„California, 90°F, 11pm“

Test: König & Brüggen Jacques

(Bild: Dieter Stork)

Früher hätte man so eine Formgebung Shark oder Warrior genannt, da kommt dieser quietschgrüne Hanseat Jacques doch ganz „oh, là, là“-fröhlich rüber. Es sei denn, hier liegt ein Wolf im Schafspelz auf der Lauer.

Die gelernten Gitarrenbauer Robin König und Mario Brüggen gehen in Hamburg-Ottensen unweit vom Bahnhof Altona ihrem Handwerk nach. Sie bieten jeden Service für die Gitarre, schauen inzwischen aber bereits auch auf eine nette Kollektion an eigenen Kreationen zurück, mit schönen Namen wie Susi, Liese oder Arschgeige. Für das Testinstrument ist zumindest die Richtung klar: „Jacques ist eine richtig gute Gitarre, die bei Sonnenuntergang auf Open-Air-Bühnen gespielt werden will!“

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STYLE & GRACE

Gitarrenbauer Robin König: „Jacques habe ich für mich selbst gebaut. Lange schwirrte mir diese Gitarre im Kopf herum und während des Corona-Lockdowns konnte ich aus der Not eine Tugend machen und sie realisieren. Das Doublecut-Design ist für meinen Geschmack ausreichend weit entfernt vom über 60 Jahre alten Klassiker und bietet mit dem durchgehenden Cutaway, das man nur mit eingeleimtem Hals realisieren kann, wesentlich mehr Spielkomfort.“ Die Ansage galt für die erste Ausführung des Modells, die aktuelle Ausgabe hat nun Kollege Mario gebaut – man spielt sich die Bälle dort in der Hansestadt gleichberechtigt zu.

Optimale Freistellung der hohen Lagen
Optimale Freistellung der hohen Lagen (Bild: Dieter Stork)

Der Korpus aus Erle ist quer zur Längsachse leicht gewölbt angelegt. „Das macht Solidbody-Gitarren sehr viel eleganter, leichter und auch angenehmer bespielbar als die dicken Bretter, die es sonst noch so gibt.“ Der Korpus ist in der Farbe „California, 90°F, 11pm“ (Wasserblau) – Assoziation: heiße Sommernächte, Strand, Salzwasser – hochglänzend lackiert. Auch die Deckel für das Elektrik- und das Federfach sind aus stimmig petrolfarben lackiertem Holz gefertigt, in den Korpus eingelassen und werden dort von Magneten festgehalten.

E- und Federfach-Deckel werden von Magneten gehalten.
Das E-Fach ist abgeschirmt und überlackiert. E- und Federfach-Deckel werden von Magneten gehalten. (Bild: Dieter Stork)

Das Holz für den eingeleimten Hals aus zweiteilig gefügtem Riegelahorn wurde über längere Zeit langsam gebacken (roasted maple), was ihm nicht nur den schönen Karamel-Farbton verleiht, sondern ihn auch etwas leichter und ein wenig härter macht. Er ist transparent matt lackiert. Auch für das Griffbrett mit 14″-Radius fand gebackener Riegelahorn Verwendung. Es bietet für 22 Bünde (6105 EVO Gold) Platz; Side Dots und Punkteinlagen am unteren Griffbrettrand aus Abalone markieren die Lagen. Die über eine sehr schön ausgearbeitete Volute in leichtem Winkel herausgeführte, elegant versetzt gestaltete Kopfplatte ist mit Schaller-M6-Mini-Mechaniken ausgestattet, von deren Wickelzylindern aus die Saiten mit geradem Zug über den Sattel aus Knochen geführt werden, um mit 648-mm-Mensurlänge am Korpus vom Schaller-Vintage-Tremolo gekontert zu werden. Dieses ist mit Rollen-Saitenreitern ausgestattet, steht im Messerkantenprinzip auf zwei Bolzen und verfügt über justierbare Einzelreiter.

Gut eingestelltes Schaller Vintage Tremolo
Gut eingestelltes Schaller Vintage Tremolo (Bild: Dieter Stork)

Interessant ist die Pickup-Kombination von Jacques aus klassischem Singlecoil und P90: Häussel SC Blues (AlNiCo 5) am Hals, Häussel P90 Vintage (AlNiCo 3) am Steg. Angewählt werden die Tonabnehmer konventionell über einen 3-Weg-Schalter, zur Verwaltung stehen noch jeweils generell arbeitende Volume- und Tone-Regler bereit. Erwartet und bestätigt wurde am Ende der Bestandsaufnahme die handwerklich in jeder Hinsicht hervorragende Umsetzung des in Stil und Materialwahl sehr gelungenen Konzepts.

FUNCTION & FORCE

Die großzügige „Korpus frisst Hals“-Gestaltgebung ist nicht nur ein Versprechen auf frech vorpreschende Kampfeslust, sondern erweist sich auch als ergonomisch vorteilhaft. Jacques fügt sich mit gut gesetzten Korpuskonturen komfortabel an seinen Spieler, die rechte Hand kommt allerdings wegen der im Vergleich zu einer Strat hinten oben leicht zurückgenommenen Korpuspartie etwas weiter vorne, etwa über dem Hals-Pickup zurecht. Die Double-Cutaway-Spreizung gewährt jedenfalls optimalen Zugang zu den hohen Lagen. Diese offensive Freistellung ist aber nur erfreulicher Bonus zu den rundum formidablen Spieleigenschaften des samtig griffigen Ahornhalses von knapp 44 mm Sattelbreite mit ungemein ausgewogen gestaltetem Halsprofil, dem die fein abgeglichene, goldfarbene Bundierung dann noch das Sahnehäubchen aufsetzt.

Den aus spieltechnischer Sicht erfreulichen Anlagen erweist sich das Klangverhalten unseres Probanden als absolut angemessen. Bereits die ersten Akkorde lassen keinen Zweifel an der fabelhaften Klangkompetenz dieser Gitarre aufkommen. Was nun schon akustisch so wunderbar abgestimmt, glockenrein und atemreich daherkommt, das kann der elektrischen Klangwandlung kaum bessere Bedingungen verschaffen. Die Pickup-Bestückung des petrolblauen Hanseaten ist nun nicht gerade alltäglich, aber wer brauchte an dieser Stelle denn auch schon die öde Banalität der Nachahmung?

Häussel SC Blues und P90 Vintage
Originelle Pickup-Kombination: Häussel SC Blues und P90 Vintage (Bild: Dieter Stork)

Der Häussel SC Blues verfügt über etwas kräftigere Wicklung als der SC-Classic des prominenten Herstellers. Er tritt also mit höherem Output und wohldosiert angehobenen Mitten an, will aber den gewünschten Charakter eines Strat-Sounds nicht verwässern. Die akustisch schon durch klare Saitenseparation bei harmonischer Interaktion der gitarretypischen Frequenzen wunderbar gerundet und plastisch aufgelösten Mehrklänge erfahren durch den Häussel SC Blues eine authentisch kraftvolle Transformation. Der Tonabnehmer bringt in dieser Gitarre das Beste hervor, was man der wichtigsten PU-Position einer Strat an Attributen abgewinnen kann: leicht glasig und kernig, mit offener Präsenz in der Abteilung Clean – stringent und schön growlig im Overdrive. Das immer mit dieser besonders attraktiven Klangfarbe ausgestattet, für die der Hals-Pickup in der Erle-Ahorn-Kombination dieses Gitarrentyps nur stehen kann.

Der Häussel-P90-Vintage-Bridge-Pickup in der Stegposition springt beim Wechsel leicht vor und trumpft mit vollem runden Sound bei etwas fokussierteren Mitten auf. Er vermittelt einerseits den Geist der sehr direkten und trockenen Klangkultur der 50er-Jahre, zeigt perlend aufgelöste Akkorde in klaren Verstärkereinstellungen, startet aber auch sofort nach vorn durch, sobald wir ihn in Zerre fahren. Heftig knurrende Powerchords drücken ins Kreuz und schieben an; vokal definiertes Solospiel wird von glänzender Präsenz offensiv angeblasen. Dynamisch lässt sich die Note mit dem Plektrum facettenreich gestalten, harmonische Obertöne sind leicht zu provozieren. Insgesamt kneift der Ton etwas mehr aus der Mitte heraus, nimmt auch klangfarblich eine etwas andere Position ein, als das bei der eher gewohnten Verbindung dieses Pickup-Typen mit Mahagoni der Fall ist. Das schockt aber keineswegs, sondern ist eher als positiv originäre Auslegung anzusehen. Sehr schön ist auch die Arbeit mit dem Volume-Poti, mit dem sich die Intensität des Signals perfekt steuern lässt.

Ein dritter Sound ist dann auch noch in der Kombination beider Pickups angelegt. Da ist dann klangfarblich einiges mehr an Glas und Hohlkehle im Spiel, was das Klangrepertoire aber durchaus erfreulich ergänzt. Die verschiedenen Abstufungen im Farbspektrum machen Jacques auf jeden Fall beweglich, bieten beste dynamische Staffelung und sind allesamt von hohem Gebrauchswert.

Das mit mittlerem Widerstand bestens eingestellte Schaller Vintage Tremolo rundet das Design harmonisch ab. Es bietet nicht nur eine angenehm glatte Oberfläche, sondern arbeitet dank der Rollen-Saitenreiter in Verbindung mit den Schaller-Mechaniken und dem sorgfältig bearbeiteten Knochensattel auch noch beachtlich stimmstabil.

RESÜMEE

Alle Achtung, die Hamburger Gitarrenbauer König & Brüggen haben sich mit Jacques den Traum von einer eleganten, leichten und zugleich funktionsstarken Gitarre nach allen Regeln der Kunst erfüllt. Die stimmige Konzeption aus der traditionell bewährten Holzkombination Erle/Ahorn, aber mit eingeleimtem Hals für die optimale Freistellung der hohen Lagen über das durchgehende Cutaway bietet neben der gewinnenden Anmutung beste Handhabung, einen sauber bundierten, dazu toll griffigen Hals und ein perfektes Klang-Design mit den verbauten SC-Blues- und P90- Vintage-Pickups von Harry Häussel. Die passionierten Jungs aus der Hamburger Gitarrenwerkstatt haben’s drauf, handwerklich sowieso, aber Stil und Geschmack sind in unserem eng gesetzten Feld wirklich nicht leicht zu erwerbende Eigenschaften. Also: Schönes Ding, tolle Arbeit, wir ziehen den Hut!

PLUS

  • wohlproportioniertes Double-Cutaway-Design
  • Leichtgewicht
  • eingeleimter Hals, Schwingverhalten
  • Pickup-Kombination Häussel SC Blues und P90 Vintage
  • vitale Sounds
  • klangliche Beweglichkeit
  • Spieleigenschaften
  • top eingestelltes Schaller Vintage Vibrato
  • minutiöse Verarbeitung

(erschienen in Gitarre & Bass 10/2021)

Produkt: Gibson Guitars Special
Gibson Guitars Special
Gibson Guitars: Testberichte, Stories, Workshops im Gitarre & Bass-Special

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Hallo, ist ja alles schön und gut, aber für solch einen Preis? Noch nicht einmal Locking Tuner sind verbaut!

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    1. Hallo Bernd!
      Import Produkte sind tot und aus, wenn der Besitzer einen Wunsch oder ein Problem hat. Stimmt’s?!
      Faire Preise sichern einen lebenslangen Kontakt zum Hersteller.
      Fairness hat zwei Seiten.
      Darum der Preis!

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