Kraftzwerg

Test: Harley Benton GPA-100

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(Bild: Joris Henke)

Eine kompakte Endstufe mit fast 200 Watt, ohne laute Lüfterkühlung und für einen Preis von deutlich unter 100 Euro? Harley Benton macht es möglich, doch wo ist der Haken?

Gerade was günstige Verstärker angeht, bin ich grundsätzlich immer skeptisch. Vielen anderen wird es ähnlich gehen, hat doch jeder irgendwann einmal Bekanntschaft mit einer günstigen Class-D-Gurke gemacht, die weit oberhalb ihrer tatsächlichen Leistungsfähigkeit spezifiziert ist und wenig Spaß bereitet. Mit dem GPA-100 will Harley Benton es anders machen: Er richtet sich in erster Linie an eine Kundschaft, die nach einer günstigen und praktischen Lösung zum Lautmachen ihrer Pedalboards und Modeling-Amps sucht.

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SPARTANISCHE AUSSTATTUNG

Mit etwa € 80 Straßenpreis halten sich die Anschaffungskosten angenehm im Rahmen. Und auch das Gewicht hält sich mit etwas unter 700 Gramm noch in Grenzen. Insbesondere unter Berücksichtigung des Gewichts eines gewöhnlichen Vollverstärkers … Anders als bei einigen anderen „Pedal“-Endstufen ist das Netzteil sogar bereits im Gerät verbaut, wodurch kein zusätzliches Gewicht durch ein externes Netzteil anfällt. So lässt sich die schwarze Kiste ganz bequem im Gigbag transportieren oder als semi-permanente Lösung direkt an einer Box fixieren.

Gummifüße am Boden sorgen für einen recht festen Stand auf geraden Oberflächen. Anschlussseitig ist die Sache sehr unspektakulär und aufs Nötigste reduziert: Sowohl Ein- als auch Ausgang sind als Klinkenstecker an den Seiten des Gerätes ausgeführt, während sich stirnseitig eine Kaltgerätebuchse sowie der Netzschalter befinden. Wer einen Direct- bzw. Parallel-Out benötigt, muss sich bspw. mit Signalsplittern vor dem GPA behelfen. Auch hätte ich gern einen speakON-Anschluss gesehen, um das Gerät auch an gängigen Bassboxen oder Bühnenmonitoren ohne Adapter betreiben zu können. Da es aber in erster Linie für den Einsatz an Gitarrenboxen gedacht ist, ist das wohl zu verschmerzen.

Kurzschluss ausgeschlossen: Der Amp ist sauber und sicher aufgebaut.

 

AUF DEN ZAHN GEFÜHLT

Natürlich habe ich die Kiste direkt an mein Testequipment angeschlossen und sowohl auf Leistung als auch Signalqualität durchgemessen und ich muss eingestehen, was auf der Verpackung steht, ist auch drin. Die vom Hersteller angegebenen 190 Watt an 4 Ohm konnte ich unter Einhaltung eines THD von 1 % sogar leicht überbieten. Allerdings darf man sich in der Praxis nicht von der Peaking-LED irritieren lassen, denn diese springt schon etwas früher als notwendig an.

Ein leichtes Glimmen bedeutete im Test etwa 150W bei einem THD von gerade einmal 0,3 %. Auch das Grundrauschen ist absolut im Rahmen und wird von dem durch (Zerr-)Pedale erzeugten Rauschen deutlich überschattet. An 8 bzw. 16 Ohm lieferte das Gerät etwas mehr als die Hälfte bzw. ein Viertel der genannten Werte. Beeindruckend ist hierbei, dass die Leistung auch nach 30 Minuten Dauerfeuer mit Sinusmessung nicht eingebrochen ist. Und das ohne aktive Kühlung – Class-D macht es möglich. Auch der interne Aufbau ist, insbesondere in Anbetracht des Preises, vorbildlich ausgeführt, Chapeau.

DER HAKEN

Klingt zu gut? Ist es auch, denn es gibt ihn doch, den Haken. Mit steigender Auslastung wird der Frequenzgang nämlich stark beschnitten. Bässe und Höhen werden mit zunehmender Lautstärke abgeschnitten, wohl um die hohe Leistung überhaupt liefern zu können. An der Gitarre ist das auch gar nicht weiter schlimm, im Gegenteil. Mit zunehmender Lautstärke nehmen unsere Ohren Bässe und Höhen stärker wahr und durch die Beschneidung bleibt der Sound recht konsistent.

Frequenz nach Leistung (EQ neutral bei 196, 100, 60 und 25 Watt)

Am Bass sieht die Sache etwas anders aus, je nach Box und Situation fehlt untenrum dann doch etwas der Druck. Bevor jetzt jemand sagt, man könnte das ja mit der Klangregelung ausgleichen: nein, kann man nicht. Diese ist ebenfalls für Gitarre konzipiert und greift insbesondere am Bassregler viel zu hoch, um da irgendetwas gegenregeln zu können. Konkret greifen die Regler bei ca. 170 Hz, 1,2 kHz und 1,8 kHz und dienen damit eher der Anpassung an vorhandene Boxen, was aber auch ganz ordentlich funktioniert. Selbst mit externen Klangregelungen lässt sich die Endstufe nicht „überlisten“, schließlich müsste das Eingangssignal einen sehr stark angehobenen Bassbereich haben, was unweigerlich zum Übersteuern der Eingangsstufe führt.

Oberschwingungsgesamtverzerrung (THD) bei 150 Watt

RESÜMEE

Was am Bass eher als Backup-Lösung oder Lautmacher für ruhigere Setups funktioniert, kann an der Gitarre richtig punkten, entsprechendes Pedalboard oder Multieffekt vorausgesetzt. Auch den Einsatz als Gesangs- oder Bühnenmonitor kann ich mir gut vorstellen. Dass ein Anbieter für günstiges Audioequipment ehrliche Leistungsdaten angibt, ist inzwischen eine Seltenheit und soll an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich gelobt werden. Hier stimmt, ganz wortwörtlich das Preis-Leistungs-Verhältnis.

PLUS

● Preis
● Verarbeitung
● gute Signalqualität

MINUS

● Bandpass bei hoher Leistung

(erschienen in Gitarre & Bass 11/2022)

Produkt: Gitarre & Bass 12/2022
Gitarre & Bass 12/2022
Im Test: J. Rockett Uni-Verb +++ G&L Fullerton Deluxe LB-100 +++ Dowina Albalonga GACE HiVibe +++ Nik Huber Bernie Marsden Signature +++ Fender Acoustasonic Player Telecaster +++ Gibson Dave Mustaine Signature Flying V +++ Börjes JB-Custom 5 DLX-Multiscale +++ EarthQuaker Devices Ghost Echo by Brain Dead +++ Blackstar St. James 50/EL34 112 Combo +++ Harley Benton Double Pedal Series

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