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Test: Fender American Professional Jaguar & Jazzmaster

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Die Offset-Modelle von Fender waren früher die Underdogs der Produktpalette des amerikanischen Herstellers. Heute erfreuen sie sich zunehmender Beliebtheit in allen Stilen – von Rock über Indie bis zu Jazz und Avantgarde. Die Zeit für ein Update ist also gerade richtig!

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In der American-Professional-Serie hat Fender die Modelle Jaguar und Jazzmaster an moderne Spielgewohnheiten angepasst und ein paar Kinderkrankheiten kuriert. Zudem gibt es sie jetzt auch mit Maple-Neck – eine Variante, die man von den Vintage-Ausführungen kaum kennt.

was gibt’s neues?

Erfreulicherweise sind beide Offset-Gitarren trotz der Neuerungen ihrem klassischen Charakter treu geblieben. Die Pro-Serie bringt keine Jazzmaster/Jaguargoes-Heavy-Metal-Variante hervor, sondern bewahrt den klassischen Sound und kombiniert ihn mit gut durchdachten Veränderungen. Als erstes sticht der etwas breitere, kräftige Hals ins Auge, der mehr Platz bietet und durch die breiteren Bünde deutlich komfortabler zu bespielen ist. Die gestaggerten Mechaniken und der moderne Saitenniederhalter runden das etwas zeitgemäßere Bild ab.

Ein Grundproblem beider Gitarren wurde mit der veränderten Brücke gelöst: Eingekerbte Mustang-Saitenreiter sorgen dafür, dass die E-Saiten nicht vom Reiter rutschen. Aufgrund des flachen Winkels, indem die Saiten auf die Brücke treffen, sorgte dies bei Vintage-Modellen immer wieder für Verdruss und konnte nur durch dicke Saiten, Zusatzteile wie den Buzz-Stop oder einen Austausch der Brücke durch eine Mastery Bridge gelöst werden. 50 Jahre nach der ersten Jazzmaster ist das Problem jetzt behoben. Der Vibratohebel wird geschraubt statt klassisch gesteckt und bleibt jetzt ohne Rappeln und Klackern in der gewünschten Position. Erfreulicherweise hat das Tremolo die Feststellfunktion des Originals behalten, die besonders bei einer gerissenen Saite oder Drop-Tunings nützlich ist.

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Als dritten Punkt auf der Liste der Offset-Probleme wird die obskure Schaltung des Originals ad acta gelegt. Bei der Jazzmaster wurde der durch einen Schiebeschalter zu aktivierende, etwas dumpfer klingende Schaltkreis für den Halstonabnehmer entfernt. Stattdessen wanderte der 3-Weg-Schalter an diese Position und geht somit der Anschlagshand aus dem Weg. Die Jaguar hat statt der Schiebeschalter des Originals einen 4-Weg-Schalter, der Hals, Steg und zwei Kombinationen aus Hals und Steg, in Reihe oder Serie geschaltet, ermöglicht.

Die Chrom-Platte am oberen Horn ist geblieben, der darin positionierte Schiebe-Schalter ermöglicht es, die kombinierten Pickups In- und Out-Of-Phase zu nutzen. Als letztes Update gibt es das Master-Volume mit Treble-Bleed-Schaltung, die es ermöglicht, die Lautstärke ohne Höhenverluste zurückzunehmen. Mehr Wünsche hätte ich jetzt auch nicht an die technische Ausstattung gehabt.

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Zu den cleveren Neuerungen kommt eine spannende Farb-Palette, die mit Sonic Gray und Antique Olive zwei Farben abseits ausgetretener Vintage-Pfade anbietet. Wer es klassischer mag, kann auf 3-Tone Sunburst, Olympic White oder das surfige Mystic Seafoam Green zurückgreifen.

von surf bis fusion

Ich spiele seit 17 Jahren die unterschiedlichsten Jazzmaster- und Jaguar-Gitarren, aber nach dem ersten Spielkontakt mit den American-Pro-Versionen bin ich wirklich verblüfft. Alle beschriebenen Probleme dieser Gitarrenart sind tatsächlich gelöst! Die E-Saite sitzt auch beim härtesten Double-Picking fest im Sattel, das Vibrato arbeitet geräuschfrei und ohne Schlabbern und das unabsichtliche Aktivieren des zweiten Schaltkreises gehört ebenfalls der Vergangenheit an. Selbst mit den ab Werk aufgezogenen 009er-Saiten, kann man sowohl die Jaguar als auch die Jazzmaster aus dem Koffer nehmen und ohne Nachjustieren nutzen. Das dickere Hals-Profil und die breiteren Bünde machen das Spielen deutlich komfortabler und ermöglichen Spieltechniken, für ich sonst eher auf meine Strat zurückgegriffen hätte.

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„Wow“ würde der Amerikaner sagen und ich kann mich da nur anschließen! Da hat das Entwicklerteam von Fender ganze Arbeit geleistet. Die Jazzmaster erweist sich als äußerst vielseitige Gitarre. Im Clean-Betrieb bietet sie einen warmen, runden, glockigen Sound auf dem Hals-PU, der Jazzchords, Arpeggiofiguren und bluesigen Hendrix-Double-Stops gleichermaßen gut steht. Aller Wärme und Frequenz-mäßigen Ausgeglichenheit zum Trotz, bleibt immer eine Portion Twang und Snap im Klang, die für Durchsetzungskraft und soundliche Eigenständigkeit sorgt. Der Steg-PU klingt bissig, mit viel Kante und verleiht schon cleanen Akkord-Parts einen Spritzer Aggressivität, eignet sich aber genauso gut für Sixties-Surf-Sounds.

Fügt man dem Sound-Rezept etwas Verzerrung hinzu, erweist sich die Jazzmaster als variable Roots-Gitarre, die spannende Blues-, Country- und Americana-Sounds liefert, die so mancher Tele oder Strat die Stirn bieten können, aber immer etwas eigenwilliger und neuer daherkommen. Mit ordentlich Gain erzeugt die modernisierte Variante auch überzeugende Solosounds von Rock bis Fusion, die immer eine Spur Dreck mit an Bord haben. Das Vibrato ermöglicht sogar Beck/Henderson-artiges in-den-Ton-gleiten. Bauartbedingt hat es nicht den Umfang eines Strat-Vibratos, sondern bewegt sich im Halbtonbereich unter oder über dem Zielton, was aber einen ganz eigenen Charme besitzt.

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Die Jaguar klingt im Vergleich zu ihrer großen Schwester etwas mehr nach Underground. Ihr Grundton-Sound hat weniger scharfe Höhen, dafür aber mehr Bauch und „Boom“ im Bass, was der Gitarre ordentlich Punch verleiht und sie für Stilistiken wie Punk, Surfrock oder härtere Indie-Gefilde prädestiniert. Die kurze Mensur macht den Ton etwas perkussiver, mit weniger Sustain und schnellerem, „Bonk“-artigem Attack. Ich würde sagen, die Jaguar ist stilistisch klarer positioniert und will nicht ganz so weit in Rock- oder Fusion-Gefilde vorstoßen. Dafür bieten aber die 4-Pickup-Positionen und der Out-Of-Phase-Schalter viele spannende Klänge, vom warmen Akkordarpeggio auf dem Hals bis zum Dick-Dale-Surf-Twang am Steg, die sich alle fernab des musikalischen Mainstreams bewegen. Individualisten finden hier eine breite Klangpalette, die dank der erwähnten Modifikationen ohne spielerische Kompromisse einsetzbar ist.

alternativen

Fender bietet mittlerweile Offset-Modelle in allen Preisklassen an, von der günstigen J-Mascis-Squier bis zur teureren Classic-Player-Variante, die alle überzeugende Offset-Sounds liefern. Was die Bespielbarkeit angeht, hat die Pro-Version aber definitiv die Nase vorn und wird nur von teureren Custom-Shop-Modellen oder Custom-Shop-Kleinfirmen eingeholt.

resümee

Dass man ein 50-Jahre altes Gitarrenmodell mit so wenig Mühe deutlich verbessern und modernisieren kann, hätte ich nicht gedacht. Sowohl die American Pro Jazzmaster als auch die Jaguar überzeugen mit klassischen Sounds, die man von ihnen kennt, lassen sich aber dank der verbesserten Technik- und Bespielbarkeit deutlich vielseitiger einsetzen. Der Kampf mit den Tücken dieser Modelle hat ein Ende und die Gitarren ermöglichen Country-, Blues und Rocksounds mit inspirierender Eigenständigkeit. Zum Lieferumfang gehört auch noch ein professionelles Flight Case mit Gurt und Kabel, sodass man angesichts eines Street-Preises von € 1600 bis 1700 hier bestens bedient wird und beide Modelle zahlreiche neue Freunde finden sollten! [2443]

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(erschienen in Gitarre & Bass 11/2017)

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