Digital auf Augenhöhe?

Test: EVH 5150 Hypersonic 1×12 Combo

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(Bild: Dieter Stork)

PRAXIS

Das Bedienkonzept des Testgeräts ist völlig schnörkellos. Es gibt weder ein Display noch versteckte Funktionen, sodass sich jeder Anwender direkt mit diesem Verstärker zurechtfinden sollte. Aufgrund identischer Bedienelemente aller Kanäle und den Verzicht auf ergänzende Voicing-Schalter kann man sich auch bei der Klangfindung kaum je verlieren.

Dennoch: Die Doppelstockpotentiometer empfinde ich als wenig vorteilhaft. Die Einstellung des Clean-Kanals ist etwas lästig und führt teilweise dazu, dass der Crunch-Kanal versehentlich verstellt wird. Auch den Verzicht aus einen Master-Regler bewerte ich mit einem Abzug.

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Die drei Gate-Regler sind durchaus von Vorteil, denn mit seinen immensen Gain-Reserven weist der Verstärker durchaus ein Grundrauschen auf, erst recht in den Kanälen 2 und 3. Schön, dass die Gate-Potis gleichzeitig den abgewählten Kanal farbig visualisieren. Schade allerdings, dass sie nicht gleichzeitig den Status der Gate-Funktion zeigen.

Ein weiterer Kritikpunkt: Der Reverb ist nur pauschal zuregelbar. Eine individuell regelbare Intensität hätte ich klar bevorzugt.

Prinzipiell sollte die digitale Bauweise in einer geringeren Fehleranfälligkeit resultieren. Leider hatte ich aber bereits aus dem Karton Probleme mit der Lautstärkeregelung des Crunch-Kanals – hoffentlich ein Einzelfall.

KLANG

Zielsetzung des Hypersonic-Verstärkers ist die glaubhafte Emulation des EVH 5150III 6L6 bezüglich der Klangqualität und des Spielgefühls. Und tatsächlich: Der Combo ist eine echte Wucht. Er liefert den Klang der 5150-Serie in völlig variabler Lautstärke und eignet sich damit gleichermaßen für die nächtliche Probe per Kopfhörer, für den Einsatz in der Musikschule, zur Session im Proberaum und auf kleinen Bühnen. Und auch für Aufnahme ist der Combo direkt einzusetzen.

Die Überraschung ist also absolut positiv, denn der Combo ist dem herrlich druckvollen, dichten, durchsetzungsfähigen und gleichzeitig definierten High-Gain-Sound des Originals ganz deutlich auf der Spur.

Die Gain-Reserven sind mächtig. Blitzsaubere Clean-Sounds sind nicht die Stärke des 5150. Schon im ersten Kanal erzielt man einen satten Crunch, während der Crunch- und Gain-Kanal eigentlich deutlich über das Ziel hinausschießen. Bereits im ersten Drittel der Gain-Regler findet sich mehr Gain als bei den allermeisten Mitbewerbern. Die Skalierung finde ich entsprechend nicht ideal, was jedoch dem Original entspricht. Auch das störende Grundrauschen ist vorhanden, aber durch die Gate-Funktion gut im Zaume zu halten.

Eine echte Stärke des 5150 ist der konstant gute Klang mit unterschiedlichen Gitarrentypen. Das gilt auch für die Hypersonic-Variante. Ich spielte ein EMG-bestücktes Instrument in tiefer Stimmung, eine Ibanez SA mit passiven Humbuckern und eine Gretsch Roc Jet mit schwachen Filtertrons. In allen Fällen war der Charakter der Gitarre klar erkennbar. Während die Gretsch an vielen Verstärkern zu dumpf klingt, zauberte sie hier im blauen Kanal einen wunderbaren Crunch hervor.

Der Send-Ausgang lässt sich auch bei aktiver Mute-Funktion nutzen, um den Klang vor der Reverb-Stufe an eine weitere Endstufe zu verzweigen.

An dieser Stelle stelle ich fest, dass EVH hier tatsächlich Vor- und Endstufe getrennt modelliert hat. Denn an einer FRFR-Box klang es hörbar weniger überzeugend. Das große Gehäuse und der verbaute Lautsprecher tragen damit klar zum druckvollen Gesamtsound bei.

Weitere Vorteile wie das geringe Gewicht, die erweiterte Funktionalität und die Anpassung an den Einsatz zuhause, bei der Aufnahme und auf der Bühne sind natürlich unbedingt willkommen, dürften aber sekundärer Natur sein.

VORBOTE EINER NEUEN GENERATION?

Mit dem EVH 5150 Hypersonic 1×12 Combo geht EVH voran in die Zukunft. Der moderne Gitarrenverstärker zeigt, dass Röhrentechnik nicht zwingend für guten Sound erforderlich ist. So traurig es ist: Ich würde davon ausgehen, dass die Preise für Röhrentechnik zukünftig weiter steigen werden. Da macht es produktionstechnisch durchaus Sinn, Alternativen zu schaffen.

Der Klang gibt dem Hersteller recht, denn der Combo liefert eine überzeugende Vorstellung ab. Er klingt mächtig und ist dem Original zweifellos auf der Spur. Auch der Rest stimmt, sodass man hier für meine Begriffe einen absolut bühnentauglichen Verstärker angeboten bekommt.

Gleichwohl finde ich die Preisgestaltung etwas irritierend. Immerhin wurden hier sieben Vorstufen- und zwei Endstufenröhren, der Übertrager und das große Netzteil eingespart. Auch im Hinblick auf die sonstige Modeling-Welt und Class-D-Verstärker ist der 5150 Hypersonic 1×12 Combo kein Schnäppchen. So geht der Hypersonic FR-12 knapp eintausend Euro günstiger über den Ladentisch. Man erhält zwar keine dreikanalige Vorstufe, dafür aber eine erheblich kräftigere Endstufe. Für die Differenz könnte man einen Modeling-Verstärker erwerben, der klanglich erheblich vielseitiger ausfällt, speicherbar ist und im Effektbereich deutliche Mehrwerte bietet.

RESÜMEE

Respekt: Mit dem 5150 Hypersonic 1×12 Combo gelingt EVH die Portierung des markanten Sounds in einen waschechten robusten Combo, der exakt die gleichen Aufgaben wie ein röhrenbestücktes Original erfüllen kann und dazu sogar weitere praktische Vorteile aufweist. Statt endloser Optionen hat sich EVH konsequent für eine schnörkellose Nachbildung des Originals entschieden, was in einer geradlinigen Bedienung resultiert. Die Preisgestaltung des Combos empfinde ich etwas zu selbstbewusst, selbst wenn die Klangergebnisse für sich sprechen. ●

Plus

  • authentischer Sound des 5150
  • integrierte IR-Boxensimulation
  • variable Endstufenleistung
  • Verarbeitung
  • MIDI

Minus

  • hoher Preis
  • Fußschalter ohne Speicherfunktion
  • kein Master
  • global regelbare Hall-Intensität


(erschienen in Gitarre & Bass 02/2026)

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