Produkt: Gitarre & Bass 4/2019 Digital
Gitarre & Bass 4/2019 Digital
INTERVIEWS: Bryan Adams, Tommy Emmanuel, Devin Townsend+++SPECIAL: Jazzgitarre in Deutschland+++Tiefer. Härter. Breiter: Die ERG-Highlights der NAMM 2019
Kalorienreich

Test: Koch Classictone-II Twenty

(Bild: Dieter Stork)

Nach 18 Jahren hat der niederländische Hersteller Koch seinen Classictone-Combo überarbeitet, der damals noch mit vier 10″-Lautsprechern bestückt war. Das Gehäuse des Classictone-II Twenty ist jedoch trotz des einzelnen 12-Zöllers nicht weniger voluminös. Bei ansonsten identischer Ausstattung bietet Koch den Verstärker wahlweise mit 20- und 40-Watt-Endstufe an.

Als Besonderheit bieten die Amps eine Recording-Output-Sektion, die über je einen Klinken- und symmetrischen XLR-Anschluss mit Frequenzkorrektur verfügt. Zudem ermöglicht ein integrierter Lastwiderstand (Dummy Load), dass der Bordlautsprecher selbst unter Verstärkervolllast ausgeschaltet werden kann, jedoch unbedingt angeschlossen bleiben sollte.

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IMPOSANT

Das mächtige Gehäuse und die 22 kg Lebendgewicht des Classictone-II Twenty lassen alles andere als einen 20-WattCombo erwarten. Aber wir wissen ja, dass das Gehäuse und dessen Volumen den Amp-Sound nicht unerheblich beeinflussen. 15 mm dickes Birkensperrholz bildet den Rahmen, in dessen Ecken vier 4×4 cm Vierkanthölzer für erhöhte Stabilität sorgen. Die stramm eingepasste, verschraubte Rückwand und die Front wurden aus 13 mm Birkensperrholz gefertigt und jeweils mit trapezförmigen Öffnungen versehen.

Hinter der Front sitzt die eigentliche Schallwand mit der Textilbespannung und dem vierfach von hinten verschraubten Custom-KochVG12-60-Lautsprecher, dessen Zuleitung über Steckschuhe und Amp-seitig per Klinkenstecker angeschlossen ist. Das große Federhallsystem wurde in einer Tolextasche am Gehäuseboden montiert, die hochwertigen Send- und Return-Kabel penibel mit Kabelschellen verlegt und am Amp über Cinch-Stecker mit Goldkontakten angeschlossen.

Großer Federhall (Bild: Dieter Stork)

Gehäuse, Front und Rückwand hat man sorgfältig mit dunkelbraunem Tolex bezogen und mittels schwarzer und goldener Kedern optische Akzente gesetzt. Acht verschraubte Eckenschoner aus Stahlblech, vier große Gummifüße und ein solider Kunstledergriff komplettieren die Gehäuseausstattung. Zum Fixieren von Fußschalter und Netzkabel während des Transports stehen an der inneren Seitenwand Klettbänder zur Verfügung.

Mittels Alufolie abgeschirmt hängt das aus 1,6 mm Stahlblech gebogene Verstärker-Chassis an vier Gewindeschrauben vertikal an der Rückwand. Somit sind Röhren und Trafos nach vorne ausgerichtet, was zum Wechsel der Glaskolben das Demontieren der Rückwand mitsamt des Chassis erfordert, da auch der Lautsprechermagnet den Zugang behindert.

Während ein Stahlbügel mit Gummieinsätzen die Vorstufenröhren sichert, hausen die Endröhren in einem Lochblechkäfig. Für Letztere hat man dem Classictone-II eine Auto-Bias-Schaltung spendiert, der einen Abgleich neuer Endröhren unnötig macht. Ausreichende Luftzirkulation garantieren die Öffnung der Rückwand und zwei entsprechend dimensionierte Streckgitter auf der Oberseite.

Im Innern trifft man auf einen extrem sauberen, soliden und Zuverlässigkeit ausstrahlenden Platinenaufbau, zahlreiche isolierte Steckschuhe und zu Kabelbäumen vereinte „interplatinare“ Verbindungen. Trotz hohen Aufkommens an (hochwertigen) Bauteilen erscheint das Ganze sehr übersichtlich. Ein Trimmpoti ermöglicht die Abstimmung des Gain-Boost-Schaltkreises, was jedoch offensichtlich nicht für den User vorgesehen ist, da dies lediglich im Blockschaltbild der Bedienungsanleitung Erwähnung findet.

Aufwendiger, solider Platinenaufbau (Bild: Dieter Stork)

Alle Potis und Anschlüsse, Standby-Schalter und Sicherungshalter sind mit dem Chassis verschraubt, vier Minikippschalter zuverlässig auf Platinen verlötet. Die vorbildliche Verarbeitung unterstreicht den hohen Fertigungsanspruch des Herstellers. Kurzzeitig herrscht bei mir Verwirrung, denn Koch spricht von einem dreikanaligen Verstärker, das Layout der Regler lässt jedoch einen Zwei-Kanaler vermuten. Zwischen Clean- und Gain-Regler entdecke ich den kleinen Schalter Gain/Boost, der im OD-Channel die Wahl von Crunch- oder High-Gain-Sounds erlaubt.

Gain/Boost und Kanalwechsel lassen sich auch mit dem zum Lieferumfang zählenden Doppelfußschalter abrufen, wobei die Funktion der Clean/OD- und Gain/Boost-Schalter ausgesetzt wird. Im robusten Stahlblechgehäuse kommen zwei stabile Fußschalter und leuchtstarke rote (Clean/OD) und grüne (OD/OD+) Status-LEDs zum Einsatz. Die fest angeschlossene Zuleitung mit TRS-Klinkenstecker ist mit 5 Metern großzügig bemessen.

Das Amp-Chassis bietet drei Bedienflächen, nämlich oben, hinten und unten. Oben finden wir Input, Channel-Select-Switch, Clean Volume, den OD-Kanal mit Gain/ Boost-Switch, Gain- und Volume-Potis, eine klassische passive 3-Band Klangreglung mit Bass, Mid und Treble für beide Kanäle (post-Distortion) sowie Reverb-Regler, Level- und Standby-Schalter und eine rote Pilot Lamp als Betriebsanzeige.

FX Loop, DI/Recording Outs, Dummy Load Switch, Ext. Speaker Out. (Bild: Dieter Stork)
Netzschalter und -Anschluss, Sicherung, Footswitch, Int. Speaker (Bild: Dieter Stork)

Level-Schalter? Dieser unmittelbar vor der Endstufe angeordnete Dreiweg-Drehschalter ersetzt das gewohnte Master-Volume-Poti mit den Positionen Home, Studio und Stage. Auf der Rückseite stehen der Anschluss für einen externen Lautsprecher (8 Ohm), ein Speaker-On/Off-Switch (Dummy Load), ein symmetrischer XLR-DI-Out mit Ground-Lift-Schalter und Klinken-Line-Out (beide mit Speaker Simulation) sowie FX-Send und -Return (seriell) zur Verfügung.

Ganz tief bücken – oder den Amp aufs Gesicht legen – muss man sich für das untere Anschlussfeld, wo Koch die Buchsen für Bordlautsprecher, Doppelfußschalter und Netzkabel, die Halterung der HT-Sicherung und den Power-Schalter platziert hat. Speziell Letzteren hätte ich mir auf der Ober-, zumindest aber auf der Rückseite gewünscht.

Befestigung für Netzkabel und Fußschalter (Bild: Dieter Stork)

KEIN BISSCHEN LEISE

Fürs erste Hören drehe ich den (Master-)Level-Schalter vorsichtshalber in die Home-Position. Der Clean Channel zeigt reichlich Headroom, denn bei PAF-Pickup-Typen und kraftvollem Saitenanschlag ist auf der Skala von 0-10 etwa bei 6 erstes Anzerren (Break-Up) festzustellen, und das bei beeindruckender Lautstärke. Was versteht man bei Koch denn unter Heim-Level?! Dreht man Clean Volume weiter auf, endet die Zerre bei sehr dezentem Crunch, klanglich geprägt von druckvollen aber straffen, niemals wummernden Bässen, warmen Mitten, glasklaren, luftigen Höhen und angenehmer Brillanz.

Überhaupt arbeitet der Clean-Regler äußerst präzise und erhöht den Eingangspegel über den gesamten Regelbereich völlig kontinuierlich. Die impulsfreudige Ansprache und herausragende Dynamik des Amps erlauben es, Clean voll aufzudrehen und jede weitere Tonformung dem Gitarren-Volume und/oder dem Anschlag zu überlassen. Wirkungsvoller als zunächst erwartet, greift die passive Klangreglung ins Geschehen ein, die einzelnen Bereiche interagieren sogar ein wenig. So lassen sich die unterschiedlichsten Gitarrentypen problemlos austarieren.

Zerrtechnisch startet der Overdrive-Kanal da wo Clean aufhört, nämlich in Gain-Stellung 1 mit dezentem Crunch. Von hier steigt die Zerrintensität mit fast schon verblüffender Kontinuität über den kompletten Gain-Bereich bis zu Heavy-Rock-Rhythm bzw. singendem Blues-Rock-Lead an. Erwartungsgemäß zeigt der Amp dabei zunehmende Kompression, reagiert jedoch selbst bei Höchsteinstellungen immer noch ausgesprochen dynamisch und vermittelt ein angenehmes sensibles Spielgefühl.

(Bild: Dieter Stork)

Es kommt jedoch noch besser: Ich drehe OD Volume auf 1 – ja, auf EINS –, und der Classictone-II liefert nahezu die gleiche Charakteristik und Dynamik bei Schlafzimmerpegel! Okay, nicht mit dem Druck höherer Volume-Settings, aber voluminös, fett und dennoch spritzig und transparent. Allmählich leuchtet mir das Konzept des Master-Level-Schalters ein. Amps mit konventioneller Gain/Master-Regelung klingen nämlich bei Zimmerlautstärke – also Gain voll auf und Master bis zur Emissionsverträglichkeit runter – meist charakter- und ausdruckslos, schlapp und nichtssagend. Hier wird jedoch die Endstufe durch den Master-Schalter stets ins Klanggeschehen einbezogen, da sich der Master-Pegel nicht tiefer als „Home“ absenken lässt.

Mit dem Boost-Schalter des OD-Channels aktiviert man quasi den dritten Kanal des Twenty und legt damit gleichzeitig eine deutlich vernehmbare Schüppe Gain nach, und zwar auch dann noch, wenn der Zeiger des Gain-Reglers in höhere Gefilde zeigt. Ergebnis: Sahniger homogener Lead-Zerrcharakter, gesunde Kompression, präzise, detaillreiche Auflösung, hohes Durchsetzungsvermögen, Sustain bis übermorgen, das alles bei überschaubar eingeschränkter Dynamik und nicht zuletzt erstaunlich geringen Nebengeräuschen.

Angesichts des Home-Levels traue ich mich kaum Studio und Stage anzuwählen. Doch das ist beim Antesten dieses Combos – vorzugsweise mit Band-Pegel – unbedingt zu empfehlen, denn dabei spielt der Amp seine Qualitäten erst vollends aus. Das Reverb-Poti mischt das Effektsignal des großen Federhalls dem Direktsignal zu, ist also parallel verschaltet. Dank der gleichmäßigen Regelcharakteristik lässt sich der Effektanteil feinfühlig dosieren, bis er bei Vollaussteuerung intensiv, natürlich, homogen, warm und mit einer gesunden Portion Brillanz und sauberem Signal räumlichen Wohlklang erzeugt.

Die lange Decay Time des großen Systems mag nicht jedermanns/-fraus Geschmack treffen, lässt sich jedoch durch niedrigere Reverb-Einstellungen kompensieren. Mit ihrem Nominalpegel von -10 dBV verträgt sich der nicht schaltbare serielle FX-Loop sowohl mit Pedalen als auch mit 19″-Prozessoren und gibt sich ausgesprochen signaltreu. Beide Recording Outs, der symmetrische XLR- wie auch der Klinkenausgang, liefern ansprechenden Speaker-Emulated-DI-Sound, der maximal leichte (geschmacksbedingte) Korrekturen am Mischpult erfordert. Das DI-Klangbild weicht etwas von dem des Bordlautsprechers ab, da es nicht ganz so lebendig und luftig tönt. Leben kann ich damit allemal, und das Recording- bzw. FOH-Personal sicherlich auch.

(Bild: Dieter Stork)

RESÜMEE

Mit dem Classictone-II Twenty leistet der niederländische Amp-Hersteller Koch erneut einen gelungenen Beitrag zur seit Jahren steigenden Beliebtheit kleiner Röhren-Amps. Obwohl, angesichts der Gehäusemaße kann hier von klein keine Rede sein, hier wäre das Adjektiv „leistungsreduzierter“ sicherlich angebrachter. Und so kommt es, dass der 20-Watt-Combo nicht nur wie ein Großer aussieht, sondern auch so klingt. Mit voluminösen aber dennoch differenzierten, transparenten und lebendigen Clean- bis High-Gain-Sounds gibt sich der Twenty klanglich sehr variabel und legt dabei eine beeindruckende Dynamik und Sensibilität bei nicht weniger beeindruckender Lautstärke an den Tag.

Andererseits beherrscht der Amp auch die Disziplin Schlafzimmerpegel und zwar ohne dabei seine vitale Charakteristik zu verlieren. Praktikable Line/Recording-Ausgänge, serieller FX-Loop, sehr gut klingender Federhall und Master-Level-Schalter komplettieren die Ausstattung des tadellos verarbeiteten DreiKanalers, der zudem zu einem fairen Preis angeboten wird.

PLUS

● Sounds & klangliche Flexibilität
● Präzision, Ansprache & Dynamik
● harmonischer Zerrcharakter
● Konzept Master-­Level-­Schalter
● nebengeräuscharm
● Qualität der Bauteile & Verarbeitung
● Preis/Leistung

MINUS

● Zugang Netzschalter
● Röhrenwechsel umständlich

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2020)

Produkt: Gitarre & Bass Digital 04/2018
Gitarre & Bass Digital 04/2018
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