Produkt: Gibson Guitars Special
Gibson Guitars Special
Gibson Guitars: Testberichte, Stories, Workshops im Gitarre & Bass-Special
Duo Deluxe

Test: Hughes & Kettner AmpMan Classic & Modern

(Bild: Dieter Stork)

Kompakte Sound-Zentralen kann wohl jeder Gitarrist gebrauchen – ob zum Üben oder Aufnehmen daheim, im Proberaum oder bei Gigs, entweder als Hauptgerät oder Ersatz zum Mitnehmen. Hughes & Kettner hat in dieser Geräteklasse seit der ersten Inkarnation des TubeMan anno 1991 jede Menge Erfahrung gesammelt und diese in die Entwicklung der neuen AmpMan-Linie einfließen lassen. Das Resultat sind zwei ultra-flexible Pedal-Verstärker.

Genau, Pedal-Verstärker. Die beiden Ampmänner sind nicht „nur“ Klangerzeuger, sie machen auch laut. Im Gehäuse sitzt eine Endstufe, die eine angeschlossene Box je nach Widerstand mit bis zu 50 Watt Leistung beschickt. Und das ist nur einer der zahlreichen Ausstattungs-Pluspunkte, mit der die neue Geräteklasse bestückte wurde. Bevor wir näher auf die Details eingehen, ein kurzes Wort zu den Unterschieden der beiden Versionen: Der dunklere „Modern“ entspricht der Classic-Ausführung nahezu 1:1, lediglich die Abstimmung des zweiten Kanals unterscheidet sich – mit seinen höheren Gain-Reserven richtet er sich vor allem an die härtere Fraktion unter den Gitarristen.

Anzeige

Kanal 1 ist bei beiden Amps identisch. Daher sprechen wir in der Folge überwiegend in der Einzahl, die Aussagen gelten für beide Versionen gleichermaßen. Bei der Klangerzeugung setzt Hughes & Kettner auf seine „Spirit Tone Generator“-Technologie, die nach Firmenangaben „das natürliche und hochkomplexe Zusammenspiel traditioneller Röhren-Amp-Schaltkreise in einem streng analog aufgebauten Modul originalgetreu nachbildet“ und auch bei den populären Spirit-Amps zum Einsatz kommt.

AUSSTATTUNG & KONZEPT

Wenn man den AmpMan zum ersten Mal in den Händen hält, fällt neben der doch massiven Bauweise vor allem auf, dass er bis in die Haarspritzen mit Specs und Features gefüllt und damit für beinahe jede Anwendung gerüstet ist.

Beginnen wir mit dem bereits erwähnten Boxenausgang, an den sich Speaker von 4 bis 16 Ohm anschließen lassen. Wird eine 4-Ohm-Box angeschlossen, leisten der AmpMan 50 Watt, bei 8 Ohm 25 und bei 16 Ohm dann 12,5 Watt. Der AmpMan kann also als Stand-Alone-Verstärker für die heimischen vier Wände, den Proberaum oder auch die Bühne fungieren; je nach gefahrenem Sound und den Lautstärke-Pegeln der Band-Kollegen auch ohne zusätzliche Hilfsmittel, wobei ein genauerer Test in Sachen Leistungsreserven in dieser Hinsicht aufgrund der Pandemie vorerst ausfallen musste. In einer diszipliniert aufspielenden Rockband sollte man aber klarkommen.

Schon die Tatsache, dass dieses Feature an Bord ist, eröffnet einige Möglichkeiten – etwa die, mit ihm eine Monitorbox auf der Bühne zu betreiben. Diese Anwendung korreliert mit dem nächsten Ausstattungsblock, der seit 1989 ein echter Klassiker im Programm der Saarländer ist: die Red Box, mit der ein gefiltertes Gitarrensignal via XLR ans Mischpult geschickt wird, was nicht nur zeitaufwändiges Mikrofonieren spart, sondern auch für einen gleichbleibenden, zuverlässigen Sound sorgt.

In der vorliegenden „AE+“-Version kommt sie mit acht verschiedenen Boxen-Simulationen, darunter vier 4×12″- Varianten, die sich klanglich deutlich voneinander unterscheiden und für so für reichlich Auswahl sorgen. Will man diesen Ausgang für Recording nutzen und die Sounds via Software emulieren, lässt sich die Simulation auch ausschalten.

Ein drittes Feature-Paket richtet sich an den Gitarristen, der lautlos üben will: Zum regelbaren Kopfhörer-Ausgang kommt hier eine Aux-In-Buchse, über die sich externe Audio-Signale wie Rhythmuspatterns oder Musik zuspielen lassen. Alternativ kann man den AmpMan an ein HiFi-Soundsystem anschließen, denn die Boxensimulation liegt an diesem „Phones“-Anschluss ebenfalls an. Man kann also etwa mit einem verzerrten Gitarrensound zum Song seiner Wahl jammen, ohne dafür einen Gitarrenverstärker anschalten zu müssen.

Bis hierhin könnte man die Ausstattung schon als üppig bezeichnen, doch wir sind noch nicht durch. Der AmpMan kommt dazu mit einem Effektweg und einem Noisegate. Ersterer dient dem Anschluss der favorisierten Effektpedale von Chorus bis Delay, zweiterer sorgt für Ruhe in Spielpausen. Klugerweise wurde das Noisegate vor dem Effektweg platziert, sodass es also nicht im schlimmsten Fall Hallfahnen und ausklingende Delays abschneidet.

Äußerlich nur anhand der Farbe zu unterscheiden, die Anschlüsse bleiben dieselben. (Bild: Dieter Stork)

BEDIENUNG

Auch das Bedien-Panel bietet jede Menge Komfort und Optionen: Einer der vier Fußschalter kontrolliert den Effektweg und schaltet ihn bei Bedarf an oder aus. Zwei weitere Switches aktivieren den internen Pre-Boost sowie einen zusätzlichen Solo-Master. Ersterer sorgt für mehr Dampf im Ton, Zweiterer für mehr Lautstärke. Der Boost ist fix eingestellt und auf den jeweiligen Kanal abgestimmt, der Pegel der Solo-Option lässt sich über das rote Poti gleichen Namens regeln und liegt zwischen 0 und 6 dB über der Master-Einstellung.

Der verbliebene Fußschalter wählt klassisch zwischen den beiden Kanälen. Auf kleinem Platz bietet der AmpMan mehr Optionen als viele ausgewachsene Amps. Doch damit sind die Möglichkeiten noch keinesfalls erschöpft. Sowohl der Zugriff des Noisegates als auch das virtuelle Cabinet können den Kanälen unabhängig voneinander zugeteilt werden. Man kann sich seinen Cleansound also komplett unabhängig vom Drive-Ton einstellen, und vor allem die individuelle Wahl der Speaker stellt ein weiteres großes Komfort-Plus dar.

Als wäre das nicht genug, kommt oben drauf noch eine Sonderfunktion namens Smart-Mode. Damit kann man die Einstellungen für Boost und den Effekt-Loop (an oder aus) pro Kanal unterschiedlich speichern. So ist ein Wechsel vom trockenen Rhythmussound zum Wet-Lead-Ton mit einem einzelnen Tritt möglich. Beide Kanäle lassen sich über je sechs Potis einstellen: „Gain“ kontrolliert die Empfindlichkeit der Vorstufe und damit den Zerranteil, „Tone“ regelt den Grundsound von mittenbetonter bis höhenreich, der Rest ist in der Endstufe angesiedelt: „Resonance“ sorgt bei Bedarf für ordentlich Schub im Bassbereich, „Presence“ weiter oben im Frequenzband für Durchsetzungsfähigkeit.

Dazu steht mit „Sagging“ eine weitere, sehr effektive Feintuning-Möglichkeit zur Verfügung. Hiermit wird die Sättigung und damit die Kompression der Endstufe unabhängig von der Lautstärke geregelt: Links bleibt sie ganz entspannt, rechts ist sie buchstäblich am Anschlag. Über den Volume-Regler lassen sich die Pegel beider Kanäle anpassen, denn vor allem unterschiedliche Stellungen der jeweiligen Gain-Potis können hier zu deutlichen Unterschieden führen. Der Master-Regler oben links kontrolliert dann die Gesamtlautstärke.

PRAXIS

Mit all diesen Möglichkeiten an der Hand lässt sich sehr akkurat der jeweilige Wunsch-Sound einstellen, was nach kurzem Experimentieren schnell von der Hand geht. Beim ersten Test an einer 2×12″- Box wurde dabei auch wieder einmal deutlich, welch starken Einfluss die Lautsprecher auf das Klangergebnis haben, denn mit den beiden Celestion G12M Greenbacks darin waren „Presence“ und „Tone“ recht weit aufgedreht, bis der subjektiv empfundene Idealsound aus der Box klang.

Bei einer zweiten Option, ebenfalls mit zwei 12er-Celestions, dieses Mal aber der Kategorie G12H30, sah das wieder anders aus. Auch das sollte man also im Auge behalten. Kanal A ist für die Clean- und Crunchsounds zuständig, etwa ab der zweiten Hälfte des Gain-Regelwegs beginnt die Sättigung, bis dahin tönt der AmpMan sauber und bei hochgeregeltem „Tone“ ziemlich spritzig. Dezent mit ein paar Effekten gewürzt, lässt sich diese Einstellung wunderbar für cleane Pickings oder funkige Akkordarbeit einsetzen.

Doch dieser Kanal kann auch ganz anders: Voll aufgerissen und mit dem Boost gefüttert, erklingen hier über den Steg-Tonabnehmer der angeschlossenen Tele bissig-satte Klänge der mittleren Drive-Region, die sich etwa gut für Rock-Rhythmus-Sounds einsetzen lassen. Und damit kommen zum einzigen wesentlichen Unterschied der beiden Neulinge: Kanal B. Beim Classic lässt der Name schon mehr als erahnen, wohin die Reise geht. Hughes & Kettner spricht hier vom „Fullstack-Sound der Arena-Rock-Ära“, sprich: den Rock- und Hardrock-Klängen der 70er- und 80er-Jahre. Wer sich in diesen Gain-Regionen bewegt, wird entsprechend gut bedient.

Die Modern-Ausführung richtet sich an die härtere Fraktion und bietet entsprechend höhere Gain-Reserven, die durch den Boost noch einmal deutlich erhöht werden können. Schon bei 13-Uhr-Stellung des Gain-Potis liefert diese Version tragfähige Leadsounds und jede Menge Zerre. Hier sollte man ein bisschen mit dem Sagging-Poti experimentieren, um von einem gesättigten Solo-Sound zu einem tighten Rhythmusbrett zu gelangen. Insgesamt bieten die beiden Ampmänner eine breite Palette an Sounds, die sich schnell und komfortabel einstellen lassen. Auch schön ist, dass sich die Zerrmenge gut über das Volume-Poti der Gitarren kontrollieren lässt.

RESÜMEE

Diese beiden Pedal-Verstärker könnten zum nächsten Meilenstein der Firmenhistorie avancieren, denn sie bieten nicht nur viele gute Sounds zum Mitnehmen, auf der Habenseite stehen außerdem eine beeindruckende Vollausstattung und eine einfache und komfortable Bedienung. Dank der großen Potis hat man stets alles im Blick, was gerade in Live-Situationen einen großen Vorteil darstellt. Mit der AmpMan-Linie zeigt Hughes & Kettner ein weiteres Mal, wie gut die Company die Bedürfnisse der Anwender kennt – um sie dann mit ausgereiften Produkten optimal zu bedienen.

PLUS

● Konzept
● Ausstattung
● Bedienbarkeit
● Soundpalette

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2021)

Produkt: Jazz Amp
Jazz Amp
Realität oder Illusion?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte dich auch interessieren