Auf der Sommer NAMM Show 2025 präsentierte Ibanez erneut eine umfangreiche Palette neuer Gitarren- und Bassmodelle. Besonders ins Auge fiel die RGA20P1PB, deren Body aus fünf verschiedenen Hölzern besteht, von denen die Deckenteile aus Pappelwurzel besonders herausstechen.
PATCHWORK-DECKE
Für die beiden dunklen, von Curly Maple unterbrochenen Mittelstreifen der 17 mm dicken, gewölbten Decke verwendet Ibanez nicht Walnuss, sondern Panga-Panga. Bislang im Gitarrenbau relativ unbekannt, handelt es sich dabei um ein hartes, schweres, strapazierfähiges, aber auch großporiges, dunkelbraunes bis fast schwarzes ostafrikanisches Hartholz, welches gerne auch für stark frequentierte Parkettböden genutzt wird. Amerikanische Linde bildet die Korpusbasis, die von Pappelwurzel, Walnuss, Ahorn, geflammtem Ahorn und dem besagten Panga-Panga getoppt wird.
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Optisch nicht weniger ansprechend, wird die Decke vom Fake Binding der Pappelwurzel umrahmt, das lediglich von Klarlack überzogen wurde. Während ich vier der fünf Deckenhölzer sofort ausmachen kann, versteckt sich das Walnuss als 0,5 mm Layer zwischen einem ebenso dünnen Ahornstreifen und der Pappelwurzel.
Fake Binding der Pappelwurzeldecke (Bild: Dieter Stork)
Ibanez bezeichnet das Body Finish als Low Gloss, da das Füllen der großen Poren von Panga-Panga und Pappelwurzel offenbar zu arbeits- und damit kostenintensiv gewesen wäre. Die sich daraus ergebende dünne Lackierung bietet natürlich resonanztechnische Vorteile. Während die Lindenbasis transparent grau gehalten wurde, kommt die Pappelwurzel in der Farbe „Cosmic Blue Burst”.
Rückseitig decken Kunststoffplatten die Kammern der Vibratofedern, der Elektrik und der in die Zarge eingelassenen Rohrklinke bündig ab. Zwei Schlitze gewähren direkten Zugriff auf die Federspannschrauben des Ibanez Edge Vibratos. Im E-Fach treffe ich neben aufwendiger Verdrahtung auf kleine Hongh-Potis, einen Ibanez 5-Weg-Schalter und einen Treble-Bleed-Kondensator am Volume-Poti.
Vier einzeln unterlegte Schrauben und die präzise gefräste Halstasche garantieren optimale Schwingungsübertragung und eine solide Verbindung von Hals und Korpus. Um den flachen Wizard-Hals zu stabilisieren, verwendet Ibanez eine gesperrte Bauweise aus drei Ahornteilen und zwei Walnusslayern. Zusätzlich verstärkt ein Kragen den Übergang zur Kopfplatte.
Nur in den Cutaways zu erkennen: Dünne Walnuss-Layer (Bild: Dieter Stork)
Das feinporige Ebenholzgriffbrett trägt 24, inklusive der Kanten, vorbildlich bearbeitete Jumbobünde aus Edelstahl. Als Positionsmarkierungen dienen exzentrisch angeordnete Perlmuttpunkte und fluoreszierende Side Dots. Den Klemmsattel hat man mit optimaler Saitenlage eingepasst, und der inzwischen obligatorische Ibanez-Schwenkdeckel verschließt den Zugang zum Halsjustierstab.
Top bearbeitete Edelstahlbünde (Bild: Dieter Stork)
Präzise und geschmeidig arbeitende Gotoh SG381 Tuner garantieren stressfreies Stimmen. Dank der rückwärtig geneigten Kopfplatte konnte auf einen Saitenniederhalter verzichtet werden. Das seit Jahrzehnten bewährte Ibanez Edge Locking Vibrato hängt freischwebend an zwei höhenjustierbaren Schraubbolzen.
Zwei exklusiv für Ibanez produzierte, höhenjustierbar im Korpus montierte DiMarzio-Fusion-Edge-Humbucker mit Keramikmagneten wandeln die Saitenschwingungen. Verwaltet werden sie per Fünfwegschalter, Master-Volume- und -Tone-Reglern. Mit Hilfe des kleinen Alter-Schalters, von Ibanez als Dyna-MIX10 Switching System bezeichnet, und der Power-Tap-Schaltung stehen zehn Klangvarianten zur Verfügung.
Bild: Dieter Stork
Bild: Dieter Stork
KLANGVIELFALT
Die RGA20PB1 wurde bestens eingestellt angeliefert und glänzt mit allerhöchstem Spielkomfort, direkt aus dem Gigbag heraus. Mit knapp 19 mm ist das Halsprofil am 1. Bund nicht ganz so flach, wie man es von anderen Wizard-Hälsen kennt, und entpuppt sich auch dank der glatten, imprägnierten Oberfläche förmlich als Handschmeichler. Am Gurt und auf dem Bein bestens ausbalanciert, bietet das modifizierte Stratshaping hohen Tragekomfort und der verrundete Halsübergang barrierefreies Bespielen der höchsten Lagen, zu dem die penibel verrundeten und polierten Enden der Bunddrähte beitragen.
(Bild: Dieter Stork)
Wenngleich unsere Protagonistin im Unplugged-Betrieb nicht sonderlich kraftvoll daherkommt, zeigt sie doch ein sehr ausgewogenes, transparentes, lebendiges und obertonreiches Klangbild. Mit flinker, akzentuierter Ansprache, vitaler Tonentfaltung und beeindruckend stabilem Sustain sammelt die neue RGA20PB1 weitere Pluspunkte und zeigt sich damit in puncto Dynamik von ihrer Schokoladenseite.
Obgleich Ibanez hier offenbar primär die Metal-Fraktion als Zielgruppe im Visier hatte, kann unser Testobjekt auch bei Klarklängen punkten. So tönt der Hals-Humbucker am clean eingestellten Amp zwar voluminös, aber dennoch ausgewogen, definiert, transparent und niemals bassüberladen. Der Steg-Pickup liefert straffe, knackige Bässe, kommt klar und spritzig und kann bei intensiverem Anschlag auch die Zähne fletschen.
Die Pickup-Kombi perlt indes munter und leicht glockig drauflos, deckt also alles ab, was cleane Arpeggien und Rhythmusarbeit erfordern. Mit steigendem Gain setzen die DiMarzio Fusion Edge ihr Mittenpotenzial in Szene, lassen zugleich aber auch die Höhen aggressiver und bissiger werden. Trotz aller Kompression lässt dies das Klangbild offener und luftiger, zugleich aber auch druckvoller erscheinen.
Neben der Standardkonfiguration zweier Humbucker – also Hals, Steg und Hals+Steg – sind in den Positionen 2 und 4 des Fünfwegschalters die inneren bzw. äußeren Singlecoils der Doppelspuler simultan in Betrieb (siehe Grafik). Das komplette Klangspektrum inklusive der Zwischenpositionen meistert sowohl Clean- wie Crunch- als auch High-Gain-Sounds mit definierten Bässen, durchsetzungsstarken Mitten, nicht übermäßig scharfen Höhen, lebendiger Transparenz, exzellenter Dynamik und langsam und kontinuierlich abklingendem Sustain.
Aktiviert man den Alter Mode (Alter Switch Richtung Volume-Poti), der quasi das Herz der Ibanez dynaMIX10-Schaltung darstellt, stehen fünf weitere Sounds zur Verfügung. In den Zwischenpositionen 2 und 4 sind jeweils die Stegspulen der Humbucker am Start, in Mittelstellung beide gleichzeitig. In den Positionen 1, 3 und 5 kommt die Ibanez-Power-Tap-Schaltung zum Einsatz, die den Humbuckern interessante Sounds entlockt.
Dabei wird das tieffrequente Signal der angezapften Spule der anderen zugemischt, was zu einem kräftigeren Klang als der einer Einzelspule führt. Im Vergleich zu den Humbucker-Klängen ohne Power Tap erscheinen hier die Mitten und oberen Mitten wärmer und gedämpfter, gleichzeitig werden die Höhen nahezu beibehalten und die Bässe leicht angehoben. Unterm Strich ergibt dies drei zusätzliche, insgesamt etwas wärmere Sounds.
Da jedoch der Power Tap Mode den Brummunterdrückenden Effekt der Humbucker außer Kraft setzt, sind bei Distortion-Sounds in den Positionen 1, 3 und 5 Störgeräusche zu vernehmen. Andererseits vermeidet die dynaMIX10-Schaltung die chronischen Pegelunterschiede zwischen Humbuckern und deren Einzelspulen.
Die Leichtgängigkeit und gleichförmige Regelcharakteristik der Potis ist ebenso lobenswert wie die Effizienz der Treble-Bleed-Schaltung, die Höhenverluste beim Herunterregeln der Lautstärke minimiert. Das Ibanez Edge Locking Vibrato arbeitet wunderbar geschmeidig und bleibt selbst nach extremen Up- und Downbendings in Tune. Dank seiner Kunststoffmanschette rotiert der Steckhebel absolut spielfrei.
RESÜMEE
Nicht nur optisch macht die neue Ibanez RGA20P1 richtig was her, sondern kann auch schwingungstechnisch und klanglich auf ganzer Linie überzeugen. Dank ihrer dynaMIX10- und Power-Tap-Schaltungen stehen insgesamt zehn Klangvarianten abrufbereit zur Verfügung. Ihre sehr gute Dynamik und das stabile Sustain fördern die Tonbildung und kommen ausdrucksstarkem, nuanciertem Spiel zugute.
Aufgrund ihres umfangreichen Klangangebots und ihrer enormen Vielseitigkeit fällt es schwer, die Gitarre für ein bestimmtes musikalisches Genre zu empfehlen. Eine echte Allrounderin also. Design, Ergonomie, Haptik, Funktionalität und Spielkomfort stellen neben makelloser Verarbeitung weitere Highlights dar. Kurz: viel Gitarre fürs Geld.
Plus
● Sounds
● Klangvielfalt
● Dynamik und Sustain
● dnyaMIX10- und Power-Tap-Schaltungen
● Qualität der Pickups & Hardware
● Optik
● Bespielbarkeit
● Verarbeitung
● Preis-Leistungs-Verhältnis