Zurück in die Zukunft?

Test: Ibanez RG565R-LB

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(Bild: Dieter Stork)

Die zum Test vorliegende RG565R-LB aus der aktuellen Genesis Collection erinnert uns an die wilden 80er Jahre, als Jungs in knallbunten Spandex-Hosen und mit wild toupierten Frisuren Hair Metal zelebrierten. Gitarren mit „schnellen“ Hälsen sollten in diesem Genre virtuoses Solospiel garantieren. Was auch aufmerken lässt – die Gitarre ist Made in Japan und dafür recht günstig. Schaun wir mal!

Ibanez erkannte damals die Zeichen der Zeit und stellte mit den RG-Modellen das passende Arbeitsgerät für extravagante Glam-Rocker bereit. Merkmale: Humbucker in der Bridge-Position, superflache Hälse mit dem Attribut ultraschnell, obligatorisches Locking Tremolo und nicht zuletzt schrille Farben. Die aktuellen Gitarren der Ibanez Genesis Series sind also eine Hommage an die Ibanez-Gitarren der 80er-Jahre.

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TIEFGELEGT UND FARBVERLIEBT

Was damals wie ein geradezu revolutionärer Akt gegen die als gesetzt geltenden elektrischen Instrumente der amerikanischen Platzhirsche Gibson, Fender, Gretsch etc. anmutete, gehört heute im Grunde zum Kanon modernen Gitarrenbaus, auch wenn die konventionellen Entwürfe schon bald darauf angestammtes Terrain wieder zurückerobern konnten und die exaltierten Designs in die Nische drängten. Dennoch war eine Bresche geschlagen und Elemente der elektrischen Moderne wie der Humbucker in der Stegposition bei Strat-Style-Gitarren, der verbesserte Zugang zu den hohen Griffbrettpositionen oder optimierte Vibrato-Systeme konnten sich bleibend etablieren.

(Bild: Dieter Stork)

Die nostalgisch orientierte RG565R-LB verfügt über einen schnittig gestalteten Korpus aus Linde mit einer Brettstärke von gut 4,5 cm und gefährlich spitz zugeschnittenen Hörnern. Vorn und hinten wurden Abgleichungen für eine komfortable Anlage, Armauflage und spieltechnische Optimierung durch Abflachung im Bereich der Halsaufnahme vorgenommen.

(Bild: Dieter Stork)

Der als 5-streifig beschriebene Hals besteht aus drei Streifen Ahorn, die mit dünnen Furnierblättern aus Walnuss verleimt wurden. Der Hals mit ultraflachem Wizard Profil (1. Bund 17 mm / 12. Bund 19 mm) verfügt über ein weiß eingebundenes Griffbrett aus Palisander (430 mm Griffbrettradius) und ist mit vier Schrauben über eine schräg positionierte Platte in den Korpus geschraubt. Eingesetzt wurden 24 optimal verarbeitete Jumbo Bünde und weiße Sägezahn-Griffbretteinlagen.

Flach-breites Profil für ganz spezielle Fingerakrobatik (Bild: Dieter Stork)

Die abgewinkelte Kopfplatte ist mit Mechaniken von Gotoh besetzt. Zwischen dem Locking-Sattel mit paarweiser Saitenfixierung und dem Edge Tremolo schwingen die Saiten mit einer Mensur von 648 mm. Das an drei Federn weich aufgehängte Vibratosystem mit Einsteckarm arbeitet dank einer Ausfräsung unter den Feinstimmern mit großem Modulationsumfang abwärts wie aufwärts.

(Bild: Dieter Stork)

Elektrik: Die RG565R-LB ist mit zwei gegensätzlich ausgelegten Pickups ausgestattet. Am Hals befindet sich der schmale Rail-Humbucker Infinity R mit 5,6 kOhm und am Steg der kraftstrotzende V8 Humbucker mit 16,3 kOhm. Die Pickups werden trickreich mit einem 5-Wege-Kippschalter geschaltet. Die Verwaltung ist dagegen konventionell ausgelegt: Es gibt einen bestens positionierten Volume-Regler vorne in Steg-Pickup-Nähe und einen Tone-Regler weiter hinten.

Das Testmodell ist in Laser Blue deckend hochglänzend lackiert. Alternativ sind die Farben Desert Sun Yellow, Electric Blue und Vampire Kiss erhältlich. Die Farbe der Hardware ist immer schwarz.

Praxistest und Resümee auf Seite 2

(Bild: Dieter Stork)

VON HALSWÜRGEN BIS DIVE BOMB ACTION

Die RG565R-LB kam gut voreingestellt zum Test. Leichte Korrekturen an den Feinstimmern und schon kann es losgehen. Ohne Frage wurde bei diesem Modell großen Wert auf eine komfortable Handhabung gelegt. Anlage und Griffbrettaufsicht sind kaum besser einzurichten. Der springende Punkt, an dem sich die Geister scheiden werden, ist bei diesem Modell jedoch das Halsprofil. Bei einer Sattelbreite von 43,5 mm beträgt die Halstiefe am 1. Bund lediglich gut 1,7 cm und steigt auch nur wenig auf 1,9 cm im 12. Bund an. Das kann man wirklich flach nennen, aber bemerkenswert ist bei recht plan ausgebautem Rücken dann doch die elegante seitliche Schulterrundung zum Griffbrett hin. Virtuosem Fingerjogging bietet so ein Profil tatsächlich die besten Voraussetzungen, aber auch die Daumen greift Basssaite-Klammergrifftechnik ist problemlos anzuwenden. Nun ja, bei so einem Halsformat hilft keine Diskussion, sondern nur das persönliche In-die-Hand-nehmen!

Dennoch: Hat man sich darauf eingestellt, spielt sich diese RG wie Butter. Die gut flach eingerichtete Saitenlage und die glänzend polierten Jumbobünde sorgen dafür, dass die Finger sich schnell warm laufen. Und Geschwindigkeit ist hier ja ohnehin das Thema. Dazu gehört natürlich auch eine konkrete und schnelle Ansprache. Diese Eigenschaften lassen sich trotz der recht massiven Vibratoeinheit auch unverstärkt bestätigen.

Und die elektrische Wahrheit? Was liegt an und wie funktioniert ein 5-Weg-Schalter bei nur zwei Pickups eigentlich?

Beginnen wir mit den konventionellen 1-, 3-, 5-Stellungen. In Schaltstellung 1 liegt der zurückhaltend gewickelte Hals-Pickup allein an. Dieser schmale Rail-Pickup bietet nicht die vollfette Humbucker-Auflösung wie ein großer Humbucker an dieser Stelle. Seine differenzierte, transparente Darstellung mit eher schlanken Bässen, maßvoll gesetzten Mitten und offenen Höhen ist typisch für Pickups mit keramischen Magneten und damit genau das richtige Gegenstück zu dem Alnico-Boliden weiter südlich – südlich? Okay, das kommt ein bisschen darauf an, wie man steht. Er ist halt da, wo die Sonne aufgeht. 😉

Mix aus kraftstrotzendem V8-Alnico-Humbucker am Steg und transparentem Infinity-Rail-Pickup (Bild: Dieter Stork)

Akkordische Arbeit geht also gut mit dem Doppelklingen-Pickup, aber er kann ohne Frage auch singen! Im Overdrive setzt er mit lockerer Hand um, gibt einen nicht zu tiefgreifenden, aber gut definierten Ton mit ebenmäßigem Verlauf heraus, der auch gut anspricht und sich dynamisch formen lässt.

Das Herz der Schaltung und Zentrum der offensiven Zielsetzung ist natürlich der Steg-Pickup in Schaltstellung 5. Dieser kraftvoll ausgelegte Humbucker steht schon für Sturm und Drang, erweist sich aber dennoch als durchaus brauchbar für die Akkordarbeit in der Abteilung Clean. Die Auflösung ist nicht gerade auffallend differenziert, der transportierte Grundklang geht aber in Ordnung. Die mittenorientierten Sounds kommen durchaus kompakt und griffig. But wait a minute: Sein Königreich kommt natürlich dann erst in High Gain-Settings, hier trumpft er auf mit scharfem Anschlagsaufriss und starker Präsenz. Mit heißen Röhren oder deren Simulation lässt sich nun offensiv shreddern, bis das Ohr blutet. Obertonsatt sind druckvolle Lead Sounds zu haben, die weit vorne stehen. Da muss man jetzt auch nicht unbedingt nostalgisch werden und in die Strumpfhosen springen, denn diese Sounds haben zeitlose Rock-Klasse und fügen sich locker auch in aktuelle Stilrichtungen.

In der Mittelposition (Schaltstellung 3) – beide Pickups sind in vertrauter Weise zusammen geschaltet – kann sich das Ergebnis aus der Kombination von Low- und High-Power-Pickup wirklich hören lassen. Der gläsern perlende Sound macht sich dank guter Transparenz bestens in allen Amp-Einstellungen.

Bleiben noch die Zwischenpositionen: In Schaltstellung 2 sind die Spulen des Hals-Humbuckers parallel verschaltet. Wie immer hören wir ein dürres, deutlich ausgekämmtes Klangbild, das aber bei etwas angehobener Verstärkerleistung durchaus seinen Reiz hat.

In Schaltstellung 4 sind die Außenspulen beider Pickups miteinander verbunden. Ein breit gespreizter Klang mit wenig Bassanteilen, leicht ausgehungerten Mitten und spritzigen Höhen. Wem das jetzt einfach zu viel Magermilch ist, der kriegt beim Switch auf den Steg-Pickup natürlich fette Sahne. In Overdrive-Positionen liegen da also zwei sehr verschiedene Sounds Seite an Seite, und es macht schon Sinn, so aus dem Lameng heraus mit Schnipp auf den Steg-Pickup eine Rakete starten zu lassen. Der Praxiswert der Zwischenpositionen in klaren Einstellungen ist eher gering, sie scheinen als dynamisch abgestufte Sounds in Zerrpositionen gedacht zu sein, und da machen sie auch richtig Sinn.

Am Ende die Vorzüge des stimmstabilen Edge Tremolo beschreiben zu wollen, ist müßig. Du kannst runterhebeln, bis die Saiten wie zu weich gekochte Spaghetti auf dem Griffbrett schlabbern, kein Problem. Bendings in alle Richtungen sind sorgenfrei möglich. Auch raubt das massereiche System dem Ton nur wenig an Substanz und Sustain.

RESÜMEE

Nostalgia! Obwohl aus heutiger Sicht wie ein Rückgriff in eine vergangene Ära, ist nach kurzer Gewöhnung und Einspielzeit nicht zu verhehlen: diese neuaufgelegte Flachhals-RG macht richtig Spaß! Shredder aller Länder vereinigt euch, hier ist lange vernachlässigtes Terrain zu verteidigen. Klar funktioniert das auch für Rhythmusgitarristen, aber wer Saitenakrobatik praktiziert und die Finger gerne laufen lässt, der kann mit der RG565R-LB wirklich erleben, was für ein vitales Leben dieser alten Konzeption doch immer noch abzutrotzen ist. So ein flaches Halsprofil ist schon etwas aus der Mode geraten und bestimmt nicht jedermanns Sache, bietet aber eigentlich genau das, was es immer versprach: eine leicht zugängliche Spielwiese für flinke Finger. Ihre elektrische Schlagkraft bezieht die RG aus dem kraftvollen Steg-Pickup, daneben aber sorgt der keramische Rail-Pickup am Hals zusammen mit den pfiffigen Verschaltungen für große klangliche Beweglichkeit. Mit Blick auf den Preis ist erstaunlich, dass die Gitarre tatsächlich in Japan gefertigt wurde. Nicht ohne Grund immer ein Versprechen für hohe Qualität. Aber hilft ja alles nix – musst du einfach selbst in die Hand nehmen! ●

Plus

  • schnittiges Design
  • ergonomische Gestaltung
  • Verarbeitung
  • Pickup-Mix
  • Sound Steg-Humbucker
  • Schaltoptionen
  • optimiertes Flachhals-Profil
  • Edge Tremolo


(erschienen in Gitarre & Bass 03/2026)

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