Win-win-Strategie
Test: Gretsch Studiomatic RS201 Abbey Road LTD
von Franz Holtmann, Artikel aus dem Archiv
BEREIT FÜR BÜHNE UND STUDIO
Die Abbey Road Studiomatic trägt ihren Namen nicht ohne Grund. Obwohl dieses Modell ohne Abstriche für den Live-Betrieb geeignet ist, soll seine elektrische Abstimmung es überdies für die Arbeit im Studio ganz besonders qualifizieren. Dazu später mehr, zunächst aber ist die rundum makellose Fertigungsqualität zu loben.
Besonders hervorzuheben ist dabei der am Sattel knapp 43 mm breite Hals. Dank seines harmonisch gestalteten Classic-„C”-Profils, mit bestens abgeglichener Bundierung und perfekt gemachtem Setup, fällt dieser geradezu animierend in die Hand. Auch ruht der rechte Arm komfortabel auf der Zarge, die etwas breiter ausfällt als etwa bei den Gibson-ES-Modellen, und schon sind wir im Geschäft.
Zu den lobenswert guten spieltechnischen Voraussetzungen gesellt sich nun auch noch ein rundum ausgewogenes akustisches Klangbild. Vital, offen und resonanzstark geht es zur Sache, da freuen wir uns auf die elektrische Tontransformation.
Die für das Modell maßgeschneiderten Gretsch-Pickups sind grundsätzlich auf einen Vintage-inspirierten Klang, also den typischen Filter’Tron-Sound, ausgerichtet. In der Kooperation entstand darüber hinaus die Idee, die klassische Schaltung um den exklusiven Rumble-Filter zu erweitern. Bereits 1954 entwickelten Abbey-Road-Toningenieure den Rumble-Filter, um den Klang von Aufnahmen durch die Beschneidung tiefer Frequenzen transparenter zu machen.
Aus der Studiomatic soll er ein außergewöhnlich vielseitiges Werkzeug für Studio und Bühne machen. Aktiviert wird der Rumble-Filter bei der Gretsch durch die Push/Pull-Funktion im Tonregler jedes einzelnen Tonabnehmers. Über den Zwei-Wege-Drehschalter lassen sich zwei verschiedene Stufen der Hochpassfilterung anwählen. Soweit die Theorie, jetzt schauen wir uns das mal genauer im Praxistest an:
Zunächst vermittelt die Studiomatic klassisches Gretsch-Flair. Frisch und offen tönt es in allen Schaltpositionen, knackig, konturstark im Bassbereich und, wie erwartet, mit offensiver Strahlkraft in den Höhen. Die Filter’Trons nehmen in der Kategorie der Humbucker eine Sonderstellung ein. Sie sind im Frequenzbild höher angesiedelt als die wärmer tönenden Gibson-Pendants, kontern aber dank ihres geringeren Outputs mit Klarheit und Twang. Diese Custom Versionen wurden aber offenbar etwas mehr in Richtung klangfarblicher Mitte gestaltet.
Der Hals-Pickup eröffnet das Spiel mit einem breit aufgezogenem Akkordbild, drahtig und doch tiefgreifend im Bass, eher zurückhaltend in den Mitten, vor allem aber ergänzt um ein offen strahlendes Höhen-Top. Effektive Saitentrennung geht hier Hand in Hand mit harmonisch schlüssiger Rundung von Mehrklängen. Damit lässt sich bei allen Verstärkereinstellungen jenseits von High Gain bestens arbeiten!
Wechseln wir auf den Filter’tron am Steg, so erhöht sich der perkussive Drang deutlich. Der Ton spricht schnell und markant an, reagiert dynamisch auf das Plektrum. Schon bei cleanem Spiel liegen bissig vorspringende Sounds an. Bei hartem Attack reißen diese mit rauem Twang auf, was sich im Übergang zum Crunch-Bereich noch deutlich steigert, aber dann im zunehmenden Overdrive mit nettem Gift im Ton präsentiert.
In höheren Gain-Gefilden sind knochige, stark definierte Powerchords zu haben – man denke zum Beispiel an Malcolm Young. Aber das ist natürlich nicht unbedingt der bevorzugte Einsatzbereich einer Gretsch. Mit dem anliegenden Twang werden – ein, zwei Gänge zurückgeschaltet – eher die Jungs aus Rockabilly (Brian Setzer) oder Country Rock assoziiert. Aber warum stilistisch einengen, wo das eigentlich gar nicht nötig ist? Schön sind letztlich übrigens auch noch die offenen Sounds der zusammengeschalteten Pickups, die mit glockig-kehligem Jingle-Jangle überzeugen.
So weit, so gut. Die Studiomatic entspricht mit ihrer souveränen Klangdefinition einer Gretsch mit klassischen Filter’Tron-Pickups im besten Sinne, wobei es ihr aber durchaus gelingt, nagelig harte Spitzen zu vermeiden. Ziehen wir nun den Tone-Regler des Hals-Pickups, so hören wir mit Aktivierung des Rumble-Filters in den zwei Stufen des Drehreglers eine deutlich differenzierte Verschlankung und damit Straffung der Basswiedergabe. Die höheren Frequenzen werden durch die Hochpassfilterung nicht beeinträchtigt.
Damit rücken wir, vor allem in der zweiten Filterstufe, etwas näher an das Klangbild eines Single-Coil-Pickups, ohne allerdings auf die Humbucker-Eigenschaften verzichten zu müssen, da die Tonabnehmer-Spulen ja nicht geteilt werden. Die quasi brummfreie Wiedergabe ist also ein erfreulicher Bonus des präsenten und kehlig ausgekämmten Sounds, während der klangfarbliche Charakter der Filter’Tron-Tonabnehmer im Prinzip erhalten bleibt.
Beim Steg-Pickup ist die Wirkung des Rumble-Filters dann noch deutlicher ausgeprägt. Die zwei Stufen sind aber bestens gesetzt, ohne zu viel vom Sound-Charakter zu rauben. Vor allem in Overdrive ist das wirklich hilfreich, etwa um unterschiedlich kompakte, aber immer knochentrockene Powerchords aus der Hüfte zu schießen.
Keine Frage: Der Rumble-Filter ist eine zweckvolle Ergänzung. Einerseits ist er im Studiobetrieb ein Bonus, andererseits ist er für den Einsatz auf der Bühne sinnvoll, da Bassabsenkungen in höheren Gain-Settings die klangliche Differenzierung verbessern und die Gefahr von Feedbacks mindern. Das Bigsby rundet das Bild ab, funktioniert im Rahmen seiner Möglichkeiten richtig ordentlich und gehört einfach zur klassischen Ausstattung.
(Bild: Dieter Stork)
Der Name der Gretsch Limited Edition Abbey Road RS201 Studiomatic deutet es schon an: Neben den klassischen Gretsch-Sounds bietet sich diese Gitarre besonders für die Arbeit im Studio an. Mithilfe des integrierten 2-Positionen-Filters können Gitarristen und Toningenieure tiefe Frequenzen dämpfen und so das häufig auftretende Problem dumpfer Bässe und Tiefmitten beheben, ohne dabei mit einem separaten Equalizer eingreifen zu müssen.
So schön dieser Bonus auch ist, noch schöner ist die erfreulich gute Verarbeitung und spieltechnische Aufbereitung dieser Gretsch, die mit ihrem tollen Hals und der allgemein sonoren Kraft einfach grundsätzlich Spaß macht. Die Sounds sind im besten Sinne klassisch, aber modern aufbereitet, staubfrei und von charaktervoller Filter’Tron-Qualität.
Im Bühnenbetrieb, und das wird für die meisten von uns ja doch der gängige Einsatzbereich sein, lässt sich mit dem Rumble-Filter dann nicht nur klanglich effektiv differenzieren, sondern auch die einer Hollow-Body immer drohende Feedback-Gefahr eingrenzen, was von zusätzlichem Wert ist. Daumen hoch also für diese kooperativ gestaltete und sauber gefertigte Abbey-Road-Gretsch, die sich sehr gut spielt, mit klassischem Vintage-Appeal höchst erfreulich klingt und dann auch noch den Bonus der erhöhten klanglichen Flexibilität bietet.
Plus
● Abbey-Road-Designelemente
● Resonanzverhalten
● Custom Filter’Tron Pickups
● 2-Position-Rumble-Filter
● anpassungsfähige Sounds für Studio und Bühne
● Hals und Spieleigenschaften
● makellose Verarbeitung

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2026)
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