Olle Jump Blues Box, oder mehr?

Test: Harmony Juno

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(Bild: Dieter Stork)

Dass wir es hier nicht mit der asiatischen Cheapo-Wiederauflage einer Kaufhausgitarre der 1950s zu tun haben, sieht man schon am Gigbag.

Ja, denn so ein Mono-Bag kostet mehr als manche Gitarre, und wenn man die coole kleine Juno herausholt, muss man sich erstmal klarmachen, mit was man es zu tun hat. Das ist eindeutig die Neuinterpretation einer Harmony H44 (Stratotone), und die Bilder alter Blues-Helden wie Elmore James oder jüngerer Jump-Blues-Größen wie Junior Watson sind sofort im Kopf.

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Andererseits – warum sollte eine gut gemachte Solidbody mit P-90s auf diesen Stil begrenzt sein? Und: wir haben hier keine Sears-Roebuck-Billo-Klampfen-Kopie, sondern eine hochwertig konstruierte Gitarre, made in USA … was dann auch den Preis plausibel macht. Kleiner Fun-Fact am Rande: SRVs erste Gitarre war ebenfalls eine Harmony … das Roy-Rogers-Modell.

AN DER LANGEN LEINE

Erfreulicherweise haben die Konstrukteure bei Harmony den Begriff „historisch korrekt“ nicht so hoch gehängt und die gute alte Stratotone konsequent ins 21. Jahrhundert transferiert, ohne den Spirit der alten Tage völlig aufzugeben. Der wirklich kleine Korpus ist aus einer Planke Mahagoni geformt und punktet mit einem Cutaway und einer Zarge, die beidseitig geshaped ist, um sowohl die Rippen zu schonen, als auch dem rechten Arm bequeme Auflage zu bieten. Das Nitro-Rose-Finish kann man nur als absolut gelungen bezeichnen – es gibt auch noch die Farben Champagne und Pearl White.

Wo das Original einen Aufsatzsteg aus Holz hatte, der nur durch den Saitendruck in Position gehalten wurde und keine Justierung einzelner Saiten zuließ, haben wir hier eine – ich nenne es mal – halbe Tele-Brücke mit drei kompensierten Doppel-Saitenreitern, die in Höhe und Abstand zum Sattel einstellbar sind. Die Saiten kommen von hinten durch den Korpus (also strings-thru-body) und erzeugen so wesentlich mehr Druck und Klangübertragung als es bei der H44 der Fall war.

Diese hatte ja einen Pickup (Hals) und zwei Regler … hier bei der Juno ist es umgekehrt. Zwei handgewickelte P-90-Pickups im coolen Gold-Foil-Finish warten auf Saitenschwingungen. Geregelt werden sie über einen einzelnen stilechten „Cupcake“-Volume-Knopf, der dann aber doch noch etwas in petto hat: Es ist ein Push/Pull-Regler, der in Pull-Position komplett die Höhen ausblendet und echte LoFi-Oldschool-Sounds abrufbar macht.

Custom Half-Bridge im Tele-Style und „Cupcake“ Volume-Regler (Push/Pull) (Bild: Dieter Stork)

Angewählt werden die Tonabnehmer über einen Toggle Switch (Hals/ beide/Steg). Auch bei der Elektronik lässt Harmony sich nicht lumpen und spendiert der Juno einen Orange-Drop-Kondensator. Der einteilige Mahagonihals – sehr schön mit Nitro versiegelt – sitzt absolut passgenau in der Halstasche und ist mit drei Schrauben seriös befestigt. Das Ebenholzgriffbrett bietet 22 blitzsauber eingesetzte und polierte Medium Jumbo Frets und kleine Dot-Inlays zur Orientierung.

Die Saiten laufen über den präzise gefeilten Knochensattel (Mensur 635 mm) zur Kopfplatte und finden sicheren Halt bei den verchromten Locking-Mechaniken. Unter dem weißen Trussrod-Cover findet sich hier auch der Zugang zum Halsstab. Insgesamt haben wir hier ein Beispiel hervorragenden Gitarrenbaus vor uns. Und das überrascht auch nicht, wenn man weiß, dass diese Harmony Modelle in Kalamazoo, Michigan hergestellt werden. Aus demselben Werk kommen auch die Heritage-Gitarren und ursprünglich war dort – wie man weiß – Gibson beheimatet.

Mehr Stimmstabilität durch Locking-Tuner (Bild: Dieter Stork)

ZEIG DIE ZÄHNE

Bringen wir das gleich hinter uns: Die Juno ist mit ihrem kleinen Korpus, sowohl auf dem Schoß liegend, als auch am Gurt, natürlich kopflastig. Das kann nicht anders sein und ist so hinzunehmen. Im Stehen gespielt, kann ein griffiger Gurt das Problem ein großes Stück weit aus der Welt schaffen. Das C-Profil des Halses füllt angenehm die linke Hand – das sind erwachsene Proportionen. Die Werkseinstellung von Saitenlage und Intonation weckt keinerlei Verlangen nach Nachjustierung. Das Griffbrett spielt sich wunderbar bis in die höchsten Lagen.

Der unverstärkte Eigenklang der Juno perlt frisch zutage und hat eine gute Lautstärke. Der Korpus schwingt intensiv und man bekommt schon einen ersten Eindruck vom stattlichen Sustain, welches hier geboten wird. Am Amp lassen die P-90 ihre Muskeln spielen. Die Clean-Sounds haben – ganz typisch für diese Tonabnehmer – mehr Fleisch auf den Rippen als die Singlecoils einer Tele-style Gitarre, aber auch mehr Twang und Snap als die Humbucker einer Paula. Herrlich!

Zwei P-90 sorgen für vielseitige Sound-Möglichkeiten. (Bild: Dieter Stork)

Wie kräftig der Output ist, merke ich, als ich meinen eher harmlosen Mid-Overdrive-Verzerrer aktiviere und mir ein resolutes Rockbrett entgegenfliegt. Wow, das kommt unheimlich offen, rau an den Rändern, fast schon kratzbürstig aus den Speakern. Man merkt, dass die Pickups etwas empfindlich sind und leicht mikrofonieren, was ihren Sound wunderbar lebendig, High-Gain-Sachen aber wohl eher schwierig macht. Die Stärken der Gold Foils liegen eindeutig zwischen Clean über Crunch bis zu mittlerem Overdrive. Als Schmankerl hat man dann noch die Pull-Funktion am Lautstärkeregler. Das klingt fast wie ein feststehendes Wah-Wah mit der Fußspitze ganz oben. Slide raus, Dust my Broom, keine Fragen!

Unterm Strich muss man aber deutlich die Vielseitigkeit der Juno hervorheben, die mit cleanem funky Rhythmus genauso gut klarkommt wie mit Jazz über den Hals-Pickup oder reudigem Rock’n’Roll über den Steg-Abnehmer. Zugegeben … einen Tone-Regler hätte ich eigentlich dann doch ganz nützlich gefunden – die Klangvielfalt wäre noch größer.

ALTERNATIVEN

Auch Eastwood bietet mit der Airline einen Stratotone-Enkel an. Das Modell, made in China, liegt mit Holzsteg und Mini-Humbuckern etwas näher am Vorbild als die Juno, kostet aber nur etwa 600 Euro.

RESÜMEE

In Ermangelung eines Originals kann ich nicht beurteilen, wie nah die Juno einer 50er-Jahre-H44 kommt. Das ist aber auch nicht so wichtig und von den Konstrukteuren nicht vorrangig angestrebt. Für sich betrachtet ist die Juno eine handliche, leichte, hübsche, tadellos gebaute und eingestellte Gitarre aus besten Zutaten. Sie überzeugt sowohl im Handling als auch klanglich auf ganzer Linie und kommt zudem in einem Luxus-Gigbag von Mono. Diese Juno ist „ready to rock“ und jeden Cent wert.

PLUS

  • eigenständiges Design mit Historie
  • sehr gute Hölzer & Hardware
  • moderne Details
  • Verarbeitung, Lackierung, Werkseinstellung
  • Haptik, Bespielbarkeit
  • kraftvolle P-90 Sounds

MINUS

  • unvermeidliche Kopflastigkeit
  • Tone-Regler wäre schön

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2021)

Produkt: Testbericht: Yamaha SG1801PX Phil X Signature
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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Selten einen größeren Quatsch gelesen! Das braucht Ihr nicht veröffentlichen!

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