Decay-Regler und einen regelbaren und fußschaltbaren Gain-Boost spendiert. Bei beiden Floorboard-Amps befindet sich außerdem auf der Stirnseite neben dem On/Off Schalter ein symmetrischer XLR-DI-Output, ausgestattet mit einem Schalter für die Deaktivierung der analogen Cab-Sim und auch einen Ground-Lift-Switch für das Signal.

SOUNDS

Mit 52er-Telecaster und angeschlossenem Mesa-Boogie-Fillmore1x12″-Cabinet überrascht mich The Amp sofort positiv vom ersten Ton an. Ein dichter, warmer und substanzreicher Clean-Sound mit einem Hall, der auf allerhöchstem Niveau irgendwo im Sweetspot zwischen Federhall und Plattenhall erklingt, fühlt man sich sofort wohl. Der The Amp trägt den Ton beim Spielen und lädt mit seiner schmeichelnden Kompression förmlich zu kreativen, spontanen Spielweisen ein. Auch das Tremolo steht diesem ersten Eindruck in nichts nach. Federhall und ein subtiles Harmonic-Trem kann auch ein Strymon Flint nicht besser simulieren.

Diese ersten Momente mit den integrierten Effekten des Milkman machen mich neugierig auf den großen Bruder und auch beim The Amp 100 hat sich das Produktdesigner-Team um Tim Marcus ganz besonders viel Mühe gegeben. Grundsätzlich klingt der Neue ähnlich rund und gesättigt, aber etwas muskulöser in den Tiefmitten und Bässen als The Amp. Die höhere Nennleistung ist tatsächlich nicht direkt als Lautstärkereserve hörbar, sondern eher am Plektrum spürbar.

Der Klangcharakter des The Amp 100 bewegt sich damit ein kleines Stückchen in die Richtung eines 65er-Deluxe, wohingegen der reguläre The Amp eher an einen Brownface-Princeton erinnert. Auch der Hall im 100 klingt extrem musikalisch und kann mit dem Decay-Regler bis auf unanständig lange Hallfahnen eingestellt werden, die wohl nur im Bereich von Post-Rock, Prog-Rock und Surf noch nutzbar sein dürften. Es macht dennoch Spaß, damit zu spielen und sorgt zudem sofort für einen eigenständigen Charakter des The Amp 100, im Vergleich zu seinem Pendant in Weiß.

Einzig der anstatt des Tremolos integrierte FET-Boost des The Amp 100 will mich nicht so recht überzeugen. Zu schnell wird der Sound matschig, undefiniert weich und fransig. Eine marshallesque Rock-Rhythmus-Verzerrung lässt sich mit dem 100er daher nicht wirklich erzielen. Hierzu hilft es eher, wenn man die eigenen Lieblingspedale zur Hand hat, denn beide Milkman-Pedalboard-Verstärker verhalten sich ausgesprochen angenehm, wenn man sie mit Tube Screamer, OCD, Germanium-Treblebooster oder ähnlichen Gerätschaften anbrüllt.

Beide Amps sind via DI-Out im Home-Recording, wie auch über den Kopfhörerausgang durchaus gut zu gebrauchen. Dass das Signal des DI-Out bei aktivierter Boxensimulation lediglich durch einen analogen Equalizer gefiltert wird, lässt sich verschmerzen, da man diese Simulation auch einfach abschalten und dann am heimischen Rechner mit Impulsantworten etwas realistischer klingende Signale generieren kann.

Und was passiert auf großen Bühnen bei ganz hoher Lautstärke? Testen konnte ich es natürlich mangels Auftrittsmöglichkeiten aufgrund geschlossener Spielstätten nicht, doch auch für diesen Anwendungsbereich haben sich die Entwickler eine Lösung einfallen lassen. Am rückwärtig platzierten Pedal-Out betrieben, könnte man den Sound der beiden Milkman-Verstärker direkt abgreifen, durch andere Pedale auf dem Board veredeln und schließlich eine größere, externe Endstufe oder gar einen zusätzlichen Vollröhrenverstärker benutzen. Ein echter FX-Loop ist leider bei beiden Produkten nicht vorhanden.

Die Rückseite des The Amp mit den Anschlüssen Input, Pedal Out, Balanced Out, Speaker Out und Netzstrom (Bild: Dieter Stork)

ALTERNATIVEN

Naheliegende Alternativen sind tatsächlich die Amp1-Produkte aus dem Hause BluGuitar oder der Orange Stamp, aber um wirklich ähnlich hochwertige Ergebnisse erzielen zu können, müsste man sich eine Kombination aus Röhren-Preamp, Class-D-Verstärker und digitalem Effektgerät zusammenstellen. Dennoch – selbst ein Flugshow-Board mit beispielsweise einem Kingsley Constable oder Page und einem Strymon Flint über einen DV Mark Micro 60 würde nicht alle Features des The Amp oder des The Amp 100 abbilden können.

RESÜMEE

Der Milkman Sound The Amp und auch sein größerer Bruder, der The Amp 100, sind derzeit die wohl konsequentesten Vertreter der Gattung Pedalboard-Verstärker. Eine echte Röhrenvorstufe mit einer digitalen Effektsektion auf Strymon-Niveau trifft auf eine superleichte und effiziente Class-D-Endstufe. Hier werden keine faulen Kompromisse eingegangen, und das spürt man ab dem ersten Ton.

PLUS

● Sound
● Effekte
● hohe Lautstärkereserven
● Headphones- und DI-Out

MINUS

● Boost beim The Amp 100
● kein Einschleifweg

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2021)

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